TickTick: Auf der Suche nach Alleinstellungsmerkmalen

Vergeht in dieser Welt auch ein Tag, an dem keine Todo-Anwendung erscheint? Gibt es da irgendeinen mir unbekannten Erlass, der eine Todo-Schwemme verlangt? Vorschrift oder nicht, TickTick ist auch so ein Dienst, der angespült wurde.

Mir ist es besonders wichtig, flexibel und unabhängig zu sein, daher sollte ein Todo-Manager eine große Breite an Plattformen abdecken und zuverlässig zwischen ihnen synchronisieren. TickTick ist diesbezüglich überaus zuverlässig und bietet neben der webbasierten Anwendung noch Apps für Android und iOS. Zwischen diesen konnte ich ohne jede Probleme wechseln, ich war auf dem aktuellen Stand, allerhöchstens musste ich das Synchronisieren von Hand abrufen. Damit ließ sich aber gut auskommen.

Die kostenlose Anmeldung und Mitgliedschaft bringt darüber hinaus alle erwartbaren Features eines Todo-Managers. Die Aufgaben werden in Listen geordnet, sie können selbst wieder in Listen mit Teilaufgaben unterteilt werden. Alles bekannte und notwendige Features für eine solche Anwendung. Erinnerungen und wiederkehrende Aufgaben werden als selbstverständlich vorausgesetzt und sind dementsprechend auch in dieser App da.

Es ist schwer, ein Alleinstellungsmerkmal TickTicks herauszustellen. Womöglich ist es die Zuverlässigkeit. Alles ist auf die effiziente Todo-Verwaltung ausgerichtet. Die Menüs sind schlank, TickTick hat kaum Kanten. Es läuft über alle Geräte hinweg einfach wie versprochen.

Bildquelle: iTunes App Store

Linkgebliebenes 27

Nahe Frankfurt

Auf dem Weg nach Darmstadt musste ich in einer der miefigsten Städte des Taunus umsteigen. Während ich am Bahnsteig auf den Zug wartete, der bald kommen musste, hastete ein junger Mann die Treppen zum Bahnsteig hinauf. Sein Blick haftete schon auf den Stufen an der Anzeigetafel, doch keiner der Namen auf der Tafel schien ihm etwas zu sagen. Kopfschüttelnd ging er auf mich zu. "Fährt der Zug hier auch zum Hauptbahnhof in Frankfurt?", sagte er, die Worte getrennt von tiefen Atemzügen.

"Ja.", antwortete ich.

"Und…", er wurde vom einfahrenden Zug übertönt. Er wollte gegen den Lärm anschreien, merkte jedoch schnell, dass er diesen Kampf nicht gewinnen konnte. Erst als der Zug nur noch im Schritttempo fuhr, setzte er wieder an: "… und wann fährt der nächste in diese Richtung?"

"Um diese Uhrzeit?", ich fuhr die Strecke schon lange nicht mehr regelmäßig, also konnte ich nur mutmaßen. "In einer Stunde. Wenn überhaupt noch einer später fährt." Ich bestieg den Zug. Erst als ich mich hingesetzt hatte, bemerkte ich, dass er mir in den Zug gefolgt war. Er nahm mir gegenüber Platz, sein Brustkorb hob sich und sank noch immer im Takt seiner schweren Atemzüge. Mir stand der Sinn nicht nach einer weiteren Unterhaltung. Nicht weil er mir seltsam vorkam, ich hatte nur einen anstrengenden Tag hinter mir. Alles, was ich wollte, war, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Ich nahm mein Telefon und spielte Super Hexagon.

Er starrte aus dem Fenster in die Nacht, er konnte also zu dieser Tageszeit nur eine schwarzes Wand und vorüberziehende Lichtstreifen sehen. Manchmal schüttelte er den Kopf, dann lachte er ungläubig. In anderen Augenblicken hörte ich ihn leise lachen, gefolgt von einem "So eine Scheiße.". Ich weiß nicht, ob er damit versuchte, meine Aufmerksamkeit zu erlangen, aber in mir entstand der Eindruck, er wolle etwas erzählen. "Wo hat die mich ausgesetzt?", zischte er. Damit hatte er mich.

"Was ist denn los?", sagte ich. Er sah mich nur an und musste lächeln. "Ich bin seit heute morgen unterwegs. Habe bei der Mitfahrzentrale eine gute Verbindung von Erfurt nach Frankfurt gefunden. War erst auch alles okay. Die ist dann aber so langsam gefahren, das hat Stunden gedauert." Er schüttelte den Kopf. "Und dann hält die eben an dem Bahnhof da und sagt mir, das ist hier Endstation. Und ich fragte, ob das Frankfurt ist. Und sie sagt, dass wäre nah genug dran. Aber sie hat ausdrücklich gesagt, sie fährt mich nach Frankfurt."

"Klingt nicht nett. Hast du irgendwas angestellt?"

"Nein. Ich war immer ruhig, ich hab nichts gemacht. Ich war auch so überrascht und bin sofort ausgestiegen aus ihrem Auto. Dann hat sie mir für meinen Zwanziger nur einen Euro rausgegeben. Wir hatten aber siebzehn ausgemacht."

"Hm, hört sich wirklich nicht nach der feinen Art an.", sagte ich.

"Egal, ich hoffe, jetzt kommt keine Kontrolle. Ich habe ja keine Scheißfahrkarte." Er lachte noch, dann fügte er hinzu: "Aber du kannst denen doch sagen, dass ich gar nicht anders konnte. Das ist ein Notfall."

"Ich glaube nicht, dass ein Kontrolleur sich davon beeinflussen lässt.", antwortete ich.

So saßen wir eine Weile im Zug, unterhielten uns. Er kam aus Erfurt, um in Wiesbaden die Familie zu besuchen. Er hatte also selbst von Frankfurt aus noch ein Stück vor sich. Allmählich konnte ich mit einem Blick aus dem Fenster schon Frankfurt am Horizont glühen sehen, da eilte eine Gestalt an uns vorüber, baute sich ganz hinten im Waggon auf. Hinter mir hörte ich vom anderen Ende des Waggons eine tiefe Stimme: "Fahrkartenkontrolle."

Das war für meine Zugbekanntschaft zu viel, seine Gesichtszüge entglitten ihm völlig, sein ganzer Körper schien urplötzlich von der Stimme in Spannung versetzt. Er sah aus, als hielte es ihn nicht mehr auf dem Sitz, doch wüsste er nicht wohin. Ich sah im Hintergrund die ersten Betonsteine eines Bahnsteiges, der Zug müsste gleich halten. Nervös sah ich ihn an. "Scheiße, ich muss hier raus.", sagte er.

"Noch nicht. Bleib sitzen.", ich wusste genau, wenn er hastig aufgestanden wäre, hätte er alle Aufmerksamkeit der Kontrolleure auf sich gezogen. So, auf dem Sitz wartend, hatte er noch eine Chance, auch wenn er die Anspannung kaum noch aushielt, wie schnell die Kontrolleure von beiden Seiten auf uns zu kamen, während der Zug langsamer wurde, doch nicht zum Stillstand kam.

"Noch nicht.", sagte ich. Er sah mich an, also könnte er sich kaum noch beherrschen. Seine Augen brüllten die Anspannung hinaus. Der Zug fuhr noch immer in gemächlicher Geschwindigkeit, es hatten sich aber noch keine anderen Fahrgäste zum Aussteigen an die Türen gestellt. Ich sah den Schwarzfahrer an, er zitterte, auch wenn er es unterdrücken wollte. Endlich schien der Zug zum Stillstand zu kommen, von den Türen war das typische tiefe Pfeifen zu hören, das die Türsperre freigab. Gerade wollte ich Jetzt! sagen, da sprang zwei Sitzbänke hinter dem Schwarzfahrer ein junger Kerl auf, rannte mit großen Schritten zur Tür. Es wurde laut, die Kontrolleure rannten dem Kerl hinterher. Die Flucht endete aber an der Tür, wo die Kontrolleure ihn einholten. Es wurde geschrien, alle Menschen wandten sich nach dem Lärm um. Nur meine Zugbekanntschaft nicht, er grinste und schlich, noch leicht zitternd, zu einer anderen Tür auf den Bahnsteig.

Ich wandte mich ab, schüttelte wohl meinen Kopf, weil ich nicht glauben konnte, was für ein Glück er gehabt hat. Vor mir ließ sich eine Person auf dem Sitz nieder, ich sah schon wieder auf mein Telefon. "Na?", hörte ich eine bekannte Stimme. Als ich aufsah, saß er vor mir und grinste breit. Meine Verwunderung musste mir im Gesicht gestanden haben, denn er erklärte sofort: "Die haben den Typen auf den Bahnsteig geführt, um seinen Perso zu prüfen. Da bin ich wieder eingestiegen."

Ich lachte, er lachte. Bis unsere Wege sich am Hauptbahnhof in Frankfurt trennten.

Der Reader ist tot, lang lebe der Reader

Anfang März erreichte mich die Botschaft, der Reader werde dieses Jahr eingestellt. Die Begründung dafür klang auch einleuchtend: Der Aufwand lohne sich bei der geringen Anzahl aktiver Nutzerinnen und Nutzer schlicht nicht. Bald schon solle Schluss sein, weshalb ich meine Feeds bei Bedarf sichern solle. Diese kurze Mail war für mich kein Schock, machte mich aber nachdenklich, wann ich das letzte Mal diesen Reader benutzt hatte. Es muss schon lange her sein, vor meinen Augen entstand kein Bild mehr aus der Erinnerung. Da geht wieder ein Reader dahin. Hinter dem großen Raubtier blieb in der Fressordnung kaum noch etwas für die kleineren übrig. RSS-Reader sind schon vor langer Zeit zur Monokultur verkommen, da machte ich mir nichts vor.

Aber ich konnte ganz gut damit leben, solange die Bestie Google Reader mir noch ein paar Brocken vor die Füße warf. Da kümmerte es mich nicht, von der Einstellung des Simplenews Readers zu hören, es war der Lauf der Dinge. Der kleine Konkurrent konnte untergehen, das störte mich kaum, war es doch auch der Beweis der Stärke des Riesen. Ja, Anfang März war es noch völlig unvorstellbar, dass der Reader jemals etwas anderes meinen würde als den Feed-Aggregator von Google. Bis gestern Nacht die ersten Klagen aufkamen. Heute Morgen war es endgültig Gewissheit:

Auswahl_001

Die Begründung für diesen Schritt liest sich fast genau so wie beim sehr viel kleineren Konkurrenten: Schwindende Nutzungszahlen, Aufwand zu groß ohne Ertrag, konzentrieren uns auf wichtigere Dinge. Und da war sie wieder, diese Stimme, die unbeirrt flüstert: RSS ist tot. Aber kann das sein? Wie kann, ganz laienhaft gesprochen, ein so simples und effizientes Markup wie RSS so kläglich scheitern, dass sich die Verbreitung in der breiten Öffentlichkeit so nicht einstellen konnte? RSS-Reader machten für mich das individualisierte Nachrichtenprogramm möglich. Schund neben Kunst, Sex zusammen mit Prüderie, Nippes und Hippes, es war aber immer gerade das, was mich interessierte. All das ist nicht tot, es wird im Hintergrund noch genutzt werden, davon gehe ich aus. Die Massentauglichkeit ist für RSS aber nun endgültig zu den Akten gelegt. Aber das ahnte ich schon immer.

Fernab dieser Bedenken war der Schock für mich auch nicht verwunderlich. In der Zeitrechnung des Netzes ist Google Reader ein Dinosaurier, der viele andere Anwendungen kommen und wieder gehen sah. Mein Vertrauen in den Reader beruhte auf dieser impliziten Ewigkeitsklausel, die er ausstrahlte. Vielleicht war es nicht massentauglich, aber der Reader würde bleiben, das ließ ich mir von gegenläufigen Indizien wie der nachlassenden Pflege durch Google nicht verderben. Ich brauchte den Reader, also schuf ich eine prächtige kognitive Dissonanz, in der Google Reader ewig währte. Die Meldung vom Aus riss mich aus der verzerrten Welt, ich landete hart auf dem Boden der Tatsachen. Es tat aber nicht so weh wie die Frage, was nach dem Google Reader kommen würde.

Dann fiel mir wieder ein, warum ich mich damals bei bei Simplenews angemeldet hatte. Und bei Bloglines auch, bei Netvibes und vielen anderen. Ich hatte gefühlt alle Reader schon probiert, einige waren richtig gut, wurden aber eingestellt, weil Google Reader als kostenloser Dienst von Google kleinen Entwicklern Ketten um den Hals legte, an denen sie meist recht schnell erstickten. Ich landete immer wieder bei Google. Aber hieß das nicht auch, dass ich immer auf der Suche nach einer Alternative war? War der Google Reader nicht schon seit langer Zeit ein Dorn in meinem Auge?

Ja, der Google Reader war zu gut, um ihn zu verlassen, bereitete aber auch immer Kopfschmerzen und ein komisches Gefühl im Magen. Und genau das fiel mir im Laufe des Tages wieder ein, ich wollte immer schon weg, konnte aber aus Gewohnheit nicht. Jetzt geht es nicht mehr anders, Alternativen müssen her. Und war das nicht der Grund, warum ich überhaupt so viel Software ausprobiere? Ich finde jeden Tag haufenweise vielversprechende Anwendungen, probiere einige, kaufe manche. Der Spaß liegt im Finden von guten Tools. Ab 1. Juli werde ich spätestens wieder reichlich Grund für die Suche haben. Und bis dahin werden sicher noch neue Apps aufkommen, denn der rücksichtslose Fleischfresser ist dann nicht mehr.

Biffy Clyro: Opposites

Nach quälend langer Zeit mit unzähligen Anläufen gelingt mir noch immer kein runder, satter Artikel zum neuen Album der Schotten Biffy Clyro. Dann eben mit dem Kopf durch die Wand. Opposites schraubt sich im Gehörgang fest, und dort nisten sich Biffy Clyro gepflegt ein, denn es gibt kaum einen Song auf Opposites, dem nicht zumindest etwas abzugewinnen ist. Skylight ist vielleicht so ein Ausreißer nach unten, es weckt üble Erinnerungen an das Behind Blue Eyes-Cover von den Nu-Metal-Dünnbrettbohrern Limp Bizkit. Ganz schlimm.

Ansonsten macht Opposites bei aller Eingängigkeit einen weiten Bogen um solcherlei Peinlichkeiten. Irgendwo im manisch-depressiven Traumland ist Opposites angesiedelt. Ein beinahe schon barockes Album, in dem Traum und Alptraum sehr dicht beieinander liegen, nur dass hier Plüschfiguren in Regenbogenfarben bluten. Ja, ein barockes Carpe diem. Memento mori schallt uns da entgegen. Das Spektrum ist breit, Spanish Radio, Victory Over the Sun, The Thaw oder Moder Magic Formula zeigen die Bandbreite der Schotten.

Doch es gibt, zumindest für mich, ein großes Aber. Opposites ist in den meisten Momenten ergreifender Rock-Bombast, es gibt kaum ein Entrinnen aus den Sirenenrufen. Biffy Clyro haben diese Emotionalität mit einem widerlichen Trick erschaffen: In jedem, wirklich jedem Song, werden die Refrains, wenn nicht gleich auch Strophen, mehrstimmig gesungen. Stadiontaugliche Chöre oder rotzige Gang-Shouts, immer kommen Biffy Clyro und bringen die Familie mit. Auf die Dauer ist diese monotone Pluralisierung der Gesangsmelodien ermüdend, eigentlich sogar emotional erpressend. Noch schlimmer wird es, wenn wie auf Trumpet or Tap die Streicher die Tränendrüsen bedienen. Den Rest gibt den Songs aber Produzent Garth Richardson, der den Songs jede individuelle Note nimmt, indem er sie über denselben Bogen des Plastiksounds zieht.

Opposites will wie ein episches Album klingen, dieser Wille ist in jedem Ton zu hören. Biffy Clyro bemühen aber platte Klischees, diese erheuchelte, aufgesetzte Epik ist für mich reinste Gaukelei. Aber immerhin ist es jetzt raus.

Ist das ein Problem?

Seit ein paar Tagen spült ein reflexartiger Mechanismus der Selbstreflexion einige Begebenheiten in meinem Leben hoch, auf die ich nicht sonderlich stolz bin, nicht darauf, wie ich mich verhalten habe. Denn so bedauerlich es ist, sie alle drehen sich um eine Frage: Bin ich in meinem alltäglichen Verhalten homophob?

Es gibt zwei Antworten darauf, die eine ist die offizielle, die andere ist die von introspektiver Wahrnehmung geprägte. Die erste Antwort lautet selbstverständlich, ich bin nicht homophob. Wie jeder aufgeklärte Mensch lasse ich da nichts auf mich kommen, ich bin selbstredend auf der Seite des Guten, des Rechtschaffenen, des Richtigen. Ich habe mir schon lange alle äußeren, offenkundigen Merkmale der Homophobie oder auch nur der leichtfertigen Herabwürdigung von Schwulen und Lesben abgewöhnt, ein nach meiner Schulhofsozialisation gar nicht mal einfacher Vorgang.

Da gibt es aber noch eine innere Perspektive auf mich und mein Verhalten, dieses Wissen um meine Gedanken, die nie manifeste Handlungen wurden. Gedankenblitze, die ich routiniert ersticke, bevor sie Verwüstung anrichten können. Nur ich kenne sie, zumindest bis jetzt, wo ich einen gewissen öffentlichen Blick auf sie zulasse. Diese Gedanken sind für mich schwerer zu bekämpfen, als meine früheren homophoben Verhaltensweisen der Jugendzeit, diese offenkundigen Muster konnte ich mit Verweis auf meine Gewissensentscheidung und Moralvorstellung als falsch entlarven und in und an mir selbst erfolgreich bekämpfen. Doch gibt es die Wurmfortsätze einer strukturellen Homophobie in mir, die Homosexualität noch immer als Andersartigkeit wahrnimmt, und dieser Andersartigkeit ein Gewicht gibt. Es ist das, was hinlänglich als Heteronormativität bezeichnet wird, diese subliminale Weichenstellung, Menschen anhand des sozial Erwarteten zu kategorisieren. Es ist in mir tiefer angelegt, als meine Vernunft und mein Gewissen reicht. Daher lautet, so schmerzlich es für mich ist, die zweite Antwort: Ja, ich bin strukturell noch immer homophob.

Und erst jetzt wird mir schlagartig klar, welche Arbeit noch vor mir steht, denn diese Heteronormativität als das, was sie ist, wahrzunehmen, wird mir erst jetzt in vollem Umfang klar. Warum habe ich sie nicht in dieser Stärke wahrgenommen? In den vergangenen Tagen, ich habe es ja schon geschrieben, wird da einiger Morast an die mentalen Strände gespült, die für sich betrachtet immer nur bloß Treibgut waren. Ein paar Habseligkeiten hier, alte Kleidungsstücke dort, aufgeblähtes Tafelholz, alles nur zusammenhangloser Unrat, den das Meer verschlungen und nun unwillkürlich ausgespuckt hatte. Doch jetzt stehe ich hier am Strand vor dieser Wasserleiche und merke, da könnte mehr passiert sein, als ich mir eingeredet hatte.

Was ich konkret meine? Nur ein Beispiel aus einer Zeit vor zehn, vielleicht elf Jahren, als ich auf der Suche nach einem WG-Zimmer war. Bei einer der Besichtigungen lief alles prächtig, das Zimmer war ordentlich groß, die Wohnung sauber, aber nicht steril, vor allem aber waren die potenziellen Mitbewohner sympathisch. Mir war es gar nicht aufgefallen, aber mitten in der Unterhaltung über unsere Hobbys, was wir für Musik mögen, sagte der eine ganz beiläufig: "Übrigens, ich bin schwul. Ist das ein Problem für dich?" Meine Antwort fiel lapidar aus: "Nein. Ich bin es nicht. Das ist ja auch kein Problem." Die Unterhaltung setzten wir ohne Unterbrechung fort. Und genau das macht mir heute zu schaffen. Warum habe ich es als normalen Hinweis aufgefasst? Wieso musste es überhaupt zur Sprache kommen? Wieso empfand ich es nicht als unangebracht, dass er mich darauf hingewiesen hat und die Frage gestellt hat? Was ging mich das an? Heteronormativität ging mich das was an, das war es. Ich empfand es offenkundig, als ’normal‘, darauf hingewiesen zu werden, womöglich mit einem Schwulen zusammenzuleben. Der eine hörte Metal, der andere spielte gern Fußball und der andere ist schwul. Ein Problem damit? Wieso hat es zehn Jahre gebraucht, bis mir auffällt, was an dieser Aufzählung nicht stimmte? Ich hatte kein Problem mit der Homosexualität, aber auch nicht mit der Frage, das ist das heteronormative Problem.

Diese Sache mit den Zahlen

Diese Sache eben, die hatte ich hinter mir gelassen, glaubte ich. Das mit den Zahlen betrieb ich nur, solange es Teil einer Kosten-Nutzen-Kalkulation war. Bis zu dieser simplen Notenkalkulation in der Schule beherrschte ich die Sache mit den Zahlen auch recht gut: Pro Halbjahr ein Thema, zwei Klausuren zum jeweiligen. Die erste war eine leichte Grundlagenklausur, reine Wiedergabe des Stoffes; in der zweiten ging es um tieferes Verständnis, die Aufgabenstellungen abstrahierten vom Gelernten auf neue Bereiche. Mathe-Lehrerinnen kamen, Mathe-Lehrer gingen, alle konnten mich nicht davon abbringen, ich perfektionierte ein Minimax-Prinzip, mit dem ich seit der fünften Klasse aus meiner Sicht hervorragend zurande kam.

All mein Fleiß floss in Klausur Nummer eins, und für die zweite brachte ich nur genau die Energie auf, um im Mittel auf eine durchschnittliche Note zukommen. Der von mir betriebene Aufwand der ersten verhielt sich antiproportional zu dem der zweiten Klausur, was im von mir irrtümlich für den besten gehaltenen Falle zu kompletter Verweigerung bei der zweiten Klausur führte, sobald die erste perfekt verlaufen war. Klausur Nummer eins mit fünfzehn Punkten bestanden hieß für mich: Null Punkte in der zweiten Klausur reichen für eine Gesamtbote von acht Punkten. Das kam häufig vor, zumal ich in der zweiten selbst immer auch ein paar Anwesenheitspunkte machen konnte. Mir reichten die neun oder acht Punkte am Halbjahresende immer, es gab auch noch Ausrutscher nach oben. Ich war sogar stolz darauf, einen Königsweg gefunden zu haben, der die Mathematik, die in der Schule sowieso nur eine etwas aufgebohrte Basislektion in Arithmetik war, nur streifte, ansonsten aber keine weiteren Berührungspunkte hatte.

Stolz, das trifft es gut, ich war stolz darauf, mir die Mathematik immer vom Hals gehalten zu haben. Sie war kein Zweck an und für sich, nur ein Mittel zum Zweck, der Zweck war die Note auf dem Zeugnis. Das, was ich fühlte, wenn ich Lehrerinnen und Lehrern nach Ausgabe einer sehr guten Klausur den Müßiggang in der folgenden ankündigte, war hochnäsig und eitel, aber vor allem falsch verstandener Stolz. Und alle dieser Lehrerinnen und Lehrer waren nicht zynisch genug, um nicht in ihren Augen die Kränkung aufblitzen zu lassen, die mein Stolz für sie bedeutete. Ich hatte ihren Notenschlüssel erfolgreich und mit eisigem Kalkül gegen sie gerichtet, es kam mir vor, als hätte ich die Tyrannei didaktischer Obrigkeit mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Sie drohten Zuckerbrot und Peitsche an, ich wählte das und, so war es auch ein gewisses Stück jugendlicher Rebellion.

Heute sitze ich über Büchern, die Erinnerung an die rebellische Attitüde klingt im Kopf nach, sitze über Büchern voller Formeln, Funktionen und allen voran eleganter Logik. Und ich ärgere mich über mich selbst, weil ich mir jahrelang einbildete, gut ohne Mathematik ausgekommen zu sein. Doch jetzt hat sie mich eingeholt, mit geduldiger Gewalt, der ich mich nicht erwehren kann. Ich kenne ihre Nomenklatur nicht, ich kann kaum folgen, weiß aber nun, warum ich sie brauche, weshalb sie nützlich ist in, warum sie schön ist, auch wenn ich nur winzige Partikel von ihr tatsächlich begreife. Denn, was ich damals vor lauter Rebellion und Faulheit nicht sah: Ich durchbrach die Macht des Mechanismus namens Schule, sah aber nicht, dass er imstande und gewillt war, mir etwas beizubringen, das die nützlichste, ästhetischste und gefährlichste Waffe sein kann: Diese Sache mit den Zahlen ist auf ihre Weise ganz besonders Ausdruck von Macht.

Sid Meier’s Pirates!

Jedes Computerspiel ist eine Reihe vorgefertigter, von Entwicklern bereiteter Aufgaben. Es gibt keine spielerische Autonomie, die nicht vorher erdacht und wissentlich gestattet wurde. Gut, es gibt die Freiheiten durch Bugs und Glitches. Einen Patch entfernt, ist sie aber wieder verloren. Einigen wir uns darauf, ein Spiel will und muss Grenzen setzen. Es braucht einen Raum, innerhalb dessen Spielerinnen und Spieler sich sinnvoll bewegen sollen. Wie viel Raum ihnen gegeben wird, hängt vom Genre, aber auch der Kreativität der Entwickler ab.

Weiterlesen

Kopimismus und die (Kopier-)Freiheit

Ich habe nun Antwort erhalten von einer der angeschriebenen Parteien. Wider Erwarten war es nicht Isak, sondern eine Juristin beim Kammarkollegiet. Sie bringt ein wenig Licht ins Dunkel, wie man die Registrierung, um so eine handelt es sich, zu nehmen hat. Wie schon zu erwarten war, stellt sich wieder mal heraus, dass nicht alles so heiß gegessen wird, wie es gekocht wurde. Aber der Reihe nach.

Weiterlesen

Zurück in die Zukunft ist besser als Schindlers Liste

Manchmal will ich ja nur etwas Zeit verstreichen lassen. Ich hasse es, auf den Bus oder Zug warten zu müssen. Und Wartezimmer, eklig. Wenn ich kein Spiel, Film oder sonst etwas habe, das mich abglenken kann, dann wandere ich rüber zu flickchart. Ich weiß nicht, was es ist, das mich immer wieder dorthin zieht. Vielleicht die Stumpfsinnigkeit, mit der man schlicht einen Battle zwischen Filmen nach dem anderen durchzieht. Am Ende hat man dann eine hierarchische Anordnung der Filme, die man gesehen hat. Weiterlesen