Besitzanzeigende Füllwörter und sinnentleerte Symbolpolitik

Eigentlich ist es eine Petitesse, geradezu kleingeistig, sich mit dem zu beschäftigen, was mich gerade umtreibt: Besitzanzeigende Fürwörter. Genauer: Possessivpronomen in Bezug auf Institutionen. Noch genauer: Ebenjene Besitzverhältnisse klärende Wörter auf eine Partei bezogen. Aber sie sind für mich in manchen Zusammenhängen zunehmend Symptom einer fatalen politischen Haltung.

#NotMyBlumentopf oder #MeineLieblingstüte. Ja, wir haben es alle so oder so ähnlich schon mal mindestens im Affekt gesagt. Und ja, das sind unproblematische Fälle. Ich mag etwas, ich mag es nicht. Als Wesen mit Tendenz zum Eigensinn neigen wir dazu, die Dinge, die wir schätzen, für uns zu vereinnahmen. Ich nehme es erst einmal als meins wahr, selbst wenn ich es mit anderen teilen muss. Damit lässt sich in diesen unproblematischen Fällen sehr gut leben.

Ärgerlich aus einer demokratietheoretischen Sicht wird es aber dann, wenn diese persönlichen Affektmuster auf Parteien übertragen werden. Leider fliegen diese Wertungen derzeit allzu oft unreflektiert durch die Luft. Ganz im Sinne von Le parti, c’est moi wird mit den Possessivpronomen um sich geworfen, dass es ein Graus ist: #NotMyBuVo. Aber eine demokratische Partei kann nicht besessen werden, sie wird gemacht, durch die politischen Handlungen und Maßnahmen in einem Diskurs. Und ebenjener Diskurs wird stark gestört, wenn hinter den mit Possessivpronomen gewürzten Einschätzungen tatsächlich zu vermuten ist, dass da Menschen glauben, sie besäßen Vorrechte auf den Kurs, das Programm und die Organisation einer politischen Partei.

Wenn Menschen sich mit einer Partei identifizieren, ist das eine hervorragende Sache. Wird diese Partei aber quasi verdinglicht zu persönlichem Hab und Gut mit gerade eben nur noch jenen Werten und Zielen, die ihr Besitzer oder die Besitzerin ihr zuweist, dann geht der eigentlich Sinn einer Partei in einer Demokratie verloren. Eine Partei hat, ich verkürze jetzt mal, die politische Willensbildung und auch die Partizipation an politischen Prozessen zur Aufgabe. Sie ist kein monolithisches Gebilde und sollte es auch gar nicht sein. Nochmal, sie dient der Willensbildung. Wie soll sich politischer Wille bilden, wenn er nicht auch fluktuierend ist? Wo Menschen im Diskurs an Themen arbeiten, kann es nur um Konsens gehen, nicht um die politische Wahrheit. Und ein Willensbildungsprozess kann ebensowenig besessen werden wie dessen Ergebnisse.

Das heißt leider auch, dass manche im Laufe der Zeit die Identifikation mit dieser Partei verlieren können; dass die Partei anscheinend oder tatsächlich nicht mehr den ursprünglichen persönlichen Werten oder Zielen Einzelner entspricht. Es heißt aber nicht, dass diese Partei nicht das macht, was sie soll. Ganz im Gegenteil: Dass eine Partei sich wandelt und Willensbildung praktiziert, ist ihr ultimatives Lebenszeichen. Das heißt auch, in einer Partei gibt es viele Formen, aktiv und konstruktiv an der Willensbildung und weiteren Parteiaufgaben teilzunehmen und Einfluss über den innerparteilichen Diskurs zu nehmen. Dazu gehört nicht, die eigene Vorstellung der Partei absolut zu setzen und in wütende Symbolpolitik zu verfallen. Wer tatsächlich glaubt, eine Partei besitzen zu können, hat den Kern der demokratischen Prozesse einfach komplett verfehlt.

Das Ziel sollte sein, dass eine Partei mithilfe innerparteilicher Diskurse Sinn stiftet, nicht aber, dass besitzergreifende Disputanten dafür sorgen, dass der demokratietheoretische Sinn aller Parteien stiften geht. Deswegen halte ich manche Verwendung besitzanzeigender Fürwörter auf Parteien bezogen für höchst problematisch.

Trollphase

Ja, Rotshirt-Mike sagt so ungefähr das, was ich bis vor gar nicht allzu langer Zeit auch gesagt hätte. Mir allerdings ist es erst wie Blauhemd-Mike aufgegangen, nachdem ich mir argumentativ mal so richtig ins Knie gebohrt hatte.

Blauhemd-Mike hat völlig Recht, die ideologisch überhöhte Trollerei ist ihrem Wesen nach nicht weiter zu abstrahieren, als in unterschiedliche Grade mindestens verbaler Grausamkeit. Es ist keine rhetorische Übung, es ist ein Versuch, Kommunikation zu vernichten. Im besten Fall. Im schlimmsten Fall ist es brachiales Ausnutzen von Privilegien, die nichts anderes als Exklusion bewirken sollen. Und dann brauchen so Nasen wie ich Jahre, um das zu kapieren.

Feedly hat mir RSS verdorben

Um fair zu bleiben, ich habe mir nach dem lange angekündigten Tod von Googles Reader wohl selber die Laune verdorben. Genauer, meine Knauserigkeit hat dazu beigetragen, dass meine Wahl auf Feedly fiel. Feedly war kostenlos, Google hatte sich ja redlich bemüht, mir und allen anderen Nutzerinnen und Nutzern von RSS für den täglichen Informationsbedarf abzutrainieren. Da wollte ich erst einmal nicht wieder für etwas zahlen, das ich als gegeben hinnahm wie Luft.

Spätestens seit einigen Wochen fällt mir aber immer wieder auf, dass Feedly eine denkbar schlechte Wahl war. Als Alternative für den Google Reader wurde der Dienst immer besser, die anfänglichen Kinderkrankheiten waren schnell überwunden. Da kamen aber alle schon daher, wie denn Feedly sich mit seinem Kostenlos-Modell langfristig würde halten können. Feedly antwortete auf die Skepsis mit einem Premium-Angebot.

Dieses kann ich aber nicht nutzen, denn wie bei angrynerds schön ausgeführt wurde, wählte Feedly einen Anreiz für Premium, der nicht nur unsympathisch ist, sondern auch völlig in die falsche Richtung geht. Ich kann mich, denke ich immerhin, mit einiger Kraft wieder daran gewöhnen, für einen zuverlässige RSS-Reader zu zahlen. Aber ich kann dies nicht bei Feedly, wenn dort absichtlich die Aktualisierungsfrequenz gedrosselt wird, die gegen Bezahlung erhöht werden kann. In der kostenlosen Variante waren kleinere Seiten und Blogs oft deutlich verspätetet erst in meinem Strom der Nachrichten. Doch gerade die kleinen, gerne auch abseitigen Themen und Seiten sind es, die ich besonders lesenswert finde. Diese auszubremsen und erst gegen Geld wieder in eine halbwegs aktuelle Zeitleiste einzugliedern, ist eine aus meiner Sicht nicht zu tolerierende Diskriminierung.

Da ich also Feedly nicht unterstützen will, aber auch noch keine Zeit für eine Suche nach anderen Diensten aufbringen konnte, liegen derzeit alle Feeds bei mir brach. Das kann es eigentlich auch nicht sein.

Abhörskandal: Die Postdemokratie hat ihren Namen nicht von der Briefwahl

Die bundesdeutsche Volksparteienherrschaft hat es über Jahrzehnte geschafft, eine formidable Gleichgültigkeit zu etablieren. Eine Gleichgültigkeit aus Hilflosigkeit angesichts der faktischen Wirkungslosigkeit politischer Meinungsäußerungen. Nur so kann es geschehen, dass der Chef des Bundeskanzleramtes Ronald Pofalla für seine einseitige Beendigung der Spionageaffäre zwar mit Häme überschüttet wird, aber seine Missachtung von Menschenrechten und Freiheitsgedanken ansonsten politisch völlig ungestraft blieb.

Da nun aber das Mobiltelefon der Kanzlerin betroffen ist, müssen Pofalla und die Politelite ein wenig zurückrudern. Doch auch hier zeigt sich ein Reflex im Netz, der Ausdruck des Fatalismus ist. Es werden Witze gemacht. Über die Kanzlerin, über Pofalla, über die NSA. Manche sind gut, sogar feinsinnige sind dabei, viele sind offensichtlich, andere schlecht. Aber das sagt etwas aus über den Zustand der Demokratie: Politisch interessierte Menschen verfallen nicht einmal mehr in Wut oder Zorn über die allzu offensichtlichen Schwindeleien und Paradoxien der alltäglichen Politik. Sie haben, wie auch ich selbst, anscheinend in vielen Punkten die Hoffnung aufgegeben, mit Worten und Taten Politik zu erreichen.

Entgeistert nehmen sie die Widersprüche hin, wenn eine Regierung die flächendeckende Überwachung durch ‚befreundete‘ Dienste hinnimmt, sogar aktiv schützt, aber dann in Aktionismus ausbricht, wenn die Überwachung besagter Regierung publik wird. Auch ich lache gerne, aber nicht über Galgenhumor. Und nicht über eine Kanzlerin, die gerade dabei ist, eine große Koalition zu bilden, die über eine nahezu unumstößliche Macht im Bundestag verfügen wird. Selbst die wenigen Mittel, die einer Opposition im Parlament zur Verfügung stehen, wird die Opposition bei einer großen Koalition nicht aus eigener Kraft einsetzen können.

Damit ist ein kritischer Punkt erreicht: Die Postdemokratie, die blindlings hingenommen wird, setzt sich mit jedem zynischen Tweet durch. Der Potemkinsche Parlamentarismus gewinnt mit jedem Beitrag, der in Selbstironie verhaftet bleibt. Vielleicht braucht Politisierung immer auch Feindbilder. Früher waren es andere Nationen und Staaten, fremde Ideologie und Dogmen. Heute ist es womöglich der schleichende Zerfall gerade der Institutionen, die den Menschen ihre Stimme geben sollten, sich aber immer noch als Errungenschaft legitimieren. Da nützt es nicht, süffisant lächelnd die vermeintliche Ironie zu kommentieren, wenn Merkels Telefon abgehört wurde. Ich für meinen Teil bin wieder wütend genug. Produktiv wütend.

The Internet should…

Ist es eine neue Schule der experimentellen Philosophie, wenn die Google-Suche genutzt wird, um ethische Erkenntnisse zu gewinnen? Von Mountain View aus gehen die Autokomplettisten ins Netz, um diesem den aktuellen Stand um die Ethik abzugewinnen. Dabei müssen sie nur eine beliebige Aussage in die Suchmaschine tippen, schon gibt ihnen der Algorithmus Antwort, was der idealisierte Netzmensch als Summe einzelner Aussagen davon hält. Dannsind die Autokomplettisten nur noch einen naturalistischen Fehlschluss davon entfernt, daraus tatsächlich irgendeine wertvolle Information filtern zu wollen.

So treiben die Auswüchse uns immer wieder zu affektivem Entsetzen, wenn wir etwa anhand der Autovervollständigung erfahren, dass jenes Netz, das wir so lieb gewonnen haben, doch von einer Reihe, sagen wir einfach mal, simpel gestrickter Menschen genutzt wird. So toben sich die Antisemiten aus:

jewsshould

 

Das ist eine Ansammlung höchst widerlicher Aussagen. Die Erkenntnis, dass Antisemitismus existiert, wird aber hoffentlich nicht erst durch diese Autovervollständigung bewusst. Es ist ja noch nicht einmal so, dass nur der Antisemitismus hier prominent in der Autovervollständigung auftaucht. Wir haben da noch die Islamophoben.

muslimsshould

 

Oder die Verachtung gegenüber denjenigen, die eben nicht glauben.

atheistsshould

 

Und die Verachtung gegenüber Menschen endet auch nicht bei der Glaubenszugehörigkeit. Alle Merkmale, die uns Menschen angeblich in unserem Wert als Menschen so unterschiedlich machen sollen, sind bei Google in der Autovervollständigung vertreten. Zum Beispiel darf plumper Rassismus nicht fehlen. Wo kämen wir da hin?

africansshould

 

Was sagt es also wirklich aus, wenn wir Google als Gradmesser für den Zustand der Menschlichkeit befragen. Nichts, das wir nicht schon vorher gewusst haben. Wenn wir nur mal kurz innehalten, wird auch klar, warum das so ist. Es muss sogar so sein. Google hat einen ausgewachsenen Algoritmus, um das Netz zu durchforsten, aber dieser Algorithmus kann nicht mehr tun, als eine wie auch immer gewichtete Repräsentation dessen, was im Netz vorhanden ist, wiederzugeben. Und – ich mache es mal sehr einfach – das Kriterium der Häufigkeit wird gerne als eine Indikator für Relevanz herangezogen. Das ist nicht besonders geschickt in vielen Situationen, aber oftmals schlicht nicht anders zu handhaben. So wird dann aber klar, warum die Autovervollständigung uns gerne mit Schmutz bewirft: Sie hält uns vor, was am häufigsten im Netz vorzukommen scheint. Intuitiv ist das durchaus nachvollziehbar, denn leider sind Rassismus, Sexismus und andere Ausgrenzung nicht nur oft mehrheitsfähig, sie sind auch schnell gesagt – oder eben geschrieben. Daher sollte es uns nicht schocken, wenn ein Suchalgorithmus derart zentrifugale Kräfte für verbalen Dreck entwickelt und uns das zeigt. Ganz im Gegenteil sollte es uns wundern, wenn zu einem Thema eben nicht der Schmutz aufschlägt.

Nehmen wir etwas die Suchbegriffe lesbians should und gays should. Bei all meinen Versuchen, gab Google hier gar keine Suchergebnisse aus. Meine auf Erfahrung basierende Vermutung ist. Da werden selbst für Google die möglichen Autovervollständigungen allzu heftig, sodass sie einfach mal komplett ausgesetzt werden. Oder – sehr viel zynischer, aber vielleicht noch realistischer – Google ist eine Suche nach Homosexualität generell zu heikel. Wer weiß?

Um es noch einmal ganz deutlich zu machen. Selbst der beste Algorithmus kann dem Netz nicht wirklich Neues abgewinnen. Er kann nur reproduzieren, was Menschen in das Netz tragen. Mit allen Schieflagen werden also auch nur gesellschaftliche Normen, Regeln und Werte gespiegelt. Kein Wunder also, dass bei einer Suchanfrage auf Englisch, das die immer noch christlich dominierten Industrienationen beherrscht, gerade die Ergebnisse für das Christentum harmlos ausfallen.

christians

 

Google wirft nur auf uns zurück, was wir ohnehin schon über die Welt wissen konnten, wenn wir bislang nicht vollkommen teilnahmslos durch sie gingen. Daher überrascht mich nur die Überraschung mancher, was denn bei einer Autovervollständigung denn so an Unfug herauskommt. Ehrlich, das haben die Überraschten nicht gewusst? Diese Leute sollten sich mehr Gedanken über die Welt machen, in der sie leben.

ADN: Ich wachse mit

Hat mich gerade mal interessiert, wie viele Posts ich so auf ADN am Tag hinterlasse. Gefühlt wurde seit einiger Zeit deutlich mehr. Mal schauen, was die Daten hergeben, seitdem ich im März dort aufgeschlagen bin:

kultproks posts auf adn

Daten (Stand: Heute 13.00 Uhr)

Gut, da ist mein Bauchgefühl etwas vorgeprescht. Die Zahl steigt zwar, deutlich höher sind auf den ersten Blick aber nur die Maximalwerte. Die schlagen ein letzter Zeit höher aus. Ansonsten sieht es aber nach einer eher natürlichen Entwicklung aus, die repräsentiert, dass ich mich immer wohler dort fühle und mehr Unterhaltungen führe.

Rechtspositivistischer Simplicissimus

Der Bundesminister des Inneren Friedrich hat in der Angelegenheit des Asylantrags des Whistleblowers Snowden das ursprüngliche Problem des Rechtspositivismus auf beeindruckend simple Weise vorgeführt, wie beispielsweise hier nachzulesen ist:

Nach [Friedrichs] Angaben prüft das Auswärtige Amt, ob eine Aufnahme aus humanitären und völkerrechtlichen Gründen möglich sei. Die USA seien aber ein Rechtsstaat. "Am Ende glaube ich nicht, dass ein völkerrechtliches und humanitäres Argument zählen kann. Am Ende wird es möglicherweise eine politische Frage sein."

Selbst bei einer minimalen Vorstellung von Rechtsstaatlichkeit müsste der Bruch offenkundig werden. Rechtsstaatlichkeit als Prinzip der Bindung aller staatlichen Handlungen an das Recht, ist spätestens nach Snowdens Veröffentlichungen in vielen, wenn nicht sogar allen, so genannten westlichen Demokratien in Frage gestellt. Rechtsstaatlichkeit impliziert in selbst den naivsten Definitionen zumindest richterliche Kontrolle und Nachvollziehbarkeit, damit zumindest indirekt auch einer Öffentlichkeit. Geheimgerichte wie sie beispielsweise im Falle der USA bei Prism, vermutlich aber nicht nur dort, eingeführt wurden, die ihrem Wesen nach nicht-öffentlich, nicht-transparent und damit kaum noch effektiver Kontrolle unterliegen, laufen den notwendigen Anforderungen der Rechtsstaatlichkeit zuwider.

Diese Erkenntnis gesellt sich zu ohnehin schon offenkundigen, auch in Deutschland gebilligten Methoden unter befreundeten Demokratien: Mit Guantanamo wurden Gefangene abseits des Völkerrechts, mit Waterboarding abseits das Menschenrechts gestellt und mit einer legalisierten Überwachungsstaatlichkeit die Freiheitsrechte von Bürgerinnen und Bürgern beschränkt. Staatliche Kontrollgremien sind nur noch legalistische Feigenblätter, die im Namen des Geheimnisschutzes mit geschwärzten, gekürzten Berichten und Aussageverweigerungen hingehalten werden.

All das widerspricht jeglichem Sinn des Rechtsstaatsprinzips. Schon innerhalb des rechtspositivistischen Rahmens. Doch spätestens mit der Radbruchschen Formel ist der inhärente Fehler des Rechtspositivismus aufgezeigt worden: Legales Unrecht muss durch nicht-gesetztes Recht gebrochen werden können, um der Gerechtigkeit zu dienen. Und genau diese über das gesetzte Recht hinaus weisende Fundierung im Naturrecht macht das Rechtsstaatsprinzip eigentlich aus. Ein Staat ist nicht ein Rechtsstaat, weil er sich ein Recht gibt und sich daran hält oder es bei Bedarf an eigenen Willen anpasst. Ein Rechtsstaat ist ein Staat immer dann, wenn er sich an naturrechtliche Normen der Gerechtigkeit, Freiheit und Menschlichkeit hält, ob sie nun kodifiziert sind oder nicht. Rechtsstaatlichkeit ist damit praktisch flüchtiger als Druckertinte auf Gesetzpapier.

Um es für simple Gemüter wie Innenminister Friedrich oder Bundespräsident Gauck zu formulieren: Weil die Deutsche Demokratische Republik sich die Demokratie selbst attestierte, war sie noch lange keine. Denn ihre Handlungen machen die Demokratie. Nicht ihr Name, ihr Recht oder ihre öffentlichen Bekundungen.

Ein Gauck, wer Böses denkt

Blankes Entsetzen, pulsierende Wut, so fühlt er sich an, dieser Tugendfuror, den ein zum Bundespräsidenten erhobener Seelenhirte regelmäßig auslöst. Und welche Seelen der Mann zu schützen gedenkt, offenbart er in einfachen Worten, denn der Verrat an sich, das Whistleblowing, brauche eine höhere Rechtfertigung. So bleiben kümmerliche Einsichten eines Mannes, dessen Blindheit vor Tyrannei sich offenbart:

Gauck forderte Informationen dazu, welchen Rechtsbruch Snowden denn aufgedeckt habe. "Dann wächst mein Verständnis für solche einzelne Personen."

Dies ist das herablassende Verhalten eines Mannes, dessen Ego ihn zum Richter über Anstand, Sitte und Moral erhebt. Nicht der demokratische Diskurs macht frei, sondern konformes Verhalten nach dem Gusto eines Mannes, dessen Gebaren aristokratische Züge nicht verbergen kann. Eines Bundespräsidenten ist die wohlgefällige Bücklingshaltung gegenüber allem, was den Stallgeruch abgehangener Freiheitsbegriffe verströmt, nicht würdig. Da werden in seliger Gefühligkeit Tränen geweint, die zeigen, wie persönlich es ist, wie wenig Würde er dem Amt zu geben bereit ist.

Mit dem ‚Verrat‘ hält der Begriff Einzug, der Snowdens Verhalten per se inkriminiert, dessen Offenlegungen von oberster Stelle diskreditiert. Es ist die subtile Meinungsmache, die den Totalitarismus kaschieren kann. Denn Freiheit endet nicht, wenn Ketten gelegt werden, sondern auch wenn Amtsträger ihr Amt verabsolutieren. Wenn ihr Amt Rechtfertigung fordert, statt, wie es sein müsste, sich durch Taten zu legitimieren. Joachim Gauck ist von allen Bundespräsidenten, das zeigt sich deutlich, derjenige, dessen absolutistische Geisteshaltung mit dem Amt unvereinbar ist. Das Bundespräsidialamt ist keine Kanzel, es ist keine Verwirklichung eines konformistischen Egos. Und Freiheit endet nicht dort, wo die Vorstellungskraft eines alten Tausendsassas der Anbiederung an den Kapitalismus endet. Gauck hat das ohnehin fragwürdige Amt in unvorstellbarer Weise beschädigt, wieder einmal.

Databin: Tabellen für Freunde

Wenn mir der Schweiß nicht auf der Stirn stünde, ich würde mehr zu Databin schreiben. Ich befürchte ja, was da verdunstet, ist Lebenskraft, nicht Wasser. Was wollte ich sagen? Ja, genau: Databin ist ein kleines Örtchen, an dem schnell mal Tabellen abgeladen werden können, die ins Silo rauschen und sofort in ganz brauchbare Form fallen. Ich weiß auf jeden Fall, wofür so was gut sein kann.

databin_screenshot

Ich darf sogar an nichts rummeckern, denn der Quellcode liegt hier, und da es im hübschen Python daherkommt, ist zumindest nicht ausgeschlossen, dass ich es an meine Bedürfnisse anpassen könnte. Pastebin für Daten ist ein schöne Sache. Aber jetzt: Eisdusche.

App.net und die soziale Selektion: XOR

Ich mag app.net. Wirklich, mit jedem Tag etwas mehr. Es ist voller Menschen, mit denen ich gerne kommuniziere. Ob nun in Alpha oder Patter. Es bilden sich dort Zirkel, in denen meine Interessen konzentriert sind. Allerdings erhält in manchen Fällen diese Konzentration von in weiten Teilen gleichgesinnter Menschen den bitteren Beigeschmack, den es überall gibt, wo Menschen zusammenfinden. Ihr sozialer Mechanismus der Gruppenzugehörigkeit driftet ab. Exklusionistische soziale Selektion findet statt.

Soziale Selektion: XOR

Ein gewisser Teil der Nerdkultur hat keinerlei Schwierigkeiten mit Logikgattern, tut sich aber sehr schwer damit, ähnliche Muster in sozialen Situationen zu erkennen. Um nicht völlig vom Thema abzukommen, unterscheide ich mal zwei Wege, wie sich soziale Gruppen bilden. Sehr vereinfacht finden sich Menschen über Gemeinsamkeit oder Abgrenzung. Beide überschneiden sich oft, sodass sie sich zum Verwechseln ähnlich sehen. Sie sind ihrem Wesen nach aber unterschiedlich.

Der inklusionistische Mechanismus funktioniert über gemeinsame Interessen, Ideen oder Normen. Im Kern steht dabei die Gemeinsamkeit des sozial bindenden Mechanismus. Menschen finden bei aller Individualität um ein sozial bindendes Element herum zueinander. Allein der Umstand des Teilens und der gemeinsamen Teilhabe qualifiziert innerhalb der Gruppen. Unabhängig von anderen Interessen finden sie in einer sozialen Nische zusammen und sind über Ähnlichkeit an und in ihr gebunden. Der exklusionistische Ansatz scheint ähnlich gelagert, hat aber einen feinen Unterschied: Die Gemeinsamkeit der beteiligten Personen besteht darin, explizit nicht einer anderen sozialen Gruppe zugehörig zu sein. Ein Entweder-Oder, das soziale XOR. Primäres Qualifikationsmerkmal ist die Nichtzugehörigkeit zu einer anderen Gruppe. Die Verflechtungen sind komplex, Details blende ich deshalb aus. Wesentlich ist erst einmal der Unterschied, dass Inklusion weit weniger soziale Kollision meint, während Exklusion gerade darauf basiert.

XOR bei app.net

Vorweg noch einmal, ich spreche hier nicht von einem Massenphänomen bei app.net. Aber von einem hinreichenden, das es alles andere als eine Marginalie ist. App.net ist schon jetzt vielfältiger als gemeinhin wahrnehmbar. Alleine schon, weil ich hier größtenteils über den deutschsprachigen Teil des Netzwerkes spreche, den ich überwiegend sehe. Entlang vieler Grenzen ist app.net schon oder noch immer eine selektiv begrenzt. Aber nicht im exklusionistischen Sinne.

Von Beginn an hat sich aber app.net von Twitter abgegrenzt, auch wenn die Unterschiede größer sind. Dennoch hat sich unter den Nutzerinnen und Nutzern ein gewisser Status etabliert, der mit der reinen Zugehörigkeit zum Netzwerk verknüpft ist. Auch das ist so weit noch nicht exklusionistisch, denn wer erst einmal dabei ist, ist dabei. Das XOR kommt aber vor, wenn eine gewisse Verachtung gegenüber Twitter ausgedrückt wird. Auch ich hatte meine Gründe, Twitter zwar nicht den Rücken zu kehren, doch aber eine weitere soziale Gruppe zu finden. Dementsprechend habe auch ich über Twitter geflucht, wohlgemerkt über den Dienst, nicht die Nutzerschaft. Andere aber, wenige aus meiner Wahrnehmung, scheinen ihre eigene soziale Wunschvorstellung auf app.net übertragen zu wollen, indem Nutzerinnen und Nutzer bei Twitter pauschal disqualifiziert und diskreditiert werden. Ein anschauliches Beispiel war die kürzlich aufgeflogene Aktion, gewisse Nicknames von Twitter in app.net zu besetzen. Das ist insofern ärgerlich wie es naiv ist. Als ob sich diese Personen davon abhalten ließen, sie können ja noch Varianten der Nicknames nutzen. Aber zum Beispiel diese Beschreibung aus einem in Beschlag genommenen und inzwischen gelöschten Account sagt mehr aus:

i hate [USERNAME*]  from twitter and don’t want her here. this is why this account name is taken.

Es mag nur eine Person gewesen sein, die diese Motive hatte, doch für mich ist sie ein Produkt eines gewissen Statusdenkens. Wer derzeit bei app.net ist, wird sehen, dass subtile Selektionsmechanismen auf eine Exklusion ausgerichtet sind, die langfristig nur app.net schaden können. Meist sogar nicht mit böser Absicht tritt dieser Effekt auf, aber genau das ist die fatale Wirkung dieser Form sozialer Selektion. Und genau das sollte nicht der Zweck sein.

Soziale Vielfalt

All diejenigen, die wie ich gerne app.net nutzen, haben ein Interesse an einer Verbreitung des Dienstes, wenn auch allein nur, um ihn wirtschaftlich am Leben zu halten. Damit geht aber auch eine notwendige oder immerhin nicht vermeidbare Verbreiterung der Nutzerschaft einher. Im Sinne der Filtersouveränität obliegt es uns allen, wie wir mit Störsignalen umgehen. Aber das XOR einer rein thematisch, ideologisch oder auch subkulturell gefilterten Nutzerschaft ist mir zuwider. Über die kleine Blase, die wir als Einzelne im Netzwerk darstellen, bestimmen nur wir. Richtig. Darüber hinaus finden sich diese Blasen zu größeren zusammen wie es ihnen beliebt. Inklusionistisch im besten Falle. Wer nicht übers Stricken reden will, soll es auch nicht müssen. Wer keine Gadgets hat, darf sich raushalten. Und wer jeden Abend ein Gute-Nacht in die Timeline ruft, soll dies tun. Jedes dieser Themen hat seine Berechtigung. Auch auf app.net.

* Der Username tut hier nichts zur Sache. Anm. d. Verf.