Soziale Werbung – und warum wir sie nicht brauchen

Mit der Tür ins Haus zu fallen ist keine schlechte Eigenschaft, um eine Diskussion anzustoßen. In diesem Sinne ist mspro die Expertise im ‚Auf-Türen-durch-dein-mentales-Wohnzimmer-reiten‘ überhaupt nicht abzusprechen. Im Falle von Werbung ist sozial führt ihn die polemische Ausrichtung seines Textes, die ich sonst schätze, aber in den roten Bereich der fatalen Komplexitätsreduktion. Die Tür, ich bleibe mal bei dem Bild, ist schon im mentalen Flur so abgeschmirgelt, dass sie Papier zu nennen noch reichlich optimistisch wäre. Seine Annahme ist nicht falsch, für meine Begriffe aber auch nicht ausreichend.

Die Sache mit der Umverteilung

Seine Argumentation klingt überzeugend einfach, denn Werbung sei ein Mittel der Quersubventionierung zu Gunsten der Ärmeren Gesellschaftsteile. Nehmet den Reichen, gebet den Armen:

Denn das, was erreicht werden soll ist schließlich, dass der Empfänger der Werbung sein Geld für die beworbenen Produkte ausgibt. Je mehr Geld er hat, desto mehr wert ist seine Aufmerksamkeit. Daraus folgt: die Daten und die Aufmerksamkeit der Besserverdienenden quersubventionieren zu einem nicht unwesentlichen teil meinen Medienkonsum. Und den von vielen anderen Leuten mit wenig Geld.

Das klingt einleuchtend. So funktionieren weite Teile der sozialen Netzwerke im Web. Es ist auch offenkundig eine Umverteilung, das ist kaum zu bestreiten. Gegen die Umverteilung von oben nach unten malt er das Bild einer verhärmten Elite, die sich mit Geld exklusive Clubs hält. Der vermeintliche Plebs muss draußen bleiben. Dagegen wirken werbefinanzierte Umverteilungsnetzwerke geradezu egalitär. Doch schon sein Beispiel zeigt, dass diese Umverteilung nicht alternativlos ist. Er spricht app.net an, das einstmals nur durch eine Bezahlschranke erreichbar war, doch ist dieser Dienst mittlerweile geeignet, sein Argument zu entkräften. Seit Anfang des Jahres gibt es – im Funktionsumfang eingeschränkte – kostenlose Accounts. Was geschieht da? Umverteilung.

Dieses Mal aber nicht über den Umweg der Werbung. Die zahlenden Nutzerinnen und Nutzer subventionieren die kostenlosen Accounts. Dieses Freemium-Modell ist so neu auch nicht mehr. Ein Paradebeispiel ist github, wo zahlungskräftige Nutzerinnen und Nutzer sich private Repos erkaufen, damit aber die Open-Source-Öffentlichkeit finanzieren. Denn solange dort Code frei zugänglich gemacht wird, ist die Nutzung kostenlos.  So alternativlos ist die von mspro angenommene Umverteilung der Werbung also nicht. Ähnliche Umverteilungsmechanismen sind etabliert, erfolgreich und haben alle Vorteile der werbefinanzierten Umverteilung. Heben die Nachteile der Werbung aber auf.

Ist Umverteilung durch Werbung sozial?

Werbung hat eine soziale Funktion innerhalb heutiger ökonomischer Kontexte, ihre gesellschaftliche Funktion macht sie aber allein noch nicht gesellschaftsdienlich. Diese Ambivalenz des Begriffs des Sozialen ist weniger problematisch, denn es gibt keinen Grund, warum Werbung nicht sozial im Sinne von gesellschaftsdienlich sein könnte. mspro zeigt klar, dass sie eine gesellschaftlich wünschenswerte, sogar globale Umverteilung ermöglichen kann. Die Frage ist aber, ob Werbung hierfür ein gutes Mittel und daher Werbefinanzierung wünschenswert ist?

Aus meiner Sicht sprechen viele Argumente gegen werbefinanzierte Umverteilung, die nicht einfach dadurch geschwächt werden, dass mspro sie zur Verfremdung summiert:

Werbung ist nervig, für Werbung werden Daten gesammelt, Werber sind sowieso doof und überhaupt ist Werbung mindestens eine der schlimmsten Ausformungen des Kapitalismus. Einself.

So einfach ist es allerdings nicht, Werbekritik zu widerlegen. Die Datenschutzaspekte lasse ich dabei mal außen vor, mir geht es vorrangig um die Aspekte der Kommunikation. Damit meine ich Kommunikation wie die Sprachwissenschaft beispielsweise sie annimmt, nicht den Euphemismus, mit dem sich Werbung parasitär an die tatsächliche Kommunikation angeschlichen hat. Aus kommunikativer Sicht hat die Werbung erhebliche Nachteile:

  • Je umfangreicher die Werbung, desto geringer die Aufmerksamkeit für tatsächliche soziale Interaktion. Werbung entwickelt eine perfide kommunikative Zentrifugalkraft, die weit über das hinausgeht, was Mainstream-Kommunikation genannt werden kann. Sie bindet auch finanzielle Mittel in Werbeetats und zwingt ihre Bedingungen der Kommunikation auch anderen sozialen Institutionen auf, die nicht die finanzielle Ausstattung haben, gleichberechtigt mit ihr um Aufmerksamkeit konkurrieren zu können.
  • Werbung will keine gleichberechtigte Kommunikation. Sie will ihre Botschaft unwidersprochen etablieren. Wird ihre kommunikative Vormachtstellung hinterfragt, kritisiert oder attackiert, wehrt sie sich mit überbordenden Kräften. Werbung ist eine übermächtige Kommunikationsteilnehmerin. Und sie duldet keinen Widerspruch.
  • Werbung manifestiert mit ihrer Kommunikationskraft soziale Rollen und Muster, die nicht wünschenswert sein können. Gegen die negativen Folgen sozialer Uniformierung, Normierung, Diskreditierung und Diskriminierung durch Werbung sind ihre kommunikativen Vorzüge marginal.
  • Werbung macht abhängig von den Meinungen und Positionen Dritter. Werbung hat eine eigene Agenda, die nicht nicht zwingend sozial im gesellschaftsdienlichen Sinn sein muss. Sie kann diesem Sinn sogar widersprechen. Dennoch wird bei werbefinanzierter Umverteilung die inhaltliche Kontrolle indirekt an die Werbeindustrie abgegeben. Das heißt nicht, dass dies in alternativen Umverteilungsmechanismen nicht der Fall wäre, dass Eliten Inhalte kontrollieren, aber es ist ein wesentlicher Unterschied erkennbar. In Freemium-Umverteilungen entscheiden sich zahlende Nutzerinnen und Nutzer beispielsweise bewusst für die Netzwerke, weil sie ihren sozialen Wünschen entsprechen. Ihr Antrieb ist also die soziale Interaktion, für die sie gerne zahlen und subventionieren. Werbung zahlt dagegen nicht für soziale Interaktion, sondern für Eingriffe in soziale Interaktion.
  • Werbung, das scheint mspro einzugestehen, interessiert sich nur mittelbar für die Interessen, Meinungen und Gedanken der ärmeren sozialen Schichten, nämlich nur, solange sie für die reicheren Schichten als Projektionsfläche sozialer Interaktion dienen. Gerade wegen der von mspro angenommenen egalitären Motive der Umverteilung, halte ich die mittelbare Abhängigkeit weiter Teile der globalen Gesellschaft in Diskursen für überaus problematisch.

Aus meiner Sicht reichen allein die kommunikativen Folgen von werbegestützter Umverteilung, um nach Alternativen zu ihr zu suchen. Ich will noch kurz darauf verweisen, dass es durchaus auch noch kritische Punkte gibt, die zu den Rahmenbedingungen der Ungleichverteilung von finanziellen Mitteln heutzutage zu sagen wären, aber das würde den Rahmen sprengen.

Werbung kann sozial sein, ist aber nicht erstrebenswert

Für mich ergibt sich ein einfacher Schluss. Werbung kann sozial sein, muss es aber nicht. Und sie ist es in den meisten Fällen auch nicht.  Ihre intrinsischen kommunikativen Mechanismen widersprechen nicht grundsätzlich einer sozialen, also gesellschaftsdienlichen Funktion, dauerhaft allerdings gerät sie in Konflikt mit diskurstheoretisch notwendigen Bedingungen. Allein deshalb reicht mspros Annahme nicht aus, um werbefinanzierte Umverteilung gutheißen zu können. Alternative Modelle, auch wenn sie noch lange nicht problemlos sind, verfügen nicht über das störende, übergriffige Potenzial, soziale Interaktion und Kommunikation zu beeinflussen, behindern oder verhindern zu wollen. Werbung kann also durchaus, da hat mspro recht, sozial sein. Aber das ist nicht die eigentliche Frage. Fragt lieber: Wird sie jemals sozial genug sein?

Desmos: Grafischer Rechner im Web

Schon vor einiger Zeit darauf gestoßen, Desmos ist ein graphischer Rechner im Netz.

Ehrlich gesagt, ich bin für alles dankbar, das mathematische Vorgänge visualisiert. Ich springe auf grafische Darstellungen abstrakter Rechnungen deutlich besser an. Deswegen mag ich Desmos so, denn für eine webgestützte Anwendung ist die Oberfläche intuitiv und macht aber auch komplexere Darstellungen zugänglich.

Noch ein bißchen mehr Freiheit, ADN, dann passt’s

Die Loblieder auf app.net (ADN) spare ich mir an dieser Stelle mal größtenteils, es ist ein Dienst, der mehr ist als alpha, seine offenkundigste Anwendung. ADN ist nicht allein ein Twitter-Klon gegen Bezahlung. Es gibt auch erste Ansätze einer Chat-Umgebung mit Patter und auch eine rudimentäre Dateiverwaltung des Onlinespeichers, den ADN bereitstellt. ADN ist derzeit vor allem ein Experiment, eine sozialen Plattform im Web zu etablieren, die tatsächlich mal überein vergleichsweise transparentes Geschäftsmodell verfügt. Ich mag ADN, andere Menschen müssen meine Ansicht nicht teilen. Es hängt zu sehr von der eigenen Vorstellungskraft ab, was davon zu halten ist. Ich kann mir viele Dinge vorstellen, die mit ADN realisiert werden könnten.

Auch der Kritik an ADN will ich mich grundsätzlich nicht verschließen, wobei der derzeit wichtigste für mich kaum eine Rolle spielt. Es droht auch hier eine Zentralisierung meines Onlinelebens, also das Hängen am Tropf eines einzigen Anbieters. Diese Bedenken sind berechtigt, wegen der Größe von ADN noch nicht drängend. Und: Der Anbieter macht sich auch abgängig von mir, von meinem Geld, das ich nur zu zahlen bereit bin, solange ich mich nicht hintergangen fühle. Denn auch wenn es nur ein schwache Sicherheit ist, ist zahle Geld für einen Service, den mir ADN in einer bestimmten Form zusichert. Das ist allemal besser als vom guten Willen eine Facebook, Google oder Tumblr leben zu müssen.

Weit stärker stört mich allerdings, wie wenig frei ich tatsächlich mit meinen Daten umgehen kann. Denn ich habe einen reinen Premium-User-Account, aber keine Developer-Privilegien, für die ich doch noch etwas mehr zahlen müsste. Das ist für meine Begriffe eine ordentliche Delle im Konzept von ADN, denn sie bestehen darauf, dass meine Daten immer mir gehören. Derzeit bin ich aber überwiegend auf Drittanbieter angewiesen. Dev Lite könnte in meinem Fall Abhilfe schaffen, denn damit erhalte ich immerhin ein persönliches Access-Token für die API, um mir selbst aushelfen zu können, ohne grundlegende Programmierkenntnisse geht da aber auch nichts.

ADN täte gut daran, die Selbstbestimmung über die eigenen Daten zu erhöhen, gerade wenn eine weitere Öffnung des Dienstes über technikaffine Kreise hinaus erlangt werden soll. Denn genau für die Freiheit zahle ich. Es wird jetzt Zeit, dass es noch leichter wird, mir die Freiheit zu nehmen.

Der Schwarm, die Intelligenz und das Wiederkäuen

Den Netzoptimismus kann ich mir nicht abgewöhnen, aber völlig mitgehen auch nicht. Nicht mehr. Ich schiebe es auf altersbedingte Misanthropie, die ich aus Sorge um meinen Ruf vorzugsweise als Realismus bezeichne. Soll heißen, der Glaube an die rosige Zukunft der Menschheit durch das Internet oder Technik ganz allgemein fiele mir deutlich leichter, wenn der Faktor Mensch nicht Teil dieser Rechnung wäre.

Es muss aber nicht immer eine pseudo-anthropologische Grundtendenz sein, die mich dazu bringt, den Fortschritt nicht mit jedem Startup einzuläuten, denn das Etikett Fortschritt verkauft ein Startup nun einmal teurer, selbst wenn der faktische materielle, ökonomische oder kulturelle Nutzen bei näherer Betrachtung unterhalb jeder Relevanz liegt.

Für mich ist Codecademy so ein Beispiel für die revolutionäre Geste der kostenlosen Bildung für alle, die bei Lichte betrachtet dem Vorschlag gleichkommt, Menschen die Liebe zur Kunst mittels Malen nach Zahlen nahe bringen zu wollen. Codecademy ist nicht gescheitert, denn das grundlegende Versprechen löst es ein: Menschen können die Grundlagen einiger essentieller Script- und Auszeichnungssprachen lernen. Hierzu stehen für JavaScript, Ruby, PHP, Python und andere vorgefertigte Kurse bereit. Als interpretierte Sprachen bieten sie sich geradezu an, da es vergleichsweise einfach ist, einen Editor und den jeweiligen Interpreter im Browser zur Verfügung zu stellen.

Die ersten Schritte bei Codecademy dürfte für Neugierige erstaunlich leicht nachvollziehbar sein. In diesen Bereichen ist Codecademy erstaunlich, könnte sogar Hürden einreißen oder so weit senken, dass sie nicht mehr abschreckend wirken. Danach wird die Luft aber wieder dünn, denn wenn die ordentlichen Pfade der größeren Lerninhalte begangen sind, ziehen neue Hürden auf. Es gibt keinen Fingerzeig über das mechanisch erlernte Wissen hinaus.

Die Idee ist blendend, das Lösungsmuster ist im Netz altbewährt. Der Schwarm wird es schon richten. Irgendwie, egal wie. Denn Codecademy hat nur ein klappriges Gerüst zusammenhängender Übungen mit etwas, das einem didaktischen Konzept ähnlich sieht. Darüber hinaus sollen Kurse von der Community erstellt werden. Selbst nach langer Zeit bei Codecademy verstärkt sich der Eindruck, das der Pflege der Kurse keinerlei Beachtung geschenkt wird.

So reihen sich dann von Laien verfasste Kurse aneinander, die inhaltlich entweder reine Lückentests sind, sodass höheres Verständnis kaum entsteht, geschweige denn, die Fähigkeit eigene Ideen umzusetzen, oder dieses Verständnis wird vorausgesetzt. Die Qualitätssicherung besteht bloß aus einer plumpen Sternskala zur Bewertung des Kurses und unübersichtlichen Foren, in denen sich die Stimmen der Verwirrten überschlagen.

Moderation oder gar Redaktion kann ein dermaßen irritierter Schwarm kaum leisten. Das Versprechen universellen Wissens verkümmert so zum Stimmengewirr des Halbwissens in der vernetzten Masse. Das heißt allerdings nicht, dass sie nicht möglich wäre, die vernetzte Bildung zu geringem Preis, doch sind die bisherigen Lösungsansätze der Startups – denn es ist nicht Codecademys spezifisches Problem – eher technokratischer Idealismus verbrämt mit dem Idyll der Weisheit des Massen.

Doch was ist es für ein Wissen, das in redundanten Aufgaben vermittelt wird? Bildung, selbst in der geringsten aller Definitionen, ist nicht die mechanische Reproduktion von Fertigkeiten. Dieses Bildungsideal ist allerdings metrisch wieder schwer zu greifen, da ist es doch besser, nur das Wiederkäuen von Informationen zu messen und als Bildungsleistung vorzugaukeln. Von dem Ideal der Bildung als befreiendem, befähigendem, ermächtigendem menschlichen Werkzeug ist das weit entfernt. Ingenieurswissenschaftlich betriebene Aufklärung ist das, mehr nicht. Schade, denn im Netz allgemein wie auch bei Codecademy sind wirklich fantastische Inhalte zu finden. Den Zugang hat das Netz erleichtert, das Finden ist noch immer die Herausforderung.

Der Reader ist tot, lang lebe der Reader

Anfang März erreichte mich die Botschaft, der Reader werde dieses Jahr eingestellt. Die Begründung dafür klang auch einleuchtend: Der Aufwand lohne sich bei der geringen Anzahl aktiver Nutzerinnen und Nutzer schlicht nicht. Bald schon solle Schluss sein, weshalb ich meine Feeds bei Bedarf sichern solle. Diese kurze Mail war für mich kein Schock, machte mich aber nachdenklich, wann ich das letzte Mal diesen Reader benutzt hatte. Es muss schon lange her sein, vor meinen Augen entstand kein Bild mehr aus der Erinnerung. Da geht wieder ein Reader dahin. Hinter dem großen Raubtier blieb in der Fressordnung kaum noch etwas für die kleineren übrig. RSS-Reader sind schon vor langer Zeit zur Monokultur verkommen, da machte ich mir nichts vor.

Aber ich konnte ganz gut damit leben, solange die Bestie Google Reader mir noch ein paar Brocken vor die Füße warf. Da kümmerte es mich nicht, von der Einstellung des Simplenews Readers zu hören, es war der Lauf der Dinge. Der kleine Konkurrent konnte untergehen, das störte mich kaum, war es doch auch der Beweis der Stärke des Riesen. Ja, Anfang März war es noch völlig unvorstellbar, dass der Reader jemals etwas anderes meinen würde als den Feed-Aggregator von Google. Bis gestern Nacht die ersten Klagen aufkamen. Heute Morgen war es endgültig Gewissheit:

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Die Begründung für diesen Schritt liest sich fast genau so wie beim sehr viel kleineren Konkurrenten: Schwindende Nutzungszahlen, Aufwand zu groß ohne Ertrag, konzentrieren uns auf wichtigere Dinge. Und da war sie wieder, diese Stimme, die unbeirrt flüstert: RSS ist tot. Aber kann das sein? Wie kann, ganz laienhaft gesprochen, ein so simples und effizientes Markup wie RSS so kläglich scheitern, dass sich die Verbreitung in der breiten Öffentlichkeit so nicht einstellen konnte? RSS-Reader machten für mich das individualisierte Nachrichtenprogramm möglich. Schund neben Kunst, Sex zusammen mit Prüderie, Nippes und Hippes, es war aber immer gerade das, was mich interessierte. All das ist nicht tot, es wird im Hintergrund noch genutzt werden, davon gehe ich aus. Die Massentauglichkeit ist für RSS aber nun endgültig zu den Akten gelegt. Aber das ahnte ich schon immer.

Fernab dieser Bedenken war der Schock für mich auch nicht verwunderlich. In der Zeitrechnung des Netzes ist Google Reader ein Dinosaurier, der viele andere Anwendungen kommen und wieder gehen sah. Mein Vertrauen in den Reader beruhte auf dieser impliziten Ewigkeitsklausel, die er ausstrahlte. Vielleicht war es nicht massentauglich, aber der Reader würde bleiben, das ließ ich mir von gegenläufigen Indizien wie der nachlassenden Pflege durch Google nicht verderben. Ich brauchte den Reader, also schuf ich eine prächtige kognitive Dissonanz, in der Google Reader ewig währte. Die Meldung vom Aus riss mich aus der verzerrten Welt, ich landete hart auf dem Boden der Tatsachen. Es tat aber nicht so weh wie die Frage, was nach dem Google Reader kommen würde.

Dann fiel mir wieder ein, warum ich mich damals bei bei Simplenews angemeldet hatte. Und bei Bloglines auch, bei Netvibes und vielen anderen. Ich hatte gefühlt alle Reader schon probiert, einige waren richtig gut, wurden aber eingestellt, weil Google Reader als kostenloser Dienst von Google kleinen Entwicklern Ketten um den Hals legte, an denen sie meist recht schnell erstickten. Ich landete immer wieder bei Google. Aber hieß das nicht auch, dass ich immer auf der Suche nach einer Alternative war? War der Google Reader nicht schon seit langer Zeit ein Dorn in meinem Auge?

Ja, der Google Reader war zu gut, um ihn zu verlassen, bereitete aber auch immer Kopfschmerzen und ein komisches Gefühl im Magen. Und genau das fiel mir im Laufe des Tages wieder ein, ich wollte immer schon weg, konnte aber aus Gewohnheit nicht. Jetzt geht es nicht mehr anders, Alternativen müssen her. Und war das nicht der Grund, warum ich überhaupt so viel Software ausprobiere? Ich finde jeden Tag haufenweise vielversprechende Anwendungen, probiere einige, kaufe manche. Der Spaß liegt im Finden von guten Tools. Ab 1. Juli werde ich spätestens wieder reichlich Grund für die Suche haben. Und bis dahin werden sicher noch neue Apps aufkommen, denn der rücksichtslose Fleischfresser ist dann nicht mehr.

ZEIT ONLINE: Im Prinzip eine feine Sache die API, aber…

Sehe ich das richtig, die Im November letzten Jahres gestartete API von ZEIT ONLINE bietet alles bis auf eine Volltextsuche? Da kann ich mir lange die Augen reiben, die Lizenz klingt so:

Die Speicherung und Ausgabe des Volltexts von Artikeln ist zum derzeitigen Stand nicht möglich. Bitte beachten Sie, dass die Beiträge unserer Autoren dem Schutz des Urheberrechts unterliegen. Falls Sie ein Projekt auf Grundlage von Volltextübernahmen planen, möchten wir Sie bitten, mit uns Kontakt aufzunehmen. Es gelten die Allgemeinen Nutzungsbedingungen von ZEIT ONLINE. Für Rückfragen stehen wir gern zur Verfügung.

Ich will ja nur suchen, nicht wiedergeben oder speichern. Dann schaue ich mir mal die Endpoints an. Da ich Volltexte durchsuchen will, klingt Content doch genau richtig. Doch die Inhalte werden nicht durchsucht, wenn ich es richtig sehe, allenfalls eine Zusammenfassung kommt dabei rum. Bei den Keywords ist mein Vertrauen auch nicht so groß, dass mehr als nur die relevantesten Begriffe ausgewertet werden können. Im wahrsten Sinne des Wortes ist es nicht, was ich suche.

Auf Anforderung gibt es da Möglichkeiten? Nicht meine Sache. So schön eine API für eine der renommiertesten Wochenzeitungen Deutschlands ist, mit der Beschneidung des reizvollsten Datenbestandes, alleine schon nur zur Auswertung, bleibt die API zwischen Datenfreizügigkeit und Urheberrechtsschranken gefangen. Und ehrlich, der trockene Hinweis auf die Urheberschaft der Autorinnen und Autoren lässt Schlimmes erahnen, sollte das Leistungsschutzrecht, wovon auszugehen ist, kommen. Ich benutze keine API, die mir jeder Zeit juristisch eins um die Ohren hauen kann.

So viel dazu, bevor ich einen API-Key hole, wenn ich einen hole sollte.

StumbleUpon: Y U No API?

Bin nur ich, es kann nicht nur ich sein? Oder ist StumbleUpon mittlerweile so irrelevant, dass unsereiner sich darum nicht kümmert? Wenn es hiernach geht, dann kann es auch tatsächlich damit zusammenhängen, dass die digitale Karawane weitergezogen ist. Aber auch in diesem Fall bleibt es eine Schande: Es gibt keine API, um meine Daten, als die ich sie empfinde, exportieren zu können.

Es gibt eine klitzekleine API zum hauseigenen Link-Shortener su.pr. Das ist nicht spektakulär, wir leben im Jahr 2013, da werden Links an jeder Ecke gekürzt. Und die Badges können eingebunden werden. Das ist allerhöchstens Web 2.0, also auch so etwas wie ein digitaler Staubfänger. Und vor allem ist es nicht, was ich meine und suche. Denn einige Pfade führen zu StumbleUpon, sie sind nicht mal mehr die bequemsten, aber unsereins kann noch damit leben. Oder wäre der Konjunktiv an dieser Stelle besser.

Ja, ist er. Denn es führt kein Weg von StumbleUpon zurück in die bunte Welt, da braucht es mehr als das. Womöglich zeigt StumbleUpon sogar einen anderen Weg des Locked-In, der weit weniger Heilsversprechen ist, als es manche sich einreden wollen. Ich mache keinen Hehl daraus, dass im Locked-In die Zukunft liegt, ich schreibe das hier auf einem iPhone, vom Kunstrasen hinter den frisch gestrichenen Betonwänden Apples. Aber das Locked-In ist auch ein wagemutiges Spiel, es braucht anscheinend ein kritische Masse. Aber was hat das mit StumbleUpon und der fehlenden API zu tun?

Gehen wir von meinen Daten aus, sie sind heute beweglicher denn je, sie fliegen durch Wolken von Google, Apple, Dropbox oder Twitter. Warum sie das können? Weil die Daten sich mit mir bewegen, wohin ich auch gehe. Und damit ist nicht nur eine App auf dem Smartphone gemeint, ich meine, jede meiner Bewegungen im Netz zieht einen luftigen Schweif hinter mir her. Die Bequemlichkeit fordert es, oAuth macht es möglich: Viele Dienste sind miteinander verwoben, sie korrespondieren miteinander. Mit mir, wegen mir und in gruseligen Momenten über mich. Dennoch ist meine Wahrnehmung gespalten, ich kenne die Risiken, erfahre aber auch die Qualitäten der Freizügigkeit.

Jetzt habe ich mich wunderbar in eine logische Falle geschraubt, meine Datenschutzbedenken auf der einen Seite, mein Wunsch nach Datenfreizügigkeit auf der anderen. Das Dilemma habe ich selbst für mich noch nicht gelöst. Um wenigstens halbwegs wieder auf meinen eigentlichen Punkt kommen zu können, blende ich das Thema Datenschutz an dieser Stelle wieder aus.

Hier der Punkt: Besteht die Möglichkeit, nur eine entfernte, dass sich der ehemalige Koloss StumbleUpon damit verspekuliert hat, die eigenen Nutzerinnen und Nutzer einschließen zu wollen, sich aber selbst effektiv schleichend vom Netz ausgesperrt hat? StumbleUpon war nie eine kommunikative Gemeinschaft, mit der de facto Ausgrenzung der deutlich anziehungsstärkeren Netzwerke Twitter oder Facebook haben sie sich womöglich selbst das Wasser abgegraben.

Jetzt noch mit einer API zu rechnen ist eigentlich naiv, wäre aber schön, um mit meinen Daten durchs Netz wandern zu können. Es ist lächerlich, das ein Internetunternehmen über Jahre den eigenen Nutzerinnen und Nutzern zumutete, die eigenen Lesezeichen nur bewerkstelligen zu können, indem ein Browser-Toolbar von StumbleUpon installiert wird, mit dem dann die Daten als XML gezogen werden können. Je länger ich darüber nachdenke: Schön war’s mit dir StumbleUpon, aber besser für mich, dass es aus ist.

Firefox OS: Mozillas Wagnis

Mozilla kündigte zwei Mobilgeräte mit Firefox OS an. Technisch kommen beide Geräte eher schmalbrüstig daher, wenn ich diesen Angaben trauen kann. Das erklärt sich aber durch das angepeilte Niedrigpreis-Marktsegment. Dennoch machen mich zwei Aspekte hellhörig: Der erste ist die Entscheidung, Firefox OS als eine offene, allein von Webentwicklung gespeiste Mobilplattform zu positionieren. Zweitens macht es den Druck deutlich, der auf alteingesessenen Web-Projekten lastet.

Das HTML5-Betriebssystem

In der oben verlinkten Pressemitteilung weist Mozilla auf das aus ihrer Sicht bedeutende Alleinstellungsmerkmal hin:

The Firefox OS for mobile devices is built on Mozilla’s „Boot to Gecko project“ which unlocks many of the current limitations of web development on mobile, allowing HTML5 applications to access the underlying capabilities of a phone, previously only available to native applications.

Das hieße, Webentwicklung hätte mit Firefox OS einen direkten Zugang zu mobilen Geräten. HTML, CSS und JavaScript stellen die ausreichenden Ressourcen für mobile Entwicklung dar? Das wäre für mich persönlich schon ein Unterschied, denn mit HTML, CSS und JavaScript komme ich immerhin schon über die Runden, während so ein Objective C für iOS in deutlicher Ferne liegt. Aber mal über den Tellerrand meiner persönlichen Suppe geschaut, es dürfte für Web-Apps und deren Entwickler leicht sein, unter Firefox OS zu laufen bzw. sie zum laufen zu bringen. Denn schließlich ist Firefox OS ein aufgebohrter Browser mit einer anderen Hardwareumgebung.

Mobil oder stirb?

Doch so sinnvoll es scheint, es dürfte aus meiner Wahrnehmung für Mozilla auch kaum eine Alternative geben, um so spät auf diesen Markt zu drängen. Sie müssen die Nische finden, um einen Fuß auf den Boden zu kriegen. Da ist dieser vergleichsweise leichte Zugang für Entwickler eine ordentliche Idee, auch der Preis dürfte bei der beschriebenen Hardware deutlich in unteren Bereichen liegen und damit gegebenenfalls attraktiv sein. Da passt es, dass die Geräte anscheinend in zunächst Brasilien an den Start gehen sollen.

Auf dem Desktop dürften Mozilla allmählich die Felle davon schwimmen, in den Industrienationen sind die Märkte wohl dicht, da trifft es sich gut, wenn auch in den BRIC-Staaten mobile Geräte bachgefragt werden.

Für mich ist es ein Zeichen für den erstaunlichen Wandel, der sich in den letzten Jahren vollzogen hat. Im Laufe von einigen Jahren hat sich die Hardwareumgebung drastisch geändert. Firefox war vor nicht allzu langer Zeit der verheißungsvollste Stern am Browser-Himmel. Der nach den Browserkriegen aus der Asche Netscapes aufstieg, um dem Internet Explorer in vielen Bereichen den Rang abzulaufen. Und nun? Von Chrome attackiert auf den Desktops, auf mobilen Geräten bislang absolut marginalisiert, Mozilla muss unweigerlich im Mobilmarkt ankommen. Aus Sentimentalität ist es nur zu wünschen, dass es gelingt, auch wenn es vielleicht doch zu spät kommt.

Codecademy hat Web-API-Kurse

Mir ist jetzt erst aufgefallen, dass Codecademy nicht CodeAcademy heißt. Ist eigentlich auch egal, dort gibt es gute Grundlagenkurse in gängigen Skript-/Programmiersprachen und Webtechniken. Seit Neuestem werden dort auch kostenlose Kurse zu APIs angeboten. Das trifft sich hervorragend, denn bei meinen bislang kurzen Auseinandersetzungen, habe ich noch nicht wirklich Grundsätzliches gelernt.

Die Übungen sprechen diverse APIs an, auch wenn derzeit nicht die geläufigsten Namen der Social-Media-Welt dabei sind. Das macht nicht wirklich etwas, da die Grundprinzipien bei den gängigen RESTful-APIs vergleichbar sind.

Im Moment sind Kurse für drei Sprachen vorhanden. Für JavaScript, Ruby oder Python gibt es jeweils einen kurzen Grundkurs zu den Basics von APIs, also wozu diese Schnittstellen dienen oder wie das mit den HTTP-Request ist. Darauf folgen die eigentlichen inhaltlichen Online-Kurse, in denen ein geführter Gang durch Code in der jeweiligen Sprache beginnt.

Da ich mich derzeit auf Python eingeschossen habe, habe ich dort angefangen. Der simpelste Kurs ist mit Sicherheit der, in dem nur ein wenig Katzencontent als Platzhalter geladen wird. Da ist noch recht wenig Arbeit zu leisten. Etwas umfassender wird es bei der API von bitly, doch der für mich schwerste Brocken waren die Kurse zu den APIs von NPR.

Hierzulande wird dieses spendenfinanzierte, öffentliche Radio der USA weniger bekannt sein. Die Unterschiede sind gewaltig, doch hat der Sender selbst einen Bildungsanspruch, der mit denen der öffentlich-rechtlichen in Deutschland vergleichbar ist. Daher bietet NPR auch viele verschiedene Formate, Texte, Radiosendungen, Mitschriften und Videos frei zugänglich an.

Dementsprechend ist die Story-API enorm groß. NPR wirft mit riesigen Datenobjekten um sich. Glücklicherweise sind die Übungen in Python gut strukturiert, sodass es leicht fällt, recht zügig die erste Basis-URL mit Query-Elementen versehen zu haben, die mit JSON-, XML- oder andern Objekten gewürdigt werden. Danach geht es darum, aus diesen Objekten die relevanten Informationen auszulesen.

Diese Kurse zu NPR-APIs haben den Vorteil, dass sie auf zusätzliche Bibliotheken verzichten. Zwar ist es dadurch weniger komfortabel, doch der Lerneffekt ist größer, solange die Querys und Objekte „von Hand“ erstellt werden. Bibliotheken, die Requests vereinfachen oder beim Parsen der Datenobjekte Zeit sparen, nehmen am Anfang zu viel Last ab und würden den Blick auf die Konzepte verstellen.

So sind die Kurse zu den APIs gute, praxisbezogene Lerneinheiten für alle Einsteigerinnen und Einsteiger, die ihre Kenntnisse in den jeweiligen Sprachen auf die Probe stellen wollen. Gerade das anfangs überwältigende der NPR-Objekte macht dabei klar, wie wichtig gute Kenntnisse sind, wie diese Daten am besten zu verarbeiten sind.

Sprechen Sie Duolingo?

Mit Duolingo hat sich ein weiteres Startup daran gemacht, über das Netz Sprachen – derzeit Deutsch, Französisch, Spanisch und Portugiesisch zu vermitteln, und nun eine App für iOS veröffentlicht. Weniger aufsehenerregend ist dabei der Ansatz als das Geschäftsmodell, mit dem mehrere Sprachen von grundauf erlernt werden können, wobei der Dienst in vollem Umfang kostenlos ist und auch bleiben soll. Das Team hinter Duolingo führt eine besondere Form des Crowdsourcings ein: Es zieht die Nutzerinnen und Nutzer zu Übersetzern heran. Erster Großer Haken, bevor weitergelesen wird: Das Interface ist auf Englisch, heißt also, in Deutschland lässt sich das Konzept nur durch die Beherschung einer weiteren Fremdsprache anwenden. Wer in Englisch noch große Lücken hat, wird von Duolingo kaum profitieren können.

Das Konzept

Vor der iOS-App gab es schon längere Zeit die Webapp, der Aufbau ist bei beiden aber im Prinzip gleich: Kleinere Lerneinheiten, sie dürften nicht mehr als fünf bis zehn Minuten dauern, sind in thematischen Modulen gebündelt. Die Module wiederum sind Teil eines verzweigten Fertigkeitenbaumes. Gamification steckt damit in jedem kleinsten Teil von Duolingo, was keine schlechte Idee ist. Häppchenweise werden die Sprachen vermittelt, wobei die einzelnen Sprachpakete im Fertigkeitenbaum immer anspruchsvoller werden und aufeinander aufsetzen.

Es fängt ganz harmlos mit einigen grundlegenden Vokabeln zu Themen des alltäglichen Lebens an, steigert sich über die Grammatik von Hauptsätzen hin zu den Feinheiten der jeweiligen Sprache. Auffallend ist, dass bei Wiederholungen abgeschlossener Aufgaben auch Vokabeln und Themen aus anderen, bereits abgeschlossenen Bereichen einfließen, selbst wenn diese im Fertigkeitenbaum als schwieriger angesehen werden. Der Lernfortschritt wirkt also auf alle vorangegangenen Einheiten zurück, womit das Lernen weniger vorhersehbar und langweilig wird. Man sammelt buchstäblich Erfahrung, die von den Mechanismen hinter Duolingo flexibel angepasst werden und das Niveau kontinuierlich anheben. Die Motivation bleibt dadurch erhalten, dass für jede Lerneinheit schon Erfahrungspunkte vergeben werden, der Lernerfolg also Schritt für Schritt belohnt wird – Stufenanstiege inklusive.

Ich habe mich an Französisch versucht, das ich bei Weitem nicht so beherrsche wie das Englische, aber ich verfüge über ausreichend Kenntnisse, um für mich selbst abschätzen zu können, wie Duolingo daran geht, eine Sprache zu vermitteln. Dabei fiel mir aber vor allem auf, wie wenig in der iOS-App die Verben und auch grammatikalische Regeln systematisch vermittelt werden. Sie werden im Vorbeigehen angewendet, aber nie ins Bewusstsein gerufen. Ich musste oft auf mein Vorwissen zurückgreifen, um mir manche Zusammenhänge zu vergegenwärtigen. Für absolute Neulinge dürfte dies eine beträchtliche Hürde sein, die auch durch eine Liste der bekannten Verben, die nur in der Webapp einzusehen ist, kaum geringer wird. Gegen gefährliche Trugschlüsse bei der Grammatik ist das Konzept so im Moment noch nicht ausreichend gesichert. Die implizite Regelvermittlung trägt das Risiko, sich selbst Regeln zu erschließen, die fatal von der Grammatik abweichen können.

Die Aufgaben fragen auf verschiedenen Ebenen Wissen ab, mal müssen gesprochene Sätze wiedergegeben werden, dann geht es um das Zusammensetzen von Wendungen aus vorgegebenen Wörtern, Multiple-Choice-Aufgaben finden sich und auch viele andere Techniken. Die allgegenwärtige Sprachausgabe ist im Französischen brauchbar, wenngleich an mancher Wortendung blechern und verwaschen. Besonders eindrucksvoll ist die flexible Textanalyse, die auch auch verschiedene korrekte Eingaben erkennt, dabei sogar offenkundige Tippfehler mit Nachsicht behandelt. Texteingabe ist gerade unter iOS noch immer nicht so zuverlässig, daher war ich dankbar für jeden Hinweis auf einen Fehler, der aber noch nicht die Gesamtbewertung beeinflusste.

Nur mit der Alltagstauglichkeit der Beispiele ist es anfangs nicht so weit her. Ist der Wortschatz noch gering, versucht Duolingo zwar Abwechslung zu schaffen, doch fallen dabei manches Mal unsinnige oder schlicht unbrauchbare Sätze durchs Raster. Die unfreiwillige Komik hat aber auch was für sich und fällt langfristig nicht weiter ins Gewicht. Da vor allem die technische Umsetzung der Methode hervorragend ist, verbringe ich sehr viel Zeit mit der iOS-App. Nur wenn ich keine mobile Datenverbindung habe ist Schluss mit dem Lernen, Duolingo setzt für die Lerneinheiten und die Eingabeprüfung eine Netzverbindung voraus. Am besten funktioniert es im schnellen WLAN, in der Bahn stottert die App bei brüchiger Netzverbindung beispielsweise erheblich.

Das Geschäftsmodell

Duolingo lebt davon, dass Nutzerinnen und Nutzer während des Lernens Übersetzungen erstellen, an denen sich das Unternehmen als Eigentum einverleibt. Das ist für meine Begriffe ein faires Geschäft, gerade wenn ich bedenke, dass die hervorragende technische Umsetzung einige Pflege voraussetzt. Allerdings heißt dies auch, dass man sich bewusst machen muss, dass die in der App erstellten Übersetzungen zur Verwertung an Duolingos Betreiber fallen. In den Nutzungsbedingungen heißt es in Abschnitt 10 zum Eigentumsrechten an generierten Daten:

As between you and Duolingo, all data and information generated from your access and use of the educational activities made available on or through the Service, including translated content generated by you (collectively, the “Activity Data”), shall be exclusively owned by Duolingo, and you shall not have any right to use such Activity Data except as expressly authorized by these Terms and Conditions. By using the Service, you hereby assign to Duolingo any and all rights, title and interest, including any intellectual property rights or proprietary rights, in the Activity Data. All rights of Duolingo or its licensors that are not expressly granted in these Terms and Conditions are reserved to Duolingo and its licensors.

Immerhin muss ich mir keine Gedanken machen, was dann mit meinen Übersetzungen geschieht. Es ist klar: Es sind nicht mehr meine. Aber es heißt ja, man ist das Produkt, wenn man nicht dafür zahlt. Duolingo macht immerhin unmissverständlich klar, wie, wann und wo wir beim Lernen zum Produkt werden. Das ist eine Offenheit, mit der man umgehen kann, um selbst zu entscheiden, ob es sich lohnt oder nicht. Für mich war die Entscheidung aber klar, denn auch wenn ich meine Zweifel habe, dass sich nur mit Duolingo allein eine Sprache erlernen lässt, reicht es vollkommen, um bestehendes Wissen wieder aufzufrischen. Und Spaß habe ich auch noch.