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Archiv für die Kategorie ‘Alltag’

Nahe Frankfurt

18 Apr

Auf dem Weg nach Darmstadt musste ich in einer der miefigsten Städte des Taunus umsteigen. Während ich am Bahnsteig auf den Zug wartete, der bald kommen musste, hastete ein junger Mann die Treppen zum Bahnsteig hinauf. Sein Blick haftete schon auf den Stufen an der Anzeigetafel, doch keiner der Namen auf der Tafel schien ihm etwas zu sagen. Kopfschüttelnd ging er auf mich zu. "Fährt der Zug hier auch zum Hauptbahnhof in Frankfurt?", sagte er, die Worte getrennt von tiefen Atemzügen.

"Ja.", antwortete ich.

"Und…", er wurde vom einfahrenden Zug übertönt. Er wollte gegen den Lärm anschreien, merkte jedoch schnell, dass er diesen Kampf nicht gewinnen konnte. Erst als der Zug nur noch im Schritttempo fuhr, setzte er wieder an: "… und wann fährt der nächste in diese Richtung?"

"Um diese Uhrzeit?", ich fuhr die Strecke schon lange nicht mehr regelmäßig, also konnte ich nur mutmaßen. "In einer Stunde. Wenn überhaupt noch einer später fährt." Ich bestieg den Zug. Erst als ich mich hingesetzt hatte, bemerkte ich, dass er mir in den Zug gefolgt war. Er nahm mir gegenüber Platz, sein Brustkorb hob sich und sank noch immer im Takt seiner schweren Atemzüge. Mir stand der Sinn nicht nach einer weiteren Unterhaltung. Nicht weil er mir seltsam vorkam, ich hatte nur einen anstrengenden Tag hinter mir. Alles, was ich wollte, war, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Ich nahm mein Telefon und spielte Super Hexagon.

Er starrte aus dem Fenster in die Nacht, er konnte also zu dieser Tageszeit nur eine schwarzes Wand und vorüberziehende Lichtstreifen sehen. Manchmal schüttelte er den Kopf, dann lachte er ungläubig. In anderen Augenblicken hörte ich ihn leise lachen, gefolgt von einem "So eine Scheiße.". Ich weiß nicht, ob er damit versuchte, meine Aufmerksamkeit zu erlangen, aber in mir entstand der Eindruck, er wolle etwas erzählen. "Wo hat die mich ausgesetzt?", zischte er. Damit hatte er mich.

"Was ist denn los?", sagte ich. Er sah mich nur an und musste lächeln. "Ich bin seit heute morgen unterwegs. Habe bei der Mitfahrzentrale eine gute Verbindung von Erfurt nach Frankfurt gefunden. War erst auch alles okay. Die ist dann aber so langsam gefahren, das hat Stunden gedauert." Er schüttelte den Kopf. "Und dann hält die eben an dem Bahnhof da und sagt mir, das ist hier Endstation. Und ich fragte, ob das Frankfurt ist. Und sie sagt, dass wäre nah genug dran. Aber sie hat ausdrücklich gesagt, sie fährt mich nach Frankfurt."

"Klingt nicht nett. Hast du irgendwas angestellt?"

"Nein. Ich war immer ruhig, ich hab nichts gemacht. Ich war auch so überrascht und bin sofort ausgestiegen aus ihrem Auto. Dann hat sie mir für meinen Zwanziger nur einen Euro rausgegeben. Wir hatten aber siebzehn ausgemacht."

"Hm, hört sich wirklich nicht nach der feinen Art an.", sagte ich.

"Egal, ich hoffe, jetzt kommt keine Kontrolle. Ich habe ja keine Scheißfahrkarte." Er lachte noch, dann fügte er hinzu: "Aber du kannst denen doch sagen, dass ich gar nicht anders konnte. Das ist ein Notfall."

"Ich glaube nicht, dass ein Kontrolleur sich davon beeinflussen lässt.", antwortete ich.

So saßen wir eine Weile im Zug, unterhielten uns. Er kam aus Erfurt, um in Wiesbaden die Familie zu besuchen. Er hatte also selbst von Frankfurt aus noch ein Stück vor sich. Allmählich konnte ich mit einem Blick aus dem Fenster schon Frankfurt am Horizont glühen sehen, da eilte eine Gestalt an uns vorüber, baute sich ganz hinten im Waggon auf. Hinter mir hörte ich vom anderen Ende des Waggons eine tiefe Stimme: "Fahrkartenkontrolle."

Das war für meine Zugbekanntschaft zu viel, seine Gesichtszüge entglitten ihm völlig, sein ganzer Körper schien urplötzlich von der Stimme in Spannung versetzt. Er sah aus, als hielte es ihn nicht mehr auf dem Sitz, doch wüsste er nicht wohin. Ich sah im Hintergrund die ersten Betonsteine eines Bahnsteiges, der Zug müsste gleich halten. Nervös sah ich ihn an. "Scheiße, ich muss hier raus.", sagte er.

"Noch nicht. Bleib sitzen.", ich wusste genau, wenn er hastig aufgestanden wäre, hätte er alle Aufmerksamkeit der Kontrolleure auf sich gezogen. So, auf dem Sitz wartend, hatte er noch eine Chance, auch wenn er die Anspannung kaum noch aushielt, wie schnell die Kontrolleure von beiden Seiten auf uns zu kamen, während der Zug langsamer wurde, doch nicht zum Stillstand kam.

"Noch nicht.", sagte ich. Er sah mich an, also könnte er sich kaum noch beherrschen. Seine Augen brüllten die Anspannung hinaus. Der Zug fuhr noch immer in gemächlicher Geschwindigkeit, es hatten sich aber noch keine anderen Fahrgäste zum Aussteigen an die Türen gestellt. Ich sah den Schwarzfahrer an, er zitterte, auch wenn er es unterdrücken wollte. Endlich schien der Zug zum Stillstand zu kommen, von den Türen war das typische tiefe Pfeifen zu hören, das die Türsperre freigab. Gerade wollte ich Jetzt! sagen, da sprang zwei Sitzbänke hinter dem Schwarzfahrer ein junger Kerl auf, rannte mit großen Schritten zur Tür. Es wurde laut, die Kontrolleure rannten dem Kerl hinterher. Die Flucht endete aber an der Tür, wo die Kontrolleure ihn einholten. Es wurde geschrien, alle Menschen wandten sich nach dem Lärm um. Nur meine Zugbekanntschaft nicht, er grinste und schlich, noch leicht zitternd, zu einer anderen Tür auf den Bahnsteig.

Ich wandte mich ab, schüttelte wohl meinen Kopf, weil ich nicht glauben konnte, was für ein Glück er gehabt hat. Vor mir ließ sich eine Person auf dem Sitz nieder, ich sah schon wieder auf mein Telefon. "Na?", hörte ich eine bekannte Stimme. Als ich aufsah, saß er vor mir und grinste breit. Meine Verwunderung musste mir im Gesicht gestanden haben, denn er erklärte sofort: "Die haben den Typen auf den Bahnsteig geführt, um seinen Perso zu prüfen. Da bin ich wieder eingestiegen."

Ich lachte, er lachte. Bis unsere Wege sich am Hauptbahnhof in Frankfurt trennten.

 
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Die Pandemie-Panik

27 Mrz

Dieses Spiel meinte ich heute Morgen in der Bahn, als ich davon sprach, wann denn endlich Pandemie komme. Damit meinte ich natürlich, dass ich schon lange auf die Lieferung warte.

Aber es reicht anscheinend schon, solche Dinge zu sagen, um Mitmenschen Angst einzujagen. Ich wollte doch nur spielen.

 
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Ist das ein Problem?

27 Feb

Seit ein paar Tagen spült ein reflexartiger Mechanismus der Selbstreflexion einige Begebenheiten in meinem Leben hoch, auf die ich nicht sonderlich stolz bin, nicht darauf, wie ich mich verhalten habe. Denn so bedauerlich es ist, sie alle drehen sich um eine Frage: Bin ich in meinem alltäglichen Verhalten homophob?

Es gibt zwei Antworten darauf, die eine ist die offizielle, die andere ist die von introspektiver Wahrnehmung geprägte. Die erste Antwort lautet selbstverständlich, ich bin nicht homophob. Wie jeder aufgeklärte Mensch lasse ich da nichts auf mich kommen, ich bin selbstredend auf der Seite des Guten, des Rechtschaffenen, des Richtigen. Ich habe mir schon lange alle äußeren, offenkundigen Merkmale der Homophobie oder auch nur der leichtfertigen Herabwürdigung von Schwulen und Lesben abgewöhnt, ein nach meiner Schulhofsozialisation gar nicht mal einfacher Vorgang.

Da gibt es aber noch eine innere Perspektive auf mich und mein Verhalten, dieses Wissen um meine Gedanken, die nie manifeste Handlungen wurden. Gedankenblitze, die ich routiniert ersticke, bevor sie Verwüstung anrichten können. Nur ich kenne sie, zumindest bis jetzt, wo ich einen gewissen öffentlichen Blick auf sie zulasse. Diese Gedanken sind für mich schwerer zu bekämpfen, als meine früheren homophoben Verhaltensweisen der Jugendzeit, diese offenkundigen Muster konnte ich mit Verweis auf meine Gewissensentscheidung und Moralvorstellung als falsch entlarven und in und an mir selbst erfolgreich bekämpfen. Doch gibt es die Wurmfortsätze einer strukturellen Homophobie in mir, die Homosexualität noch immer als Andersartigkeit wahrnimmt, und dieser Andersartigkeit ein Gewicht gibt. Es ist das, was hinlänglich als Heteronormativität bezeichnet wird, diese subliminale Weichenstellung, Menschen anhand des sozial Erwarteten zu kategorisieren. Es ist in mir tiefer angelegt, als meine Vernunft und mein Gewissen reicht. Daher lautet, so schmerzlich es für mich ist, die zweite Antwort: Ja, ich bin strukturell noch immer homophob.

Und erst jetzt wird mir schlagartig klar, welche Arbeit noch vor mir steht, denn diese Heteronormativität als das, was sie ist, wahrzunehmen, wird mir erst jetzt in vollem Umfang klar. Warum habe ich sie nicht in dieser Stärke wahrgenommen? In den vergangenen Tagen, ich habe es ja schon geschrieben, wird da einiger Morast an die mentalen Strände gespült, die für sich betrachtet immer nur bloß Treibgut waren. Ein paar Habseligkeiten hier, alte Kleidungsstücke dort, aufgeblähtes Tafelholz, alles nur zusammenhangloser Unrat, den das Meer verschlungen und nun unwillkürlich ausgespuckt hatte. Doch jetzt stehe ich hier am Strand vor dieser Wasserleiche und merke, da könnte mehr passiert sein, als ich mir eingeredet hatte.

Was ich konkret meine? Nur ein Beispiel aus einer Zeit vor zehn, vielleicht elf Jahren, als ich auf der Suche nach einem WG-Zimmer war. Bei einer der Besichtigungen lief alles prächtig, das Zimmer war ordentlich groß, die Wohnung sauber, aber nicht steril, vor allem aber waren die potenziellen Mitbewohner sympathisch. Mir war es gar nicht aufgefallen, aber mitten in der Unterhaltung über unsere Hobbys, was wir für Musik mögen, sagte der eine ganz beiläufig: "Übrigens, ich bin schwul. Ist das ein Problem für dich?" Meine Antwort fiel lapidar aus: "Nein. Ich bin es nicht. Das ist ja auch kein Problem." Die Unterhaltung setzten wir ohne Unterbrechung fort. Und genau das macht mir heute zu schaffen. Warum habe ich es als normalen Hinweis aufgefasst? Wieso musste es überhaupt zur Sprache kommen? Wieso empfand ich es nicht als unangebracht, dass er mich darauf hingewiesen hat und die Frage gestellt hat? Was ging mich das an? Heteronormativität ging mich das was an, das war es. Ich empfand es offenkundig, als ‘normal’, darauf hingewiesen zu werden, womöglich mit einem Schwulen zusammenzuleben. Der eine hörte Metal, der andere spielte gern Fußball und der andere ist schwul. Ein Problem damit? Wieso hat es zehn Jahre gebraucht, bis mir auffällt, was an dieser Aufzählung nicht stimmte? Ich hatte kein Problem mit der Homosexualität, aber auch nicht mit der Frage, das ist das heteronormative Problem.

 
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Diese Sache mit den Zahlen

12 Feb

Diese Sache eben, die hatte ich hinter mir gelassen, glaubte ich. Das mit den Zahlen betrieb ich nur, solange es Teil einer Kosten-Nutzen-Kalkulation war. Bis zu dieser simplen Notenkalkulation in der Schule beherrschte ich die Sache mit den Zahlen auch recht gut: Pro Halbjahr ein Thema, zwei Klausuren zum jeweiligen. Die erste war eine leichte Grundlagenklausur, reine Wiedergabe des Stoffes; in der zweiten ging es um tieferes Verständnis, die Aufgabenstellungen abstrahierten vom Gelernten auf neue Bereiche. Mathe-Lehrerinnen kamen, Mathe-Lehrer gingen, alle konnten mich nicht davon abbringen, ich perfektionierte ein Minimax-Prinzip, mit dem ich seit der fünften Klasse aus meiner Sicht hervorragend zurande kam.

All mein Fleiß floss in Klausur Nummer eins, und für die zweite brachte ich nur genau die Energie auf, um im Mittel auf eine durchschnittliche Note zukommen. Der von mir betriebene Aufwand der ersten verhielt sich antiproportional zu dem der zweiten Klausur, was im von mir irrtümlich für den besten gehaltenen Falle zu kompletter Verweigerung bei der zweiten Klausur führte, sobald die erste perfekt verlaufen war. Klausur Nummer eins mit fünfzehn Punkten bestanden hieß für mich: Null Punkte in der zweiten Klausur reichen für eine Gesamtbote von acht Punkten. Das kam häufig vor, zumal ich in der zweiten selbst immer auch ein paar Anwesenheitspunkte machen konnte. Mir reichten die neun oder acht Punkte am Halbjahresende immer, es gab auch noch Ausrutscher nach oben. Ich war sogar stolz darauf, einen Königsweg gefunden zu haben, der die Mathematik, die in der Schule sowieso nur eine etwas aufgebohrte Basislektion in Arithmetik war, nur streifte, ansonsten aber keine weiteren Berührungspunkte hatte.

Stolz, das trifft es gut, ich war stolz darauf, mir die Mathematik immer vom Hals gehalten zu haben. Sie war kein Zweck an und für sich, nur ein Mittel zum Zweck, der Zweck war die Note auf dem Zeugnis. Das, was ich fühlte, wenn ich Lehrerinnen und Lehrern nach Ausgabe einer sehr guten Klausur den Müßiggang in der folgenden ankündigte, war hochnäsig und eitel, aber vor allem falsch verstandener Stolz. Und alle dieser Lehrerinnen und Lehrer waren nicht zynisch genug, um nicht in ihren Augen die Kränkung aufblitzen zu lassen, die mein Stolz für sie bedeutete. Ich hatte ihren Notenschlüssel erfolgreich und mit eisigem Kalkül gegen sie gerichtet, es kam mir vor, als hätte ich die Tyrannei didaktischer Obrigkeit mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Sie drohten Zuckerbrot und Peitsche an, ich wählte das und, so war es auch ein gewisses Stück jugendlicher Rebellion.

Heute sitze ich über Büchern, die Erinnerung an die rebellische Attitüde klingt im Kopf nach, sitze über Büchern voller Formeln, Funktionen und allen voran eleganter Logik. Und ich ärgere mich über mich selbst, weil ich mir jahrelang einbildete, gut ohne Mathematik ausgekommen zu sein. Doch jetzt hat sie mich eingeholt, mit geduldiger Gewalt, der ich mich nicht erwehren kann. Ich kenne ihre Nomenklatur nicht, ich kann kaum folgen, weiß aber nun, warum ich sie brauche, weshalb sie nützlich ist in, warum sie schön ist, auch wenn ich nur winzige Partikel von ihr tatsächlich begreife. Denn, was ich damals vor lauter Rebellion und Faulheit nicht sah: Ich durchbrach die Macht des Mechanismus namens Schule, sah aber nicht, dass er imstande und gewillt war, mir etwas beizubringen, das die nützlichste, ästhetischste und gefährlichste Waffe sein kann: Diese Sache mit den Zahlen ist auf ihre Weise ganz besonders Ausdruck von Macht.

 

Ich bin im Nichts, ich muss hier raus

31 Jan

Was geht denn jetzt ab? Stehe mitten in der #pampa, Stunden der Telearbeit im Großraumbüro hinter mir, was sag ich, in den Knochen, was will ich wohl? Hier weg, ich will nur noch hier weg. Und dann kommt der Bus, dieser unsägliche Bammelbus, der mich zur Bimmelbahn bringen soll, mit dem ich eine halbe Stunde durch tote Wälder fahren soll, an verwaist wirkenden Attrappen uriger Dörfer.

Wenn der Bus in einer vergleichsweise großen deutschen Stadt nicht kommt, ist das ärgerlich; kommt er in der #pampa nicht, ist die Kälte alles, was bleibt. Nein, es regnet auch noch. Dieser Ort lebt nur von der Frischzellenkur, die ihm ein gigantischer Industriebrocken ihm morgens zuführt, abends aber wieder nimmt. Ich mag meine Arbeit, so richtig, aber außer ihr hält mich hier nichts.

Und jetzt fällt auch noch Twitter aus. Ich geb auf. #dammit

 
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Alltagsrassismus: Muss man denn gleich ausrasten?

08 Jan

In der gegnerischen Spielhälfte, linksaußen am Sechzehnmeterraum, erhält ein Spieler den Ball. Sein Gegner steht etwas zu weit von ihm entfernt, so kann er den flach gespielten Pass mit einer schnellen Drehung in Richtung Grundlinie ziehen. Doch der Gegner sperrt den direkten Weg zum Tor. Der ballführende Angreifer nimmt das Tempo sofort raus, lässt den Ball zwischen seinen Füßen tanzen. In einer flüssigen Bewegung bückt er sich zum Ball, er nimmt ihn in beide Hände, dreht sich zur Tribüne hinter sich um. Wie ein Torwart beim Abschlag, so hält er den Ball vor sich, zieht mit dem rechten Bein ab. Den Ball trifft er allerdings nicht mit voller Kraft, dieser prallt vom Zaun vor der Tribüne ab. Der Spieler blickt hinauf zu den Stehplätzen, selbst als der Schiedsrichter ihn erreicht hat, er schaut zu den aggressiven Fans der gegnerischen Mannschaft. Sie schlagen in die Luft, johlen, schreien runter auf das Spielfeld. mehr »

 
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Weihnachtliche Entwöhnungskur

24 Dez

 
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Newtown: Das Zeremoniell der Empathie

20 Dez

Diese Geschichte hat zwei Protagonisten, die sich gegenseitig verbunden haben zu einer schicksalhaften Kommunikationsgemeinschaft, in der die Rollen von Sendern und Empfängern im Fluss sind. Ich will mit dem einen Protagonisten beginnen, doch nur unter dem Vorbehalt, dass es keinen Grund jenseits der Willkür gibt, warum dieser und nicht der andere zunächst im Vordergrund steht.

Die Medien, oft auch gerade der Teil der Medienwelt, der sich den Qualitätsjournalismus hat lizenzieren lassen, sodass er fachgerecht auf einem Presseausweis Platz findet, schreibt sich die Leistung zu, Ordnung und Einordnung in die unübersichtliche Lage der Welt zu bringen. Dabei verkennen sie manchmal, vielleicht sogar in den schwierigsten Momenten des menschlichen Miteinanders, welches dann oft ein Gegeneinander ist, was auch zur Einordnung der kleinen Fragmente in das große Gefüge gehört: die Zurückhaltung, das Eingeständnis der eigenen Verunsicherung, die Unzulänglichkeit der eigenen Wahrnehmung und die Flut der Informationen.

Nicht zu wissen, was die Motive des jungen Mannes waren, der in Newtown zunächst seine Mutter und dann in einer Grundschule Kinder und Lehrer erschoss, mag unerträglich sein, ist aber kaum ein guter Grund, nun leidenschaftlich im Trüben zu fischen. Wie kommt es, dass dort, wo Menschen sterben, der Konjunktiv über die Hintergründe zum Leben erweckt wird? Wäre es zu verhindern gewesen? Der Täter habe auf allen Fotos einen kühlen, der Welt entrückten Blick gehabt. Waffen hätten nie im Umlauf sein sollen. Als ob den Toten damit geholfen wäre, wenn schnellstmöglich aus allen Teilen der Welt die reflexiven Interpretations- und Bewältigungsmechanismen des Journalismus auf den Tatort gerichtet werden.

Der Mainstream, unser zweiter Protagonist, verschlingt jedes noch so nichtige Bröckchen. Es als Sensationslüsternheit abzutun ist möglich, geht an der Sache aber doch vorbei: Es ist auch ein Bewältigungsmechanismus, die Tat, den Anschlag, das Massaker vermeintlich gänzlich in sich aufnehmen zu wollen. Schon einmal den Finger in eine klaffende Wunde gesteckt? Die Gier nach jedem morbiden Detail, ob geprüft oder nicht, schafft einen Schmerz, der auch aus der weitesten Entfernung spürbar wird. Aus den Augen verloren, wenn sie überhaupt gesehen wurde: die Ohnmacht, die ein solches Ereignis auslösen sollte.

Nicht spüren zu können, was die Opfer fühlten, die mit brutalster Gewalt niedergestreckt wurden, mag unerträglich sein, es ist aber keine gute Grundlage für Mitgefühl, dies zu simulieren. Empathie ist so eine Sache, die der Mainstream in ritualisiert hat; sie wird in wiederkehrenden Mustern zeremoniell ausgebreitet. Es ist die mechanische Empathie einer Konsumptionsgesellschaft, als ob den Toten damit geholfen wäre, die erlernten und vererbten Verdrängungs- und Sensibilisierungsmethoden an ihnen abzuarbeiten.

Was die beiden nun aber machen, das ist durch nichts mehr zu rechtfertigen: Sie stülpen eine widerwärtige narrative Schablone über alle undenkbaren Geschehnisse. Jedes Ereignis wird emotional überwältigt, gemustert und vermeintlich verständlich gemacht – nicht Verständnis der Situation, sondern emotionale Überwältigung der Ereignisse ist das Ziel. Die Wogen müssen geglättet werden, koste es, was es wolle. So werden zunächst die Täter in Grund und Boden verdammt, dann die Opfer nach heroischen Leistungen, in deren Abwesenheit tun es auch rührselige Lebensläufe, um schlussendlich möglichst schnell in einfache Lösungsvorschläge zu verfallen: Mal sollen es die Medien sein, Musik, Filme, Videospiel, was auch immer. Dann wieder der Waffenbesitz, die (sub-)kulturelle, ethnische, politische oder religiöse Zugehörigkeit. Für andere ist es die gesellschaftliche Verrohung, was genau diese aber ausmacht, ist nicht weiter wichtig.

Was auffällt, sie alle, die vielstimmig im Chor von Medien und Mainstream singen, sie haben in der Regel eine Lösung parat. Nur eine. Die eine Maßnahme, die auf Anhieb wird selig machen können. Und so gebiert der Zwang einen wahnhaften Zwang zur emotionalen Durchdringung der Schreckenstat, gleichgültig aller Oberflächlichkeit mit der über die Hintergründe spekuliert wird. Diese Oberflächlichkeit der selbst attestierten Empathischen hat weniger der beschleunigten Medienlandschaft zu tun, als mit der Aufklärung: Wesentlicher Kern der Aufklärung bleibt das Erstaunen – oder auch die negative Entsprechung: das Entsetzen. Auch dies ein emotionaler Reiz. Aber wie damit umzugehen ist, ist im Sinne der Aufklärung die eigentliche Revolution. Mit Nüchternheit.

Was spricht dagegen, ein unverständliches, dramatisches Ereignis erst einmal als solches hinzunehmen? Die Emotionalität hat und braucht ihren Raum, sie wird ihn auch verlangen. Doch im Stadium der emotionalen Aufladung schon ein Problem lösen zu wollen, ist törichter Unfug. Genau so ist es Unfug, auch nur zu verlangen, dass ein erstaunliches Ereignis binnen weniger Stunden oder Tage erklärbar sei und erklärt werden müsse. Das Erstaunen wäre sinnlos, wäre es so leicht bewältigbar. Das gilt auch für das Entsetzen. Doch gerade dann, wenn die Emotionalität verflogen ist, wäre Zeit zur Aufarbeitung. Zur intellektuellen Durchdringung der Tat, ihrer Motive und der Lösungswege.

Doch in unserer Geschichte ist noch kein gutes Ende absehbar, denn die Protagonisten haben sich mal wieder darauf geeinigt, in simplen Strickmustern zu handeln: Diese brachiale Pietät ist die heuchlerischste Pietätlosigkeit, zu der Medien und Mainstream sich regelmäßig hinreißen lassen.

 
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Wer glaubt, die Daten bei der Schufa kämen stets nachvollziehbar zustande?

08 Nov

Schnell noch Gemüse kaufen, ich hatte es bei meiner ersten Einkaufsrunde des Tages vergessen. Ich freute mich, vor der Kasse war keine Schlange. Wenn ich schon wegen meiner Vergesslichkeit Zeit verlor, dann immerhin nicht so viel. Durch das Dudeln gefühliger Verkaufsstimmen aus den Lautsprechern im Laden tauchte ich in den kühlen Dunst, der über dem frischen Gemüse lag. Dies noch, das noch – eins, zwei drei, fertig. Und hin zur Kasse.

Auf dem letzten Meter vor der Kasse war noch eine Person, die deutlich langsamer ging als ich. Die Person schien nicht entschlossen auf die Kasse zuzusteuern, ich hätte noch Gelegenheit gehabt, mich vorbeizuschieben. Während ich noch überlegte, ob und wie unhöflich es wohl wäre, hatte ein Automatismus mir die Entscheidung schon abgenommen. Für einen merklichen Bruchteil einer Sekunde muss ich gezögert haben. Die Person hatte mich bemerkt und ging nun zielstrebig auf das Band an der Kasse zu.

So zielstrebig wie es eben ging. Nun erst sah ich, es war eine alte Frau. Ihre Bewegungen waren langsam. Zitternd hievte sie den Einkauf aufs Band. Stück um Stück. Die Butter zitterte sie aus ihrer Rolltasche empor und ließ sie auf das Band fallen. Irritiert blickte sie der Butter hinterher, die im vergleichsweise rasenden Tempo vom Band zum Scanner getragen wurde. Die Kassiererin ließ die Butter vor der Lichtschranke liegen. “Lassen sie sich Zeit. Legen sie alles in Ruhe aufs Band.”

Genau das wollte ich eigentlich nicht hören. Nur beschweren konnte ich mich auch nicht. Die alte Frau braucht halt etwas länger, dafür kann sie nichts. So sah ich ihr bei jeder behäbigen Bewegung zu. Es dürften nur zwanzig Artikel gewesen sein. Für jeden einzelnen brauchte sie doch mindestens fünfzehn Sekunden. Zwischenzeitlich wuchs so doch eine stattliche Warteschlange ungeduldiger Großstädter heran. Eine zweite Kasse wurde aufgemacht, ich konnte gar nicht reagieren, da hatte sich der große Teil der Menschen hinter mir schon dort eingereiht. Also blieb ich hinter der alten Frau stehen, die kurz darauf eine Packung Wurst ablud und ihre Tasche tatsächlich in Richtung Kasse schob.

Als hätte sich eine enorme Spannung auch in ihr angestaut, legte die Kassiererin los. In der Zeit, in der die alte Frau gerade einmal ein Kilo Kaffee hervorgebracht hatte, war schon feinsäuberlich alles registriert. “Vierundzwanzigdreiundvierzig, bitte.”

Die alte Frau kramte in ihrer Jackentasche. Sie schien etwas sagen zu wollen, aber nur ein tiefes Brummen war zu hören. “Wie bitte?”, fragte die Kassiererin. Die Kassiererin las angestrengt die Mimik im Gesicht der alten Frau. Für mich waren weder das Gesicht noch das Brummen zu entziffern. Der Kassiererin ging es ähnlich, so wiederholte sie die Summe, fügte aber noch an: “Möchten sie Geld abheben?” Die Falten auf der Stirn der alten Frau schlugen weite Bögen, sie sah mit leerem Blick zur Kassiererin.

“Wollen sie noch Geld abheben? Wie auf der Bank.”

“Bank.” Die alte Frau sprach das Wort so mechanisch aus, als wäre es nur von ihren Lippen abgeprallt, nachdem die Kassiererin es gesagt hatte. Sie reichte der Kassiererin ihre Bankkarte.

“Genau, wie auf der Bank.”

“Ja, ja, Bank. Genug. Fünfzig Euro.”

Kaum war es gesagt, flogen die Finger der Kassiererin über die Tasten. Sie zog die Karte durch das Lesegerät und wartete bis die alte Dame ihre Eingabe gemacht hatte. Beide lächelten, als endlich Einigkeit zu herrschen schien. Die Kasse öffnete sich. Die Kassiererin zog einen Fünfzig-Euro-Schein heraus, legte die Karte der alten Frau darauf und reichte beides herüber. Die alte Frau nahm es, verharrte dann auf dem Schein. “Was?”

“Aber sie hatten doch gesagt, sie möchten fünfzig Euro abheben.”

 
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Patriarchales Entitlement auf Schienen

28 Sep

Der Zug rattert durch südhessische Landschaften. Die Strecke fahre ich beinahe täglich, sie interessiert mich nicht. Stattdessen bin ich in das Spiel auf meinem Telefon vertieft. Eine virtuelle Karte ablegen, eine aufnehmen. Abwarten, der Computergegner rechnet noch. Was um mich herum passiert nehme ich nicht wahr.

“Ey, Ey, Ey, Ey.”

Mein Blick schweifte hoch. Hinter mir musste ein junger Mann sitzen, der lautstark rief. Es war kein panischer Ruf, doch die Bestimmtheit seiner Laute ließ mich aufhorchen. Es tat sich nur in der folgenden Sekunde nichts.

Meine Aufmerksamkeit wanderte wieder zum Spiel zurück, ich konnte nicht entziffern, was der Ruf sollte. Mich penetrant umdrehen wollte ich auch nicht, so wichtig klang es nicht. Mit dem Spiel im Fokus, dämpfte sich meine Wahrnehmung wieder ab. Im Hintergrund hörte ich nur noch ein Murmeln einer männlichen Stimme, vielleicht war da noch ein zweiter Mann. Auf jeden Fall war gelegentlich noch eine helle Frauenstimme da, die aus dem Murmeln aufstieg.

Einige Momente musste es so gegangen sein. Ich spielte, hörte nur Hintergrundrauschen aus dem Großraumabteil. Ein Satz aber zog meine Wahrnehmung wieder in Richtung des Gesprächs: “Nein, ehrlich, ich muss jetzt gehen. Das hier ist meine Haltestelle.” Ich musste den Satz erst verarbeiten, konnte ich ihn doch nicht gleich einordnen. So überhörte ich wieder die Antwort, es blieb männliches Murmeln.

Ein verlegenes Lachen der Person, der die Frauenstimme gehörte. “Nein, beim nächsten Mal. Ich muss hier raus.” Ich hatte eine Weile gebraucht, doch kochte nun eine Befürchtung in mir hoch. Sie wurde stärker, als ich die Frau sagen hörte: “Wirklich, ich muss jetzt gehen. Beim nächsten Mal kannst du mich festhalten.”

Ich war überfordert. Hatte ich das richtig verstanden? Wurde sie auf dem Weg, den Zug zu verlassen, festgehalten? Eine Gedankenwelle brach tosend über mir zusammen. Ich konnte nicht sehen, was geschah. Als ich mich entschlossen umdrehen wollte, um definitiv einen Blick über die Rückenlehne werfen zu können, sah ich eine blonde Frau. Ein gefrorenes Lächeln im Gesicht, ging sie auf der Zugtür entgegen, sie schien darauf bedacht, nicht auffallen zu lassen, dass sie ihren Kopf gerade nur so weit zur Seite geneigt hatte, um noch einen Blick hinter sich werfen zu können. Es waren schnelle Schritte, die doch gebremst wirkten. Sie schien diesen Ort so schnell wie möglich verlassen zu wollen, ohne diesen Wunsch nach außen preiszugeben.

Mich bemerkte sie nicht, sie hielt nur Ausschau in die Sitzreihe hinter mir. Ich machte mich bereit aufzustehen, falls ihr jemand folgte. Ich beobachtete den Gang, in dem sie auf das Halten des Zuges wartete. Ungeduldig nutzte sie den ersten Spalt der sich öffnenden Türen, sobald die Öffnung auch nur genügend Raum versprach, zwängte sie sich hindurch. Den Bahnsteig hatte sie so schnell verlassen, dass ich es gar nicht mehr gesehen habe, in welche Richtung sie verschwand.

 
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