Fensterplatz Metal Jacket

„Verzeihen Sie, ist der Platz hier noch frei?“, fragte ich. Das Abteil war gut gefüllt, sehr viel Auswahl gab es nicht mehr. Über den anderen Sitzplätzen ringsum diesen Platz leuchteten die Anzeigen für die Reservierung. Über diesem Platz war nichts zu sehen. Aber der Höflichkeit halber fragt mensch ja, in diesem Fall noch mehr. Am Fenster saß ein grau melierter Mann, seine Haare waren fahrig in alle Himmelsrichtungen verstreut. Meine Vorfreude, neben ihm sitzen zu müssen, hielt sich in Grenzen.

Er schein auch nicht gerade an einem Sitznachbarn interessiert. Vor ihm türmten sich seine Gadgets, auf einem lief ein Konzert, auf den anderen hantierte er in unterschiedlichen Menüs. Kabel quollen zu allen Seiten hervor. Den Sitz am Gang neben sich hatte er mit seinen Taschen befrachtet.

Meine Frage schien er nicht erwartet zu haben, hatte er doch einen Schutzwall errichtet. Ich wollte ja aber auch einen Sitzplatz und hatte vergessen, eine Reservierung zu machen. Er stellte sich erst tot. Auf meine Frage folgte keine Reaktion. Ich zeigte auf den Platz und fragte noch einmal: „Entschuldigung, ist der Platz besetzt?“ Demonstrativ sah ich von seinen Taschen zur Anzeige der Reservierungen auf.

Er schnaufte. „Was?“, entwich es ihm.

Ich lächelte ihn an. „Ob der Sitzplatz besetzt ist.“

Sein Blick wanderte auf und ab, er schien mich mustern zu wollen. Wozu war mir nicht ganz klar. Ist nicht so, als müsste ich eine Gesichtskontrolle überstehen, nur um einen Platz zu erhalten, der nicht seiner war.

Er schnaufte noch lauter.

„Ich kann Ihnen helfen, die Taschen einfach oben in der Ablage zu verstauen.“

Nun sah er mich noch intensiver an. Dann packte er mit einem Ruck eine der Taschen. Dies aber so schnell, dass er sich in einem der Kabel verfing. Ein Telefon, ich denke zumindest, es war eines, landete auf dem Boden. „Scheiße!“, schimpfte er.

Meine Augen mussten sich geweitet haben, ebenso wie die der um uns sitzenden weiteren Fahrgäste. Mittlerweile war er so laut und hektisch dabei sein Taschen zu greifen, er hatte alle Blicke auf sich gebunden. „Scheiße,“ zischte er, nahm dabei eine der Reisetaschen und warf sie über den Gang zu den Koffern der anderen Reisenden, „so ne Scheiße hier.“

Ich haderte. Sollte ich was sagen? Oder ihn einfach machen lassen. Es ging auch alles so schnell, da hatte ich kaum Zeit zu reagieren. Er nahm die zweite Tasche und fand keinen Stauraum, obwohl über ihm alles frei war. Er hätte die Tasche nur über seinen Kopf heben müssen. Stattdessen schimpfte er weiter und las die Geräte vom Boden auf, denn mittlerweile waren noch mehr hinunter gefallen. „Scheiße!“ Er las die letzten Geräte auf, die auf dem Klapptisch an seinem Fensterplatz lagen. Die zweite Reisetasche unterm einen Arm, die Gadgets im anderen, stapfte er davon. Er ging aus dem Abteil, dabei riss er das Ladekabel eines Tablets aus dem Anschluss, das Kabel blieb mitten auf dem Gang liegen.

Ich sah einen jungen Fahrgast lachen, nachdem der wutschnaubende Mann hinter ihm im anderen Abteil verschwunden war. Erst nach einigen Sekunden merkte ich, dass der Fahrgast nicht nur lachte, sondern auch den Kopf schüttelte. Neben mir saß ein älterer Herr, der mich fragend an sah.

„Was habe ich gemacht?“, sagte ich, halb laut denkend, halb den Herrn fragend.

Er lächelte nur und wischte mit der Flachen Hand vor seinem Gesicht, zog die Augenbrauen zusammen, als denke er nach und schüttelte mit dem Kopf.

Sollte ich mich einfach setzen? Ich zögerte, entschloss aber, den Platz zu nutzen, wenn es schon so eskalierte. Ich setzte mich auf den Platz am Gang, war mir aber gar nicht so sicher, was nun mit dem Fensterplatz war. Würde der Wüterich noch mal wiederkommen? Ich sah mich um und erkannte: Er musste. Seine Jacke hing noch am Haken des Fensterrahmens, auch das Ladekabel hing ja noch in der Steckdose und auf den Gang hinaus. Also blieb ich sitzen, wo ich war.

Nach zehn Minuten, vielleicht auch fünfzehn. Ich hatte es gerade wieder etwas vergessen, stapfte der Wüterich wieder ins Abteil, sah das Kabel und griff danach. Er nahm nicht viel Rücksicht darauf, wo ich saß, als er das Kabel aus der Steckdose nahm. Er griff nach seiner Jacke und war verschwunden. Aber nicht ohne einen letzten Spruch: „So eine Scheiße hier, so was. Dann war er weg.

Ich drehte mich zu dem älteren Herrn, der völlig irritiert hinter dem Wüterich her sah. Ich sagte: „Ist wohl besser, wenn er nicht mehr hier ist.“ Der Herr lachte laut, nachdem er sicher war, dass er nicht zu hören war, und sah dann fröhlich zu, wie ich mich schelmisch grinsend auf den Fensterplatz setzte. Sonst wär der ganze Aufwand ja völlig umsonst gewesen.

„It’s a security feature!“

Es gibt da ja so schöne Unternehmen, überwiegend diese digitalen. Die wollen dann immer schon deine Freunde sein, bevor du überhaupt weißt, was eigentlich Sache ist. Ein Klick, schon bist du befreundet mit dem besten Kundensupport, den allerbesten Produktherstellern und den Superrockstarkonsumhelden. Manche Unternehmen tragen die soziale Übergriffigkeit ja schon im Namen, so wie Zahlkumpel etwa. Zahlkumpel macht so Sachen mit Geld, da erwarte ich keine Seriosität, wieso auch? Freunde zu sein, das reicht schon. Ist viel besser als ordentliche Prozesse. Und wenn ich anrufe, dann sind wir so gute Freunde, dass ich zehn Minuten durch eine belehrende Roboteransagemaschinerie muss, die von Beginn an ausstrahlt, wie persönlich ernstgenommen ich mich fühlen darf. Weil wir Freunde sind.

Nach zwanzig Minuten in einer schlechten Leitung mit Musik, die auch noch andauernd abgehackt wird, meldet sich dann tatsächlich eine Freundin am Telefon und fragt dann erst einmal alles ab, was ich schon umständlich ins Telefon hacken durfte, um die erste Hürde zu überwinden. Meine Geduld ist am Ende, aber ich muss ja freundlich bleiben, schließlich sind wir dicke miteinander.

„Ja, hallo. Ich bin gerade, ehrlich gesagt, etwas geladen. Weil ich über die App eine Zahlung angewiesen habe.“

„Okay, was ist damit?“

„Die würde ich jetzt gerne zurücknehmen. Mir wurde eine E-Mail-Adresse mit Tippfehler gegeben. An die habe ich leider überwiesen. Aber das kann ich in der App nicht.“

„Ja, das ist doch kein Problem.“

„Ich sehe da schon eines, wenn ich ehrlich bin. Ich kann es ja nicht zurücknehmen.“

„Doch. Die Mail ist ja falsch. Das sehe ich ja. Daher würde es eh zurückgebucht.“

„Schön, dass Sie das wissen. Ich wüsste es aber auch gern.“

„Stornieren ist auf der Webseite möglich.“

„Okay, wenn ich aber in der App überweisen kann, dann will ich in der App aber auch stornieren können. Oder zumindest einen Hinweis erhalten.“

„Das ist aber nicht möglich. Andersrum muss man das sehen. Es wäre doch unsicher, wenn Sie in der App stornieren könnten.“

„Wie? So unsicher wie das Überweisen per App? Das verstehe ich echt nicht.“

„…“

„Ich meine, wenn ich überweisen kann, sollte ich stornieren können. Oder bei falschen Kontodaten der Auftrag gar nicht erst angenommen werden können. Oder mir wird gesagt, wo ich stornieren kann. Aber da herrscht in der App gähnende Leere. Das ist doch erst mal meine Anlaufstelle, da habe ich ja auch Minuten zuvor überwiesen.“

„Also, Sie können auf jeden Fall auf der Webseite stornieren. Das ist sicherer.“

„Okay, da kann ich dann auch meinen Account auflösen?“

„…“

„Schönen Tag noch.“

„Schönen Tag.“

Selbstverständlich weiß ich genau, dass ich vielleicht nicht der angenehmste Gesprächspartner in der Warteschleife war. Mich stört aber gerade die mangelnde Nachdenklichkeit auf Seiten meiner so genannten Freunde. Der Spaß hört aber dort auf, wo ich einfach nur Seriosität erwarten darf. Oder zumindest transparente Kommunikation. Aber egal, ich konnte mir immerhin schon denken, dass ich mein Konto nicht per App auflösen kann. Wir sind halt keine Freunde. Waren wir nicht, werden wir auch so schnell nicht mehr. Hätten ja gut Geschäfte machen können, aber heute wollen die Unternehmen ja mehr.

You Go Girl

Dicht gedrängt stehen die Menschen in der Ringbahn, schwitzen sich hemmungslos an. Die schlechte Laune schneidet die heiße Sommerhitze im Waggon. Die Stehenden blicken neidisch auf die Sitzenden, alles scheint erstarrt. Wer etwas Lebendiges sehen will, blickt auf ein kleines Mädchen, das feixend einen der begehrten Sitzplätze neben ihrer Mutter eingenommen hat. Sie lässt ihre Beine baumeln und ist mit Neugier und Spieltrieb geladen.

Die Kleine zurrt und zerrt an ihrem Sommerkleidchen und strahlt mit großen Augen in die leer starrenden Augenhöhlen der Pendler, sie summt, sie lacht, sie strahlt. Alle im Zug fürchten jede Bewegung, die Kleine aber ist voller Energie, als hätte sie irgendwo ein hitzebetriebenes Kraftwerk, das sie gerade antreibt. Ihre Mutter kann die Kleine, die kaum älter als sechs ist, nicht beruhigen. Der Mutter ist anzumerken, dass die Kleine ihr unangenehm wird. In einem Zug voll Griesgrämiger ist kindliche Laune die schlimmste Tortur, das scheint die Mutter zu ahnen, also beugt sie sich in regelmäßigen Abständen zur Tochter herunter, flüstert ihr ins Ohr. Die Kleine giggelt, hält kurz inne, dreht dann wieder auf. Sie kann nicht stillhalten, auch nicht wenn ihre Mutter die Hand beruhigend auf ihre Beine legt, wenn die Kleine auf den Sitz zu springen droht. Es gibt kein Halten für die Kleine.

Allen im Zug steht der Schweiß auf der Stirn, die Kleine aber dreht auf. Augen rollen, es wird geseufzt, die Kleine stört das nicht. Sie ist ein quicklebendiger Mensch in einem Zug der After-Work-Zombies. Als die Kleine wieder laut vor sich hin plappert, schnappt die Mutter die Kleine und redet ihr zischend ins Gewissen. Die großen Augen der Kleinen verengen sich, ihr wird der Ernst der Lage klar. Stumm bleibt sie eine Minute sitzen und schaut zum Fenster raus. Dann stößt sie einen Schrei aus, mit zur Decke des Waggons gereckten Armen springt sie auf, sie steht auf dem Sitz, mit  wild funkelnden Augen wartet sie, bis ihre Arme in Kampfhaltung gegenüber ihrer Mutter eingerastet sind, die Fäuste geballt. Die Mutter sieht ihre Tochter wortlos an, alle anderen Augen sind ebenfalls auf die Kleine gerichtet. Die lacht nur, zieht herausfordernd ihre linke Augenbraue hoch und ruft: „Auffe Fresse!“

Wahrscheinlichkeit

Wer in diesem Internet hat denn die Ahnung, mir zu sagen, ob ich noch Lotto spielen sollte oder nicht? Der Grund ist, dass heute nach über dreieinhalb Jahrzehnten auf diesem Planeten zum ersten Mal die Ergebnisse einer Vogelverdauung auf meinem Schädel landeten. Das ist alles nicht so schlimm, da die Zeit mich doch zu einigem Verlust an Haupthaar führte, sodass es eine relativ einfache Reinigung des kahl geschorenen Schädels wurde. Ein Taschentuch, zwei Wischer, ab in den Papierkorb. Das hätte unreinlicher werden können, hätte ich noch volles Haar gehabt.

Es ist eher eine Frage des Ekels, dass mir mein Hirn durch leichtes Pulsieren der Stelle noch über anderthalb Stunden nach dem Geschehen einreden will, dieser Bereich meines Kopfes sei von nun an völlig besudelt von verdauten Würmern. So ist er der Ekel. Dabei kam mir die Frage, wie groß denn die Wahrscheinlichkeit ist, dass solch ein Ereignis eintritt. Ich schätze, sie ist nicht sehr hoch. Der Nichtmathematiker in mir sagt, ich sollte deshalb das Lottospielen einstellen, denn mein Glück sei nun schon restlos aufgebraucht. Ich schließe daraus: Ich brauche mein Kopf nicht für Wahrscheinlichkeitsrechnung, daher ist er doch eher für den Zweck bestimmt, von Vögeln getroffen zu werden.

Gewissenswende

Vor zehn Jahren hätte es meine Unterschrift unter der Vereinbarung nicht gegeben, die ich heute unterschrieb. Ich weiß auch, warum ich nicht unterschrieben hätte. Dafür hätte damals ein Adjektiv zuviel Aversion bei mir ausgelöst. Der entscheidende Satz lautet:

Der christliche Glaube und die Menschenwürde sind Orientierungsgrundlage für ein freiwilliges Engagement im […]

Nun sitze ich hier und versuche mich in mein früheres Ich einzudenken. Mir fällt auf, es fällt mir zunehmend schwer. Ich habe mich in gefühlt kurzer Zeit stark verändert. In Bezug auf dieses Adjektiv war ich, milde ausgedrückt, intolerant.

Was hat sich im Laufe der Zeit getan, was sich im Kleinen gar nicht bemerkbar gemacht hat, aber nun wie ein deutlicher Bruch mit früheren Überzeugungen wirkt? In diesem Fall ahne ich, was den Ausschlag gab: Es geht um ein Ehrenamt, es geht um direkte Hilfe für Menschen, um wichtige Hilfe. So stehe ich vor der Wahl zwischen konkreter Hilfe und der Integrität einiger meiner Überzeugungen. Für mich fühlt sich das nicht nach einer Wahl an, Menschen zu helfen, ihnen Unterstützung zu geben, das ist wichtiger. Immer.

Und am Ende sind die Schnittmengen zwischen meiner Überzeugung und den vorausgesetzten Werten enorm, in diesem Projekt sogar nahezu deckungsgleich. Die Engstirnigkeit lasse ich also hinter mir. Veränderung fühlt sich gut an, da ist es fast schade, dass in diesem zitierten Satz ein Begriff nicht steht, den ich gerne auch noch unterschrieben hätte: Nächstenliebe.

Wohin mit der Streikwut?

Wenn natürlich die Wut schon schön politisch kanalisiert wird, sodass ein Grundrecht auf Streik als Last empfunden wird, ist die Grundlage für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Solidarität ja schon vorbildlich vernichtet.

Über die Unannehmlichkeiten und Störungen auf einer persönlichen Ebene verärgert zu sein, das ist nicht das Problem. Mir ist es lästig, vielen anderen Menschen ist es lästig. Darüber Unmut zu äußern ist menschlich und auch nachvollziehbar. Es ist aber weniger wichtig, als es die Dringlichkeit des Streikrechts ist.

Von daher können die Menschen in Deutschland ab morgen ruhig ächzen und schnaufen. Sollten sie wütend werden, wünsche ich mir, sie würden reflektieren, wem sie mit ihrer Wut und dem Unmut helfen. Und würden sie erkennen, wem es hilft, würden sie auch erkennen, warum es im Sinne aller ist, sich mit anderen solidarisch zu zeigen.

Leider befürchte ich, es wird morgen die falschen treffen. Vor allem diejenigen, die morgen noch öffentliche Verkehrsmittel steuern, weil sie einen arbeitsrechtlich anderen Status haben oder einem nicht bestreikten Verbund angehören, sollten morgen nicht die geballte Wut abbekommen. Sie fahren doch. Und die anderen streiken. Womit? Mit Recht.

Ich das Individuum, ihr die Herde

Die Kassiererin würdigte die Frau vor ihr keines Blickes, sie murmelte bloß: "Guten Tag." Die Frau starrte noch auf ihr Smartphone, schüttelte ihren Kopf, dann fiel ihr die Begrüßung der Kassiererin ein. "Ja, guten Tag.", sagte sie, ging einen Schritt vorwärts, um ihre Einkäufe besser zu erreichen. Einen Gegenstand nach dem anderen schleuderte sie in ihre Tasche, die Kassiererin reichte ihr im Akkord neue Artikel zu. Das elektronische Fiepen des Scanners kommentierte ihren Takt. Nach dem letzten Gegenstand rückte die Kassiererin beiläufig ihren weißen Arbeitsumhang gerade: "Wir haben noch Shampoo im Angebot, zwei für eins.", sie klang fragend. Die Frau bemerkte dies nicht, sie griff routinemäßig in ihre Tasche, zog ihr Portemonnaie heraus. Die Kassiererin sah sie weiter an, erst in diesem Augenblick sahen sich beide Frauen zum ersten Mal in die Augen. Die Kassiererin griff an ihr Namensschild, das locker an ihrem Umhang hing. Frau Wedelin stand darauf. Erst die unruhigen Blicke aus der Schlange vor der Kasse vermittelten den beiden das Gefühl, die Stille zwischeneinander zu durchbrechen.

"Hm?", machte die Frau.

"Shampoo, im Angebot, zwei für eins."

"Ah so, nee, danke."

"Dann vierunddreißig fuffzehn."

Die Frau sammelte fünfzehn Cent zusammen, kramte dann nach Scheinen. Ungläubig sah sie intensiver in das Geldfach ihres Portemonnaies. "What the?", flüsterte sie zu sich selbst. Die Kassiererin hatte bereits die fünfzehn Cent entgegengenommen und die Kasse geöffnet, da sagte die Frau: "Wissen Sie was, wir machen das anders." Ohne auf eine Antwort zu warten, nahm Sie eine der Kreditkarten und hielt sie der Kassiererin hin. Auf der Karte stand in Maschinenschrift ihr voller Name.

"Sorry, nehmen wir nicht.", sagte die Kassiererin gelassen.

"Was, wieso?"

"Weil wir die nicht annehmen."

Die Frau rollte mit ihren Augen und sah verlegen in die Schlange der Wartenden. Ich registrierte zum ersten Mal die ganze Situation, bisher hatte ich alles als weißes Rauschen im Hintergrund aufgenommen, aber nichts davon rückte direkt in mein Bewusstsein vor. Doch ab diesem Moment war es anders, ab diesem Augenblick spielten beide Frauen mit meiner Zeit. Und die war knapp. Die Mittagspause hatte ich schon überzogen und in zehn Minuten musste ich ein wichtiges Gespräch führen. Es war nicht wichtiger als jedes andere Gespräch, es hätte auch nichts ausgemacht, wenn ich mich fünf Minuten später gemeldet hätte. Dennoch erschien es mir lästig, meine exakt geplanten Termine gestört zu sehen, nur weil zwei dahergelaufene Frauen es nicht schafften, eine solche Alltäglichkeit wie einen Bezahlvorgang zügig abzuwickeln. Hinter mir sahen das viele wohl genauso und die Frauen schienen das zu spüren.

"Geht wenigstens die hier?", fragte die Frau. Es klang aber weniger nach einer Frage, als nach einer Herablassung. Die Kassiererin schien das verstanden zu haben, statt auf die Frau einzugehen, nahm sie die Karte und steckte sie mit einer groben Handbewegung in den Kartenleser. Sie deutete mit der ganzen Handfläche auf das Gerät. Die Frau blickte zur Seite. Die weiteren Menschen in der Warteschlange waren dicht aufgerückt, also schob sie ihren Körper zwischen das Gerät und die Wartenden, obendrein deckte sie das Eingabefeld mit ihrer Hand ab. Die vier Ziffern hatte sie schnell eingetippt, doch das Gerät brauchte eine für alle gefühlte Ewigkeit, bis es ratternd Erfolg meldete. Die Frau atmete tief durch. Wortlos nahm sie Karte und Beleg entgegen.

Ich war erleichtert, denn endlich konnte es weitergehen. Lange genug musste ich schon warten. Ich hatte auch Besseres zu tun, als mich hier noch länger aufhalten zu lassen.

"Guten Tag.", hörte ich die Kassiererin.

"Ja, Tag.", antwortete ich, ich war nun endgültig genervt. Ich hatte nur zwei Dinge und musste nun schon viel länger hier in der Schlange stehen, mir gezwungenermaßen den Austausch der beiden Frauen anhören und meine Lebenszeit verglühen sehen. Das reichte mir. Automaten wären mir lieber gewesen, nicht dieser verantwortungslose Umgang mit meiner Zeit.

"Dreisechsundreißich."

Ich griff in meine Tasche nach dem Geld. Nur war es nicht da. Ich erschrak. Wo habe ich mein Geld gelassen?, dachte ich mir. Hinter mir hörte ich einen Seufzer. Hey, ich kann hier auch nicht nach Plan arbeiten, also halt mal die Füße still, sagte ich in Gedanken zu der Person, die hinter mir seufzte. Die Ungeduld wurde nicht kleiner, zumindest hörte ich deutlich das Tippeln mit den Füßen, während andere ebenfalls seufzten. Ich spürte die Blicke in meinem Rücken als ich meine Taschen durchsuchte. Mich kribbelte es nun im Nacken, wo ich mir die gebündelten Blicke der Wartenden ausmalte.

Und was guckt diese Kassiererin hier so genervt, die kann jetzt auch mal warten, ist ja nicht so, dass sie hier bisher mit Fleiß und Einsatzbereitschaft geglänzt hat. Als ich dann endlich mein Geld fand, fiel der Druck von mir ab, doch war ich mittlerweile auch wütend. Gibt echt keinen Grund, mir hier Stress zu machen., dachte ich mir, sagte aber nur: "Tschuldigung."

Ich nahm mein Wechselgeld und stopfte den Einkauf eilig in meine Taschen. Im Umdrehen sah ich einen jungen Mann kurz von seinem Smartphone aufschauen. "Wurde auch Zeit.", murmelte er und rückte dann an den Platz auf, den ich gerade noch belegt hatte.

Was soll’n das jetzt? Was will denn der Spinner von mir, hab das nicht mit Absicht gemacht. Oder was denkt der, das mir das Spaß macht?, in dem Moment war ich mir der Doppelmoral nicht mal bewusst, nicht mal im geringsten.

Der verfickte weiße Ritter

Vor dem Ausgang der Ringbahnhaltestelle stand ein stämmiger Kerl am Rande des Weges. Schon aus etwas Entfernung irritierten mich seine unvorhersehbaren Ausfallschritte, mal nach rechts, dann wieder nach links. Ich wollte meine Kopfhörer gerade aufsetzen, da hörte ich eine tiefe Männerstimme aus derselben Richtung: „Sie kommen nicht vorbei, ich rufe die Polizei! Was fällt Ihnen ein?“

Als ich ungefähr auf seiner Höhe war, konnte ich an seinen breiten Schultern und dem noch breiteren Bauch, der seine offene Jacke und das modische Hemd darunter spannte, vorbei sehen. Ich erschrak sofort. Hinter dem Mann, der im Vergleich wie ein Koloss wirkte, stand eine junge Frau. Sie war höchstens halb so alt wie der kräftige Mann im mittleren Alter. Er sprach auf sie herab, immer wieder von der Polizei. Sie sah verzweifelt aus, als ob sie schon minutenlang versuchte, dem Mann und seinen Drohungen auszuweichen. Nur ließ er sie nicht, er spiegelte jeden ihrer Ausfallschritte und verstellte ihr jeden Fluchtweg mit seinem ganzen Körper.

Sie suchte meinen Blick, ich sah ihre Angst. Instinktiv wollte ich mich raushalten, der Mann war zwei Köpfe größer als sie, immer noch einen größer als ich. Bevor ich einen Schritt an den beiden vorbei machen konnte, hörte ich mich fragen: „Was ist hier los?“

„Das geht Sie gar nichts an.“, grölte er zurück und beäugte sie dabei aufmerksam, um sie nicht entwischen zu lassen.

„Was hat sie Ihnen denn getan?“

„Da!“, seine Finger zeigten auf ein Papiertaschentuch auf dem Boden. „Das hebt sie gefälligst auf! Oder ich rufe die Polizei!“

Mit dieser Antwort hatte ich nicht gerechnet, seine Erklärung war so banal, ich musste lachen. „Das ist der Grund, warum Sie die Frau nicht gehen lassen?“

Die junge Frau bemerkte meine Fassungslosigkeit sofort. „Das ist alles.“, sagte sie. „Aber ich verpasse meinen Zug.“

„Dann heben Sie das auf. Sofort! Oder ich rufe die Polizei.“

Es reichte mir: „Lassen Sie es sein oder rufen Sie die Polizei. Das ist kein Grund, die Frau hier so anzugehen.“

„Finden Sie das auch noch richtig?“, er hatte alle Selbstgerechtigkeit in den Satz gepackt, so als könne er wirklich nicht fassen, dass ich nicht auf seiner Seite stand. Ich fasste ihn leicht am Arm, um ihn sanft davon abzuhalten, weiter im Weg zu stehen. Er parierte das mit noch lauterer Stimme: „Fassen Sie mich nicht an, ich rufe die Polizei.“

Allmählich schossen alle Botenstoffe über das Rückenmark, ein kalter Schauer durchfuhr mich. Ich ging jetzt ernsthaft von von einem handgreiflichen Ende der ganzen Auseinandersetzung aus. Wenn es denn so kommen würde, musste ich keine Rücksicht mehr kennen: „Rufen Sie die Polizei, die kommt allerhöchstens wegen Nötigung, Freiheitsberaubung oder ähnlichem. Durch Sie.“

Er lachte nur. Der Frau stieg die Verzweiflung nun auch in einem verzweifelten Lachen auf. Ich lachte auch, ungläubig. Die Frau und ich tauschten eilig Blicke aus, dann stellte ich mich mit meinem Rücken vor den Mann. Mit meiner Hand deutete ich ihr an, wo sie vorbei konnte. Dann stellte ich mich ihm in den Weg.

Ich spürte seinen runden Bauch auf meinem Rücken. In Gedanken stellte ich mich auf den hellen Blitz vor meinen Augen ein, wenn sein Schlag mich am Hinterkopf träfe. Fast konnte ich den imaginierten Griff seiner massiven Hände spüren, als ich mir seinen Griff nach meinen Nacken ausmalte. Überraschenderweise spürte ich schnell nur, dass er aufgab. Die junge Frau rief mir ein erleichtertes „Danke“ entgegen und huschte an uns vorbei in Richtung der Gleise.

Der Mann deckte mich mit lauten Sätzen ein, was ich mir denn einbildete, wie ich das nur unterstützen könnte, was für eine Schande das doch sei. Mir war es egal, denn er folgte mir, nicht aber ihr. Ich ging in die entgegengesetzte Richtung und hörte mir das alles an, bis es aus mir platzte: „Nehmen Sie doch einfach Ihre Selbstgerechtigkeit und heben sie sich für Leute auf, die das interessiert. Im Zweifel niemanden.“

Dann trennten sich unsere Wege, auch wenn ich ihn noch länger schimpfen hörte. Und jetzt sitze ich hier und bin wütend. Wütend, dass der selbsternannte weiße Ritter der Spießbürgerlichkeit natürlich nur den Mut hatte, eine viel jüngere, kleinere Frau aufzuhalten. Sobald aber auch nur ein Mann auf den Plan trat, kuschte er. Und ich ärgere mich, dass er und ich es wohl in ein paar Tagen vergessen haben, die junge Frau aber nicht. Sie wird es womöglich nie vergessen. Nur weil sie ein Taschentuch an den Wegrand warf. Nicht schön, aber kein Grund für diese Belästigung und Einschüchterung. Wahrscheinlich wird sie ihn nie vergessen. Ihn und all die anderen weißen Ritter in Rüstungen aus Selbstgerechtigkeit. Dieser eingebildete Edelmann auf dem hohen Ross der Heuchelei. Bei ihr traut er sich, bei mir nicht. Es wird nichts damit zu tun gehabt haben, dass sie kleiner war als er, schwächer und ihre Haut dunkler als meine oder seine. Dieser verfickte weiße Ritter.

Wie immer

Mit seiner Gehhilfe stieß der alte Mann die Tür zum Wartezimmer auf. Die Gehhilfe schob er in eine eigentlich viel zu kleine Ecke direkt neben der Tür und einem Stuhl, auf dem eine erkältete Patientin darauf wartete, aufgerufen zu werden. Eine Metallstange der Gehhilfe klirrte gegen eines der Stuhlbeine, die Patientin verstand die Aufforderung und erhob sich weit genug, um den Stuhl unter sich verschieben zu können, damit der Alte seine Gehhilfe dort abstellen konnte. Er nickte ihr zu, sie sah ihn nur kurz an, denn er war schon wieder zur Tür hinaus.

Im Flur waren seine kurzen, zittrigen Schritte zu hören, bis er den Tresen im Flur erreicht hatte, hinter dem eine Arzthelferin saß. Mit reibender Stimme raunte er der ihr einen Gruß zu. Danach gewann seine Stimme an Kraft, als er sie fragte: "Was war denn letzten Freitag bei ihnen los?"

"Da war der 27.", sagte sie mit aller Ruhe, die eine Arzthelferin mit den Jahren so annimmt.

Der Alte nahm dies als Herausforderung an: "Und das war der dritte Weihnachtsfeiertag, oder was?"

"Öhm, nein." Sie schob währenddessen Papiere, auf denen Vermerke in schludriger
Ärztehandschrift wucherten, in Ordner.

"Ich stand hier vor der Tür – verschlossen. Rolläden überall unten."

"Am Freitag? Da hatten wir doch offen."

"Hören Sie mal, ich war da. 15 Uhr. Wie immer. Keiner da."

Nun sah sie ihn mit glänzenden Augen an und erklärte seelenruhig: "15 Uhr. Da haben wir freitags nie auf. Hatten wir auch noch nie."

"Das muss mir einer sagen, ich komme immer um 15 Uhr. Das geht ja so nicht." In seiner Stimme klang ehrliche Empörung mit. Für einen Moment konnte er keine Worte mehr finden, still sahen sich beide an, bis sie aus einem der Kästchen mit Flyern und Informationen, das zwischen den beiden auf dem Tresen stand, eine Karte zog. "Aber sie haben doch unser Kärtchen. Sehen Sie, da steht das alles drauf."

"Ich weiß, aber da gucke ich nie drauf. Das geht so nicht. Ich bin immer um 15 Uhr da. Immer." Sie hatte die Hand mit der Karte ausgestreckt, er ignorierte die Karte aber völlig. Er sah die Arzthelferin nur noch mit scharfem Blick an.

Sie ließ sich nicht sonderlich von ihm aus der Ruhe bringen. Ihr Blick wanderte kurz an einen anderen Ort, der nicht mehr in der Welt vor ihr lag. Sie konzentrierte sich, als bringe sie nun wesentliche Informationen vor ihren inneren Auge zusammen. Nach wenigen Momenten wurde ihr Blick wieder klarer, sie sammelte ihre Stimme: "Hm, na ja, jetzt sind sie ja auch da und es ist neun Uhr."

Er musste schmunzeln, winkte kurz ab und schlich ins Wartezimmer.

Wie viel Menschlichkeit passt in eine Minute?

Oh, ich liebe dieses Video. Ich will aufstehen und herausschreien, wie gut dieses Video ist. Es steht für mich ganz oben auf der Liste im Wettbewerb, wie viel Menschlichkeit in eine Minute passt.

Das Wackeln der Kamera ist großartig, auch die gellenden Freudenschreie. Diese Überraschung, die bei einem zur Schnappatmung führt, den anderen sprachlos macht. Es gibt nichts an diesem Video, das nicht großartig ist. Nichts, das nicht mitreißt. Mehr will ich gar nicht sagen, ich wische mir jetzt die Freudentränen von der Wange.