Und was für eines

Natürlich fühle ich mich gefährdet, wenn ein Fahrradfahrer mit für mich gefühlt irrem Tempo knapp an mir vorbeifährt. Dabei aus meinem Rücken kommt. Und natürlich schnauze ich solche Fahrerinnen und Fahrer an, sollten sie, wie heute geschehen, an der Eisdiele etwa fünfundsiebzig Meter später ihre Erfrischungen holen wollen.

Und es ist keine Ausrede, dass es sich nicht um eine Fußgängerzone handelte, in der sein Rasen stattfand. Stimmt, aber selbst auf einer ganz normalen Straße ist er zur Rücksichtnahme angehalten. Und selbst wenn es keine Bestimmung gäbe, gibt es kein Recht, mich so zu gefährden. Ich brauche nur einen Schritt nach rechts machen, schon fährt er mich, eigentlich uns, über den Haufen. Aber wir befanden uns in einem Verkehrsberuhigten Bereich.

In solch einer Zone gilt Schrittgeschwindigkeit. Schrittgeschwindigkeit, die der Fahrradfahrer nie im Leben gefahren ist. Denn je nach Meinung liegt sie bei drei bis maximal zehn Kilometern in der Stunde. Wenn ich konservativ schätze, war der Fahrer aufgrund der Länge der Hausfassade, die er nach mir passiert hatte, kurze Zeit später schon weit weg. Ich nehme eigentlich an, dass er nach einer Sekunde etwa fünf Meter von mir entfernt war. Ich nehme sogar mehr an, aber ich bleibe mal konservativ. Er war also mit mindestens

5m * 3600s = 18000m/h = 18km/h

immer noch schnell unterwegs. Gefährlich schnell für Fußgänger, die nicht wissen, was kommt. Es ist definitiv keine Schrittgeschwindigkeit mehr. Sein Abstand zu mir kann ebenfalls nicht sehr groß gewesen, wenn ich den Fahrtwind durch das Hemd spürte. Es wird also nicht besser.

Warum lege ich das alles so aus? Weil ich mich versichern muss, wie gerechtfertigt es war, den Fahrradfahrer nach seinem Verweis "Ich darf fahren wie ich will. Ist keine Fußgängerzone." ein Arschloch genannt zu haben. Was für ein Arschloch.

Wenn sie aber

"Hey!" Es hatte kurz vor diesem Ruf dumpf gerumpelt. Die offenkundige Überraschung ließ die Stimme vibrieren, ehe sie wieder Form fand. Mit dem letzten Laut verfestigte sich der Ruf, es folgte ein Schweigen, das gefährlich wirkte. Es war eine wütende Stille. So hing die Wut in der Luft.

"Was soll das?" Die Frage war ein bedrohliches Zischen. Das Zischen und der laute Ruf stammten von derselben Person, doch viele hätten wohl ihre Zweifel daran gehabt. Zu groß schien der Bruch zwischen dem Ruf und der Frage, ganze Welten trennten ihre Tonlagen. Es folgte das fehlende Glied zwischen beiden, ein ausuferndes Grollen, jeweils auf der ersten Silbe betont: "WA-rum TRE-ten SIE MICH?"

"Ihr Bein hat da nichts zu suchen.", antwortete eine zweite Stimme. Sie gehörte dem Anschein nach einem älteren Mann. Dieser schien alle Ruhe in seine Antwort legen zu wollen, an allen Rändern schwappte sein Tonfall jedoch in zittrigen Wellen über.

"Was?" Die Antwort fachte die Wut nur an. "Das ist doch kein Grund, mich hier zu treten." Mit jeder Silbe schwoll die Stimme an.

"Wenn sie aber…"

"Was ABER? Das ist kein Grund zu treten! Fick dich. Arschloch. Was für ein Penner! Was soll das? Das ist kein Grund zu treten…" Die Schimpfwörter hörten nicht mehr auf, unterbrochen nur von heftigem Schnaufen. "Deine Mutter…fickt … Fick deine Mutter. Du hinterletztes Arschloch, ey. Mich treten … einfach treten … warum? … der … Fick …"

Die Wut ließ nicht nach. Die erste Stimme wurde mit der Zeit nur leiser, bis sie irgendwo in der Ferne verschwand. Von der zweiten Stimme kam ohnehin nichts mehr.

Kennt ihr das Kitzeln in den Augen?

“Does anyone ever get this right? I feel no love.”, säuselte die Stimme in mein Ohr, bevor die Musik aus meinen Kopfhörern anzog. Das Schlagzeug setzte müde ein, da betrat ich die Bäckerei. Ich hörte nichts außer der Musik, nicht einmal meine Stimme, als ich artig “Guten Tag“ in den dunklen Verkaufsraum rief. Auf eine ebenso artige wie routinierte Antwort achtete ich gar nicht erst. Es war ja nur ein Reflex, genauso war es ein Reflex, dass ich um diese Zeit einen Bäcker suchte, um eine meist viel zu trockene oder kaum gebackene Brezel zu kaufen. Blinde Gewohnheit.

Ich ging an der ausladenden Theke vorbei, mir blieb nicht viel Platz zwischen der abgeschrägten Glasvitrine und den Stehtischen mit ihren Plastiktischdecken. In der hintersten Ecke, wo es noch am dunkelsten war, stand ein Kühlschrank. Ich konnte noch gut etwas trinken, um den trockenen Laugenteig runter zu bekommen. Ich nahm mir also eine Flasche Mineralwasser, mehr war nicht in dem Kühlschrank, der auch schon bessere Tage gesehen hatte. Die Beleuchtung ging nicht, die Tür hing auch sehr freizügig in den Scharnieren. Als ich den Kühlschrank schließen wollte, klemmte die Tür. Ich stemmte mich gegen sie, bis ich überzeugt war, nicht mehr tun zu können.

Aus meinen Kopfhörern sang immer noch die Stimme, sie hörte sich wenig hoffnungsvoll an. Das letzte Wort brach nur zögerlich hervor, nicht jubelnd, wie es eigentlich verwandt wird: “I speak, I breathe, I’m incomplete. I’m alive. Hooray.“ Ich setzte die Kopfhörer ab, um mich besser mit der Verkäuferin unterhalten zu können. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch so wenig von der Bäckerei gesehen, ich wusste eigentlich noch nicht, dass hinter der Theke eine Verkäuferin wartete. Aber die Erfahrung, auf die ich mich verließ, sagte, es wären in Bäckereien eigentlich immer nur Verkäuferinnen anzutreffen. Und so war es. Vor den beinahe ausverkauften Körben mit.Broten an der Wand stand eine Frau mittleren Alters. sie hatte rostbraunes Haar, das sie zu einem wirren Zopf gebunden hatte, aus dem sich aber schon einige Strähnen befreit hatten. Sie stand reglos in ihrer weiß-gelb gestreiften Schürze vor der Kasse und sah durch die große Glasfront auf die Straße hinaus.

„Ich nehme einmal das hier“, sagte ich und hob die Flasche auf die Theke, “und dann noch eine Brezel, wenn sie noch eine haben, bitte.“ Ich konnte keine Laugenbrezel sehen, ich wollte den Appetit darauf aber noch nicht aufgeben. Meiner Bitte folgte keine Reaktion. Erst jetzt bemerkte ich, dass die Verkäuferin nicht auf die Straße blickte. Sie sah auf etwas, das mir verborgen war. Sie sah eine Erinnerung vor ihrem inneren Auge, einen Gedankenblitz, der sie mit ihrem Innenleben so verschmolz, dass sie keine Regung nach außen zeigte. Nur ihren flachen Atem bemerkte ich, ansonsten stand sie still an ihrem Platz. “Entschuldigung“, sagte ich, denn ich wusste nicht, was ich sonst sagen sollte. Es kam mir zu brachial vor, sie mit lauten Tönen oder hektischen Gesten vor ihrem Gesicht auf mich aufmerksam zu machen. Sie war eindeutig so weit in sich versunken, dass ich sie nur brutal hätte herausreißen können. Aber das wollte ich nicht. Da außer uns niemand im Laden war, beschloss ich, einfach noch einige Momente zu warten.

Es kam mir länger vor, als es wohl tatsächlich dauerte, doch ich war kurz davor, die Bäckerei unverrichteter Dinge zu verlassen, da sprach sie in ruhigem Ton: “Kennen sie das?“

Ich wusste nicht, ob sie mit mir sprach. Ihr Augen regten sich nicht, ihr Gesicht auch nur so weit, wie es für die Wörter notwendig war. Ich war mir also nicht sicher, wem die Frage galt und fragte dementsprechend zurück: “Was kenne ich?“

“Kennen Sie dieses Gefühl, wenn es in den Augen so kitzelt? Weil unter der Haut sich die Tränen sammeln. Aber nichts kommt raus. Haben sie das auch manchmal?“

“Ja“, sagte ich, “das kenne ich.“ Wäre ich noch ehrlicher gewesen, hätte ich ihr gestanden, gerade in diesem Moment von dem Gefühl überrollt zu werden. Mich erstaunte schon, dass ich überhaupt so direkt antworten konnte. Ich antwortete beinahe beiläufig, reflexiv sogar. Diese Reaktion von mir war aber Bannzauber genug, denn nun sah ich in ihren Augen wieder ein klares Bewusstsein. Wo immer sie in Gedanken war, sie war dort nicht mehr. “Geht es ihnen gut?“, fragte ich sie.

Sie lächelte als wäre es ihr peinlich. Als wüsste sie, dass für einen kurzen Blick dieser unsichtbare Schutzwall zwischen Menschen brüchig war. “Alles bestens. Ich war nur gerade abgelenkt.“ Sie nahm die Wasserflasche, scannte den Strichcode ein: “Darf’s noch etwas sein?“

Ich war so perplex, ich verneinte. Irgendwie, ich weiß nicht wie, wechselte das Geld für das Wasser den Besitzer. Ich verließ die Bäckerei, völlig in Gedanken versunken. Als die Tür hinter mir lag, setzte ich die Kopfhörer wieder auf. “Land of the free, lobotomy“, das hörte ich noch vom Gesang, danach machte ich die Musik wieder aus. Nach solcher Musik war mir gerade nicht mehr.

Amtsflucht

Ich lebe zwischen Regen und Traufe der asozialen Marktwirtschaft, zur einen Seite der Klotz der Agentur für Arbeit, auf der anderen eine identitätsgestörte Einrichtung. Sie wirkt immerhin etwas im Unklaren über das eigene Dasein. Selbst in der kurzen Zeit, die ich hier lebe, hat sie die großen Lettern über dem Haupteingang mehrmals gewechselt. Derzeit nennt sich das Gebäude Jobcenter, ganz unabhängig von seinem eigentlichen Zweck, der wohl schon seit jeher die Schikane ist.

Zu jeder Tageszeit strömen allerlei Menschen zu den Gebäuden. Manche von ihnen tragen seltsame Jogginganzüge, für die nicht einmal die Achtziger anrufen würden, um sie zurückzuverlangen. Andere werfen sich in Schale, anscheinend wollen sie einen möglichst guten Eindruck hinterlassen. Doch betreten sie die Gebäude durch ihre gläsernen Mäuler, werden sie zu Nummern zermahlen. Gleichwohl sie Kunden genannt werden, sollen sie nur dem gesellschaftlichen Verdauungssystem zugeführt werden.

Kein Wunder also, dass sich ein Schauspiel nun häufiger bestaunen ließ, das ich nur als Zeichen interpretieren kann, wie wenig Menschen mit diesen institutionellen Verachtungsmaschinen zu tun haben wollen. Vor dem Jobcenter ist eine Bushaltestelle, die Briefkästen des Amtes sind bloß zehn, vielleicht fünfzehn Schritte entfernt. Hält ein Bus, bricht manchmal Hektik aus. Kaum haben sich die Türen geöffnet, springt ein Mensch hinaus. In den Händen einige Umschläge, sprinten sie zu den Briefkästen. Die Luke quietscht, doch bevor sie metallisch krachend ihre Arbeit wieder einstellt, hat der Mensch schon wieder den Bus erreicht. Die Bustüren schließen sich.

Nahe Frankfurt

Auf dem Weg nach Darmstadt musste ich in einer der miefigsten Städte des Taunus umsteigen. Während ich am Bahnsteig auf den Zug wartete, der bald kommen musste, hastete ein junger Mann die Treppen zum Bahnsteig hinauf. Sein Blick haftete schon auf den Stufen an der Anzeigetafel, doch keiner der Namen auf der Tafel schien ihm etwas zu sagen. Kopfschüttelnd ging er auf mich zu. "Fährt der Zug hier auch zum Hauptbahnhof in Frankfurt?", sagte er, die Worte getrennt von tiefen Atemzügen.

"Ja.", antwortete ich.

"Und…", er wurde vom einfahrenden Zug übertönt. Er wollte gegen den Lärm anschreien, merkte jedoch schnell, dass er diesen Kampf nicht gewinnen konnte. Erst als der Zug nur noch im Schritttempo fuhr, setzte er wieder an: "… und wann fährt der nächste in diese Richtung?"

"Um diese Uhrzeit?", ich fuhr die Strecke schon lange nicht mehr regelmäßig, also konnte ich nur mutmaßen. "In einer Stunde. Wenn überhaupt noch einer später fährt." Ich bestieg den Zug. Erst als ich mich hingesetzt hatte, bemerkte ich, dass er mir in den Zug gefolgt war. Er nahm mir gegenüber Platz, sein Brustkorb hob sich und sank noch immer im Takt seiner schweren Atemzüge. Mir stand der Sinn nicht nach einer weiteren Unterhaltung. Nicht weil er mir seltsam vorkam, ich hatte nur einen anstrengenden Tag hinter mir. Alles, was ich wollte, war, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Ich nahm mein Telefon und spielte Super Hexagon.

Er starrte aus dem Fenster in die Nacht, er konnte also zu dieser Tageszeit nur eine schwarzes Wand und vorüberziehende Lichtstreifen sehen. Manchmal schüttelte er den Kopf, dann lachte er ungläubig. In anderen Augenblicken hörte ich ihn leise lachen, gefolgt von einem "So eine Scheiße.". Ich weiß nicht, ob er damit versuchte, meine Aufmerksamkeit zu erlangen, aber in mir entstand der Eindruck, er wolle etwas erzählen. "Wo hat die mich ausgesetzt?", zischte er. Damit hatte er mich.

"Was ist denn los?", sagte ich. Er sah mich nur an und musste lächeln. "Ich bin seit heute morgen unterwegs. Habe bei der Mitfahrzentrale eine gute Verbindung von Erfurt nach Frankfurt gefunden. War erst auch alles okay. Die ist dann aber so langsam gefahren, das hat Stunden gedauert." Er schüttelte den Kopf. "Und dann hält die eben an dem Bahnhof da und sagt mir, das ist hier Endstation. Und ich fragte, ob das Frankfurt ist. Und sie sagt, dass wäre nah genug dran. Aber sie hat ausdrücklich gesagt, sie fährt mich nach Frankfurt."

"Klingt nicht nett. Hast du irgendwas angestellt?"

"Nein. Ich war immer ruhig, ich hab nichts gemacht. Ich war auch so überrascht und bin sofort ausgestiegen aus ihrem Auto. Dann hat sie mir für meinen Zwanziger nur einen Euro rausgegeben. Wir hatten aber siebzehn ausgemacht."

"Hm, hört sich wirklich nicht nach der feinen Art an.", sagte ich.

"Egal, ich hoffe, jetzt kommt keine Kontrolle. Ich habe ja keine Scheißfahrkarte." Er lachte noch, dann fügte er hinzu: "Aber du kannst denen doch sagen, dass ich gar nicht anders konnte. Das ist ein Notfall."

"Ich glaube nicht, dass ein Kontrolleur sich davon beeinflussen lässt.", antwortete ich.

So saßen wir eine Weile im Zug, unterhielten uns. Er kam aus Erfurt, um in Wiesbaden die Familie zu besuchen. Er hatte also selbst von Frankfurt aus noch ein Stück vor sich. Allmählich konnte ich mit einem Blick aus dem Fenster schon Frankfurt am Horizont glühen sehen, da eilte eine Gestalt an uns vorüber, baute sich ganz hinten im Waggon auf. Hinter mir hörte ich vom anderen Ende des Waggons eine tiefe Stimme: "Fahrkartenkontrolle."

Das war für meine Zugbekanntschaft zu viel, seine Gesichtszüge entglitten ihm völlig, sein ganzer Körper schien urplötzlich von der Stimme in Spannung versetzt. Er sah aus, als hielte es ihn nicht mehr auf dem Sitz, doch wüsste er nicht wohin. Ich sah im Hintergrund die ersten Betonsteine eines Bahnsteiges, der Zug müsste gleich halten. Nervös sah ich ihn an. "Scheiße, ich muss hier raus.", sagte er.

"Noch nicht. Bleib sitzen.", ich wusste genau, wenn er hastig aufgestanden wäre, hätte er alle Aufmerksamkeit der Kontrolleure auf sich gezogen. So, auf dem Sitz wartend, hatte er noch eine Chance, auch wenn er die Anspannung kaum noch aushielt, wie schnell die Kontrolleure von beiden Seiten auf uns zu kamen, während der Zug langsamer wurde, doch nicht zum Stillstand kam.

"Noch nicht.", sagte ich. Er sah mich an, also könnte er sich kaum noch beherrschen. Seine Augen brüllten die Anspannung hinaus. Der Zug fuhr noch immer in gemächlicher Geschwindigkeit, es hatten sich aber noch keine anderen Fahrgäste zum Aussteigen an die Türen gestellt. Ich sah den Schwarzfahrer an, er zitterte, auch wenn er es unterdrücken wollte. Endlich schien der Zug zum Stillstand zu kommen, von den Türen war das typische tiefe Pfeifen zu hören, das die Türsperre freigab. Gerade wollte ich Jetzt! sagen, da sprang zwei Sitzbänke hinter dem Schwarzfahrer ein junger Kerl auf, rannte mit großen Schritten zur Tür. Es wurde laut, die Kontrolleure rannten dem Kerl hinterher. Die Flucht endete aber an der Tür, wo die Kontrolleure ihn einholten. Es wurde geschrien, alle Menschen wandten sich nach dem Lärm um. Nur meine Zugbekanntschaft nicht, er grinste und schlich, noch leicht zitternd, zu einer anderen Tür auf den Bahnsteig.

Ich wandte mich ab, schüttelte wohl meinen Kopf, weil ich nicht glauben konnte, was für ein Glück er gehabt hat. Vor mir ließ sich eine Person auf dem Sitz nieder, ich sah schon wieder auf mein Telefon. "Na?", hörte ich eine bekannte Stimme. Als ich aufsah, saß er vor mir und grinste breit. Meine Verwunderung musste mir im Gesicht gestanden haben, denn er erklärte sofort: "Die haben den Typen auf den Bahnsteig geführt, um seinen Perso zu prüfen. Da bin ich wieder eingestiegen."

Ich lachte, er lachte. Bis unsere Wege sich am Hauptbahnhof in Frankfurt trennten.

Ist das ein Problem?

Seit ein paar Tagen spült ein reflexartiger Mechanismus der Selbstreflexion einige Begebenheiten in meinem Leben hoch, auf die ich nicht sonderlich stolz bin, nicht darauf, wie ich mich verhalten habe. Denn so bedauerlich es ist, sie alle drehen sich um eine Frage: Bin ich in meinem alltäglichen Verhalten homophob?

Es gibt zwei Antworten darauf, die eine ist die offizielle, die andere ist die von introspektiver Wahrnehmung geprägte. Die erste Antwort lautet selbstverständlich, ich bin nicht homophob. Wie jeder aufgeklärte Mensch lasse ich da nichts auf mich kommen, ich bin selbstredend auf der Seite des Guten, des Rechtschaffenen, des Richtigen. Ich habe mir schon lange alle äußeren, offenkundigen Merkmale der Homophobie oder auch nur der leichtfertigen Herabwürdigung von Schwulen und Lesben abgewöhnt, ein nach meiner Schulhofsozialisation gar nicht mal einfacher Vorgang.

Da gibt es aber noch eine innere Perspektive auf mich und mein Verhalten, dieses Wissen um meine Gedanken, die nie manifeste Handlungen wurden. Gedankenblitze, die ich routiniert ersticke, bevor sie Verwüstung anrichten können. Nur ich kenne sie, zumindest bis jetzt, wo ich einen gewissen öffentlichen Blick auf sie zulasse. Diese Gedanken sind für mich schwerer zu bekämpfen, als meine früheren homophoben Verhaltensweisen der Jugendzeit, diese offenkundigen Muster konnte ich mit Verweis auf meine Gewissensentscheidung und Moralvorstellung als falsch entlarven und in und an mir selbst erfolgreich bekämpfen. Doch gibt es die Wurmfortsätze einer strukturellen Homophobie in mir, die Homosexualität noch immer als Andersartigkeit wahrnimmt, und dieser Andersartigkeit ein Gewicht gibt. Es ist das, was hinlänglich als Heteronormativität bezeichnet wird, diese subliminale Weichenstellung, Menschen anhand des sozial Erwarteten zu kategorisieren. Es ist in mir tiefer angelegt, als meine Vernunft und mein Gewissen reicht. Daher lautet, so schmerzlich es für mich ist, die zweite Antwort: Ja, ich bin strukturell noch immer homophob.

Und erst jetzt wird mir schlagartig klar, welche Arbeit noch vor mir steht, denn diese Heteronormativität als das, was sie ist, wahrzunehmen, wird mir erst jetzt in vollem Umfang klar. Warum habe ich sie nicht in dieser Stärke wahrgenommen? In den vergangenen Tagen, ich habe es ja schon geschrieben, wird da einiger Morast an die mentalen Strände gespült, die für sich betrachtet immer nur bloß Treibgut waren. Ein paar Habseligkeiten hier, alte Kleidungsstücke dort, aufgeblähtes Tafelholz, alles nur zusammenhangloser Unrat, den das Meer verschlungen und nun unwillkürlich ausgespuckt hatte. Doch jetzt stehe ich hier am Strand vor dieser Wasserleiche und merke, da könnte mehr passiert sein, als ich mir eingeredet hatte.

Was ich konkret meine? Nur ein Beispiel aus einer Zeit vor zehn, vielleicht elf Jahren, als ich auf der Suche nach einem WG-Zimmer war. Bei einer der Besichtigungen lief alles prächtig, das Zimmer war ordentlich groß, die Wohnung sauber, aber nicht steril, vor allem aber waren die potenziellen Mitbewohner sympathisch. Mir war es gar nicht aufgefallen, aber mitten in der Unterhaltung über unsere Hobbys, was wir für Musik mögen, sagte der eine ganz beiläufig: "Übrigens, ich bin schwul. Ist das ein Problem für dich?" Meine Antwort fiel lapidar aus: "Nein. Ich bin es nicht. Das ist ja auch kein Problem." Die Unterhaltung setzten wir ohne Unterbrechung fort. Und genau das macht mir heute zu schaffen. Warum habe ich es als normalen Hinweis aufgefasst? Wieso musste es überhaupt zur Sprache kommen? Wieso empfand ich es nicht als unangebracht, dass er mich darauf hingewiesen hat und die Frage gestellt hat? Was ging mich das an? Heteronormativität ging mich das was an, das war es. Ich empfand es offenkundig, als ’normal‘, darauf hingewiesen zu werden, womöglich mit einem Schwulen zusammenzuleben. Der eine hörte Metal, der andere spielte gern Fußball und der andere ist schwul. Ein Problem damit? Wieso hat es zehn Jahre gebraucht, bis mir auffällt, was an dieser Aufzählung nicht stimmte? Ich hatte kein Problem mit der Homosexualität, aber auch nicht mit der Frage, das ist das heteronormative Problem.

Diese Sache mit den Zahlen

Diese Sache eben, die hatte ich hinter mir gelassen, glaubte ich. Das mit den Zahlen betrieb ich nur, solange es Teil einer Kosten-Nutzen-Kalkulation war. Bis zu dieser simplen Notenkalkulation in der Schule beherrschte ich die Sache mit den Zahlen auch recht gut: Pro Halbjahr ein Thema, zwei Klausuren zum jeweiligen. Die erste war eine leichte Grundlagenklausur, reine Wiedergabe des Stoffes; in der zweiten ging es um tieferes Verständnis, die Aufgabenstellungen abstrahierten vom Gelernten auf neue Bereiche. Mathe-Lehrerinnen kamen, Mathe-Lehrer gingen, alle konnten mich nicht davon abbringen, ich perfektionierte ein Minimax-Prinzip, mit dem ich seit der fünften Klasse aus meiner Sicht hervorragend zurande kam.

All mein Fleiß floss in Klausur Nummer eins, und für die zweite brachte ich nur genau die Energie auf, um im Mittel auf eine durchschnittliche Note zukommen. Der von mir betriebene Aufwand der ersten verhielt sich antiproportional zu dem der zweiten Klausur, was im von mir irrtümlich für den besten gehaltenen Falle zu kompletter Verweigerung bei der zweiten Klausur führte, sobald die erste perfekt verlaufen war. Klausur Nummer eins mit fünfzehn Punkten bestanden hieß für mich: Null Punkte in der zweiten Klausur reichen für eine Gesamtbote von acht Punkten. Das kam häufig vor, zumal ich in der zweiten selbst immer auch ein paar Anwesenheitspunkte machen konnte. Mir reichten die neun oder acht Punkte am Halbjahresende immer, es gab auch noch Ausrutscher nach oben. Ich war sogar stolz darauf, einen Königsweg gefunden zu haben, der die Mathematik, die in der Schule sowieso nur eine etwas aufgebohrte Basislektion in Arithmetik war, nur streifte, ansonsten aber keine weiteren Berührungspunkte hatte.

Stolz, das trifft es gut, ich war stolz darauf, mir die Mathematik immer vom Hals gehalten zu haben. Sie war kein Zweck an und für sich, nur ein Mittel zum Zweck, der Zweck war die Note auf dem Zeugnis. Das, was ich fühlte, wenn ich Lehrerinnen und Lehrern nach Ausgabe einer sehr guten Klausur den Müßiggang in der folgenden ankündigte, war hochnäsig und eitel, aber vor allem falsch verstandener Stolz. Und alle dieser Lehrerinnen und Lehrer waren nicht zynisch genug, um nicht in ihren Augen die Kränkung aufblitzen zu lassen, die mein Stolz für sie bedeutete. Ich hatte ihren Notenschlüssel erfolgreich und mit eisigem Kalkül gegen sie gerichtet, es kam mir vor, als hätte ich die Tyrannei didaktischer Obrigkeit mit ihren eigenen Waffen geschlagen. Sie drohten Zuckerbrot und Peitsche an, ich wählte das und, so war es auch ein gewisses Stück jugendlicher Rebellion.

Heute sitze ich über Büchern, die Erinnerung an die rebellische Attitüde klingt im Kopf nach, sitze über Büchern voller Formeln, Funktionen und allen voran eleganter Logik. Und ich ärgere mich über mich selbst, weil ich mir jahrelang einbildete, gut ohne Mathematik ausgekommen zu sein. Doch jetzt hat sie mich eingeholt, mit geduldiger Gewalt, der ich mich nicht erwehren kann. Ich kenne ihre Nomenklatur nicht, ich kann kaum folgen, weiß aber nun, warum ich sie brauche, weshalb sie nützlich ist in, warum sie schön ist, auch wenn ich nur winzige Partikel von ihr tatsächlich begreife. Denn, was ich damals vor lauter Rebellion und Faulheit nicht sah: Ich durchbrach die Macht des Mechanismus namens Schule, sah aber nicht, dass er imstande und gewillt war, mir etwas beizubringen, das die nützlichste, ästhetischste und gefährlichste Waffe sein kann: Diese Sache mit den Zahlen ist auf ihre Weise ganz besonders Ausdruck von Macht.

Ich bin im Nichts, ich muss hier raus

Was geht denn jetzt ab? Stehe mitten in der #pampa, Stunden der Telearbeit im Großraumbüro hinter mir, was sag ich, in den Knochen, was will ich wohl? Hier weg, ich will nur noch hier weg. Und dann kommt der Bus, dieser unsägliche Bammelbus, der mich zur Bimmelbahn bringen soll, mit dem ich eine halbe Stunde durch tote Wälder fahren soll, an verwaist wirkenden Attrappen uriger Dörfer.

Wenn der Bus in einer vergleichsweise großen deutschen Stadt nicht kommt, ist das ärgerlich; kommt er in der #pampa nicht, ist die Kälte alles, was bleibt. Nein, es regnet auch noch. Dieser Ort lebt nur von der Frischzellenkur, die ihm ein gigantischer Industriebrocken ihm morgens zuführt, abends aber wieder nimmt. Ich mag meine Arbeit, so richtig, aber außer ihr hält mich hier nichts.

Und jetzt fällt auch noch Twitter aus. Ich geb auf. #dammit

Alltagsrassismus: Muss man denn gleich ausrasten?

In der gegnerischen Spielhälfte, linksaußen am Sechzehnmeterraum, erhält ein Spieler den Ball. Sein Gegner steht etwas zu weit von ihm entfernt, so kann er den flach gespielten Pass mit einer schnellen Drehung in Richtung Grundlinie ziehen. Doch der Gegner sperrt den direkten Weg zum Tor. Der ballführende Angreifer nimmt das Tempo sofort raus, lässt den Ball zwischen seinen Füßen tanzen. In einer flüssigen Bewegung bückt er sich zum Ball, er nimmt ihn in beide Hände, dreht sich zur Tribüne hinter sich um. Wie ein Torwart beim Abschlag, so hält er den Ball vor sich, zieht mit dem rechten Bein ab. Den Ball trifft er allerdings nicht mit voller Kraft, dieser prallt vom Zaun vor der Tribüne ab. Der Spieler blickt hinauf zu den Stehplätzen, selbst als der Schiedsrichter ihn erreicht hat, er schaut zu den aggressiven Fans der gegnerischen Mannschaft. Sie schlagen in die Luft, johlen, schreien runter auf das Spielfeld. Weiterlesen