Nutzerschaftsbeschimpfung

Ranty McRant hier, vielleicht auch die einzige Person, die gerade die Ohrfeige nicht mitbekommen hat, die der Chief Product Office von Netflix in Sachen Offline-Modus für Videos ausgeteilt haben soll:

Undoubtedly it adds considerable complexity to your life with Amazon Prime – you have to remember that you want to download this thing. It’s not going to be instant, you have to have the right storage on your device, you have to manage it, and I’m just not sure people are actually that compelled to do that, and that it’s worth providing that level of complexity.

In diesem Fall soll es Menschen, die smarte Telephone bedienen, durchaus auch Verantwortung in ihren Jobs übernehmen oder auch ansonsten in der Lage sind, sich Dinge zu überlegen und merken von der Komplexität einer einfach Option zum Download überfordert sein. Sollte die Aussage stimmen, muss erwidert werden, dass diese Annahme tatsächlich nur von einem Unternehmen kommen kann, dass seinen durchaus ordentlichen Inhalt in der unsäglichsten Anwendungsoberfläche nach der Erfindung der Ananas präsentiert. Also durchaus schlüssig, dass man Menschen lieber für dumm hält, als an die eigenen Designfähigkeiten zu glauben. Es ist aber ohnehin zu befürchten, dass dort nur ungeschickt vertragliche Rahmenbedingungen kaschiert werden sollen, die einen Offline-Modus verbieten. Aber dann muss es ja nicht gleich in Publikumsbeschimpfung ausarten.

Sleepy Hollow: Schläfrig hohl

Washington Irvings The Legend of Sleepy Hollow lädt zu neuen Interpretationen ein. Da wäre zunächst das mittlerweile längst abgelaufene Urheberrecht der 1820 veröffentlichten Erzählung, mit der sich eine bekannte Geschichte ohne lästige Lizenzen und Tantiemen an Hinterbliebene wiederbeleben lässt. Reizvoll ist aber auch der Inhalt: eine schaurige Mär um einen Reiter ohne Kopf.

Schon in Tim Burtons Sleepy Hollow wurde ordentlich an den Stellschrauben gedreht, braucht so ein ausgewachsenes Starvehikel doch einen geeigneteren Protagonisten als den vor Aberglaube in die Flucht geschlagenen Ichabod Crane aus Irvings Mär. In der 1999er Verfilmung ist Crane zwar noch immer ein Sonderling, aber einer, der eher zum Helden taugt, der sich im ausgehenden 18. Jahrhundert mit beinahe futuristischen Ermittlungsmethoden dem Irrglauben der Dorfbewohner und dem Übernatürlichen in den Weg stellt. War Crane schon bei Burton aus der Zeit gefallen, ist er es in der neuen TV-Serie umso mehr. Vermutlich um die Geschichte noch näher zur Zuschauerschaft zu tragen, werden der kopflose Reiter sowie Ichabod Crane, der nun gänzlich zum Widerstandskämpfer gegen die Briten im Unabhängigkeitskrieg hochgejazzt wurde, in die Gegenwart geworfen. Da gibt es dieses beschauliche Örtchen Sleepy Hollow noch immer, nun müssen wir also nicht mal mehr auf moderne Technik in unseren düsteren Sagen verzichten.

Mit ausreichend Popcorn und in geselliger Runde müsste das doch für kurzweiligen Grusel reichen. Müsste. In Wahrheit ist es eine so berechnete wie konfuse Enttäuschung. Für die Serie zeichneten unter anderen Alex Kurtzman und Roberto Orci verantwortlich, die das hervorragende Fringe hervorbrachten oder auch am Reboot von Star Trek im Kino ihren Anteil hatten, sie stecken aber auch hinter solchen Abgründen wie den Transformers-Verfilmungen. Und an letztere erinnert Sleepy Hollow viel zu oft. Schmerzhafte Dialoge treiben die Fremdschamesröte ins Gesicht, da hilft auch nicht, dass Tom Mison seinem Ichabod Crane hin und wieder heitere Momente abringt. Ansonsten wirkt Crane aber wie ein Fremdkörper — nicht in der Zeit, doch in der Narrative. Unterm Strich erstickt alles unter dem dicken Teppich wild gestreuter Mythologie und tumben Sprüchen.

Darunter leidet vor allem auch die von Nicole Beharie gespielte Abbie Mills. Mills steht als junge Ermittlerin der örtlichen Polizei im Zentrum der Ereignisse und hat auch noch weitere Verbindungen zu den aus der Zeit Gefallenen. Als starke Figur taugt Mills in Sleepy Hollow leider nicht. Weil Beharie nicht viel mehr machen braucht, sie muss nur die Verwirrung über die Drehbücher direkt in Mills kanalisieren, da bleibt kaum noch Raum für eine runde Figur. Schade, denn Beharie spielt charismatisch und so viele schwarze Frauen gibt es im Fernsehen leider immer noch nicht. Weder Beharie noch die Anlage der Figur trifft also die Schuld. Es liegt einzig an dem enormen Tempo, mit dem die Autoren eine historische Verschwörung an die nächste übernatürliche Erscheinung klammern. Selten hat eine Serie so schnell überdreht wie dieses wild mit Verweisen und Blut um sich werfende Sleepy Hollow.

Ganz so als ob die gefürchteten Anlaufschwierigkeiten einer Serie mit Gewalt überrannt werden sollen, prescht die Serie unerbittlich nach vorne. Vergisst aber, sich zu versichern, ob überhaupt noch jemand folgen kann. Und wie immer wenn die Nachvollziehbarkeit auf der Strecke bleibt, sammelt die Gleichgültigkeit die Reste auf.

Person of Interest: Got Carter

Vor zwei Wochen wollte ich schon über Joss Carter schreiben, weil sich da eine Entwicklung in Person of Interest abzeichnete, der ich nicht wortlos zuschauen wollte. Ich schmeiße ja gerne mit Superlativen und Hyperbeln um mich, das ist halt so meine Art. Nun rächt sich das, weil ich hinter meine Meinung zu dieser Figur rhetorisch nicht mehr genug Druck kriege, um ihr gerecht zu werden. Und jetzt wo sie ein absehbares Ende genommen hat, bleiben mir nur billige Hülsen. Carter war die beste weibliche Figur in einer Actionserie, die mir untergekommen ist. Sie war der emotionale Anker in einer Serie voller Helden, die aber wegen ihrer dysfunktionalen Verhaltensweisen wenig Empathie in mir hervorriefen. Carter war anders als diese Helden, sie war als normaler Mensch angelegt. Mittlerweile wurden viele Punkte zu Carter in diesem Nachruf festgehalten, aber ich schrecke diesmal nicht vor Redundanz zurück.

Natürlich war es auch einfach, Carter zu bewundern, sie hatte großartige Momente, in denen sie ihre Gegner ausschaltete. Wir sind konditioniert, uns von dieser physischen Leichtigkeit, mit der Actionfiguren über unterlegene Widersacher herrschen, beeindrucken zu lassen. Für sie sind es profane Vorgänge. Zwei Handgriffe, ein paar Schläge und schon stehen sie über den starren Körpern der Angreifer. Auch Carter wurde diese Ruhe angeschrieben, die in Actionheld so braucht. In diesem Sinne war sie nicht zu unterscheiden von den anderen heroischen Figuren der Serie. Auch Carter tritt Ärsche – unter anderen auch deren Hintern.

Was sie aber von allen unterschied, war ihre charakterliche Voraussetzung. Sie war besonders. Carter war nicht gebrochen oder psychisch belastet, weswegen sie lebensmüde gegen die übermachtigen Strukturen der korrupten Polizei kämpfte. Carter hatte eine Bodenhaftung, die Reese, Finch, Shaw und anderen abgeht, sie sind Soziopathen. Aber Carters Motivation war einzig und allein ihre Integrität, gerade ihre psychische Stärke. Auch wenn sie selbst in die Grauzone trat, war sie von allen diejenige, der man ansah, dass sie sich dort nicht wohl fühlte. Ihre Mitstreiterinnen und Weggefährten waren selbst schon korrumpiert oder von der eigentlichen Welt losgelöst. Als alleinerziehende Mutter und selbstbewusster Detective war Carter aber verwundbarer, trotzdem gab sie den Kampf nicht auf. Das machte sie zu einer bewundernswerten Figur. Sie hatte neben ihrem Leben auch eine soziale Existenz zu verlieren und konnte trotzdem nicht anders, als sich gegen die allmächtig erscheinende Verschwörung zu stellen. Carter war keine Heldin in glänzender Rüstung, sie war eine von ‚uns‘. Eine bessere Version von ‚uns‘, die nicht kuschte, buckelte oder sich fügte.

Umso trauriger ist, dass die Autorinnen und Autoren der Serie Carter zwar über HR triumphieren lassen, ihr dann aber auf den letzten Drücker noch beinahe alle Klischees aufdrücken, unter denen weibliche Figuren im Fernsehen so oft zu leiden haben. Da wäre eine aufgepfropfte romantische Szene kurz vor ihrem Ende, mit der sie dann doch zu einem Love Interest wurde, der sie glücklicherweise doch so lange nicht war. Das ist ein deutlicher Rückschlag, der dieser starken Frauenfigur fast völlig in den Rücken fällt. Sie hätte einen würdigeren Abschied verdient, als dann doch einfach als Motivation für ihre männlichen Hinterbliebenen zu dienen.

Carter ist aber anscheinend an sich eine so wunderbare Figur, deren Verlust ein so großes Loch ins Gefüge der Serie reißen könnte, dass man es wohl für nötig hielt, sie vor dem vielleicht unausweichlichen Tod noch ein wenig zu degradieren, um den Schaden für Person of Interest geringer erscheinen zu lassen, als er tatsächlich ist. Dabei hat Carter doch jedes Shakespeare-Zitat verdient. Wie wäre es beispielsweise mit diesem aus King John?

Death, death; oh, amiable, lovely death!
Come, grin on me, and I will think thou smilest.

Seinfeld – „The Airport“ Security

Wer lange einen Bogen um eine Serie macht, muss mit dem Altern der Serie leben. So ging es mir mit Seinfeld. Hin und wieder hatte ich eine Folge schon vor Jahren gesehen, aber mit der Zeit dachte ich, es brächte nicht mehr viel, jetzt noch damit anzufangen. Wie alt würde der Humor sein, schließlich ist die Serie bald 25 Jahre alt? Ich habe meine Sorgen doch noch überwunden und mit der Serie angefangen.

Natürlich, der technische Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte wird deutlich, wenn es quasi keine Mobiltechnologie gibt, allenfalls mal ein Anrufbeantworter abgehört wird —von einem Telefon mit Wählscheibe aus. Das muss man sich mal vorstellen. Oder wenn jemand den Weg in einen Vorort nicht findet, weil er keine Karte dabei hat. Keine physische Karte, so eine zum Aufklappen. Mit heutigen Navis wäre die Odyssee durch fremder Leute Vorgärten nicht passiert. Schon gar nicht in den scheußlich kubistisch gemusterten Neonhemden der jungen Neunziger.

Aber weit gefehlt, der Staub hat sich nur an der Oberfläche festgesetzt. Im Kern baut sich Seinfeld um menschliche Unzulänglichkeiten herum auf. Herrlich wuseln Elaine, Kramer, George und Jerry sich durch peinliche Situationen, in die sie sich meist selbst gebracht haben und die sie nur noch schlimmer machen, weil sie nicht zu ihren Fehlern stehen. Das ist zeitlos, denn es geht mir und den meisten wohl genauso mit unseren Schwächen. Es fällt überhaupt nicht schwer, sich über die Macken der Vier zu amüsieren, ein wenig lacht man dabei halt auch immer über sich.

Nur bei einer Folge konnte ich bislang nicht lauthals lachen, obwohl ich wollte. Folge 12 der vierten Staffel heißt schlicht "The Airport" und bringt die vier aus verschiedenen Gründen an besagtem Flughafen zusammen. In der Zwischenzeit ist, das wurde mir unangenehm deutlich, so viel passiert, alles Gezeigte war mit der Welt wie sie heute an Flughäfen funktioniert nicht mehr unter einen Hut zu bringen. "The Airport" ist für Menschen der Post-9-11-Welt kaum zu ertragen. Wie sollen wir in unserer Vorstellung denn auch die Schere zwischen den skurrilen Handlungen der Folge und der heutigen Repression nicht wahrnehmen? Mal ehrlich, die Vier wären ihrem Verhalten nach heute sehr wahrscheinlich im Knast oder schlicht tot.

In Zeiten der Terrorabwehr, die begrifflich für die politisch gewünschte, alltägliche Repression herhalten muss, hätten die Eskapaden der vier Protagonisten ein jähes Ende gefunden. Elaine flieht vor ihrem lästigen Sitznachbarn von der Holzklasse in die erste Klasse. Die Zurechtweisung der Flugbegleiterin ist nachvollziehbar. Heutzutage hätte aber wohl schon einer der notorische Sky Marshalls eingegriffen und Elaine aus dem Verkehr gezogen. George schafft es irgendwie mit lauthals hinausposaunter Einstellung, sich nur Zugang zum Flug verschaffen zu wollen, in das Flugzeug. Da wüsste ich gerne, wie heute reagiert würde, sollte jemand erklärtermaßen gar nicht fliegen wollen, sondern "nur mal eben ins Flugzeug". Kramer selbst schießt den Vogel ab, nein, er ist der Vogel, der mit Sicherheit abgeschossen werden würde. Er erschleicht sich auch Zugang zum Flugzeug und flieht nachdem er von Bord geschleppt wurde. Er landet sogar auf dem Rollfeld. In den Neunzigern ging das vielleicht noch als komödiantische Überzeichnung durch, heute wäre Kramers ganzer Erzählstrang schon nach einer Minute mit einer gezielten Tötung durch ein Sondereinsatzkommando geendet. Hier bitte dann die Lacher aus der Konserve.

Nur Jerry hätte, wenn ich es mir recht überlege, auch heute unbeschadet überstanden. Er flog allerdings auch in der Ersten. So wären alle bis auf Jerry heute nicht einmal ansatzweise heil aus der Sache gekommen, obwohl sie auch noch mildernde Umstände hatten. So als Weiße*. Wäre einer der Protagonisten etwa arabischer Abstammung verdächtig, die Folge hätte noch ganz andere Wendungen parat gehabt. Insofern fand ich es durchaus aufschlussreich, dass es bei aller Überzeichnung den Autoren möglich war, überhaupt eine solche Folge zu schreiben. Damit hält sie ungewollt der heutigen Überwachungsstaatlichkeit den Spiegel vor. Früher war manchmal sogar besser, weil freier.

* Seinfeld ist sowieso eine sehr weiße Serie. Zahnpastamarketing würde sich wünschen, die Zähne seiner Models wären so bleich. Überall weiße Mittelschicht, wo man auch hinschaut. Aber das lenkt ein wenig ab.

Hannibal: Fernsehen kannibalisiert sich selbst

In und an Hannibal ist so gut wie alles falsch. Wo nur anfangen, wenn eine Serie in ihrer Einfalt nur noch von ihrer dreisten Gewaltverherrlichung übertroffen wird. Hannibal ist eine dekadente Serie, so satt von menschlichem Leid wie ihr Protagonist.

Die Serie greift wie schon einige Verfilmungen auf Thomas Harris‘ Red Dragon zurück, in dem der geniale psychologische Strippenzieher und Menschenfresser Hannibal Lecter zur zentralen Figur eines immer abstruseren Blutfestes wird. Nichts gegen Blut in Serien per se, aber so inkohärent setzte in letzter Zeit keine Serie auf ausgefeilte Tötungen. Aber das war es auch schon, nur der Tod ist schön anzuschauen, ganz so, als ob das schon für eine ganze Staffel reichen könnte. Darüber hinaus gibt es absolut nichts, was diese Serie auszeichnen könnte. Mads Mikkelsen gibt den undurchschaubaren Kannibalen, interpretiert ihn allerdings als gesichtslosen Hobbykoch menschlicher Innereien, der als Figur nur deshalb nicht blass ist, weil für fahle Gesichtsfarbe der von Hugh Dancy gespielte FBI-Sonderermittler Will Graham zuständig ist. Graham ist eine überfrachtete Figur, die unter ihrer besonderen Gabe einer Quasi-Hellsichtigkeit leidet. Diese Fähigkeit allein gibt die Serie schon der Lächerlichkeit preis, weil sie absolut unglaubwürdig in Szene gesetzt wird. Da bauen sich im Geiste Grahams Morde in solchem Detail zusammen, dagegen wirkt CSI wie eine Vorlesung in moderner Forensik.

Hannibal driftet so einerseits in die Mystery ab, will aber auch noch als Thriller wahrgenommen werden. Das scheitert aber vor allem an einer haarsträubend zerfaserten Erzählung. Da werden Rückblenden an Visionen gestrickt und Vergangenes mit Zukünftigem verwoben. Alles ist so wirr, es zwingt die Vermutung auf, der ganze wirre Brei aus angedeutete. Narrativen sei doch Absicht, um die Zuschauerinnen und Zuschauer so sehe zu verwirren, dass sie Respekt für die Serie entwickeln können. Die Zerstückelung des Narrativs ist das eigentlich fatale Massaker, das die Serie vorführt. Ohne Rücksicht auf Sinn und Verstand wird dann Lecter auch noch zu dem Mastermind umgedichtet, das hinter allen Morden durch andere Täter steht. Lecter selbst ist am Ende das größte Problem der Serie.

Hannibal Lecter ist eine seltsame Erscheinung in der Popkultur. Die Serie und ihre Beliebtheit machen dies noch offensichtlicher. In anderen Serien haben serienmordende Protagonisten wie beispielsweise Dexter ein ethisches Feigenblatt. Mit seinem moralischen Kodex, der nur das Töten von Verbrechern erlauben soll, verfügen diese Mörder vor dem Publikum über eine vermeintliche Rechtfertigung. Für Dexter ist Sympathie möglich. Schließlich ist er am Ende auf eine verquere Weise auf der Seite des Guten, verzeihliche Aussetzer mal beiseite. Hannibal Lecter ist keine Figur, die eine solche Rechtfertigung für notwendig erachtet.

Lecter schlägt deswegen aber gerade eine morbide Bewunderung entgegen. Eigentlich müsste er gefürchtet sein, denn seine Taten sind bestialisch. Nun ist Lecter aber ein ausgewiesener Connaisseur. Er ist nicht die Bestie, die wir uns so gerne als Serienmörder vorstellen. Ein feiner, distinguierter Bildungsbürger ist er. Lecter, der Kannibale, ist als solcher gerade ein Genussmenschen, gerade auch im Töten. Und mehr noch ist er ein Kulturmensch, besonders im Vernichten. Über alle Jahrzehnte hinweg und egal, wer ihn schrieb, in der Figur des kultivierten Kannibalen, der den Genuss des menschlichen Fleisches beinahe schon als intellektuelles Ereignis zelebriert, wurde der Archetyp des Serienmörders domestiziert. Damit ist er, nun ja, nicht nur als amoralische Figur verdaulich, sondern wir genießen das sadistische Genie hinter all der Gewalt.

In allen Erscheinungsformen, von den Romanen bis zur aktuellen Serie, wurde nie mehr aus Lecter gemacht, als diese bewundernswert abscheuliche Kunstfigur. Lecter ist noch immer nur ein billiger Schockeffekt, der beweist, wie bereitwillig Menschen in ihrem Medienkonsum selbst die größte Unmenschlichkeit herbeisehnen, sie sogar genießen, wenn sie nur durch Wortschatz und Maßanzüge als kultiviert kaschiert wird. Das tröstet aber nicht darüber hinweg, dass Lecter in dieser Serie noch deutlicher in einer wirren Rahmenhandlung zum Genius des Schlachtens verklärt wird. Die Serie feiert das Massakrieren ohne sich Gedanken um eine schlüssige Erzählung zu machen. Sie ist im schlimmsten Falle ein blutiger Zirkus für niedere Triebe. Hannibal ist eine Verschwendung von Zeit, nicht weil sie gegen den guten Geschmack ist, sondern weil sie so interessant ist wie eine zehnstündige Dokumentation aus einem Schlachtbetrieb. Wer darin Interessantes findet, ist einfach erst einmal suspekt.

Parks & Rock

Da habe ich beide Serien schön parallel gesehen und mich immer gefragt, was es ist, das Parks & Recreation dem häufiger gelobten 30 Rock voraus hat. Amy Poehler ist sicherlich nicht prinzipiell lustiger als Tina Fey. Was macht es also, dass ich bei Parks & Rec regelmäßig schallend lachen muss, während 30 Rock mich gut amüsiert, aber lange nicht mitreißt?

Lange genug habe ich gegrübelt. Ich habe es dann aber aufgegeben, denn ich kam nicht dahinter. Und kaum denke ich nicht mehr bewusst darüber nach, da fliegt es mir von selbst zu: die Figuren in Parks & Recsind es. Sie sind mir einfach näher. Glaubwürdiger, liebenswerter, unterhaltsamer. Da ist eine schrille Truppe von Lokalpolitikerinnen und Beamten versammelt, an denen ich tatsächlich interessiert bin.

Und im Gegensatz zu 30 Rock sind sie weniger gimmicky. Sie haben Marotten, die sie gerade so menschlich für mich machen, sie sind seltsam und manchmal lache ich auch über sie. Sie sind aber nicht der Gag selbst, der ständig der gleiche ist. Das allein macht es schon aus, wenn die Figuren in Pawnee wirklich Entwicklung zeigen, in 30 Rock immer seltsam fremd bleiben.

Ein Ende und ein Finale

Es ist schon eine Weile her, seit zwei erfolgreiche Serien beendet wurden. Beide Enden wirken noch nach, denn die Serien hätten beide ein furioses Finale verdient. Doch von Dexter und Breaking Bad fand eine ein brutales Ende, die andere hatte ein würdiges Finale. Die Spanne könnte nicht weiter sein.

Dexter wollten die Autorinnen und Autoren wohl mit einem lautem Knall beenden, es wurde dann aber doch nur ein dumpfer Schlag in die Magengrube der Fans. Mit der achten Staffel wurde Dexter in einen Strudel billiger Symbolik geworfen. Überfrachtet ist noch eine harmlose Bezeichnung für eine orientierungslose letzte Staffel. Aber ordentliche erzählte Erzählstränge waren noch nie die Stärke der Serie. Niemand hätte aber mit einem so tosenden, nicht nur symbolischen Sturm in der finalen Folge rechnen können. Auf der Suche mach Größe verlor die Serie gänzlich den Faden. Drama, Drama, Drama, schreit jedes Frame. Dabei wurde vergessen, dass es neben einer emotionalen Klaviatur auch das Können braucht, auf dieser zu spielen. So wirkt das Ende der Serie wie die kakophone Klimperei eines Zweijährigen auf dem Familienpiano. Alle Figuren sollen gleichermaßen gewürdigt und verabschiedet werden, dabei musste die Übersichtlichkeit leiden. Dass aber auch eine der interessantesten Protagonistinnen dem Zwang zur Dramatik geopfert wird, um Dexter zu einem trotzdem noch arg Ausstieg aus seinem bisherigen Leben zu motivieren, das vernichtet sogar den Rückblick auf die ganze Serie.

In Breaking Bad herrschte dagegen die quälende Ruhe vor, mit der die Serie sich ins Gewissen der Zuschauerinnen und Zuschauer fraß. In aller Seelenruhe drehte Breaking Bad weder das Tempo auf, noch wurde die bekannte Dramaturgie geändert. Was alleine schon für Spannung sorgte, war die Gewissheit, alles würde ein Ende finden.

So verabschiedete sich Breaking Bad mit jeder Folge immer weiter. Dabei nahm sie schon entscheidende Momente vorweg. So hatte sie mehr Zeit für das Wesentliche. Folge um Folge warf sie Ballast ab, der in der finalen Episode nur verwirrt hätte. Die Serie verhärtete sich so auf ein Ende hin, das relativ simpel, aber umso effektiver auserzählt werden konnte. Damit hat Breaking Bad eine Vorlage geschaffen, wie Serien beendet werden sollten. In Ruhe und mit Respekt vor der Erzählung. Das Leid wurde über die Folgen hinweg geteilt, so dann auch mit aller Macht über die Zuschauerinnen und Zuschauer geherrscht.

Mit Luther gegen deutsche Einfalt

Einst war die deutsche Kulturlandschaft doch mal gefürchtet für ihre Abgründe. Geradezu verschrien waren sie doch, die großen Dichter und Denker aus Krautingen für ihre kopflastige Marter. Die geschundenen Seelen, emotionalen Brachen, der wortreich inszenierte Morast in den deutschsprachigen Köpfen. Obacht, das hier wird eine Beweislastumkehr.

Ja, wo sind sie denn die Beweise für die deutsche Schwermut, die härter ist als der in nationalistisch angehauchten Wendungen beschworene Stahl aus diesem Lande? Ich sehe sie nicht, die große Kultur. Und für diesen Niedergang mache ich nicht die Unterschicht verantwortlich, die ja gerne dafür herhalten muss, sondern die Oberen und ihr schnauzbärtiger Appendix namens Mittelschicht. Diejenigen, die sich das ergraute Haar mit dem Höhenkamm in einen Seitenscheitel gelieren.

Das deutsche Fernsehen und die hiesigen Fernsehproduktionen sind die geistige Fehlgeburt eines unbeweglichen sozialen Ungetüms. Im Geiste den alten Schreiberlingen und reimenden Lustmolchen verschrieben sind sie. Also faktisch tot. In Bildern festgehaltene Totenstarre einer Kulturindustrie, die das kulturelle Erbe in Grund und Boden glorifizierte, und dann noch die Arroganz besaß, neben den sterbenden Ideen und Geschichten auch noch keine weiteren zu erlauben.

Dieses Land hat den Schund verdient, den es produziert. Mittelmäßige Geschichtchen in Einakter-Erzählbögen für durchschnittliche Deutsche. Was ein Oxymoron ist, deutsch ist Durchschnitt. Wohl schon immer gewesen, trotz aller Selbstbeweihräucherung. Und all das fällt mir ein, wenn ich eine Serie sehe, die beileibe nicht finanziell außerhalb des in Deutschland Machbaren liegt. Doch ist es unvorstellbar, dem mediokren deutschen Gemüt diese durchaus plakativen Abgründe hinzuwerfen, die selbst die kleinste Figur darin ausmacht. Eine Serie der BBC ist es. Das erhärtet den Verdacht, dass es eine Retourkutsche ist, den Deutschen ihr halbgares Fernsehen vorzuführen, indem mit einfachsten Mitteln Qualität produziert und dabei sogar das einstige Alleinstellungsmerkmal mit eingebaut wird. Es muss als Beleidigung gegen das deutsche Fernsehen gemeint sein. Würde die Serie sonst ausgerechnet Luther heißen?

Angel: Wechselbalg

Ich erkläre mir Spin-offs von Fernsehsendungen grundsätzlich ökonomisch. Mangels persönlicher Bekanntschaft stelle ich mir das durchschnittliche Führungspersonal bei Sendern als fleischgewordenen Konservatismus vor, der in schicke Anzüge gepresst wurde. Und als aufrechter Konservativer muss so ein Sendermenschchen jede Neuerung fürchten. Innovation kostet Geld, garantiert aber noch lange nicht, dass die Investition sich auszahlt. Da ist es doch besser, wenn einer Erfolgsserie ein wenig Fleisch aus der Hüfte geschnitten wird. Mit dem Konservenfleisch und ein wenig dramaturgischem Fleischkleber, lässt sich doch prächtig ein neues Serienskelett füllen. Dabei könnten dann immerhin einige Synergieeffekte das verhasste Quotenrisiko minimieren. Bei Angel dürfte die Motivation nicht anders gewesen sein.

Da wird aus der Erfolgsserie der beliebte, aber in Buffy größtenteils auserzählte Angel samt patentiertem Hundeblick nach Los Angeles versetzt. Ja, die Stadt der Engel, wir haben verstanden. Allzu offensichtlich ist in der ersten Staffel erkennbar, wie eine erwachsenere, maskulinere Serie entworfen wurde. Als Crime-Noir ist Angel angelegt, stark episodisch. Die erste Staffel hat ihre Momente, ist aber meist dröges Fernsehen, denn sie ist ein durchschaubarer Zielgruppenstaubsauger. Die Serie krankt im ersten Jahr an dem Geburtsfehler, der die meisten Spin-offs ruiniert. Die sind als Produktvariation gedacht, die Erweiterung einer Marke. Mehr nicht. Wie es von der Schokolade nun Kekse gibt, dann Eis und darauf dann Tafeln kombiniert mit einer Schokoriegelfüllung, so sind auch diese Serien verkommene ökonomische Geschwülste. Kein Spin-off zeigt dies deutlicher als das zunächst auch mit Crime auf ältere Zielgruppen schielende Baywatch Nights, das sich uninspiriert in eine Mysteryserie wandelte, als die Zielgruppe fernblieb.

Angel aber erfindet sich neu, macht ähnlich wie die Ursprungsserie eine erstaunliche Wandlung durch. Mit der dritten Staffelist nicht nur ein runder Stamm an Figuren gefunden, auch die Handlung baut sich streng aufeinander auf. Die Serie erzählt nun seriell. Noch deutlicher als bei Buffy wird Angel zu einer von der Entwicklung ihrer Figuren angetriebene Serie. Allerdings endet sie unverhofft nach einem frühzeitigen Aus. Programmverantwortliche kriegeb halt Angst, wenn eine Serie sich spürbar ändert.

Buffy the Vampire Slayer: Mosaikform des Fernsehens

Als Serie ging Buffy the Vampire Slayer an mir vorüber. Ich sah hin und wieder eine Folge der deutschen Ausstrahlung, war immer gut unterhalten, gefesselt hat sie mich damals nicht. Ich sah es als gut gemachten Trash, der mich nicht in den Bann zog. Die einzig plausible Erklärung, die mir hierfür einfällt, ist, dass die Serie für mich damals zu weiblich dominiert gewesen sein könnte. Viel klügere Aufsätze und Bücher wurden in der Zwischenzeit geschrieben, alle können besser begründen, warum Buffy gerade wegen seiner starken Motive, die den Mainstream nicht sprengten, aber subversiv unterliefen, eine bedeutende Serie ist. Buffy hat starke Frauenfiguren, ja, aber es hat vor allem aber auch eine Atmosphäre der Emanzipation im durchaus geschlechterübergreifenden Sinn der Selbstverwirklichung. Damit kann ich mich heute voll und ganz identifizieren.

Aber, wie gesagt, es gibt bessere Aufsätze zur Bedeutung der Serie für Emanzipation und den Feminismus. Buffy ist für mich aber auch auf der Ebene der Fernsehgeschichte eine Besonderheit. Ich würde sie als Mosaikform bezeichnen. Ich reize den Griff in die Biologie metaphorisch vielleicht zu sehr aus, aber ich finde es treffend: Buffy fing als eine Serie unter vielen an. Ihr Unterscheidungsmerkmal war eine jugendliche Superheldin. Doch das war nur etwas mehr als ein Gimmick wie etwa drei attraktive, dauergewellte Agentinnen auf Verbrecherjagd oder ein sprechendes Auto. Über alle Staffeln hinweg wandelte die Serie sich, sie bildete Züge eines Fernsehens aus, das uns heute mit seinem Mut und erzählerischer Kraft begeistert. Daher ist sie für mich eine Mosaikform. Sie trägt und vereint in sich Eigenschaften eines nicht vergangenen, aber herausgeforderten Fernsehens und denen der modernen Serien.

Das ursprüngliche, über Jahrzehnte etablierte Fernsehen war im Grunde streng episodisches Erzählen prototypsicher Geschichten. Viel passierte, kaum etwas geschah. Alles blieb wie es war. Das moderne Fernsehen ist seriell, es verfügt über komplexe, staffellange oder noch längere Erzählbögen. Es interessiert sich für seine Figuren. Beide sind verwandte mediale Erzählformen, aber sie verhallten sich wie tradierte Volkssagen zum modernen Roman.

Buffy war eine kleine Serie als sie anfing. Ein kurzweiliger Spaß bei kleinem Budget, so sah sie aus. Ein sehr seichter Rahmen umspannte das gute Dutzend der Folgen in der ersten Staffel, er ist jedoch kaum der Rede wert. Erst zur zweiten Staffel deutete sich aber an, dass die Autorinnen und Autoren ein Merkmal des episodischen Fernsehens aufgaben: die Ereignisse im nur dem Namen nach sonnigen Sunnydale, unter dem ein Höllenschlund Dämonen ausspuckte, hinterließen Spuren. Das klassische Fernsehen kannte körperliche Schmerzen, auch Verwundungen, aber nichts, das sich nicht recht schnell überwinden ließe. In Sunnydale erlitten Buffy und ihre genial betitelte Scooby Gang im besten Fall körperliche Verletzungen, meist reichten die Verletzungen tiefer in ihre Psyche, da also, wo es richtig wehtut. Zuerst schrieben sich die Autorinnen und Autoren die Verpflichtung, sich für die Figuren zu interessieren, in die Protagonistin, dann aber weiteten sie dies auf alle wiederkehrenden Figuren aus.

Buffy kann nach den Geschehnissen der ersten Staffel nicht einfach in ihr normales Leben zurückkehren. Sie muss sich in ihrem Umfeld neu justieren. Schon in der vierten Staffel erging es allen anderen Protagonistinnen und Protagonisten ähnlich. Sie wurden Gezeichnete. Und sie wurden erwachsen. Eine schlechtere, eine episodische Serie, hätte diese Figuren für immer in der High School konserviert. Alles Übel wäre pünktlich zum Ende jeder Folge beseitigt, damit sich hübsche Jugendliche in die Arme fallen können. Aber Buffy gibt sich diese Blöße nicht. In einem beinahe übertrieben symbolischen Akt feiert die Serie aber die komplette Zerstörung der Schule, um den Übergang ins Erwachsensein zu unterstreichen1.

So rückte Buffy die Figuren und ihr Leben in einer, zugegeben, fantastischen Welt in den Fokus. Eine Welt die nicht heil war, hier starben Menschen. Unschuldige Kinder starben. Es ist eine vielschichtigere Welt, in der die Fronten zwischen Gut und Böse nicht von den Masken- und Kostümbildnern gezogen wurden. Dass die Serie trotz der Zerstörung und Düsternis, die ihre Figuren befällt, eine Serie blieb, bei der gelacht werden konnte, ist Zeichen ihrer Qualität. Es zieht seine Komik aus der Kollision von Superhelden mit der harten Realität. Da muss eben auch irgendwoher das Geld kommen, dann muss die Vampirjägerin eben auch arbeiten gehen. Aber auch dabei setzt das Motiv sich fort. Alle haben sehr menschliche Probleme, selbst die Monster. Die Serie nutzte geschickt aus, dass die Leiden der Figuren sich auch physisch manifestieren konnten. Die Kämpfe gegen Dämonen waren zunehmend bewusste Verkörperungen innerer Konflikte der Figuren. Buffy hat dies nicht perfektioniert, aber mitgeholfen, lang gezogene Erzählstränge im Mainstream zu etablieren, die uns menschliche Figuren in allem Facettenreichtum nahebringen. Es trug das Wesen des alten Fernsehens noch in sich, formte aber das neue Fernsehen erkennbar aus.

1 Die spätere Rückkehr könnte mir zwar die schöne Deutung ruinieren, im Zweifel würde ich aber den Versuch unternehmen, auch das noch in meine Argumentation einzubinden.