This is Ayn Rand preaching (3/2)

Vor der versammelten, paradoxen Wut Rands habe ich irgendwann fliehen müssen. Mein letzter Artikel zu Rands Atlas Shrugged ist lange her. Mit Paul Ryans Nominierung als republikanischem Vizepräsidentschaftskandidaten im US-Wahlkampf, wurden Rands Tiraden unvermeidlich wieder in Erinnerung gezerrt. Ryan, ein strenger Verfechter des Nachtwächtstaates im besten libertarianischen Sinne, ist ebenso öffentlich als Anhänger des Objektivismus aufgetreten. Wohl aus taktischen Gründen, ruderte er in letzter Zeit zurück. Die kirchen- und religionskritischen Positionen müssen ihm im Wahlkampf als zu verstörend für die konservativen Kirchgänger unter der Wählerschaft als verfänglich erscheinen. Dabei ist Ryan ein Musterbeispiel für die politische und gesellschaftliche Klientel, die Rand bedient. Also frische ich meine Kritik an Atlas Shrugged auf, oder bringe sie zu einem Ende, das vor Monaten angekündigt wurde.

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This is Ayn Rand preaching (2/2)

Just wenn Rand sich auf dem philosophischen Gipfel angekommen wähnt, der Objektivismus ein für alle Mal in seine wesentlichen Argumenten nachvollziehbar begründet sei, bricht sich großes Pathos im finalen Satz des Kapitels (siehe Anmerkungen unter Zitate) Bahn:

[59] I swear – by my life and my love for it – that I will never live for the sake of another man, nor ask another man to live for mine.

In den Ohren ihrer Verfechter klingt dieser Satz noch nach, wie auch in denen ihrer Widersacher und Kritiker. Der Satz ist die einfachste Formel der Rand’schen Ontologie, im selben Atemzug ihr epistemologisches Vermächtnis und obendrein von ihrer Schöpferin als ultimative und einzige moralische Formel angesehen, die Gerechtigkeit unter den Menschen zu schaffen vermag. Ein Schwur mit eingewobener apodiktischer Wirkung. Ihm zu widersprechen, führe zum Niedergang der menschlichen Zivilisation wie des Selbst. Doch schon die Unterlassung des Schwures führe letztlich zum selben Ergebnis.

Verlockend wie es ist, dieser Satz allein kann nicht hinreichend angegriffen werden, um Rands Hypothesen zu entkräften, er ist Stellvertreter eines theoretischen Modells, nicht dessen vollumfassender Schluss. Aber wie genau kommt Rand dazu?

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This is Ayn Rand preaching (1/2)

Unter den Bergen aus Seiten sowohl literarisch wie ideologisch dystopisch-utopischer Prosa lauert das Manifest des Objektivismus. Dabei scheint es gute Tradition der englischsprachigen Dystopien der Mitte des 20. Jahrhunderts zu sein, die Handlung durch eine Sondersendung politischer Pamphlete zu unterbrechen. Schon Orwell säuerte sein ansonsten weit überlegenes, aber ebenso auch aus der Verarbeitung proletarisch-kommunistischer Systeme entstandenes Nineteen Eighty-Four mit dem kruden, fiktiven Manifest The Theory and Practice of Oligarchical Collectivism Emmanuel Goldsteins an. In Atlas Shrugged ist es die Napalmrede John Galts, denn Brand reicht in diesem Kontext nicht aus, im ausladendenden Kapitel „This Is John Galt Speaking“. Doch spätestens hier hören die Parallelen auf, der geschundene Orwell sei entlastet. Rand allerdings noch nicht. Besagtes Kapitel aus dem Atlas fordert zum Widerspruch heraus, ich will meinen Teil beitragen. Heute allerdings erst einmal mehr zu den Umständen, unter denen die Geschehnisse des Kapitels stehen, seiner Ausrichtung und Funktion. Weiterlesen

Who is Ayn Rand?

Die Frage stellte sich mir häufiger, da ich nun ernsthaft mit Atlas Shrugged kämpfe. Ich weiß, es klang schon von Beginn an danach. Es hat sich aber etwas Erhebliches geändert. Seitdem ich mit Dagny Taggart in die Berge flog, um in einer neuen, objektivistischen Welt zu landen. Nachdem wir John Galt begegneten, ist die Luft aus dem Roman völlig raus. Zuvor gab es noch eine Spur von Spannung, die mir zuvor nicht bewusst wurde. Seitdem aber in dem Idyll in den Bergen nur noch objektivistische Archetypen hausen und das letzte Drittel des Buches einnehmen, ist es kaum noch zu ertragen, was einem da zum Wiederkäuen auch noch vorgekaut wird.  Nicht einmal die Frage selbst, wie sich dieses System dort dauerhaft halten soll, stört mich. Von Rand ist nicht zu erwarten, dass sie sich mit solch banalen Allerweltsproblemen auseinandergesetzt hätte. Zwei Wochen konnte ich es nicht mehr über mich bringen, die Seiten aufzuschlagen. Aber als Brache will ich es nicht hinterlassen. Also habe ich mich daran gemacht, ein wenig Sekundärliteratur aufzutreiben. Weiterlesen

Ayn Rand, meet the world

Sammeln wir doch einfach fleißig weiter Beispiele, an denen man Rands Weltanschauung messen kann. Eines dieser Beispiele ist so offenkundig, dass es fast lächerlich wäre, es anzuführen. Lächerlich ist es aber auch, nicht darauf zu sprechen zu kommen. Steve Jobs und die Geschichte von Apple sind allemal nicht nur innerhalb einiger Zeilen abzuhandeln. Für Rands Simplizismus reicht es aber, nur auf Schlaglicher, allemal bekannte, hinzuweisen. Steve Jobs ist ein Paradadebeispiel für die Anwendbarkeit des Rand’schen Personenkults. Und ein Personenkult ist es, wie ich hier darstellen will; es ist kein tatsächlicher Individualismus. Weiterlesen

Eilmeldung: Who is John Galt?

Aus zuverlässigen Kreisen erfuhr die kultprok-Redaktion heute, dass eine der weltbewegenden Fragen beantwortet werden kann. Wer ist John Galt? Diese Frage beschäftigt, wenn nicht alle, dann doch die Mehrheit der Menschen. Die Tiefe dieser Frage wurde dabei kaum ergründet, zu komplex erschien sie all die Zeit.

Nun aber können wir exklusiv die einzig gültige Antwort bieten. Sie lautet: John Galt. Es ist kaum zu fassen, dass diese naheliegende Antwort über hunderte von Seite gestreckt wurde und doch so naheliegend war. Asche auf unser Haupt, wir unseligen Looter, dass wir diese Antwort nicht früher haben erahnen können. Einige Scherzbolde gingen schon so weit, ’42‘ als Antwort ins Spiel zu bringen.

Dieser Ausgang der jahrzehntelangen Recherche ist beschämend. Aber niemand kann uns beschuldigen, wir hätten nicht alles getan. Niemand kann behaupten, uns träfe die Schuld an der Misere der bislang ungelösten Galt-Frage. Wir haben alles richtiggemacht.

Schwarze Weißweste

Rand hat keine Figuren in ihrem Roman, es sind lediglich Lautsprecher. Metallisch krächzen sie die wenig auf Stichhaltigkeit geprüfte Perspektive der Autorin hinaus. Francisco d’Anconia ist so einer, der bedeutungsschwanger immer wieder die wahre Philosophie und die ehrliche Moral – die Wahrheit – andeuten darf. Sie wird kommen, hörst Du es nicht. Eine Schwangerschaft, die schon so lange währt, dass das Fruchtwasser säuerte, die Geburt aber noch immer hinausgezögert wird. Weiterlesen

Chronik eines angekündigten Rants

Über die Feiertage muss etwas geschehen, sonst drehe ich durch. ‚Atlas Shrugged‘ liest sich wie ein Krampf; der objektivistische Wahn scheint Rand wohl auch darin zu rechtfertigen, krude und vorhersagbar zu schreiben. Selbst wenn man dazu übergeht, nur noch Absätze zu überfliegen, deckt sich die Wahrnehmung mit dem bereits dutzende Male angekündigten. Rand hat nicht nur wenig zu erzählen, sondern streckt diese kurzen Gedanken durch ausufernde Wiederholung. Weiterlesen

Die Schaffnerin

Allmählich zermürbt mich Ayn Rand. Zunächst hatte ich noch die Hoffnung, die flüchtigen und konturlosen Figuren könnten im Laufe der Zeit an Form annehmen. Und auch der Plot, so dachte ich, könnte unvorhersehbare Bahnen beschreiten. Das Gegenteil ist der Fall, das muss ich nun nach einem Viertel des Buches feststellen.

Es ist eine Enttäuschung. Kraftraubend obendrein. Rand macht es einfach, viel zu einfach. Es ist kaum zu ertragen, wie wenig Reflexion in diesem Buch zu erkennen ist. Um in Worte zu fassen, die dem Inhalt des Buches entnommen sind: Rand verlegte Gleise, die ihre Geschichte ans Ziel bringen sollen. Auf diese Gleise setzt sie eine Dampflok, die sie ‚Vernunft‘ nennt. Die Zündmittel, die im Ofen der Lok verbrennen, nennt sie ‚Wahrheit‘. Das Ziel ist Perfektion, es ist vorgegeben. Die Gleise enden dort. Stellt sich der ‚Vernunft‘ etwas in den Weg, ist es ein Hindernis, ein illegitimes, denn wer kann der Vernunft schon widersprechen.

Es geht munter so weiter, wie bisher von Rand skizziert: Die Guten kennen die Wahrheit und tun Gutes; die Bösen, die sind böse. Es führt kein Weg herum, es anders auszudrücken. Es ist so plump. Ich wollte nicht wahrhaben, dass Rand jegliche Erkenntnistheorie ins Abseits stellt. Das Problem ist doch nicht, dass es sinnloses gibt. Sie hat vollkommen Recht und ich kann ihre Frustration über politische Schachzüge nachvollziehen, doch werden die Methoden des Verrats, der Erpressung, des Filzes und der Schmiererei nicht nur von Sozialisten begangen. Aber um so etwas zu erfassen braucht es mehr als die Dichotomie, die Rand beschreibt. Das Buch wäre schon interessanter, wenn die Figuren nicht so eindimensional wären. Was ist denn, wenn ein Macher ein Produkt schafft, das keinen Nutzen hat? Was ist, wenn ein Sozialist eine produktive Leistung erbringt, aber nicht gegen Geld? Sind das alles unrealistische Fragen? Aus Rands Sicht sicherlich, aber ich vermute, sie will Komplexität wegdefinieren. Wenn dem so ist, ist es lächerlich. Was wäre denn, wenn tatsächlich mal zwei Gleiche aus unterschiedlichen Motiven, aber mit denselben Fähigkeiten, Kompetenzen und Kräften, um dasselbe konkurrieren. Hier deutet sie nur an, dass dies das Ideal sei. Aber ist sie so hoffnungslos optimistisch, dass in solchen Situationen keine irrationalen Konflikte aufkämen? Ihre vorbildlichen Heldenfiguren – und das ist skurril – leben aber in einem Zustand der Sozialität, den Rand nicht wahrhaben will: Auch die Ehrbarkeit und Ritterlichkeit des Wettbewerbs, den sie ihnen andichtet, ist eine Form der Sozialität.

Rand wäre gerne eine Macherin, die Wertvolles schafft; bislang ist sie Schaffnerin eines imaginierten Zuges, die sich eine eigene Welt macht.

Achtung: Gleich kommt ein Symbol. Ich wiederhole: Ayn Symbol!

Rands ‚Atlas Shrugged‘ ist voller brachialer Symbolik, die man meilenweit voraus erkennt. Rand besteht aber darauf, sie einzusetzen, damit sichergestellt ist, dass alle verstehen, wie wichtig ihre Botschaft vom Egoismus der Macher in der Welt ist. Aber nicht nur der Symbolismus stößt übel auf, auch die Charaktere bleiben konturlos in ihrer Einfalt oder Brillanz. Weiterlesen