Die Einkehr, die sie meinen

Einkehr ist, was von der Kanzel gepredigt wird. Der Eindruck drängt sich zumindest ob der fadenscheinigsten aller schwachen Argumente für die Aufrechterhaltung der so genannten stillen Tage auf.

Angesichts solcher Argumentationsgerippe wie denen des Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, der Tag könne doch zum Innehalten und Neujustieren des eigenen Lebens genutzt werden, ist es einfach, sich darüber lustig zu machen. Es ist erstaunlich, Menschen vorzuschreiben, wie und wann sie ihr eigenes Leben hinterfragen sollten. Auch wenn ich nur für mich sprechen kann, gehe ich dennoch davon aus, näher an der Realität der Menschen zu sein als Schneider dies wahrnimmt, wenn ich annehme: Ich stelle mein Leben ständig auf den Prüfstand, hinterfrage tagein, tagaus die Schlüsse, die ich zog. Das auch an den stillen Tagen. Nicht wegen ihrer vermeintlichen Besonderheit, sondern der Alltäglichkeit meiner Reflexion wegen. Der Gegenwind, den Schneider und viele andere spüren, ist die und im freiheitlichen Sinne berechtigte, weil im freiheitlichen Sinne erlaubte Kritik, die auch ein Würdenträger nicht schlicht negieren sollte. Diese Negation allerdings zeigt auf, wie es bei manchen Kirchenvertretern um die Akzeptanz des Pluralismus und der Meinungsfreiheit steht.

Neben diesen unüberlegten, flachen Positionen gibt es noch die offen diffamierenden und separatistischen Argumente. Ein Beispiel hierfür wäre die Rhetorik eines Ludwig Schick:

Diese schränkten zwar die Freiheit Einzelner ein, förderten aber Gemeinschaft, Gesellschaft und Gemeinwohl, erklärte Schick am Donnerstag in Bamberg. Wer dies wolle, müsse auch gemeinschaftlich verpflichtende Vereinbarungen und Festlegungen befürworten.

Der Bamberger Erzbischof ist sich der Wirkung seiner Worte nicht bewusst oder wählt, wie ich meine, diese mit Bedacht. Dabei entsteht ein geradezu paradoxer Versuch der Verweigerung des nach Prinzipien der Freiheitlichkeit wünschenswerten Pluralismus einer demokratischen Gesellschaft mittels des Verweises auf vermeintlich gemeinwohlfördernder Diskriminierung. Es ist ein starkes Stück populistischen Separatismus: Wer die stillen Tage in Frage stelle, löse die Grundpfeiler der Gesellschaft auf? Diese Form der Agitation bedarf einer entschiedenen Erwiderung.

1. Die Kirchen, die Religion und der Glaube werden durch die Forderung nach einer Aufhebung der staatlich sanktionierten, doch religiös motivierten Feiertagsgesetze nicht in Frage gestellt. Keine dieser gesellschaftlichen Institutionen wird der Rang abgesprochen, lediglich geht es darum, welchen Stellenwert sie haben dürfen.

2. Die Kritik und auch die Proteste gegen die Feiertagsregelungen mit Tanzverboten beruhren auf genau den vereinbarten, festgelegten und als vernünftig betrachteten gesellschaftlichen Mechanismen, wie Konflikte ausgetragen werden sollten. Auf rechtlichem Boden. Die Arena ist die des politischen Diskurses mit Mitteln des geltenden Rechtes.

3. Es grenzt an mutwillig beleidigende Verfremdung der Positionen gegen die stillen Tage, diese als gesellschaftszersetzend zu bezeichnen. Unabhängig von der Stichhaltigkeit dieser Positionen fußen sie auf der Annahme einer pluralistischen Gesellschaft, in der alle nach eigenem Gutdünken über Wohl und Wehe des eigenen Lebens entscheiden dürfen. Denn diese Gesellschaft, die deutsche ist in kultureller, ideologischer, intellektueller und spiritueller Hinsicht vielschichtig. Der Ruf nach einer adäquaten Repräsentation dieses Pluralismus ist nicht weniger als der nach der Harmonisierung konfligierender sozialer Tendenzen.

4. Also verlassen nicht die Gegner der stillen Tage per se die Anforderungen einer freien, pluralen Gesellschaft, sondern diejenigen, die eine von hinreichenden gesellschaftlichen Teilen als dem Pluralismus widerstebend angesehen Forderung mit plumper Diffamation begegnen. Der religiöse Separatismus wird mit der an den Haaren herbeigezogenen Warnung vor gesellschaftlichem Separatismus verteidigt.

5. In dieser vielschichtigen Gesellschaft soll es jedem Menschen selbst überlassen sein, die eigene Spiritualität auszuloten, die Mittel und Wege zur Erlösung oder welchem Ideal auch immer zu finden oder sich schlicht nicht damit zu befassen. So frei die Wahl der Mittel ist, so unparteiisch sollte der Staat sein. Was der Staat mit seinen Verordnungen und Gesetzen zu Feiertagen allerdings macht, ist die die spirituelle Subvention der Kirchen vor den Moscheen, den Synagogen, den Sportarenen, den Theatern, den Diskotheken und den eigenen Wohnungen aller.

6. Denn der Staat hält mit seiner Subvention der Liturgie einen spirituellen Atavismus aufrecht, den eine pluralistische Gesellschaft, die gerade wegen ihrer spirituellen Freiheit nur von einem weltlichen Staat gesteuert werden sollte, nicht verdient hat.

Alle diese Punkte führen zu einem Ergebnis, das nicht die Vernichtung, die Negation oder den Untergang der Spiritualität vor Augen hat. Es geht um eine Gesellschaft, in der Menschen nur selbstbestimmt die Bedingungen der Einkehr definieren können. Antiquierte, paternalistische Verordnung des Innehaltens stehen dem modernen Staat nicht gut zu Gesicht. Und was glauben jene Kirchenvertreter, was in den Kinos, den Bars, den Theatern, den Konzerthallen und den Nachtclubs geschieht? All diese Orte sind öffentliche Orte, an denen Menschen zueinander finden, gemeinsame Leidenschaften ausleben. Sie genießen die Kunst, die Kultur und das Leben an sich. Mit sich und inmitten anderer. Das ist es, was die christlichen Kirchen in Abrede stellen: Dass Einkehr nicht einsam und in Ruhe vollzogen werden muss, sie auch im Publikum beim Konzert entstehen kann. Der gemeinsame Tanz, der an stillen Tagen so verpönt ist, ist ein gesellschaftlicher Akt. Leidenschaftlich,emotional und zutiefst verbindend. Die gemeinsame Freude über Musik im Kreis der Freunde, die sich in Gemeinsamkeit und Gemeinschaft Gleichgesinnter nur steigt, ist Teil einer Einkehr, die diese Kirchenmänner und -frauen aus welchen Gründen auch immer nicht gutheißen wollen.

Es darf, so meine Annahme, mit einigem Recht gefragt werden: Warum nicht? Mit welchem Recht? Und mit welcher Begründung?

Festivus

Schade, ich habe Festivus verpasst. Das war schon am 23. Dezember. Welch selige Momente in meiner Erinnerung schlummern, wenn ich daran denke, wie zwieträchtig wir uns beim gemeinsamen Festmahl Vorwürfe machten. Das ganze Jahr über staute ich alle Wut in mir an, um sie an diesem herrlichen Tage aus mir herausbrechen zu lassen. In einem grandiosen Schwall der Worte, die sich über meine Familie vergossen. Ach, gute Erinnerungen.

Dieses Jahr habe ich es vergessen. Ein Zeichen der hektischen Zeit? Ja! Diese vermaledeite Hektik der materiellen Welt, all diese unnützen Grabenkriege, die man führen muss. Um nichts und wieder nichts; immer ist es derselbe Trott. Frustration verkrustet im Kopf, betäubt das Glücksgefühl. Ich will, ich brauche doch die Auseinandersetzung. Keine Höflichkeit, keine Zurückhaltung. Keine ach so hochgelobte Zivilisation. Festivus hat doch alles in sich vereint, was der gestresste Mensch begehrt. Die Katharsis, die herrliche, die sich einstellt, wenn man mit dem pater familias ringt. Dieses Jahr fiel sie meiner Unachtsamkeit zum Opfer.

Listiges zu Feiertagen

Vor sich hin lebend ist es nicht schwer, die Geschehnisse um einen herum als einzig möglichen Zustand der Welt wahrzunehmen. Das Faktische hat eine enorme normative Suggestionskraft, die nicht einfach überwunden werden kann. So ist es auch mit den Feiertagen, die ich mir diese Woche mal genauer ansehen wollte. Erst jetzt wird mit langsam bewusst, was alles schon an dem Begriff selbst irreführend und ungenau ist. Nun fällt mir auf, dass ich auch noch stets Feier-, Gedenk- und Aktionstage miteinander vermengt habe. Was ich meine sind aber tatsächlich Feiertage und ihre Gründe. Doch könnten einige Aktions- oder Bedenktage ebenfalls und manches mal in meiner Wahrnehmung besser als bislang bestehende (deutsche) Feiertage einen Grund zum Feiern abgeben. Weiterlesen

Wozu überhaupt Feiertage?

Es stellen sich nun, wo es mir schwer fällt, aus meiner Sicht gute Gründe für Feiertage zu finden, doch einige Fragen, die ich zuvor nicht wirklich in dem Maße gestellt hatte, die aber in meine Regeln für Feiertage einflossen oder deren Notwendigkeit überhaupt begründen können. Weiterlesen

Lumière-Tag

Warum?

Ich hatte es gestern ja schon angekündigt: Heute ist für mich Feiertag. Jawoll. Aber welcher? Ich habe ihn immer Lumière-Tag genannt. Das trifft es nach meinen Regeln nicht ganz, aber es klingt besser als Kinotag. Das klingt mehr nach Dienstag zum halben Preis oder so ähnlich. Es ist auch treffender als etwa Cinématographentag. Wer weis denn schon noch, was ein Cinématograph ist? Beide Begriffe hätten auch den Nachteil zu stark auf Kino zu fokussieren. Ich verstehe den Lumière-Tag als einen Tag, an dem die Bedeutung des Bewegtbildes gefeiert werden sollte. Also Kino, Fernsehen, Video und noch mehr. Vielleicht sogar auch Videospiele. Ich glaube schon, dass sie hier einen Platz hätten. Narrativ sind viele der großen Spiele an Filmen dran, auch wenn sie doch eine andere Interaktivität haben. Aber Bewegtbilder sind essenzieller Teil der Videospiele. Warum eigentlich nicht? Weiterlesen

Kopfzerbrech-Feiertag

Bei den Regeln, die ich mir selbst auferlegt habe, fallen viele Gründe und Anlässe für eine Würdigung weg. Mir wollen partout kaum noch welche ein. Mit der Ausnahme von einem Anlass, den ich aber erst morgen vorstelle, da glücklicherweise der 28. Dezember der Feiertag wäre. Ansonsten herrscht Ebbe in meinem Schädel, gähnende Leere. Nicht einmal vereinzelte Wattwanderer waten durch den verbliebenen Morast.

Die wenigen Einfälle, die mir kommen, scheitern schon früh an den Kriterien. Aber so schlecht finde ich es auch wieder nicht. Warum sollte ich etwas feieren, was es letztlich nicht wert ist? Ich empfinde das enge Korsett der Regeln als schlüssig genug, um nicht durch die eintretende Leere geeigneter Kandidaten in Frage gestellt zu werden. Im Gegenteil könnte es auch dafür sprechen – getreu dem Motto: die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen -, dass die verbliebenen Kandidaten zumindest aus meiner Sicht tatsächlich wert wären, gebührend und umfassend gefeiert zu werden.

Hier mal einige Kandidaten, die mir durch den Kopf gingen, aber letztlich doch nicht überzeugen:

  • Wissenschaft: Eigentlich ein No-Brainer. Aber mit dem Evolutionstag wäre es reichlich redundant. Vielleicht sollte man aus dem Evolutionstag einen der Wissenschaften machen.
  • Videospiele: Ich hatte es ja bereits mit der Kunst der Videospiele. Allerdings ist die Verbreitung der Videospiele für meine Begriffe noch nicht universal genug. Das ist der einzige Grund.
  • Kriegsende 1945 und Befreiung der KZs: Wäre es mir generell wert. Doch ist dies oftmals – zu Unrecht, wie ich finde – nur als nationale Geschichte interpretiert. Für mich gibt es neben allen bedeutsamen Motiven und Implikationen sicherlich universale Gründe, diesen Geschehnissen zu gedenken, aber so sicher bin ich mir dann auch wieder nicht.
  • Sklavenbefreiung: Egal wo, egal wann. Jedes historische Ereignis, bei dem widerfahrenes Unrecht beseitigt wurde, ist es allemal wert. Aber auch hier besteht die Gefahr, dass man sich nur auf nationale Ereignisse konzentriert, anstatt allgemeinen Wert auf die Bedeutung von Freiheit zu legen. Je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger ist es ein Hindernis. Also vielleicht doch?
  • Viele andere Ereignisse sind rein von nationaler Bedeutung und scheiden daher für mich aus.

Morgen dann aber mit Sicherheit ein aus meiner Sicht sehr bedeutsamer Feiertag, an dem es keinen Weg vorbei gibt.

Evolutionstag

Warum?

Die Evolution1 ist in meinen Augen aus den verschiedensten Gründen wert, gefeiert zu werden. Sie ist begrifflich-deskriptiv auf einen Naturprozess bezogen. Zugleich ist sie wissenschaftlich betrachtet, eine Theorie von höchster Eleganz, da sie mit vergleichsweise geringen Voraussetzungen und Annahmen eine gewaltige Komplexität abdeckt. Als solche ist sie prinzipiell unviversal, dauerhaft und auch frei. Universal und dauerhaft ist sie, weil es keinen Grund gibt, anzunehmen, dass sie sich im Kern im Laufe der Zeit gewandelt habe oder an unterschiedlichen Orten verschieden angeordnete Mechanismus habe. Das heißt nicht, dass sie überall zu gleichen Ergebnissen führt. Ganz im Gegenteil: Teil ihrer Eleganz ist, dass mit demselben Werkzeugkasten diverse Unterschiedlichkeiten nachvollzogen und erklärt werden können. Frei ist sie, weil sie einen Naturprozess beschreibt, der auch ohne ihre Beschreibung existieren würde. Es bleibt dem Menschen überlassen, dem Prozess einen Namen zu geben, zu nutzen und Gewicht beizumessen.

Aber ist sie auch säkular? Ich bin fest davon überzeugt. Als Naturprozess ist sie hochgradig amoralisch. Es gibt kein Gut und kein Schlecht in der Evolution; es gibt kein Richtig und Falsch als Ergebnis der Evolution (sicherlich aber richtige und falsche Beschreibungen von Evolutionsvorgängen). Damit hat sie erst einmal einen großen Raum der Kollision mit religiösen oder spirituellen Ansätzen gemieden. Was ist aber, wenn die Evolution mit den Schöpfungsmythen der Religionen nicht in Einklang zu bringen ist. Ganz ehrlich, das ist das Problem der Religionen, sich darauf einen Reim zu machen. Die Evolution ist als solche vielleicht in ihrer jetzigen Form nicht unumstößlich wahr. Sie ist aber durch sichere wissenschaftliche Dokumentation und Forschung als evident anzusehen, sie ist in diesem Sinn der Wahrheit um Längen näher als alle bekannten Schöpfungsmythen. Säkular ist es, glaube ich, weil sie sich nicht mit einigen Mythen beißt oder einen Mythos allen anderen vorzieht. Wenn sie überhaupt mit Mythen kollidiert, dann mit allen, die sich auf die Schöpfung durch einen übernatürlichen Eingriff beziehen.

Wie?

Das ist simpel. Durch die Auseinandersetzung mit Literatur und Forschung zur Evolution. Auch wenn landauf, landab gerne auf Wissenschaftskommunikation und -forschung eingeschlagen wird, im Falle der Evolution kann man keinen Vorwurf erheben, dass es nicht genügend Gelegenheit gäbe, sich über die Grundlagen der Inhalte von Evolutionstheorien und dem aktuellen Stand befassen zu können. Wem das zu nüchtern ist, denen bleibt die folgende Regel, die meines Erachtens immer für Feiertage gelten sollte: Jeder und jede feiert mit allen, die feiern wollen. Kein Zwang, keine Not.

Wann?

24. November. Es handelt sich dabei um den Jahrestag des Erscheinens von Darwins On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life, welches ursprünglich im Jahre 1859 erschien und erst später einen weniger wuchtigen Titel erhielt. Dieser Termin erscheint mir sinnvoll, weil es sich bei diesem Werk um ein wissenschaftsgeschichtliches Schwergewicht handelt, das heute inhaltlich in weiten Teilen bis hin zur Veralterung erweitert und ergänzt ist. Dennoch ist es Ursprung eines naturwissenschaftlichen Triumphzuges.

 

1 Ich verwende diesen Begriff hier als Platzhalter für eine Sammlung von Evolutionstheorie, die geschichtlich entstanden sind. Vor allem meine ich damit aber das heute übliche erweitere synthetische Evolutionstheorie.