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Gamer Konventionen

Wenn da nicht wieder Sicherungen durchbrennen werden. Das Internationale Rote Kreuz wie auch der Rote Halbmond sehen die Möglichkeit, wenn nicht sogar die Notwendigkeit, internationale Rechtsnormen zum Menschenrecht und auch des Kriegsrechts in Videospielen zu etablieren. Der Vorschlag ist bestechend einfach:

The ICRC believes there is a place for international humanitarian law (the law of armed conflict) in video games. The International Red Cross and Red Crescent Movement has publicly stated its interest in the implications of video games that simulate real-war situations and the opportunities such games present for spreading knowledge of the law of armed conflict. The rules on the use of force in armed conflict should be applied to video games that portray realistic battlefield scenes, in the same way that the laws of physics are applied.

Aber ist das, was die Menschenrechtler vom Roten Kreuz und Roten Halbmond da vorschlagen, wirklich so sinnvoll? Die erste Gamerintuition ist immer der Reflex gegen alle Zensur. Jeder Eingriff in geheiligte Spielmechanismen vonseiten berufsmäßiger Zeigefingerheber muss abgewehrt werden. Die Fallstricke, die aus gut gemeinten Ansätzen schlechte PR machen, umgeht der Vorschlag von Beginn an. Denn es geht natürlich nicht um jedes Spiel. Nur um jene Spiele, die ein realistisches Kriegsszenario haben. Also vor allem die First-Person-Shooter, all die Call of Dutys, Battlefields und wie sie sonst so heißen.

Für die Menschenrechtler sind diese Spiele besonders interessant, weil diese durchaus auch zu Trainingszwecken für echte Soldaten eingesetzt werden. Daher liegt nahe, das bestehende Kriegsrecht in die Spielwelt einzuweben. Es geht um Rechte und Pflichten, die soldatische Handlungen binden sollen, dies aber nur können, wenn sie bekannt und anwendbar sind. Rechte als Bestandteil eine Engine oder Spielwelt sind daher ein naheliegender Weg, diese auch auf diesem Wege zu propagieren.

Entegen vielen Reflexen halte ich das für eine großartige Idee, die so neu auch nicht ist. Wenn Realismus in Spielen gewünscht ist, kann nicht umgangen werden, dass Handlungen Konsequenzen haben. Ein abgegebener Schuss tötet, reißt Wunden, er hat aber auch darüber hinaus eine Bedeutung. Das Kriegsrecht begleitet den Krieg, so lange es den Krieg selbst gibt. Diese Regeln spielerisch in die Welt einzubinden, indem eben ein Kommando entzogen wird oder Spieler und die Figuren, die sie spielen, für ihre Verstöße zur Rechenschaft gezogen werden, das hat etwas. Recht wird so immerhin gelehrt.

Mir geht es sogar fast nicht weit genug. Denn Spiele haben in der Regel zu wenig Konsequenzen. Sie sind oftmals nur Sandkästen, die um Spielerinnen und Spieler herum errichtet wurde. Sie bewegen sich oft in einer rechtsfreien Blase durch diese Welt. Hätten mehr Spiele auch einer emulierte ethische Dimension innerhalb der Spielwelt, könnten die Spiele an Tiefe gewinnen. Da ist ein Vorschlag wie der des Roten Kreuzes und Halbmondes mir sehr willkommen.

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Die Ideologie-Ideologen

Der aufgeklärte Mensch habe vor allem eines zu fürchten: die Ideologie. So scheint es. So fürchten anscheinend einige um den Zustand des kollektiven Bewusstseins der Menschheit, das von Ideologie befallen sein könnte. Nicht Ideologien, die Ideologie an sich. Ein memetisches Virus, die Zivilisationskrankheit schlechthin. Also nicht eine Folge zivilisatorischer Entwicklungen, die pathologische Ergebnisse herbeiführen. Die Ideologie ist Krankheit, die alles befalle, was als zivilisiert zu gelten habe. Daher müsse sie, also die Ideologie, mit allen Mitteln bekämpft werden.

Die Pathologisierung des Andersdenkens

Ideologie tötet. Punkt. Keine Widerrede. Immer. Sofort. Wenn nicht noch Schlimmeres. Deshalb muss ihr Einhalt geboten werden. Es ist der Kommunismus, der Kapitalismus, der Feminismus, die politische Korrektheit, der Globalismus, sie alle sind Ideologien. Aber Ideologie hat man nicht einfach, sie ist auch noch ansteckend. Selbst der aufgeklärte Verstand, diese selbsterhellte Übersteigerung der als ratio verdrehten Verstandeskraft ist trotz aller beschworenen Heilkräfte nicht in der Lage, die Ideologie zu kurieren.

Als Topos öffentlicher Diskurse ist die Pathologisierung der Ideologie damit aber vor allem Ausdruck dessen, was kritisiert werden soll. Ganz unabhängig von der ideengeschichtlichen Herkunft der Ideologie. In gewissen Kreisen ist der Ideologievorwurf das ultimative rhetorische Mittel, widerstreitende Argumente auszuhebeln.

Reaktionäre Ideologiekritik

Erstaunlicherweise sind weite Teile der "aufgeklärten" diskursiven Kombattanten dieser Herkunft des Ideologie-Begriffes gegenüber erstaunlich geschichtsvergessen. Da wird mit einem begrifflichen Urgestein der Aufklärung, das im Marxismus weiter formalisiert wurde, in einem verbalen Kunstgriff gewendet. Die Ideologiekritik der Aufklärung wandte sich so in neuem Gewand letztlich auch gegen sich selbst, weil ihre Vertreterinnen und Vertreter die historischen Ursprünge vergaßen.

Und so sitzen wir heute auf einem weitestgehend entkernten Ideologie-Begriff. Die Wand steht noch da, sie ist sogar abschreckender als jemals zuvor. Die Beliebigkeit, mit der mit dem Begriff um sich geworfen wird, hat ein enormes Ausmaß. Da war die Ideologie mal ein Begriff für den Aberglauben, sozialisiert und institutionalisiert. Die Verblendung allerdings geht nun von der semantisch entleerten Ideologie-Kritik aus. Von den Usurpatoren der aufgeklärten Vernunft, die in ihrer aufgeklärt strahlenden "Vernunftkritik" an Ideologie diesem Begriff jede Aussagekraft nehmen, diesen Mangel aber mit reichlich selbstgerechten Vorwürfen auffüllen.

Diskursive Handgranate

Fällt der Ideologie-Vorwurf, sollten alle schleunigst in Deckung gehen, denn niemand weiß, wann sie zündet. Diese Granate wird in den Diskurs geworfen, das ist die eigentliche historische Unverschämtheit, um eine Debatte zu beenden. Mit brachialen Mitteln. Mit verbaler Gewalt.

Ohne zu reflektieren, was eine Ideologie ausmache, wird sie oftmals nur blindlings "kritisiert". Aber wie war das mit totalitären Ideologien im 20. Jahrhundert? Da wurden Menschen aus fadenscheinigen Gründen pathologisiert, damit auch enthumanisiert. Der Mensch war kein Mensch mehr, er war eine Minderwertigkeit.

In einem ähnlichen Winkelzug wird heute von vielen Debattanten leichtfertig jede Gegenposition zur Ideologie degradiert. Als solche könne sie nicht ernsthaft verhandelt werden, sie ist kein Wert an sich, welche Argumente sie auch enthält. Im Namen der Aufklärung, wir reden nicht mit Ideologen. Nationalsozialisten und Rassisten dürfen ihre Meinung frei äußern, Ideologen nicht. Irgendwo muss ja eine Grenze gezogen werden.

Und so sind gegen die Ideologie und Ideologen alle Mittel recht. Sie kämpfen angeblich nicht mit redlichen Mitteln, also dürfen wir sie mit allen Mitteln bekämpfen. Eine revanchistische Ermächtigung zieht dann in Scharen von Sockenpuppen mit Unterstellungen, Anfeindungen, Beleidigungen und Drohungen los. Mit Mistgabeln der Freiheit bewaffnet sich der Mob der vermeintlich Aufgeklärten. Aber ist das nicht im eigentlichen, im ursprünglichen Sinne der aufgeklärten Ideologiekritik ideologisch, diskursive Widersacher zu brandmarken?

Da wird im Namen der Aufklärung ihr wichtigstes Ziel vernichtet. Mit ihren eigenen Mittel totalisieren unvernünftige "Aufklärer" die eigenen Ansichten. Imprägnieren sie auch noch mit "Vernunft" gegen die wertlose Ideologie. Auch seien die Ideologen auch noch selbst daran schuld, schließlich müssten sie nur zu den Bedingungen der "Vernünftigen" argumentieren, schon wären sie von der diskursiven Krankheit der Ideologie geheilt.

Diese Selbstgerechtigkeit und mangelnde Reflexion eigener Denkmuster ist einer der niederträchtigsten Aspekte des Umgangs mit den Errungenschaften der Aufklärung. Wenn die Aufklärung eines lehren sollte, dann die Furcht vor eilfertigen Selbstvergewisserungen und Trugschlüssen. Auch über das eigene Denken und Handeln. Gerade über das.

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Organspende und ethisches Outsourcing

Am Rande einer sehr interessanten Diskussion auf ADN über die Diskriminierung von Schwulen bei Blut- und Organspenden kam ich wieder darauf, dass auch ich einen Organspendeausweis bei mir trage. Sowohl meine Entscheidung, auf dem Spenderausweis eine mir fremde Person einzutragen, die entscheiden soll, als auch ihre Begründung klingen für andere womöglich erst einmal seltsam. Da nun eine genauere Darstellung auch in den 256 Zeichen bei ADN Alpha nicht einmal ansatzweise ausreicht, will ich hier mal näher ausführen, worum es mir bei Organspenden eigentlich geht.

Ethisches Outsourcing – warum?

Die Entscheidung über die Verwendung der Organe meines toten Körpers habe ich tatsächlich an eine andere Person ausgelagert. Es ist dabei überaus wichtig, den Zustand des Körpers zu betonen, denn ich spreche hier grundsätzlich von postmortaler Organspende. Die Lebendspende steht für mich zunächst auf einem ganz anderen Blatt als die Spende von Organen aus einem toten – im Sinne des Hirntodes – Körper, der zu Lebzeiten noch mein Körper war. Insofern war schon der erste Satz in diesem Absatz ungenau, denn die postmortale Spende betrifft einen Körper, über den ich eigentlich nicht mehr verfügen kann, denn das Ich, das derzeit noch identitär wie physisch mit dem Körper verbunden ist, wird nach dem Tod unwiederbringlich ausgelöscht sein. Mir ist schleierhaft, warum eine Nicht-Existenz noch ethische Bedenken zum Besten geben sollte über einen Körper, der nicht mehr ihrer ist.

Wenn das aber so ist, warum nicht einfach auf dem Organspendeausweis mit Ja stimmen? Ganz so einfach ist das für mich nicht, denn mir wird die Entscheidung gelassen. Eine Möglichkeit, die ich für abgrundtief anmaßend halte, denn es bedeutet, dass mein ethisches Empfinden, also nicht meine ethischen Überzeugungen1, über die Existenz der Quelle dieses Empfindens hinaus aufrechterhalten wird. Sie wird ethisch fingiert. Das ist hochgradig widersinnig. Es spielt schlicht keine Rolle, was ich über den Umgang mit meinem Körper denke, sobald der Körper nicht mehr meiner ist. Ich halte es also prinzipiell für eine grundlegend falsche Herangehensweise, mir ein Mitspracherecht zuzugestehen, das mir weder nutzt noch schadet. Es nichtst mir.

Aber das erklärt immer noch nicht, warum ich nicht einfach pragmatisch sage, dass es mir egal sein muss, was mit dem Körper geschieht, ich also aus ethischen Gründen die Option wählen sollte, von der Menschen potenziell eher profitieren. Ein Ja würde schließlich heißen, dass mehr Menschen lebensrettende Organe erhalten könnten. Für mich als Nicht-Person fiele kein Schaden an, andere Personen jedoch könnten mit Hilfe der Organe aus meinem toten Körper weiterleben. Das ist grundsätzlich richtig. Dennoch ist meine Entscheidung ein Protest gegen die fehlgeleitete Vorstellung, dass ich nach meinem Tod noch etwas zu sagen hätte über den Körper, der mal meiner war. Mein Protest richtet sich gegen die anmaßende ethische Position einer extensiv über den Tod hinaus postulierten Identität. Der gesellschaftliche Konsens der Bioethik ist dominiert von einem so paradoxen Konzept, das ich es nicht anders bezeichnen kann: der spirituelle Materialismus. Die Motive für die Erweiterung einer Identität über den Tod hinaus ist eine sagenhaft fatale Folge jahrtausendealter spirituell-religiöser Sozialisierung. Und dagegen setze ich mich zur Wehr. Der Körper und der Geist sind eine seltsame Erscheinung im spirituellen Materialismus, denn einerseits soll der Geist den Körper überdauern, andererseits aber der Körper nach der Trennung der beiden noch besonderen Schutz genießen. Der Geist, das spirituelle Wesen, habe, so reime ich mir die Begründung noch am besten zurecht, eine nostalgische Verbundenheit mit seiner einstmals korporalen Form, sodass er diese nicht geschädigt sehen will. Oder so ähnlich. Es ist ein Minenfeld der Widersprüche.

Vielleicht ist jetzt deutlicher, warum ich mich dafür entschieden habe, eine mir völlig fremde, zufällig ausgewählte Person darüber entscheiden zu lassen. Ich, der keinerlei Anspruch mehr auf den toten Körper hat – weil, nun ja, tot -, will wenigstens eine tatsächliche Person entscheiden lassen. Was besser ist als die ethisch fingierte spirituelle Erweiterung meines Ich. Jede, aber wirklich jede lebende Person ist besser als die ethische Schattenspielerei mit meinem nicht mehr existenten Ich.

Identität und Organe

Ich lehne also ab, als ethisch empfindendes Wesen über etwas zu entscheiden, obwohl ich darüber nicht mehr entscheiden dürfen sollte. Aus Protest missbrauche ich die mir irrtümlicherweise zugeschriebenen Rechte, um sie an eine tatsächliche Person zu delegieren. Insofern könnte das Thema hier beendet sein, doch gibt es noch ein angeschlossenes Problem der ethisch zweifelhaften Erweiterung menschlicher Identität2. Wenn ich jetzt darüber entscheiden können soll, was geschieht, sobald ich nicht mehr bin, warum habe ich dann nur eine so begrenzte Entscheidungsgewalt? Wenn es für mich heute von Belang sein sollte, was mit meinem Körper, weil eine wie auch immer geartete identitäre Verbindung von Körper und Geist auch über deren Trennung hinaus bestehen soll, warum darf ich dann nur einer Organspende zustimmen oder sie ablehnen, Einschränkungen bei den Organen und Geweben machen oder die Entscheidung delegieren. Das ist meinem ethischen Empfinden entsprechend irritierend, denn wenn mein gestorbenes Ich schon entscheiden soll, warum nicht auch darüber, wer zum Beispiel die Organe erhalten soll? Sofern mir die ethische Entscheidung gelassen wird, sollte ich auch darüber entscheiden dürfen, ob Empfängerinnen oder Empfänger auch meinem ethischen Empfinden entsprechend geeignet oder gar würdig sind, mit einem Teil meiner Identität zu leben. Denn ethisch wird ein Teil von mir ethisch für deren Entscheidungen und ihr Handeln mitverantwortlich.

Es wäre für mich ein Graus, mir vorzustellen, dass ein Neonazi von meiner Niere profitierte, um dann weiterhin rechte Parolen schreiend über Marktplätze zu schlendern und Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe den Tod zu wünschen. Sofern ich die Entscheidungsgewalt gar nicht hätte, müsste ich mich nicht sorgen. Denn ich existiere nicht mehr, trage auch keine ethische Verantwortung mehr. Da aber durch einen spirituellen Kunstgriff die Tür noch offen gehalten wird, stünde ich noch in der Pflicht ethisch abzuwägen. Und da spielt es eine große Rolle, wessen Leben mit meinen Organen erhalten wird. Diese Entscheidung sollte ich aber gar nicht treffen müssen, werde aber paradoxerweise dazu gezwungenen. Dagegen protestiere ich. Es ist wichtig, das eigene Handeln ethisch abzuwägen, solange es noch möglich ist. Die Grenze meiner ethischen Entscheidungen ist aber der Tod selbst.

Die ethische Tombola

Aus diesem Grund erscheint es mir das Beste zu sein, auf diese ethisch komplett verrannte Position hinzuweisen, in dem ich das mache, was Banker in der heutigen Zeit gewohnt sind: Ich spiele mit leeren Werten, die mir gegeben wurden, wie es mir gefällt. Mein Handeln hat zwar faktisch Auswirkungen auf die materielle Welt, doch muss mich das nicht weiter kümmern, weil ein brüchiges Konzept mein Handeln nicht in Frage stellt, sondern auch noch anfeuert. Aber es geht in der Ethik nicht nur darum, was Menschen dürfen. Es geht auch darum, was sie nicht dürfen. Ein Recht zu schaffen, das Personen betrifft, die zum Zeitpunkt, an dem das Recht Wirkung entfaltet, nicht mehr Personen sind, ist eine ethische Luftbuchung sondergleichen.

Daher habe ich die ethische Tombola gewählt, um wenigstens eine Person entscheiden zu lassen. Warte es ab, du könntest es sein, der auf meinem Spenderausweis steht. Zerbrich dir den Kopf – oder auch nicht. Ich bin da schon raus aus der Nummer.

1 Für mich unterscheide ich zwischen ethischem Empfinden und ethischen Überzeugungen. Meine ethischen Überzeugungen sind das Ergebnis rationaler Aussetzung mit ethischen Problemstellungen, mein ethischees Empfinden ist die konkrete Instanz meiner ethischen Überzeugungen. Das Empfinden ist von persönlichen Erlebnissen geprägt. Empfinden und Überzeugungen haben große Schnittmengen, doch aber auch einige, teils widerstreitende Unterschiede.
2 Dies bezieht sich auf die derzeitige Regelung in der Bundesrepublik Deutschland.