Steve Sapontzis: Die Anwendung des Begriffs der Rechte auf Tiere

Puh, da habe ich Glück gehabt. Ich hatte nämlich eigentlich gar keine Muse mehr, mich auch noch einmal mit den Tierrechten zu befassen. Doch mein Kalender mahnte an, dies zu tun. Jetzt ist das Problem aber gar nicht so groß. Der Artikel von Sapontzis ist nicht schlecht, aber er gibt nach dem bisherigen Stand, so wie ich ihn hier nachgezeichnet habe, nicht viel her, was neu ist.

Letztlich fasst Sapontzis nur noch einmal zusammen, dass die Kritik an der Forderung nach Rechten für Tiere zwar durchaus mit Recht formal kritisiert werden könne. Dies sei aber nur Wortklauberei, da Tierrechtler nicht Menschenrechte für Tiere forderten, sondern lediglich ein rechtlich anerkanntes Institut, welches Tieren einen stabilen Rang gewährt. Dies können man nach Sapontzis genauso gut auch als Recht bezeichnen und sollte sich nicht an der bisherigen Definition dieses Begriffs aufhängen. Tierrechtler wollten Tiere nicht mit Menschen gleichsetzen, aber mit Mitteln, die schon für beispielsweise Säuglinge in Betracht kamen, auch Tieren und ihren Interessen Anerkennung zu verleihen. Er schreibt treffend (S. 76f.):

Ein Recht ist ein anerkannter oder ein begründeter Anspruch, der dazu bestimmt ist, die Interessen des Rechtsträgers zu schützen oder zu befördern; ein moralisches Recht ist eines, das sich auf ‚die Prinzipien eines aufgeklärten Gewissens‘ gründet, um Joel Feinbergs Formulierung zu borgen; moralische Rechte sind so verschiedenartig, dass Wesen wie Kinder und Tiere, die nicht fähig sind, sie alle zu genießen, zumindest einige von ihnen genießen können.

Knapp. Einfach. Griffig. Und in meinen Augen einfach gut. Nur war ich persönlich schon nach Lektüre der vorangegangenen Ausführungen an dem Punkt angelangt, den Sapontzis hier deutlich macht.

Literatur:

  • Sapontzis, Steve F.: Die Anwendung des Begriffs der Rechte auf Tiere, in: Texte zur Tierethik hrsg. von Ursula Wolf, Stuttgart 2008, S. 73-77.

 

Philipp Balzer et al.: Menschenwürde versus Würde der Kreatur

Die Autoren unterscheiden „drei Formen einer kontingenten Würde von der inhärenten Menschenwürde“ (S. 61), wobei die drei ungleich verteilten Formen der kontingenten Würde die ästhetische, die soziale und die expressive Würde sind. Wichtiger Unterschied zur Menschwenwürde sei dabei, dass kontingente Würde angeeignet und verloren werden kann, nicht aber die inhärente Menschenwürde. Weiterlesen

Gotthart M. Teutsch: Die ‚Würde der Kreatur‘

Okay, also doch noch zu einem theologischen Ansatz. Ich hatte gerade Lust darauf. Dann lege ich halt einfach mal los.

Die Würde der Kreatur beruht auf ihrem Eigenwert, […]. In theologischer Perspektive gründet dieser Eigenwert darin, daß jedes Lebewesen und letztlich alles in der Natur Geschöpf Gottes ist und seiner Liebe teilhaftig wird. (S.56)

Teutsch schildert zunächst, dass der Würdebegriff unter Philosophen selten herangezogen wird, wenn es um Tiere geht. ‚Würde‘ war demnach stets exklusiv menschliche Eigenschaft. ‚Würde‘ dann synonymer Begriff zur ‚Menschenwürde‘. Die Menschenwürde sei dort mit der Vernunftbegabung des Menschen begründet.

Teutsch weist auf eine Zweischneidigkeit des Würdebegriffs hin: Der Mensch ist sicherlich auch moralisches Subjekt, damit dann auch moralischer Akteur, zugleich ist der Mensch in der Gemeinschaft eben auch moralisches Objekt. Als moralisches Subjekt mag der Mensch unter den Lebewesen einzigartig sein, moralisches Objekt muss er nicht alleine sein. Und ist er nach Teutschs Ansicht auch nicht.

Auf der gleichen Basis des Wertempfindens läßt sich auch für die Anerkennung einer kreatürlichen Würde plädieren, die den außermenschlichen Bereich mit einschließt. Auch hier haben wir es mit Lebewesen  zu tun, die mit uns eine Gemeinschaft bilden, z. B. eine Nutzungsgemeinschaft (wie in der Landwirtschaft) oder gar eine Lebensgemeinschaft (wie in der Heimtierhaltung). (S. 58)

Dies ist dann eigentlich schon die argumentative Leitlinie Teutschs. Er gibt lediglich noch zwei weitere Erkenntnisse zu bedenken: Erstens die Tatsache des menschlichen Rückgriffs auf natürliche Vorleistungen und zweitens den Umstand der menschlichen Abstammung aus der Natur. Beide könnten ergänzend begründen, warum der Mensch gegenüber der Natur und besonders den anderen Lebewesen Rücksicht walten lassen sollte.

 

Ich tue mich ja immer schwer mit theologischen Begründungen. Es liegt noch nicht einmal daran, dass sie von Beginn an unlogisch auf mich wirken. Vielmehr ist es wohl das Gefühl, dass sie eine Sicherheit vorgeben, die dann doch nicht besteht – die Probleme sind nur in einen anderen Bereich verschoben.

Bei Teutsch ist das prinzipiell ähnlich. Wenn man seine Voraussetzung einer göttlich erschaffenen Welt akzeptiert, bleiben kaum noch große Lücken offen, um den Tieren, so wie Teutsch es hier macht, einen Eigenwert zuzugestehen, der es erschwert oder gar verhindert, diesen Leid zuzufügen. Klar, man könnte schon ansetzen, dass religiöse Schöpfungsgeschichten und deren Auslegung auch stets wieder in sich widersprüchlich sein können. Beispielsweise, ich bin kein Bibelkenner, war da doch was mit dem Untertan machen der Welt. Das könnte man ins Spiel bringen. Und siehe da, schon ist die herrliche Simplizität potenziell flöten.

Aber darum geht es mir nicht, also nicht um kleinliche Einwände und Nachweise von Inkonsistenzen. Die gibt es überall. Was mich an theologischen Ansätzen oftmals abschreckt ist, wie oben angedeutet, dass sie ihr Konfliktpotenzial nur auslagern. Das heißt dann Apologetik und ist genau das, was oben in dem Wörtchen ‚wenn‘ enthalten ist. Ja, wenn man die Schöpfung so annimmt, dann ist es einfach. Warum man diese aber annehmen sollte, das ist wieder eine ganz andere Sache. Für mich sind theologische Ansätze damit nur scheinbar simpel. Mich stört auch nicht, dass beide Seiten, also in diesem Fall theologische wie nicht-theologische Ansätze, eine Sprengkraft – ein inhaltliches Problem oder sogar moralisches Dilemma – beinhalten.

Aber: Während die eine Partei, aus meiner Sicht die nicht-theologische, sich müht, alles zu tun, um diese Sprengkraft darzustellen und sie zu entschärfen, weist die andere auf die vermeintlich risikolose Einfachheit bei ihr hin. Schließlich sei bei dieser, der theologischen Seite, gar keine Gefahr zu erkennen – bis ich auf die Mine laufe oder merken muss, dass irgendwo im Dickicht um mich herum jemand mit einem Fernzünder auf mich wartet. Sprengstoff entschärft man oder gibt zumindest zu erkennen, dass man mit ihm arbeitet und hofft, ihn irgendwann entschärfen zu können, während man bis dahin Warnschilder aufstellt und sonstige Vorkehrungen trifft. Nicht aber indem man tut, als gäbe es keinerlei Gefahr. Das ist es, was mich an theologischen Ansätzen prinzipiell und auch in diesem Fall stört. Er ist so einfach, dass er mir suspekt sein muss.

 

Literatur:

  • Teutsch, Gotthart M.: Die ‚Würde der Kreatur‘, in: Texte zur Tierethik hrsg. von Ursula Wolf, Stuttgart 2008, S. 56-60.

Carl Cohen: Warum Tiere keine Rechte haben (Teil 3 von 3)

Der erste Teil hat Cohens Argument beleuchtet, warum Tiere keine Rechte haben können. Der zweite Teil befasste sich mit meinen formal-inhaltlichen Einwänden. Nun kommt der abschließende dritte Teil zu praktischen Gründen, warum ich Cohens Meinung nicht uneingeschränkt oder nicht ohne weitere Erläuterung folgen kann. mehr…

Carl Cohen: Warum Tiere keine Rechte haben (Teil 2 von 3)

Im ersten Teil habe ich erst einmal Cohens Position vorgestellt. Er geht dabei davon aus, dass Tiere keine Rechte haben könnten, da Rechte nur innerhalb der Sphäre menschlicher Moral Geltung haben könnten. Wo kein Mensch, da kein Recht. Das heißt aber auch nach Cohen nicht: kein Schutz. Meine kritische Auseinandersetzung mit diesem Ansatz möchte ich hier in geordneter Form wiedergeben. mehr…

Carl Cohen: Warum Tiere keine Rechte haben (Teil 1 von 3)

Nach allen affirmativen Texten zur Tierethik jetzt mal eine kritische Stimme von Carl Cohen. Die hier behandelte Stelle bei Cohen ist nicht sehr lang. Sie ist knackig formuliert und einfach zusammenzufassen. Doch habe ich meine Probleme damit, wie Cohen sein Argument aufbaut und worauf er sich stützt. Meine Kritik an Cohen werde ich in einem zweiten und dritten Teil geordnet wiedergeben. Aber nun erst einmal zu Cohens Argumentation. mehr…