Abdanke, Pontifex

Die Geschichtsschreibung wird ihre Verklärung finden, die im deutschen Boulevard schon zu Beginn des Pontifikats einsetzte. Der pluralisierte Papst deutscher Herkunft ist kraft seines Amtes mit Starrsinn gesegnet, aus gegebenem Anlass erinnere ich mich mit Schrecken an einen verzweifelten formalen Trick aus dem Repertoire politischer Hütchenspieler, den Spruch "Dem deutschen Volke" als Imperativ für eine Lehrstunde in Sachen verblendeter Leitkultur in Deutschland zu missbrauchen:

Da saßen sie alle, andächtig, aalglatt wie ihre Anzüge und Kostüme und feierten politischen Karneval mit dem Mann in weiß, der, als Staatsmann geladen, das Predigen nicht unterließ. Einer derer, die den Weißen, den Erbleichten einluden, musste abdanken. Sie hievten einen Pfaffen auf’s Podest. Heute verkündete der alte Weiße, Ende des Monats abdanken zu wollen. Aus gesundheitlichen Gründen. Zeit zu sagen, was nicht unter Tisch fallen darf: Danke — für nichts.

Alltagsrassismus: Muss man denn gleich ausrasten?

In der gegnerischen Spielhälfte, linksaußen am Sechzehnmeterraum, erhält ein Spieler den Ball. Sein Gegner steht etwas zu weit von ihm entfernt, so kann er den flach gespielten Pass mit einer schnellen Drehung in Richtung Grundlinie ziehen. Doch der Gegner sperrt den direkten Weg zum Tor. Der ballführende Angreifer nimmt das Tempo sofort raus, lässt den Ball zwischen seinen Füßen tanzen. In einer flüssigen Bewegung bückt er sich zum Ball, er nimmt ihn in beide Hände, dreht sich zur Tribüne hinter sich um. Wie ein Torwart beim Abschlag, so hält er den Ball vor sich, zieht mit dem rechten Bein ab. Den Ball trifft er allerdings nicht mit voller Kraft, dieser prallt vom Zaun vor der Tribüne ab. Der Spieler blickt hinauf zu den Stehplätzen, selbst als der Schiedsrichter ihn erreicht hat, er schaut zu den aggressiven Fans der gegnerischen Mannschaft. Sie schlagen in die Luft, johlen, schreien runter auf das Spielfeld. Weiterlesen

Sprache, Sexismus und Systemadministration: Global symbol „$maskulinum“ requires explicit package name

Es ist eigentlich ganz einfach, könnte immerhin so einfach sein. Dass es das nicht ist, zeigte sich offenkundig wieder daran, wie eine als totalitär – in grober Verkennung des Totalitären – empfundene Markierung diffamierender Sprache negiert, lächerlich gemacht und damit fortgesetzt wurde. Auf dem 29c3. Wo Systemkritik nur als schick zu gelten schien, wenn sie vom typischen, also männlichen Durchschnittshacker für konsensfähig erachtet und nicht durch Selbstkritik und -reflexion belastet wurde. Der Druck, der mit Privilegien verbunden ist, muss kaum zu ertragen sein für die Privilegierten selbst. Dann wird er halt weitergegeben.

Anatol Stefanowitsch hat am Rande des Geschehens allerdings einen Vortrag gehalten, der mit simplen, eindringlichen Beispielen auf den Punkt bringt, was nüchtern betrachtet Sache ist: Unsere Sprache ist kaputt.

Allerdings ist das Deutsche dann offensichtlich doch auf eine ganz seltsame Weise kaputt, wenn nicht mit diesem Defekt umgegangen wird wie mit anderen. Statt Löcher zu flicken, Schäden auszubessern oder ganz in konsumistischer Tradition das beschädigte Gut gleich wegzuwerfen, um es durch ein neues in Glitzerfolie zu ersetzen, wird dieser ganz besondere Schaden am Fundament der deutschen Sprache bewusst kleingeredet. Alles nicht so schlimm, weil immer so gewesen und bloß nicht laut werden, ja. So werden Systeme, die als sprachliche voll und ganz auch gesellschaftliche sind, administriert, nicht gehackt.

Newtown: Das Zeremoniell der Empathie

Diese Geschichte hat zwei Protagonisten, die sich gegenseitig verbunden haben zu einer schicksalhaften Kommunikationsgemeinschaft, in der die Rollen von Sendern und Empfängern im Fluss sind. Ich will mit dem einen Protagonisten beginnen, doch nur unter dem Vorbehalt, dass es keinen Grund jenseits der Willkür gibt, warum dieser und nicht der andere zunächst im Vordergrund steht.

Die Medien, oft auch gerade der Teil der Medienwelt, der sich den Qualitätsjournalismus hat lizenzieren lassen, sodass er fachgerecht auf einem Presseausweis Platz findet, schreibt sich die Leistung zu, Ordnung und Einordnung in die unübersichtliche Lage der Welt zu bringen. Dabei verkennen sie manchmal, vielleicht sogar in den schwierigsten Momenten des menschlichen Miteinanders, welches dann oft ein Gegeneinander ist, was auch zur Einordnung der kleinen Fragmente in das große Gefüge gehört: die Zurückhaltung, das Eingeständnis der eigenen Verunsicherung, die Unzulänglichkeit der eigenen Wahrnehmung und die Flut der Informationen.

Nicht zu wissen, was die Motive des jungen Mannes waren, der in Newtown zunächst seine Mutter und dann in einer Grundschule Kinder und Lehrer erschoss, mag unerträglich sein, ist aber kaum ein guter Grund, nun leidenschaftlich im Trüben zu fischen. Wie kommt es, dass dort, wo Menschen sterben, der Konjunktiv über die Hintergründe zum Leben erweckt wird? Wäre es zu verhindern gewesen? Der Täter habe auf allen Fotos einen kühlen, der Welt entrückten Blick gehabt. Waffen hätten nie im Umlauf sein sollen. Als ob den Toten damit geholfen wäre, wenn schnellstmöglich aus allen Teilen der Welt die reflexiven Interpretations- und Bewältigungsmechanismen des Journalismus auf den Tatort gerichtet werden.

Der Mainstream, unser zweiter Protagonist, verschlingt jedes noch so nichtige Bröckchen. Es als Sensationslüsternheit abzutun ist möglich, geht an der Sache aber doch vorbei: Es ist auch ein Bewältigungsmechanismus, die Tat, den Anschlag, das Massaker vermeintlich gänzlich in sich aufnehmen zu wollen. Schon einmal den Finger in eine klaffende Wunde gesteckt? Die Gier nach jedem morbiden Detail, ob geprüft oder nicht, schafft einen Schmerz, der auch aus der weitesten Entfernung spürbar wird. Aus den Augen verloren, wenn sie überhaupt gesehen wurde: die Ohnmacht, die ein solches Ereignis auslösen sollte.

Nicht spüren zu können, was die Opfer fühlten, die mit brutalster Gewalt niedergestreckt wurden, mag unerträglich sein, es ist aber keine gute Grundlage für Mitgefühl, dies zu simulieren. Empathie ist so eine Sache, die der Mainstream in ritualisiert hat; sie wird in wiederkehrenden Mustern zeremoniell ausgebreitet. Es ist die mechanische Empathie einer Konsumptionsgesellschaft, als ob den Toten damit geholfen wäre, die erlernten und vererbten Verdrängungs- und Sensibilisierungsmethoden an ihnen abzuarbeiten.

Was die beiden nun aber machen, das ist durch nichts mehr zu rechtfertigen: Sie stülpen eine widerwärtige narrative Schablone über alle undenkbaren Geschehnisse. Jedes Ereignis wird emotional überwältigt, gemustert und vermeintlich verständlich gemacht – nicht Verständnis der Situation, sondern emotionale Überwältigung der Ereignisse ist das Ziel. Die Wogen müssen geglättet werden, koste es, was es wolle. So werden zunächst die Täter in Grund und Boden verdammt, dann die Opfer nach heroischen Leistungen, in deren Abwesenheit tun es auch rührselige Lebensläufe, um schlussendlich möglichst schnell in einfache Lösungsvorschläge zu verfallen: Mal sollen es die Medien sein, Musik, Filme, Videospiel, was auch immer. Dann wieder der Waffenbesitz, die (sub-)kulturelle, ethnische, politische oder religiöse Zugehörigkeit. Für andere ist es die gesellschaftliche Verrohung, was genau diese aber ausmacht, ist nicht weiter wichtig.

Was auffällt, sie alle, die vielstimmig im Chor von Medien und Mainstream singen, sie haben in der Regel eine Lösung parat. Nur eine. Die eine Maßnahme, die auf Anhieb wird selig machen können. Und so gebiert der Zwang einen wahnhaften Zwang zur emotionalen Durchdringung der Schreckenstat, gleichgültig aller Oberflächlichkeit mit der über die Hintergründe spekuliert wird. Diese Oberflächlichkeit der selbst attestierten Empathischen hat weniger der beschleunigten Medienlandschaft zu tun, als mit der Aufklärung: Wesentlicher Kern der Aufklärung bleibt das Erstaunen – oder auch die negative Entsprechung: das Entsetzen. Auch dies ein emotionaler Reiz. Aber wie damit umzugehen ist, ist im Sinne der Aufklärung die eigentliche Revolution. Mit Nüchternheit.

Was spricht dagegen, ein unverständliches, dramatisches Ereignis erst einmal als solches hinzunehmen? Die Emotionalität hat und braucht ihren Raum, sie wird ihn auch verlangen. Doch im Stadium der emotionalen Aufladung schon ein Problem lösen zu wollen, ist törichter Unfug. Genau so ist es Unfug, auch nur zu verlangen, dass ein erstaunliches Ereignis binnen weniger Stunden oder Tage erklärbar sei und erklärt werden müsse. Das Erstaunen wäre sinnlos, wäre es so leicht bewältigbar. Das gilt auch für das Entsetzen. Doch gerade dann, wenn die Emotionalität verflogen ist, wäre Zeit zur Aufarbeitung. Zur intellektuellen Durchdringung der Tat, ihrer Motive und der Lösungswege.

Doch in unserer Geschichte ist noch kein gutes Ende absehbar, denn die Protagonisten haben sich mal wieder darauf geeinigt, in simplen Strickmustern zu handeln: Diese brachiale Pietät ist die heuchlerischste Pietätlosigkeit, zu der Medien und Mainstream sich regelmäßig hinreißen lassen.

Tintin au Congo

In Belgien wurde gegen den Comic Tintin au Congo, in Deutschland besser bekannt als Tim im Kongo, des Zeichners Hergé geklagt, diese Klage kürzlich aber in der ersten Instanz abgelehnt. Das Original wie auch unzählige, teils überarbeitete Neuauflagen des Hefts schildert die Reise des Journalisten Tintin nach Belgisch-Kongo, wobei die Darstellung der Einwohner und die Haltung der Europäer vom Geist der Kolinialmacht geprägt und damit rassistisch sei.

Abenteuerlust des weißen Mannes

Nun könnte man es, wie in manchen Kreisen instinktiv üblich, mit mitleidigem Lächeln als typische Reaktion einer ‚politisch korrekten Kaste des Gutmenschentums‘, damit auch als weiteres Zeichen gesellschaftlichen Verfalls auslegen, da jede Äußerung von den Mühlen der Korrektheit zur Harmlosigkeit zerstoßen wird. Doch das hilft nicht, das zeigt schon ein kurzer Blick auf die Verbreitungsgeschichte dieses frühen Bandes der weltberühmten Comicreihe: In vielen Ländern ist das Heft erst viel später als 1930 erschienen, in Deutschland erschien die Farbversion etwa erst Mitte der Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Meist waren diese Veröffentlichungen sogar bearbeitete Fassungen, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem beginnenden Ende des Kolonialismus autorisierte Hergé sogar selbst eine um kolonialen Paternalismus bereinigte Auflage, die seitdem auch den französischsprachigen Standard des Werks darstellt.

Der Diskurs um Tintin au Congo reicht demnach weit zurück, ist älter als die politische Korrektheit selbst, allein das sollte Hinweis genug sein, es nicht bloß mit wilden Auswüchsen des ‚Weltverbesserismus‘ zu tun zu haben. Aber auch ein direkter Blick in das Heft* ist aufschlussreich. Neben der ungelenken Handlung, die eine weitgehend fragmentarische Abenteuergeschichte erzählt, zeichnet sich schon bei oberflächlicher Betrachtung durch eine herrische Haltung gegenüber Schwarzen aus. Ihre Statur entspricht dem tradierten europäischen Klischees des tumben Wilden, des ungebildeten Dorfbewohners, der sich zu nicht weiter differenzierten Rotten zusammentut. Sie bilden nur ratlose, lebensunfähige Meuten von Humanoiden, denen die weisen, weißen Europäer mit erhobenen Zeigefinger den Weg weisen, Anweisungen entgegen bellen und auch sonst schlicht überlegen sind. Augenfällig ist, wie sehr sich die körperlichen Erscheinungen der Kongolesen und der in einer Episode auftretenden Menschenaffen ähneln: Gerade um Schwarzweiß des Originals sind sie dunkle Gestalten, beinahe konturlos in der Dunkelheit des Dschungels, sie tragen große Köpfe auf hageren Körpern, die Gesichter breit, die Münder weit ausladend. Geistesverwandtschaft scheint zwischen Kongolesen und Primaten ebenso gegeben, entlarvend ist da die Gedankenwelt eines Affen in dasselbe Stottern von immer noch krude gebildeten Hauptsätzen übersetzt, wie sie auch  bei den von der Kolonialisierung unterworfenen Menschen im Heft vorherrscht.

Im Heft gibt es unzählige dieser Beispiele für brachialen Chauvinismus – so hätte man es früher gesagt; in der heutigen Zeit wäre es verwunderlicher, wenn eine Leserin oder ein Leser die verbohrte Herablassung nicht erkennen könnte, mit der Hergé gearbeitet hat. Kurzum, mit seiner offenkundigen Schlagseite ist Tintin au Congo so antiquiert wie der von Tintin eingesetzte Kamerakasten und sein Phonograph — bitte nachschlagen, was das ist.

Belebter Rassismus

Rassismus ist ein erschlagender Begriff, im Alltag ein meist tödliches Urteil über die gesellschaftlichen Ansichten einer Person. Wird der Vorwurf gegenüber nostalgisch aufgeladenen Werken erhoben, ist die Schutzbehauptung schnell zur Stelle. Es soll hier gar nicht so sehr um das Urteil des belgischen Gerichts gehen, was es aber über die nationale Rechtsprechung hinaus zu sagen hat, ist relevant:

„Tim im Kongo“ sei ein Zeugnis der damaligen Zeit, so die Brüsseler Berufungsrichter und zeige die damalige Geschichte so, wie sie damals war. Kongo war damals belgische Kolonie und damit sei das Comic Hergés auch ein Zeitdokument. Nicht zuletzt habe Hergé 1930 noch nichts von einem Gesetz zum Kampf gegen Rassismus, das 1981 erlassen wurde, wissen können.

Die Rechtslage in Belgien ist nicht von Belang, darum geht es nicht. Aber die Begründung, warum der Rassismusvorwurf abzulehnen sei, greift ein typisches Element der Verteidigung auf: die historische Kontextualisierung von Rassismus.

Wie geschildert, es gibt viele Rassismus-Definitionen, es ist wohl einer der umstrittensten Begriffe der heutigen Zeit. Doch schon in seiner simpelsten Form, der Degradierung und Stereotypisierung von Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder Volkszugehörigkeit, ist zu erkennen, wie weitTintin au Congo von heutigen gesellschaftlichen Normen entfernt ist. Darüber besteht unter Leserinnen und Lesern zumeist auch überhaupt kein Zweifel. Wohl nicht nach allen, aber nach einem weit überwiegenden Teil der Ansichten zu Rassismus, wird es leicht fallen, ihn im Heft als solches erkennen zu können. Warum also so viel Aufhebens darum?

Das hat vermutlich mit der Komponente zu tun, auf die das Gericht auch verweist. Rassismen in historischen Dokumenten oder tradierten Erzählungen, in der Musik, der Literatur, der Kunst allgemein, sie alle entstanden in Zeiten, die von unseren heutigen Ansichten nichts wussten haben, oder besser, gar nichts wissen wollten. So werden die Kulturgüter mit rassistischen Bezügen zu den Zeitdokumenten gezählt, denen der Vorwurf ex post nicht gemacht werden sollte. Sie wussten es ja nicht besser. Für Zeitdokumente ist das richtig, wenn aber diese Kulturgüter nur noch Zeitdokumente wären und auch bleiben würden, wir hätten die Probleme mit ihnen nicht. Als Zeitdokumente sind sie aber von Interesse für die historische Forschung, besonders für sozial- und kulturgeschichtliche Untersuchungen, wer aber Tintin au Congo heute noch liest, wird nicht immer allein nach wissenschaftlicher Erkenntnis streben.

Viele Kulturgüter vergangener Tage sind nicht allein Stimmen aus einer anderen Zeit, die historisch kontextualisiert werden können, sodass sie keinen gesellschaftlichen Schaden mehr anrichten. Sie werden auch noch kulturell und kommerziell aktualisiert. Aktualisiert in dem Sinne, dass sie aktiv in der Gegenwart als das rezipiert werden, wozu sie gemeint waren. Sie dienen der Erbauung, zerstreuen uns noch, unterhalten uns – sie leben in ihrer ursprünglichen Form fort. An genau dieser Stelle aber entwickeln sie ihre Gefährlichkeit, bei der die Kontextualisierung nicht hilft, im Gegenteil sogar kaschiert.

Es ist Hergés Leistung, vor vielen Jahrzehnten eine künstlerisch bedeutsame Comic-Reihe geschaffen zu haben, die von ungeheurer Langlebigkeit ist. Aber was lebt, verändert sich, sofern es Anpassungsdruck gibt. Und das ist der entscheidende Punkt. Es kann nur darum gehen, Tintin au Congo wie alles zu behandeln, was als Kulturgut noch quicklebendig durch die Gesellschaft wandert. Und dazu gehört auch, wenn schon nicht die Rassismen zu bereinigen, sie klar zu benennen und verurteilen. Um nichts anderes kann es gehen, damit die Gesellschaft nicht im Namen der Kunst hinterrücks die Menschenverachtung alter Zeiten fortführt. Die Rassismen sollten dorthin, wo sie am besten aufgehoben sind: die Geschichtsbücher und Archive. Tintin kann und sollte bleiben.

* Ich verfüge über eine englische Fassung, die der 1930er Fortsetzungsreihe und der 1931er Buchveröffentlichung sehr nahekommt: Offenkundigster Unterschied ist ein kurzes Vorwort, das die Themen des Hefts und Hergés eigene Unzufriedenheit mit dem Band kurz anspricht.

Zwei Parteien sind auch keine Lösung

Als wissenschaftsphilosophische Größe ist Karl Popper nahezu unumgänglich, aber er hat sich auch immer wieder zur Demokratie und Freiheit geäußert. Da allerdings muss ich, selbst wenn ich nicht in der Wahl- und Parteienforschung verwurzelt bin, einen Strich ziehen. So einfach und überzeugend Popper Grundlagen wissenschaftlicher Logik bespricht, seinen Hang zur Einfachheit lässt sich nicht so leicht auf die Demokratie übertragen. Er schreibt beispielsweise:

Mir scheint ein Form, die das Zweiparteiensystem möglich macht, die beste der Demokratie zu sein. Denn sie führt immer wieder zur Selbstkritik der Parteien. Wenn eine der beiden großen Parteien in einer Wahl eine richtige Schlappe erlitten hat. dann kommt es gewöhnlich zu einer radikalen Reform innerhalb der Partei. Das ist eine Folge der Konkurrenz und des eindeutigen Verdammungsurteils der Wähler, das nicht übersehen werden kann. So werden die Parteien durch dieses System von Zeit zu Zeit gezwungen, aus ihren Fehlern zu lernen oder unterzugehen. (S. 212f.)

Warum Popper Zweiparteiensysteme und Mehrheitswahlen den Mehrparteiensystemen mit Proporz vorzieht, das ergibt sich aus seiner simplifizierten, der klassischen Antike entlehnten Vorstellung, es gäbe letztlich nur zwei Regierungssysteme. Solche, die mit Gewalt umgestürzt werden müssen, und solche, die ohne Blutvergießen abgewählt werden können.

Unter dieser einfachen Annahme mag das Zweiparteiensystem vorteilhaft sein. Aber dies geht nur auf, da Popper sich durch die stark reduzierte Selektion der Systeme und die notwendige, aber kaum hinreichende Unterscheidung der Gewalt bei der Absetzung der Regierung eine bequeme Vorlage gibt. Wenn nur die unblutige Absetzung relevantes Kriterium der Demokratie sein soll, dann kann ein Mehrparteiensystem dies nur selten liefern.

Doch damit muss man sich gar nicht aufhalten, denn schon in seinem Modell stecken Fehler und Prämissen, die er schlicht übergeht. Einer der wichtigsten ist, dass die Absetzung in einem Zweiparteiensystem nicht zwangsläufig einen Mechanismus der Selbstkritik zur Folge haben muss. Beide Parteien können in der Gewissheit agieren, nicht gute Politik zu machen, nur bessere als die Gegenseite. Da eine Opposition in der Regel kaum politische Handlungsgewalt hat, ist sie im Vorteil. Sie kann kaum ernsthafte Fehler machen und wird in der Folge bei der Wahl als frische Alternative erscheinen.

Ebenso ist ein regulativer und politischer Patt möglich. In einem Zweiparteiensystem mit Mehrheitswahlrecht wäre denkbar, dass – wie derzeit in der USA zu sehen, was ja auch zu einem Fauxpas des republikanischen Kandidaten führte – nur die swing votes zählen. Die Fronten sind geklärt, nur der geringe bewegliche Teil der Wählerschaft, gibt an, wohin das Pendel ausschlägt. So schwingen dann die politischen Ziele über die Jahre hin und wieder her. Ernsthafte Bewegung ist damit nicht im politischen Spiel, die eine Seite macht’s, die andere rückgängig. Aber demokratisch ist’s, weil unblutig.

Damit einhergehend ein weiterer, allein schon theoretisch ersichtlicher Grund, den Popper liegenlässt. In einem Zweiparteiensystem mit Mehrheitswahl stellen wir uns folgende Konstellation in der Wählerschaft vor: Gruppe A stellt 33 Prozent der Wählerschaft, Gruppe B ebenfalls und Gruppe C genauso. Da wäre noch die Gruppe C, die nur ein Prozent der Wählerschaft darstellt, aber eine entscheidende Eigenschaft hat. Während Gruppe A immer Partei A wählt, entsprechend Gruppe B die Partei B, wählen die Mitglieder von Gruppe D stets nach Lust und Laune entweder Partei A oder B und entscheiden damit die Wahlen. Preisfrage: Wie viel Relevanz besitzt Gruppe C im politischen Spiel? Und da kommen wir auch auf eine Vernachlässigung einer breiten Minderheit in der Gesellschaft, die eigentlich keine ist, und die überrepräsentative Bewertung der swing votes – Popper erkennt die Überrepräsentation aber nur im Gewicht kleiner Parteien im Mehrparteiensystem, obwohl es ein vergleichbaren Effekt im Zweiparteiensystem geben kann. Gruppe C hat überhaupt keine Chance, ihren Wünschen entsprechende politische Inhalte einzubringen*. Sie ist, im Gegensatz zu dem einen Prozent der Gruppe D, für die Parteien auch nicht relevant und werden damit zumindest politisch marginalisiert. Nächste Preisfrage: Wie lange wird Gruppe C das mit sich machen lassen? Anschlussfrage: Sicher, dass es unblutig bleibt?

Literatur: Popper, Karl (2010): Zur Theorie der Demokratie, in: Alles Leben ist Problemlösen von ders., 14. Auflage, München, S. 207-214.

*Mir fiel gerade auf, ich muss Gruppe C etwas näher erläutern, sonst geht mein Beispiel nicht auf. Gruppe C will nicht zwischen zwei Parteien nur die wählen, die aus ihrer Sicht das geringere Übel ist. Beide Parteien widersprechen den grundlegenden politischen Präferenzen, die in der Parteienlandschaft schlicht nicht abgebildet sind. So bleiben sie der Wahl fern, sodass die Wahlbeteiligung bei maximal 67 Prozent der Wahlbevölkerung liegt, bei absoluter Mehrheitswahl also die Gruppen A, B und D beteiligt sind, wobei D alleine ausschlaggebend ist für das Wahlergebnis. Jetzt haben wir einen Wahlschuh daraus gemacht.

Ein Lob auf das Feigenblatt

Der alljährliche Gradmesser für das eigene Abweichen vom musikalischen Massengeschmack fand dieses Jahr ausgerechnet in einem autoritären Staat statt, das kann ein freiheitsliebendes Europa freilich nicht kommentarlos auf sich sitzen lassen. Genausowenig darf ein Ereignis dieses Ausmaßes mit allzu grober Kritik an den politischen Rahmenbedingungen getrübt werden. Übrigens wäre doch die Veranstaltung und die europäische Aufmerksamkeit gerade die perfekte Lösung, das Regime zur Lockerung der Repressalien und Demokratisierung des Systems aufzufordern. Schließlich habe sich die EBU doch explizit Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Gesangswettbewerbs zusichern lassen. Mit solchen Zugeständnissen ausgestattet, wird es den Europäern doch möglich sein, dauerhaft Risse in der autoritären Fassade zu hinterlassen. Mal sehen, welche kritischen Stimmen finden sich denn in der Show?

„Heute Abend konnte niemand für sein eigenes Land abstimmen. Aber es ist gut, wählen zu können. Und es ist gut, eine Wahl zu haben. Viel Glück auf Deiner Reise, Aserbaidschan. Europa beobachtet Dich.“ [AFP]

Das sagte Anke Engelke bevor sie pflichtbewusst die Ergebnisse aus Deutschland verkündete. Doch ist diese leiseste Form der Kritik nicht zwiespältig?

Einerseits mag es ein kümmerliches Ergebnis sein, dass sich unter allen Beteiligten lediglich Engelke bemüht sah, einen Seitenhieb zu fahren. Sehr fein, eine Komödiantin übt Kritik an der Staatsautorität. Ohne Engelke nahetreten zu wollen, das Gesagte wird in Aserbaidschan doch mit einiger Sicherheit als Spott von Hofnarren verhallen. Die symbolische Wirkung verfehlte nur bei denen ihre Wirkung nicht, denen sie eher galt. Eben dem Europa, das mit dem Wunsch nach Unterhaltung nach Baku blickte und doch eine Spur der Kritik demonstrieren wollte. All diese Europäer konnten sich nun gepflegt zurücklehnen.

Andererseits hat es durchaus den Ruch teutonischer Arroganz, die in Zeiten der Wirtschaftskrise doch langsam überhandnimmt. Deutschland, das wirtschaftlich im Vergleich geradezu prosperiert, schwingt sich zum einzigen Retter Südeuropäischer Misswirtschaften auf. Deutschland, das nach dem Jahresreport 2012 von Amnesty International gerne auch Rüstungsexporte in autoritäre Regime erlaubt, muss sich da nicht weiter um Widersprüche kümmern. Besser einige Akte symbolischen Unwillens gegenüber fragwürdigen Geschäftsparnern und dann aber zack zurück zur Normalität. Davon findet sich auch etwas bei Anke Engelke, schließlich stellte sie ihren kritischen Worten noch einige voran, die den obligatorischen Dank für die Organisation der Veranstaltung geschickt national wendete: Sie dankte den beteiligten Deutschen, die als Konstrukteure und Organisatoren von Düsseldorf gleich noch in Baku tätig waren. Sieh her, Europa, wir Deutsche üben verantwortungsbewusst Kritik an der Autokratie – und trotzdem können die Autokraten nicht ohne uns. Denn auch das ist europäische und besonders deutsche Freiheitsliebe. Autokraten haben Geld, der Herrscher aus Aserbaidschan aufgrund reicher Bodenschätze jede Menge. In Krisenzeiten können solche Geschäfte nicht verdorben werden, wo doch deutsche Wertarbeit geleistet werden kann.

Und so bleibt Engelkes Kritik bemüht und ihr persönlich sogar nicht als unaufrichtig anzukreiden. Aber letztlich hat Engelke nicht mehr als ein Feigenblatt geliefert, das bei näherer Betrachtung ein fataler Symbolismus deutscher Betriebsblindheit ist. Hauptsache (gefühlter) Europameister in allem.