Buffy the Vampire Slayer: Mosaikform des Fernsehens

Als Serie ging Buffy the Vampire Slayer an mir vorüber. Ich sah hin und wieder eine Folge der deutschen Ausstrahlung, war immer gut unterhalten, gefesselt hat sie mich damals nicht. Ich sah es als gut gemachten Trash, der mich nicht in den Bann zog. Die einzig plausible Erklärung, die mir hierfür einfällt, ist, dass die Serie für mich damals zu weiblich dominiert gewesen sein könnte. Viel klügere Aufsätze und Bücher wurden in der Zwischenzeit geschrieben, alle können besser begründen, warum Buffy gerade wegen seiner starken Motive, die den Mainstream nicht sprengten, aber subversiv unterliefen, eine bedeutende Serie ist. Buffy hat starke Frauenfiguren, ja, aber es hat vor allem aber auch eine Atmosphäre der Emanzipation im durchaus geschlechterübergreifenden Sinn der Selbstverwirklichung. Damit kann ich mich heute voll und ganz identifizieren.

Aber, wie gesagt, es gibt bessere Aufsätze zur Bedeutung der Serie für Emanzipation und den Feminismus. Buffy ist für mich aber auch auf der Ebene der Fernsehgeschichte eine Besonderheit. Ich würde sie als Mosaikform bezeichnen. Ich reize den Griff in die Biologie metaphorisch vielleicht zu sehr aus, aber ich finde es treffend: Buffy fing als eine Serie unter vielen an. Ihr Unterscheidungsmerkmal war eine jugendliche Superheldin. Doch das war nur etwas mehr als ein Gimmick wie etwa drei attraktive, dauergewellte Agentinnen auf Verbrecherjagd oder ein sprechendes Auto. Über alle Staffeln hinweg wandelte die Serie sich, sie bildete Züge eines Fernsehens aus, das uns heute mit seinem Mut und erzählerischer Kraft begeistert. Daher ist sie für mich eine Mosaikform. Sie trägt und vereint in sich Eigenschaften eines nicht vergangenen, aber herausgeforderten Fernsehens und denen der modernen Serien.

Das ursprüngliche, über Jahrzehnte etablierte Fernsehen war im Grunde streng episodisches Erzählen prototypsicher Geschichten. Viel passierte, kaum etwas geschah. Alles blieb wie es war. Das moderne Fernsehen ist seriell, es verfügt über komplexe, staffellange oder noch längere Erzählbögen. Es interessiert sich für seine Figuren. Beide sind verwandte mediale Erzählformen, aber sie verhallten sich wie tradierte Volkssagen zum modernen Roman.

Buffy war eine kleine Serie als sie anfing. Ein kurzweiliger Spaß bei kleinem Budget, so sah sie aus. Ein sehr seichter Rahmen umspannte das gute Dutzend der Folgen in der ersten Staffel, er ist jedoch kaum der Rede wert. Erst zur zweiten Staffel deutete sich aber an, dass die Autorinnen und Autoren ein Merkmal des episodischen Fernsehens aufgaben: die Ereignisse im nur dem Namen nach sonnigen Sunnydale, unter dem ein Höllenschlund Dämonen ausspuckte, hinterließen Spuren. Das klassische Fernsehen kannte körperliche Schmerzen, auch Verwundungen, aber nichts, das sich nicht recht schnell überwinden ließe. In Sunnydale erlitten Buffy und ihre genial betitelte Scooby Gang im besten Fall körperliche Verletzungen, meist reichten die Verletzungen tiefer in ihre Psyche, da also, wo es richtig wehtut. Zuerst schrieben sich die Autorinnen und Autoren die Verpflichtung, sich für die Figuren zu interessieren, in die Protagonistin, dann aber weiteten sie dies auf alle wiederkehrenden Figuren aus.

Buffy kann nach den Geschehnissen der ersten Staffel nicht einfach in ihr normales Leben zurückkehren. Sie muss sich in ihrem Umfeld neu justieren. Schon in der vierten Staffel erging es allen anderen Protagonistinnen und Protagonisten ähnlich. Sie wurden Gezeichnete. Und sie wurden erwachsen. Eine schlechtere, eine episodische Serie, hätte diese Figuren für immer in der High School konserviert. Alles Übel wäre pünktlich zum Ende jeder Folge beseitigt, damit sich hübsche Jugendliche in die Arme fallen können. Aber Buffy gibt sich diese Blöße nicht. In einem beinahe übertrieben symbolischen Akt feiert die Serie aber die komplette Zerstörung der Schule, um den Übergang ins Erwachsensein zu unterstreichen1.

So rückte Buffy die Figuren und ihr Leben in einer, zugegeben, fantastischen Welt in den Fokus. Eine Welt die nicht heil war, hier starben Menschen. Unschuldige Kinder starben. Es ist eine vielschichtigere Welt, in der die Fronten zwischen Gut und Böse nicht von den Masken- und Kostümbildnern gezogen wurden. Dass die Serie trotz der Zerstörung und Düsternis, die ihre Figuren befällt, eine Serie blieb, bei der gelacht werden konnte, ist Zeichen ihrer Qualität. Es zieht seine Komik aus der Kollision von Superhelden mit der harten Realität. Da muss eben auch irgendwoher das Geld kommen, dann muss die Vampirjägerin eben auch arbeiten gehen. Aber auch dabei setzt das Motiv sich fort. Alle haben sehr menschliche Probleme, selbst die Monster. Die Serie nutzte geschickt aus, dass die Leiden der Figuren sich auch physisch manifestieren konnten. Die Kämpfe gegen Dämonen waren zunehmend bewusste Verkörperungen innerer Konflikte der Figuren. Buffy hat dies nicht perfektioniert, aber mitgeholfen, lang gezogene Erzählstränge im Mainstream zu etablieren, die uns menschliche Figuren in allem Facettenreichtum nahebringen. Es trug das Wesen des alten Fernsehens noch in sich, formte aber das neue Fernsehen erkennbar aus.

1 Die spätere Rückkehr könnte mir zwar die schöne Deutung ruinieren, im Zweifel würde ich aber den Versuch unternehmen, auch das noch in meine Argumentation einzubinden.

60Hz: Serienabsturz

Die Sucht nach Serien führt zu dem #firstworldproblem, die Übersicht zu behalten. Welche Serie will ich noch sehen, welche Folgen stehen noch aus? 60Hz will Abhilfe schaffen.

60Hz ist kein Fiasko, eine wirkliche Hilfe ist die App noch nicht. Es fängt damit an, dass die App nicht universal ist. Es gibt also eine App für das iPhone und eine für das iPad, wobei ich dann mit ersterer Vorlieb nehmen musste. Das ist allerdings umso ärgerlicher, denn 60Hz setzt auf dem sozialen Netzwerk für Film und Serien trakt.tv auf. Alle Daten werden also regelmäßig mit den Servern von trakt.tv abgeglichen. Wenn ich aber dann schon einmal prinzipell über iOS-Geräte hinweg synchronisieren könnte, aber doch zwischen zwei Klassen unterschieden wird, ärgert das. Außerdem erscheint mir der Abgleich mit den Servern sehr langsam zu sein*. Ich habe selbst ein wenig mit der API von trakt.tv rumgespielt, hatte subjektiv den Eindruck, dass es recht schnell lief. Deshalb kann ich mir nicht erklären, warum 60Hz gerne mal für eine Minute Aktivität anzeigt.

Von der hübschen Oberfläche wollte ich mich dann auch nicht blenden lassen. Denn zumindest in meinem Fall gehören regelmäßige Abstürze leider dazu. Will ich eine neue Serie eingeben und als gesehen markieren, stürzt die App ab. Immerhin das zuverlässig. Schön ist sie, praktisch aber noch nicht. An vielen Stellen sind mir das ein oder zwei Klicks zuviel. Die Klicks, um die App nach einem Absturz wieder zu starten, nicht eingerechnet. Da nützt also das modische Flachdesign mir nicht, wenn der Nutzen der App in vielen Punkten von der Optik torpediert wird und die App zudem auch noch gefühlt langsamer ist, als sie sein könnte.

Ich kann 60Hz im jetzigen Zustand nur bedingt empfehlen. Da die Konkurrenz derzeit auch nicht besser ist, entsteht kein größerer Schaden. Doch von einer simplen App, die einfach macht, was sie verspricht, ist 60Hz auch noch weit entfernt. Zwar gibt es sie immer wieder, die Apps, die anfangs nur Potenzial hatten, dieses dann im Laufe der Zeit dann auch ausschöpften, aber eine Garantie dafür gibt es nicht.

* UPDATE 23.08.2013: Mit der neuen Version 2.3 ist die App tatsächlich sehr viel schneller im Austausch mit trakt.tv geworden. Damit ist 60Hz sehr wohl eine wesentlich bessere App, die nun einen spürbaren Vorsprung hat.

Who dafuq?

Kein Zweifel, die BBC-Serie Doctor Who ist ein Phänomen. In Sachen Langlebigkeit macht der Serie kaum eine andere etwas vor. Nicht zuletzt wegen der so plumpen wie grandiosen Fähigkeit dieses Außerirdischen mit einer beinahe krankhaften Faszination für die Menschheit: Der Timelord kann den eigenen Tod in neuen Reinkarnationen überwinden. Auch eine nicht ganz unpraktische Fähigkeit für eine Serie, die sich nach einigen Staffeln einfach wieder nicht nur in neuem Gewand wiederfindet. Sie erfindet sich mit jedem neuen Gesicht ihres Protagonisten ein wenig fort. Mal sind es Nuancen, mal deutlichere Einschnitte, nie aber war es ein neue Welt.

Nicht einmal eine neue Hautfarbe. Oder ein neues Geschlecht. Der Doctor bleibt sich erstaunlich treu. Das nun auch, wo die Reinkarnationen das Dutzend vollmachen. Wilde Spekulationen befeuern eine Marketingmaschine, die zusehends den Zauber des Doctors verramscht. So ist auch die eitle Sondersendung zu verstehen, die nun erstmals mit viel Aufwand den zwölften Doctor vorstellen sollte, lange bevor dieser im nächsten Jahr aktiv wird. Zum fünfzigsten Geburtstag der Serie beschenkt sie sich mit erbarmungsloser Ausrechenbarkeit.

Nachdem Matt Smith den elften Doctor drastisch verjüngte, damit auch den Sprung über den großen Teich schaffte, ist die einzig erwähnenswerte Neuerung, dass der Nachfolger ergraut ist. Nicht leblos, nein, ein gestandener britischer Schauspieler, der einiges vorzuweisen hat. Doch nach all den Spekulationen, die eine Revolution versprachen, ist der Peter Capaldi eine herbe Enttäuschung. Denn der Beliebigkeit des Doctors, ebenfalls eine Errungenschaft der Smithschen Ära, wird damit kaum eine reizvolle Figur entgegengesetzt. Mehr vom Alten, wenig Wagnis, allgemeine Mutlosigkeit. Das bleibt nach dem inszenierten Feuerwerk.

So traurig es ist, Doctor Who hat tief im Inneren einen Mechanismus in sich, sich selbst und die Mechanismen des Fernsehens auf den Kopf zu stellen. Die Reinkarnation des Protagonisten könnte das Formatfernsehen kräftig durchschütteln, doch selbst in seinem Jubiläumsjahr, oder gerade in diesem, trauen sich Sender und Verantwortliche noch immer nicht, das Rad einmal richtig zu drehen. Eine grandios vergebene Chance – zum wiederholten Male.

Pool Champions: Show weg

Wasser. Da gibt der deutsche Sprachschatz redensartlich vielerlei her, doch es ist mir zu verlockend, auch nur eine der Redensarten zu bemühen. Es reicht allein ein Wort für die von RTL am Freitagabend ins Programm gehievte Show Pool Champions – Promis unter Wasser: Katastrophe. Eine uneingeschränkte. Unter den Shows, in denen RTL mit schöner Regelmäßigkeit und Menschenverachtung den restlichen Ruhm der Z-Prominenz verbrennt, bleibt Let’s Dance die Ausnahme, wohl weil die Verantwortlichen des Senders im Tanzwettbewerb aus unerfindlichen Gründen eine Herabwürdigung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer erkennen, die nicht vorhanden ist.

Aber schon bei den Pool Champions zeigt die Senderhülse aus Köln wieder ihr verzerrtes Menschenbild. Formal lehnt sich die neue Sommerloch-Show beim Sendeplatzvorfahren Let’s Dance an. Die prominenten, aus Gründen der Einfachheit verwende ich den Begriff mal locker, Wassersportler treten in einem Wettbewerb gegeneinander an. Zunächst buhlen sie um die Noten einer ebenfalls unter erweiterten Kriterien zustande gekommenen Fachjury, letztlich aber um die Gunst des Publikums.Da fangen die Probleme schon an.

Die bemühte Jury sorgt sich nicht um Kohärenz, verteilt lieber unverblümt Noten nach dem Gießkannenprinzip. Schon in der ersten Sendung betrieben sie eine Inflation bei der Notenvergabe. In Let’s Dance nötigt die Jury seit jeher zu steter Verbesserung. Eine Note hat ihren hohen Preis, sie ist nicht für bloße Anwesenheit zu haben. Nicht so bei Pool Champios. Als Sieger des Abends darf sich gerade die Person fühlen, die ihre Missachtung der Show und ihrer Regeln offenherzig zur Schau stellt. Der wüste Sprung ins Wasser war aufschlussreich unter Gesichtspunkten der Schwerkraft interessant, mit aller vorgeschobenen Sportlichkeit aber hatte es nicht einmal entfernt zu tun. Dennoch wurde der Wagemut mit der Höchstnote bedacht. Als Trainer der Prominenten dürften sich manche fragen, wofür sie überhaupt Zeit investieren, wenn es letztlich nicht auf die sportliche Leistung ankommt.

Die Show spult einen zotigen Individualismus ab, der nicht die Geschichten von Ehrgeiz, Überwindung und Leidenschaft erzählt, die Let’s Dance so besonders machen. Einspieler zu den Prominenten bemühen sich darum, jede Kontur vermissen zu lassen. Bei dem Moderatorenpaar ist es ähnlich. Sie buhlen um die Aufmerksamkeit für ihre billigen Kalauer, die sie monoton auswendig wiedergeben. Ansonsten grinsen sie lediglich den Tätigkeitsnachweis ihrer Dentisten in die Kamera, wenn sie die Prominenten aus dem Becken gezogen haben, um sie mit Lob zu überschütten.

RTL ist es mit beneidenswerter Konsequenz gelungen, die eigene Verachtung für das Fernsehen und die Menschheit an sich in eine Unterhaltungssendung zu transferieren, die auf einem Niveau stattfindet, dessen eskapistischer Wert ungefähr eine ebenso gute Laune hinterlässt wie die thematisch entfernt verwandten Sondersendungen zum mitteleuropäischen Hochwasser. Ohne allerdings durch einen Nachrichtengehalt gerechtfertigt zu sein. Stattdessen vermittelt der Sender mal wieder das Gefühl, die Fluten gleich selbst auslösen zu wollen, wenn er denn dürfte, weil das Desaster so besser zwischen Werbeblöcke geschoben werden kann. So zynisch muss man auch erst einmal werden.

Serienebbe

Läuft denn gerade nichts mehr, was sich zu sehen lohnt? Habe alle Lieblingsserien mehrfach durch, kriege Entzugserscheinungen. Kann nichts sehen, muss Apparat zerstören.

Macht’s auch nicht besser. Ich muss irgendwoher noch Nachschub finden, zum ersten Mal seit Jahren sitze ich auf dem Serientrockenen. War der Herbst wirklich so schwach letztes Jahr, dass es nicht durch’s ganze Jahr reicht?

Deutschland sucht den Schlagerstar

Die Quoten sanken, vom wohlverdienten Verglühen eines grellen Sterns im deutschen Fernsehen wurde geschrieben. Voreilig wirken die hämischen Kommentare, verbrannte Deutschland sucht den Superstar eben nicht seine Masse, nur den zuckrigen Glitzerpop, den die Show bis dahin verfolgte, verbrauchte sie. Inhaltsleer, gasförmig war die Musik von DSDS schon immer, dahinter verborgen lag aber ein energiereicher Kern musikalischen Gallerts. Der deutsche Schlager wurde in DSDS anfangs belächelt, als die ersten Stimmchen die musikalische Rache Deutschlands an der Welt trällerten, mit dem gestrigen Sieg der krankhaft wohlgelaunten Beatrice Egli, hat sich eine kosmische Evolution vollzogen.

Beatrice Egli ist die Schablone der heiterkeitsbesoffenen Schlagerkultur. Sie schlägt ihre Augen weit auf, lächelt ins Publikum und hüpft beseelt über die Bühne. Dabei trifft sie auch mal einen Ton im ständigen Stampfbeat des 1-2-3-4-Schlagers. Deutschlands Charts sind helene-fischerisiert, eine hübsch anzusehende Oberfläche zwitschert Plattitüden, hält beide Hände vor die Brust und grinst dem Publikum Zuneigung entgegen. Und die einfache deutsche Seele dankt es mit der ihr eigenen Hörigkeit.

Die deutsche Popmusik kultiviert noch immer einen Führerkult, nicht anders ist es zu lesen, wenn ein windiger Knöpfchendrücker wie Dieter Bohlen zum Poptitanen stilisiert wird, wobei er keinen Hehl daraus macht, wie sehr er sein Fähnlein in den Wind hält. Da raunt er seine jugendlichen Opfer an, warum sie sich denn einen Titel ausgesucht haben, den seiner Meinung nach kein Mensch hören will. Was nicht in den Top Ten der Charts war, kann nicht gut genug sein. Das muss dann auch unflätig zum Ausdruck gebracht werden. Und wenn dann eben aus verschiedenen demographischen Gründen sowie einiger fragwürdiger ökonomischer Entscheidungen der Schlager die Szenerie bestimmt, dann folgt der Tross. Bohlen ist das bekannteste Gesicht eines konsumistischen Kunstbegriffs, der für gut befindet, was die Massen bewegt. Eine Maschinerie lebt von diesen Typen, die im Zweifel eben auch faschistoider Heimatverbundenheit einer Band wie Frei.Wild ohne schlechtes Gewissen Industriepreise in die Hand drückt, wenn sie nur genug verkaufen.

So sucht sich die Industrie kleine charismatische Herrscherinnen und Herrscher, die eskapistische Triebe bedienen. Das Volk dankt die Plattheiten mit bedingungsloser Liebe, solange die Volksnähe gegeben ist. Die Eglis und Fischers blicken mit aufgesetzten Blicken treudoofer Zuneigung in die Zuschauermassen, die Massen fühlen sich ob der herrschaftlichen Liebesbekundung gebauchpinselt. Kein Wunder also, dass RTL DSDS unbeirrt in einen neuen Zustand übergehen lässt. Die Hände zum Himmel des Kapitalismus, wo ein Stern seinen Namen trägt. Sehr eglig.

Person of Interest: Der Wert des Gewissens

Hielt ich Person of Interest für eine sehr gute Serie, nimmt sie zunehmend grandiose Züge an. Die Fronten waren klar, das Gute offenkundig. In der ersten Staffel stand das Vertrauen im Zentrum, das manchmal auch erst nach Zwang und Erpressung entstand. Keine der Figuren war moralisch unbelastet, das war immer klar. Doch wie einige der Figuren, so interessierte dies nicht, solange klar war, auf welcher und wessen Seite sie standen.

Nun aber entpuppt sich Person of Interest als vielschichtiger als das moralische Korsett, das modernes Fernsehen sich gibt, wenn es wie etwa ein Dexter gewagt sein will. Die Vergangenheit der Figuren holt in Person of Interest die Gegenwart ein, aus dem Dilemma entlässt die Serie erfreulicherweise niemanden mit Bauernspielertricks des Storytellings. Weder die Figuren noch die Zuschauerinnen und Zuschauer.

Die Serie nimmt sich das Recht heraus nicht rückstandslos integer zu sein. Sie nutzte die stoischen Mienen der Schauspieler, die unterkühlte Atmosphäre und subtile zwischenmenschliche Verwicklungen, um wie aus dem Nichts eine Grauzone zu schaffen. Dabei riskiert die Serie, Menschen vor den Kopf zu stoßen.

Let’s Dance: Flauschtango

Kaum ein Tag vergeht, an dem ich nicht über das beliebteste Medium der Deutschen lästere. Auch ich zähle zu dem Kreis der selbsterklärten Avantgarde, die kein gutes Haar am Fernsehen lässt, also am deutschen Fernsehen. Ich habe meine Gründe, sehr viele sogar. Doch bügele ich die Fernsehlandschaft manchmal auch zu glatt. Es gibt es noch, das Fernsehen, das ist, was es zu sein verspricht.

Letzten Freitag fiel bei mir erst der Groschen, das selbst das niederträchtige RTL ein großes Feigenblatt in seinem Programm hat. Erst meine Freundin brachte mich darauf. "Wir gucken das nicht meinetwegen", sagte sie. Und sie hatte Recht. Sie sieht Let’s Dance gerne mit, doch bin ich die treibende Kraft dahinter, dass keine Sekunde der Show verpasst wird. Nicht erst seit diesem Jahr. Mir fiel auf, ich hatte bis heute keine Staffel verpasst. Warum war mir das nicht aufgefallen? Warum war mir sogar ein wenig peinlich, es einzugestehen? Dann fiel mir ein Grund ein, warum ich die Sendung so mag. Und noch einer, dann noch einer. Hier also nur einige davon.

Die meisten, wenn nicht sogar alle Casting-Shows und Promi-Reality-Shows kommen nicht ohne künstlich erhöhte Superlative aus. Unter der Suche nach einem Superstar, der besten Stimme, einer Königin oder König oder so ähnlich macht es keine Sendung. Sie kleben sich das schmierige Banner der Wichtigkeit an die Brust. Doch keine Show kann dieses Versprechen nur annähernd einhalten, sofern die Vorstellung von Superlativen nicht mit erschreckend niedriger Halbwertzeit und auch sonst reduzierten Ansprüchen umdefiniert wird. Let’s Dance legt die Messlatte deutlich realistischer an. Es ist ein Tanzwettbewerb, also suchen sie das beste Tanzpaar. Bei allem Pomp und Glitzer, der dem Tanzen anhaftet, nimmt sich die Show bescheiden in diesem Punkt aus. Ebenso befreiend ist die allgemeine Neigung aller Beteiligten, sich nicht über billige Rührgeschichten und Human-Interest-Stories abseits des Tanzens zu profilieren. Hier und da blitzt diese Fernsehkrankheit zwar auch bei Let’s Dance auf, schnell pendelt sie sich aber wieder ein.

Das liegt auch daran, dass in den Trainings und Proben genug Geschichte zu erzählen ist, selbst wenn nur die Kamera draufgehalten wird. Auf bleiern inszenierte Dramatik verzichtet die Show glücklicherweise und zeigt die schweißtreibende Arbeit hinter den Tänzen. Hier rackern sich unbekanntere und bekanntere Gesichter der Medienlandschaft unter der Anleitung ihrer professionellen Tanzpartnerinnen und Tanzpartner ab, um ihren Körpern einen halbwegs vorzeigbaren Tanz abzuringen.

Im Gegensatz zu anderen Shows erzählt Let’s Dance kleinere, aber umso menschlichere Geschichten. Viel zu oft erweist sich deutsches Unterhaltungsfernsehen als Inkubator der öffentlichen Erniedrigung. Nicht so bei Let’s Dance, das nuancierter erzählt und nebenbei spürbar immer das Beste aus seinen Teilnehmerinnen und Teilnehmern herausholen und zeigen will. Wo sonst gelingt etwa das Kunststück, einen zynischen Jürgen Milski in einem guten Licht darzustellen, wenn er seinen Körper anschreit, seinem Willen zu folgen? Let’s Dance macht es leicht, sich in die Haut der tänzerischen Laien zu versetzen. Kaum eine Teilnehmerin oder ein Teilnehmer entwickelten nicht doch von Woche zu Woche einen enormen Ehrgeiz. Es geht um kaum etwas und doch kämpfen sie mit allem, was sie haben. Da fällt es schwer, nicht mitzufühlen.

Und ja, die Show ist emotional befriedigender als nahezu alle übrigen Unterhaltungssendungen. Das ist wohl der unvermeidlichen Intimität geschuldet, die zwischen zwei Menschen entsteht, wenn sie eng aneinander tanzen, auf den Takt und die Präzision des Anderen vertrauen müssen. Es gibt für mich keine andere Sendung, in der so glaubwürdig Zuneigung ausgedrückt wird. Nach schwerem harten Kampf drücken sie sich satte, schmatzende Küsse auf Wange oder Stirn, sie herzen sich vor Freude, streicheln zart Frustration oder Schmerzen aus den Gesichtern ihrer Partnerinnen und Partner. Diese zarten Momente kann die Regie in der Live-Show nicht mit musikalischem Zuckerguss verderben oder unzählige Male wiederholen, was diese Augenblicke nur umso wertvoller macht.

Auch die Moderation ist erfrischend, weil sich Sylvie van der Vaart und Daniel Hartwich gar nicht groß um künstliche Neutralität bemühen. Sie ergreifen lieber sofort Partei für alle Kandidatinnen und Kandidaten. Dabei ist besonders van der Vaart herrlich unbekümmert. Selbst wenn ihr anscheinend aus falschen Gründen untersagt wurde, das Publikum zu duzen, passt ihre kindliche Naivität wunderbar in diese kleine, süße Enklave der Wohlfühlunterhaltung im deutschen Fernsehen. Dann isst sie eben Popcorn und giggelt, wenn sie eigentlich moderieren sollte. Wollten wir Großen nicht alle mal wieder ins Bällebad im Småland hüpfen? Van der Vaart hat ihres gefunden, dort ist sie unter Freunden. Und auch Hartwich, der den Schulhofhumor noch nicht ganz abgelegt hat, keift und kalauert zwischen jede Kritik. Und er verfügt über die erstaunliche Gabe, im Zweifel sofort das Publikum einzuspannen, um eine Kandidatin oder einen Kandidaten zu schützen.

Und wo ich schon bei der Kritik bin. Let’s Dance hat keine monolithische Figur im Zentrum, die unumstößlich Beleidigungen versprühen darf. In dieser Show, wird kaum eine Boshaftigkeit übersehen, es findet sich oft mindestens eine Person, die Anderen zur Seite steht. Und keine Kritik ist in Stein gemeißelt, denn es geschehen noch Zeichen und Wunder. Menschen machen schlechte Witze, merken es und entschuldigen sich sogar. Unerhört. Damit ist Let’s Dance seltenes, menschliches Fernsehen, das manchmal auch an der Aufgabe scheitert, aber immer bemüht ist, mit Herzlichkeit zu unterhalten. Vor allem auf RTL ist das ein aussterbendes Prädikat im Fernsehen.

Depublica: Architeuthis

Das ZDF strahlte gestern meines Wissens die Wiederholung einer Anfang des Monats auf Spartensendern versendeten Dokumentation aus, die für mich aus vielen Gründen absolut sehenswert ist. Leider wird die Depublikation wohl zuschlagen Ende der Woche zuschlagen, weshalb ich hier gar nicht erst versuche, irgendwas aus der Mediathek einzubetten. Als Appetitanreger hier Ausschnitte aus der englischen Fassung:

Die Untiefen der Rechtslage in der deutschen Medienlandschaft, die zur Depublikation zwingt, sind reine Tortur, die Tiefen der Meere weit interessanter. Ich sah die Dokumentation nun zum zweiten Mal, sie wurde deshalb aber nur spannender. Das liegt an der Tiefseeforschung selbst, die kurze Einblicke in eine Welt abstrus erscheinender Lebewesen vermittelt, die von der Science-Fiction kaum überboten werden kann. Atemlos erzählte ich im Bekanntenkreis von der spannenden Suche, die in der Dokumentation festgehalten ist, die Suche nach Bewegtbildern von Riesenkalmaren.

Die gigantischen Kopffüßer sind der Stoff, aus dem reichlich Seemannsgarn gewoben wurde, doch von den Mythen befreit, sind diese Kalmare nicht weniger beeindruckend. Die Dokumentation hat also beste Voraussetzungen für spannende, populärwissenschaftliche Momente. Sie geht aber, das machte für mich den Reiz aus, noch weiter, da sie die Suche als leidenschaftliche, aber nicht manische Forschung eines internationalen Teams beschreibt. Dabei zeigt sich, was Wissenschaft auszeichnet: Versuche, Scheitern, Experimente, Forscherdrang, Denken und gerüttelt Maß Glück, im Sinne von Eingebung, nicht aber Zufall.

Die Dokumentation zeigt mustergültig, wie Erkenntnisgewinn erlangt werden kann. Wie Fortschritt entstehen kann, als Folge unzähliger kreativer Versuche, deren Scheitern selbst auch eine Erkenntnis ist. Das Team eint die Suche nach Architeuthis, dem Riesenkalmar, doch ihre Herangehensweise ist stets unterschiedlich. Eine Forscherin spekuliert darauf, dass die Riesenkalmare ihre Beute aufgrund ihrer Lichterspiele erkennen. Sie entwickelte eine künstliche Qualle, die dem irrlichternden Beuteschema der Kalmare entspricht. Mit Pheromonen versucht ein anderer Forscher die Riesenkalmare anzulocken. Gänzlich anders, aber von bestechender Qualität ist der Ansatz, nicht die Riesenkalmare selbst zu suchen, sondern sich im Dienste der Wissenschaft als Trittbrettfahrer an die eigentlichen Jäger der Kalmare zu heften. Eine Kamera wird einem Pottwal mittels Saugnapf auf die Stirn gesetzt und filmt eine Gruppe der Wale auf der Suche nach Architeuthis.

Dass die Suche am Ende erfolgreich ist, das ist für mich weniger spektakulär als der Einblick in die kreative Arbeit von Forscherinnen und Forschern. Das war ein wirklicher Gänsehautmoment.