Person of Interest

Person of Interest ist einer der wenigen auch im Verlauf einer vollen Staffel überzeugenden Serienstarts des Herbsts 2011 in den Vereinigten Staaten. Trotz ihrer klassisch episodisch ausgerichteten Erzählform liegt ihr Reiz in den vielschichtig verwobenen Beziehungsgeflechten in einem technisch lückenlos überwachten New York.

Subtile Dystopie

Das New York in Person of Interest ist ein an markanten Punkten verformtes, aber kaum merklich abgewandeltes Abbild der Wirklichkeit. Die posttraumatische Erfahrung der Anschläge auf das World Trade Center führte im fiktiven New York — auch überall in den USA, die Serie verlässt New York jedoch kaum — zur Entwicklung eines allumfassenden Überwachungsapparats, der ‚Maschine‘. Ihre Algorithmen analysieren das Datenvolumen der allgegenwärtigen, von der Bevölkerung klaglos hingenommenen Überwachungsmaßnahmen. Im Gegensatz zu den Heilsversprechen der realen Rüstungsindustrie ist die ominöse Technologie der ‚Maschine‘ imstande, das menschliche Verhalten mit ziemlicher Gewissheit auszuwerten, um zukünftiges Verhalten zu extrapolieren.

Die ‚Maschine‘ ist klassische Science-Fiction, sie ist allerdings nur ein äußerer Anlass, nicht aber ein zentrales Mysterium. Ihre Entstehungsgeschichte wird skizziert, vordergründig geht es aber in der ersten Staffel nicht um ihre eigentliche Bestimmung, terroristische Anschläge zu prognostizieren. Ihr Entwickler Harold Finch versah die ‚Maschine‘ mit einer Hintertür, da er voraussah, dass alle nicht-staatsgefährdenden Verbrechen, die erkannt werden, nicht verfolgt, also nicht verhindert würden, sofern er nicht selbst dafür Sorge tragen würde.

Allerdings fällt nur eine Sozialversicherungsnummer heraus, Finch kann aber nicht wissen, ob es sich bei der Person hinter der Nummer um Täter oder Opfer eines zukünftigen Verbrechens handelt. So kommt der vom gehbehinderten und abgeschieden lebenden Finch angeheuerte Reese ins Spiel. Reese, der als Agent in Ungnade fiel und von der Bildfläche verschwand, wird zu Finchs Muskeln auf den Straßen New Yorks; ein menschlicher Superheld ohne Maske und Umhang, unverkennbar greift die Serie doch auf die in Comics etablierten Motive der hinter gesellschaftlicher Fassade agierenden Wächter für die Entrechteten zurück.

Soziale Währung: Vertrauen

Die Ungewissheit, weshalb die ‚Maschine‘ ihnen die Sozialversicherungsnummer auswarf, ist die Basis für das wiederkehrende Thema in Person of Interest. Reese muss nicht nur mit der Hilfe Finchs die Personen ausmachen, sondern, ob Täter oder Opfer, in kürzester Zeit ohne großes Aufsehen zu erregen ihr Vertrauen gewinnen. So entstehen aus dieser Lage heraus Spannungsmomente, wenn Reese eben nicht plump mit der Tür ins Haus fallen kann, dass er als Ritter in glänzender Rüstung gekommen ist, um die gesuchte Person vor der Gefahr zu bewahren.

Wobei Reese und Finch besonders anfangs noch deutlich in einer rein zweckorientierten Verbindung der Verbrechensbekämpfung nachgehen, beide beäugen sich dabei mit einigem Argwohn. Ohne den Menschen zu kennen, ist schlecht abzuschätzen, was vom Gegenüber zu halten ist. Finch und Reese geht es nicht anders, Finch hat ohnehin einen Wissensvorsprung vor Reese und die Ressourcen, diesen zu halten, da verwundert kaum, dass jener mit seinen eigenen Mitteln Nachforschungen über seinen Partner anstellt. Dieser rote Faden zieht sich durch alle Episoden: Vertrauen ist nicht kaufbar.

Und so spinnt die Serie allmählich ein dichtes Netz an Verschwörern, Mitwissern und Unbeteiligten, die einander nicht über den Weg trauen können, stets aber doch darauf bedacht sind, sich eigene Vorteile zu sichern. Person of Interest zieht daraus die spannendsten Momente, wenn korrupte Polizisten zu Doppelagenten gedreht werden, die ermittelnden Behörden Reese auf der Spur sind, aber Sympathie für seine Taten entwickeln oder unbescholtene Bürger sich als Schwerverbrecher entpuppen. Es gibt eine öffentliche und eine private Person, Reese und Finch haben nur die Zeit, die erste zu analysieren, die zweite entzieht sich ihrer Kenntnis.

In der Serie herrscht allenthalben Mangel an Vertrauen, was sie zu einer willkommenen Abwechslung im Meer der Serien macht, wo mit der Intimsphäre ihrer Figuren hausieren gegangen wird. Da erscheint es als Zeichen, wenn die Figuren in Person of Interest dazu neigen, sich beim Nachnamen zu nennen, immer schön die Distanz wahren. Die Person erblickt man erst über die Zeit oder extreme Umstände, so sehr sie auch von Interesse ist. Der Wert des Vertrauens steigt in der Serie genau dann, wenn Reese, der als Agent nur im Verborgenen agierte, den aufrichtigen Dank der Geretteten erfährt. Kleine, bescheidene Momente der Zwischenmenschlichkeit im flüchtigen sozialen Raum.

Ein gelungener Kompromiss

Person of Interest ist, wie gesagt, stark episodisch ausgerichtet, in jeder Episode folgt sie einer abgeschlossenen Fall-der-Woche-Form. Sicherlich ein Zugeständnis an den ausstrahlenden Sender, schließlich sind die komplexen Serienformate mit kontinuierlichen Handlungssträngen über Episodengrenzen hinweg besonders ausgefeilt und daher bei der Kritik beliebt, sie tun sich aber im Laufe der Zeit schwer, Zuschauerverluste aufgrund ihrer Einstiegshürde im späteren Verlauf zu kompensieren.

In Person of Interest ist eine folgenübergreifende Rahmung vorhanden, stünde allerdings im Schatten des episodischen Erzählens, wäre besagter Rahmen nicht gerade die Schilderung der brüchigen Bünde und langsam wachsenden Vertrauensverhältnisse der Figuren.

Viele klassisch episodischen Formate setzen auf eine personale Statik, gerade auch die crime dramas, mit denen Person of Interest viele Gemeinsamkeiten hat. Das soziale Gefüge in den Ermittlerteams wird in den crime dramas mit Bedacht nicht überspannt. Von einigen romantischen Verwicklungen abgesehen, werden die Beziehungen mit jeder neuen Folge wundersam auf Anfang gesetzt. Dagegen sind die persönlichen Beziehungen in Person of Interest ein selteneres und brüchigeres Gut, um sie muss gegen den Druck der Außenwelt gekämpft werden; damit sind sie unermesslich wertvoller als die zwischenmenschliche Starre in Serien, die ihre Figuren erkennbar bloß zur folgenlosen wöchentlichen Gefühlerei missbrauchen.

American Horror Story

Jetzt habe ich ein Problem, auf den ersten Blick immerhin. Da hatte ich an Homeland vor allem bekrittelt, wie wenig die Zuschauerinnen und Zuschauer Ernst genommen werden. American Horror Story verfährt ähnlich. Grundlegende Informationen werden vorenthalten, um ab einem gewissen Punkt die Handlung grundlegend aus der Bahn zu werfen. Und doch kam ich in dieser Serie von Ryan Murphy und Brad Falchuk wesentlich besser damit aus.

Das liegt wahrscheinlich daran, dass American Horror Story mit dem Übersinnlichen arbeitet. Was in dem Haus geschieht, das die Familie Harmon bezieht, ist nicht von dieser Welt. Die Logik ist eine andere. So gestand ich ihr zu, dass sie ihre Wandlungen durch Unvorhersehbares und Unvorhersagbares erstellt. Es ist ja nur eine kleine Serie, die an entscheidenden Stellen genügend Gemeinheit und Hinterhältigkeit bereithält. Von einer Horrorserie erwarte ich das. Der Horror hat seine eigene Regeln, im Zweifel auch die, dass es keine erkennbaren Regeln gibt.

Es wird ordentlich am Rad gedreht, etwas was Murphy und Falchuk auch in ihren anderen Serien Nip/Tuck und Glee gerne machen. Ruhige, ausgewogene Töne sind ihre Sache nicht. Spaß macht es trotzdem, weil die amerikanische Horrogeschichte in ihren besten Moment anständigen Grusel hervorruft.

Homeland: Disbelief of Suspense

Howard Gordon und Alex Gansa waren maßgeblich an der Blaupause modernen nationalen Exzeptionalismus in Serienformat beteiligt. Sie trugen beide zum hochfrequenzgesteuerten Rumpelfernsehen bei, das mit 24 in seinen acht Staffeln den Agenten Jack Bauer rücksichtslos über alles und jeden hinwegfegen ließ. Bauer hatte eine eingebaute Etikettiermaschine, mit der er willkürlich allem Aufkleber mit der Aufschrift ‚Terrorist‘ anheftete. Die von Bauer Stigmatisierten verloren augenblicklich jede Würde und alle Rechte.

So trugen auch Gordon und Gansa dazu bei, die Inversion von Kants Maxime, der Mensch sei ein Zweck an sich, niemals ein Mittel zum Zweck, zu propagieren, die so typisch für die US-Regierung unter George W. Bush ist: Kill ‚em all, let God sort ‚em out. (If they are not Americans.)

Gordon und Gansa dürfte der Wind, der ihnen für den ideologischen Simplizismus entgegenschlug, nicht gefallen haben. Von ihrer neuen Serie Homeland heißt es oft, sie diene auch dazu, den von 24 in Misskredit gebrachten Politthriller sowie Gordon und Gansa zu rehabilitieren. Schon letze Woche hatte ich angedeutet, wie wenig dies in meinen Augen gelungen ist.

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Homeland – Gegen alle Klischees

Was kümmert die Vergabe von Preisen, warum ficht es mich an, wenn Homeland eben mal bei den Emmys abräumt? Es müsste mir am Allerwertesten vorbeigehen, was die Nomenklatura des schönen Scheins und der roten Teppiche für preiswürdig erachtet. Doch bei Homeland komme ich nicht drumherum. Es schüttelt mich, wenn ich daran denke, wie leicht es anscheinend ist, auf eine Serie wie diese hereinzufallen. Um nicht nur aus dem Bauch zu ranten, wird es nächste Woche an dieser Stelle meine Begründung dafür geben, warum ich Homeland für das schlechteste beste Fernsehen halte, das im vergangenen Jahr für Aufsehen sorgte.

Dennoch kann ich es mir nicht so einfach machen, auf alles und alle in der Serie einzudreschen. Homeland als bestes Drama zu küren, ist das Ergebnis naiver Augenwischerei. Claire Danes und Damian Lewis sind in diesem effekthascherischen Thrillers um einen aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten US-Soldaten, der von einer einzelnen Sicherheitsbeamtin verdächtigt wird, ein Schläfer zu sein, herausragend. Sie verdienen das Lob, nur aus anderen Gründen.

Gerade Lewis werden in der ersten Staffel unmenschliche Abgründe und Twists aufgebürdet. Es ist seiner Leistung geschuldet, aus der unglaubwürdigen Figur eine erträgliche zu machen. Der von Lewis verkörperte Nicholas Brody ist ein fragiles Konstrukt eitelster Autorenschaft, gegen die der Schauspieler mit enormer Inbrunst zu Felde zieht. Die Drehbücher sind wuselige, hektische Fluchttiere, sie rennen aus Furcht vor Monotonie in jede Richtung, die Spannung verspricht. Auf Kosten von Verstand, Logik und Sinn. Lewis, und in geringerem Umgang auch Danes, spielen dagegen an.

Und meistens gelingt es ihnen, in den überbordenden Klischees Raum für Nuancen zu finden. Bei allem Ärger über die Auszeichnung als gutes Fernsehen darf nicht untergehen, welche Leistung sie Danes, Lewis und Kolleginnen wie Kollegen hier vollbringen. Warum Homeland dennoch eine Farce ist, werde ich also in der nächsten Woche in einem hochgradig verspoilerten Artikel niederschreiben.

Revenge

Die personifizierte Vergeltung in Revenge heißt Emily Thorne. Unter diesem Namen kehrt Amanda Clarke in die noblen Hamptons zurück, um im Schutze der neuen Identität Rache an den Upperclass-Einwohnern der Siedlungen an der Ostküste der USA zu nehmen. Besonders an der Matriarchin des Grayson-Clans, den Emily bzw. Amanda für die unverschuldete Inhaftierung ihres Vaters und damit den Untergang ihrer Familie verantwortlich macht. Auf ABC läuft die Serie seit letztem Herbst mit einigem Erfolg, was nicht zuletzt daran liegt, dass ihr Aufhänger so simpel und urmenschlich ist wie das Motiv der Protagonistin.

Es gibt einen klaren Unterschied zwischen Kompromiss und Konsens, Revenge ist ohne jeden Zweifel Letzteres. Gutes, geradliniges Fernsehen, das sich nicht um Tiefe bemüht und zugleich oberflächliche Schablonen scheut. Es wird ein mittlerer Weg gefunden, das Publikum an die Figuren zu binden, ohne auf schematische Konstellationen zu bauen. Emily/Amanda dringt mit ihrem Gespür für die Schwächen ihrer Mitmenschen weit in die oberen Zirkel ein, es gelingt ihr sogar, sich mit dem ältesten Sohn der Graysons zu verloben, womit sie direkten Zugriff auf die Familie hat, die sie zerstören will. Sie will unerbittlich vorgehen, das gelingt ihr aber nicht, da der Blick hinter den Schein des Familienidylls ihre Empathie weckt. Revenge erzählt nicht bloß von der Rache, auch von der Schwierigkeit, sie konsequent auszuüben.

Der angesprochene Konsens besteht also gerade darin, eine alte Idee nicht innovativ, aber packend umgesetzt zu haben. Grundsätzlich als Thriller angelegt, offenbaren sich in den Folgen Stück um Stück Hintergründe. Ein Mittel, das auch schon der Vorgänger auf dem Sendeplatz, Lost, einsetzte. In Rückblenden werden Emilys Beweggründe und ihre minutiöse Vorbereitung deutlich. Genug, um von Folge zu Folge Spannung zu schaffen. Worin aber auch das größte Risiko besteht. Mit dem kontinuierlichen Verweis auf vergangene Ereignisse, die nur in Bruchstücken aufgedeckt werden, droht mit der Zeit lästiges Retrofitting. Die Figuren, die noch sehr glaubhaft und schlüssig aufgebaut werden, könnten mit allzu großem Ballast der Vergangenheit beladen werden. Damit würde leicht neue Spannung kreiert, die psychologische Glaubwürdigkeit der Figuren allerdings geopfert. Solange aber Revenge nur diese Gefahr in sich trägt, ihr aber weiterhin gut aus dem Weg geht, ist sie im besten Sinne kurzweilige Unterhaltung.

Titel: Revenge
Jahr: 2011
Land: USA
Genre: Thriller, Soap
Produktion: Mike Kelley u.a.
Darsteller: Madeleine Stowe, Emily VanCamp u.a.

VLC aus der Ferne steuern – von jedem mobilen Gerät

Film und Fernsehen ruhen sich im Sommerloch aus, Ebbe herrscht. Zeit, liebgewonnene Serien wieder auszugraben. Gerade ist es bei mir How I Met Your Mother. Ab der ersten Staffel, also mit blauem Horn, dem Fiero und der vermaledeiten Lachspur. Good times. Dafür schmeiße ich dann doch mal wieder den VLC Media Player auf meinem Rechner an, der aus vielen Gründen installiert werden sollte. Das ist schon eine feine Sache, wenn nicht die Fernbedienung fehlen würde, die meinem Rechner fehlte. Ein Blick auf den Tisch zeigt aber, da liegt doch hin und wieder so ein mobiles Gerät, dem nachgesagt wird, es sei smart. Smarter als ich, denn es brauchte eine Weile. Erst dann kam ich darauf, im AppStore nach geeigneter Hilfe zu suchen. Und es gibt einiges. Weiterlesen

Ein Lob auf das Feigenblatt

Der alljährliche Gradmesser für das eigene Abweichen vom musikalischen Massengeschmack fand dieses Jahr ausgerechnet in einem autoritären Staat statt, das kann ein freiheitsliebendes Europa freilich nicht kommentarlos auf sich sitzen lassen. Genausowenig darf ein Ereignis dieses Ausmaßes mit allzu grober Kritik an den politischen Rahmenbedingungen getrübt werden. Übrigens wäre doch die Veranstaltung und die europäische Aufmerksamkeit gerade die perfekte Lösung, das Regime zur Lockerung der Repressalien und Demokratisierung des Systems aufzufordern. Schließlich habe sich die EBU doch explizit Rede-, Presse- und Versammlungsfreiheit für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Gesangswettbewerbs zusichern lassen. Mit solchen Zugeständnissen ausgestattet, wird es den Europäern doch möglich sein, dauerhaft Risse in der autoritären Fassade zu hinterlassen. Mal sehen, welche kritischen Stimmen finden sich denn in der Show?

„Heute Abend konnte niemand für sein eigenes Land abstimmen. Aber es ist gut, wählen zu können. Und es ist gut, eine Wahl zu haben. Viel Glück auf Deiner Reise, Aserbaidschan. Europa beobachtet Dich.“ [AFP]

Das sagte Anke Engelke bevor sie pflichtbewusst die Ergebnisse aus Deutschland verkündete. Doch ist diese leiseste Form der Kritik nicht zwiespältig?

Einerseits mag es ein kümmerliches Ergebnis sein, dass sich unter allen Beteiligten lediglich Engelke bemüht sah, einen Seitenhieb zu fahren. Sehr fein, eine Komödiantin übt Kritik an der Staatsautorität. Ohne Engelke nahetreten zu wollen, das Gesagte wird in Aserbaidschan doch mit einiger Sicherheit als Spott von Hofnarren verhallen. Die symbolische Wirkung verfehlte nur bei denen ihre Wirkung nicht, denen sie eher galt. Eben dem Europa, das mit dem Wunsch nach Unterhaltung nach Baku blickte und doch eine Spur der Kritik demonstrieren wollte. All diese Europäer konnten sich nun gepflegt zurücklehnen.

Andererseits hat es durchaus den Ruch teutonischer Arroganz, die in Zeiten der Wirtschaftskrise doch langsam überhandnimmt. Deutschland, das wirtschaftlich im Vergleich geradezu prosperiert, schwingt sich zum einzigen Retter Südeuropäischer Misswirtschaften auf. Deutschland, das nach dem Jahresreport 2012 von Amnesty International gerne auch Rüstungsexporte in autoritäre Regime erlaubt, muss sich da nicht weiter um Widersprüche kümmern. Besser einige Akte symbolischen Unwillens gegenüber fragwürdigen Geschäftsparnern und dann aber zack zurück zur Normalität. Davon findet sich auch etwas bei Anke Engelke, schließlich stellte sie ihren kritischen Worten noch einige voran, die den obligatorischen Dank für die Organisation der Veranstaltung geschickt national wendete: Sie dankte den beteiligten Deutschen, die als Konstrukteure und Organisatoren von Düsseldorf gleich noch in Baku tätig waren. Sieh her, Europa, wir Deutsche üben verantwortungsbewusst Kritik an der Autokratie – und trotzdem können die Autokraten nicht ohne uns. Denn auch das ist europäische und besonders deutsche Freiheitsliebe. Autokraten haben Geld, der Herrscher aus Aserbaidschan aufgrund reicher Bodenschätze jede Menge. In Krisenzeiten können solche Geschäfte nicht verdorben werden, wo doch deutsche Wertarbeit geleistet werden kann.

Und so bleibt Engelkes Kritik bemüht und ihr persönlich sogar nicht als unaufrichtig anzukreiden. Aber letztlich hat Engelke nicht mehr als ein Feigenblatt geliefert, das bei näherer Betrachtung ein fataler Symbolismus deutscher Betriebsblindheit ist. Hauptsache (gefühlter) Europameister in allem.