Evertales

Drei Antihelden im Kampf gegen ein vergleichsweise geringes Übel. Der fettleibige Sir Jorgin, ein elfischer Schwerenöter namens Arwick und der senile Taragorn, der belegt, was ein Konsonant mehr im Namen für Unterschiede machen kann. Crescent Moon Games wirft die Drei im Plattformer Evertales in ein Abenteuer, das ihnen schnell über den Kopf wachsen könnte. Weiterlesen

anybeat schließt

Anybeat ist nicht mehr, besser, wird nicht mehr lange in der bekannten Form sein. Relativ kurzfristig wurde dies angekündigt, denn nach der Mail vom 10.05. blieben den Userinnen und Usern gerade einmal zwei Wochen, um eventuell eigene Daten und Kontakte zu sichern oder neue Netzwerke zu finden. Zu den Hintergründen bleibt anybeat vage:

It is therefore bittersweet for us to announce that Anybeat is getting purchased by another company, that will be repurposing it to address a different type of community, and will not be operating Anybeat as is.

Mich kümmert das Schicksal anybeats eigentlich reichlich wenig, dazu hatte ich keinen Nutzen gefunden für dieses soziale Netzwerk, das eine Spielwiese zwischen dem hektischen, flüchtigen Twitter und dem Leviathan Facebook sein wollte. Die Mail selbst rief mir anybeat erst wieder ins Gedächtnis. Das mag einer der Gründe für den Verkauf der Community an die unbekannten Firma sein.

Damit wären wir beim eigentlich interessanten Aspekt dieses Verkaufs, der aufgrund der Privacy Policy auch die Weitergabe aller nutzerbezogenen Daten umfasst:

Business Transfers: In some cases, we may choose to buy or sell assets. In these types of transactions, customer information is typically one of the business assets that are transferred. Moreover, if Company, or substantially all of its assets were acquired, or in the unlikely event that Company goes out of business or enters bankruptcy, customer information would be one of the assets that is transferred or acquired by a third party. You acknowledge that such transfers may occur, and that any acquirer of Company may continue to use your Personal Information as set forth in this policy.

Grundsätzlich müssen alle Nutzerinnen und Nutzer bei kostenlosen Diensten im Internet von einer indirekten Bezahlung in Form von personenbezogenen Daten ausgehen. Soweit das heute vorauszusetzende Grundverständnis der digitalen Geschäftsmodelle. Insofern handelt anybeat beim legitimen Verkauf – was auch sonst, sie sind nicht gezwungen, den Dienst bis in alle Ewigkeit mit Verlusten zu fahren – im Rahmen der eigenen Richtlinien. Dennoch wäre bei einem Dienst, der gerade auch wegen seiner Anonymität in der Community genutzt wurde, besser beraten gewesen, mehr Transparenz bei der Ankündigung an den Tag zu legen.

So bleibt dann aber nur weiter der Hinweis, dass Nutzerinnen und Nutzer immer auch im Hinterkopf behalten sollten, welche Daten und wie viel davon sie preisgeben wollen, wenn sie sich bei einem neuen Dienst anmelden. Bei großen Playern wie Twitter oder Facebook droht weniger die Gefahr des kompletten Verkaufs des Dienstes, aber doch auch dort wird die Nutzung bekanntlich bezahlt. Die Währung ist dann nur eine andere – die eigenen Informationen, Interessen, das Nutzungsverhalten und die Kontakte. Gerade diejenigen, die nicht sonderlich freigiebig mit ihren Daten umgehen oder gar eine eigene Parallelidentität für Testzwecke erschaffen, werden vor der allzu leichten Preisgabe ihrer Informationen gefeit sein. Anonymität oder nur Pseudonymität bleiben eine probates Mittel, um in der digitalen Sphäre ein wenig Kontrolle über eigene Informationen zu behalten.

Fadenrauch

Gemütlich trotteten wir durch den künstlich geschaffenen Flur. Die Stellwände mit ihrem grauen Filz ragten gerade so hoch, dass sich im Großraumbüro Gänge und Plätze abzeichneten. Wir wollten ins Treppenhaus, eine Zigarette rauchen. Dort angekommen steckte ich mir eine an, hinter mir hörte ich das Reiben auf dem Zündstein ihres Feuerzeuges.

Sie hatte sich, die Zigarette im Mund, zur Flamme geneigt. Das geduldige Feuer, das jeder Raucher erwartet, flackerte für einen Augenblick allerdings lichterloh auf. Sie schreckte instinktiv zurück. Ich musste lächeln, denn sie sah mich mit weit aufgerissenen Augen an, als ob sie fragen wollte: Was war das denn? Ihre Mundwinkel dehnten sich zu einem breiten Grinsen, die Lippen zogen an der Zigarette, um die Glut anzufachen. Eine Stichflamme, antwortete mein Lachen.

Ob sie diese Antwort noch wahrgenommen hatte, kann ich nicht sagen. Wahrscheinlich nicht. Der Blick, der gerade noch auf die Glut ihrer Kippe gerichtet war, wanderte höher. Über den Rücken der Zigarette, schielend an ihrer Nase vorbei bis in ihre Augenhöhle. So weit die Muskulatur ihrer Augen es erlaubte, drehte sich der Blick in ihren Schädel.

Wohin sah sie, was war da? Es muss sich innerhalb einiger Sekunden zugetragen haben, doch meine Erinnerung dehnt diese Momente aus. Oberhalb ihres Haaransatzes, über der Stirn schwebte ein kleiner Faden, der mit der Zugluft Wellen schlug. Mir schwante Böses, so übel, ich wollte es nicht glauben. Nicht, als ein weiterer Faden aus ihren Haaren stieg, auch nicht, als sie ein Brummen anschwellen ließ. Mein Unwille, zu glauben, was ich sah, lähmte mich. Auch wenn sich die Wirklichkeit nicht mehr leugnen ließ, stockte ich. Ich sah eine helle Funken sprühende Flamme unter ihren Haaren, sie blähte sich auf. Die versengenden Haare knisterten, aber ich wollte es nicht glauben.

Ich musste eine Hand ausgestreckt, aber innegehalten haben. Ich war mir aber keiner Bewegung bewusst. Was, Feuer, was, ihre Haare, was?, so drehten sich meine Gedanken um sich selbst. Sie musste mein Zögern gesehen haben: „Hau mich, hau mich, HAU MICH, HAU!“ Ich tat, wie mir geheißen wurde. Mit der flachen Linken, hämmerte ich auf ihren brennenden Kopf ein. Drei oder vier Schläge brauchte ich, um die Flamme zu ersticken.

„Du hast ja nur rumgestanden“, hörte ich sie sagen. Sie strich sich verkrustete Bündel aus den Haaren, die sanft zu Boden glitten. Der beißende Geruch stieg mir in die Nase. Ich zog die Nasenflügel zusammen, doch führte dies nur dazu, zwar weniger zu riechen, aber die verkohlten Haare auf der Zunge schmecken zu können. „Sorry, ich weiß auch nicht…“

Sie lachte und zog weitere Haarknäuel hervor. „Da gehen sie hin – meine grauen Haare.“

Es war nicht einmal eine Rötung auf ihrem Kopf zu sehen. Sie rieb zwar ihren Haaransatz, als ob es sich verbrannt anfühlte, aber weder sie selbst noch die herbeigeeilte Kollegin konnten Verbrennungen erkennen. Ihre Frisur fiel locker über den verbrannten Haaransatz, als wäre nichts gewesen. Es fiel gar nicht auf. Es roch nur streng und auf dem Boden lagen einige angesengte Haare. „Mit dir“, sagte sie, zog an dann ihrer Zigarette, „gehe ich so schnell nicht wieder rauchen.“

Bilde ich mir nur ein, dass meine linke Hand noch nach verbranntem Menschenhaar riecht?

Serientode und -erneuerungen 2012/2013

Jährlich fallen in den USA im Frühling bei den Networks folgenreiche Entscheidungen für die Fernsehlandschaft (Kabelanbieter wie amc und Showtime bleiben hier außen vor). Fans quotenschwacher, aber hervorragender Serien bangen besonders um die Lieblingssendungen. Für mich stand in diesem Jahr nur eine wirklich relevante Entscheidung an, auf die komme ich aber später erst zu sprechen. Wo können wir uns also informieren? Der aktuelle Stand ist relativ verlässlich hier oder hier nachzulesen. Bislang gibt es für mich keine großen Überraschungen. Weiterlesen

Herzog braucht ’ne Sperrklausel

Sofern sich der Focus in seinem gestrigen Anreißer des Interviews mit Altbundespräsident Roman Herzog nicht grobe Kürzungen erlaubt hat, ist das schon starker Tobak. Jedoch wäre selbst dann, wenn es tatsächlich gekürzt ist, eine beinahe schon sinnentstellende Kehrtwende nötig, um das Gesagte zu rechtfertigen:

„Im Prinzip ist die Fünf-Prozent-Hürde nicht mehr zeitgemäß. Eigentlich müssten wir die Hürde nach oben setzen“, sagte Herzog zu FOCUS. Angesichts immer mehr kleinerer Parteien werde der Bundeskanzler ansonsten „nicht mehr von einer großen Mehrheit der Bevölkerung getragen“. Diese Entwicklung gefährde die parlamentarische Demokratie, so Herzog, der vor seiner Zeit als Bundespräsident das Bundesverfassungsgericht leitete.

Wäre Herzog nicht früher Verfassungsrichter und auch Verfasser bedeutender Beiträge im Grundgesetzstandardwerk gewesen, hätte es nicht viel Aufsehen erregt. Herzog aber ist ein ausgewiesener Experte für Verfassungsrecht, das macht die Angelegenheit zu einer Unverschämtheit. Denn der von Herzog herbeigerufene Grund zur Anhebung der Fünf-Prozent-Hürde ist  ahistorisch, inkonsistent und letztlich in jedem Fall fadenscheinig.

Welche Form der Mehrheit meint Herzog? Das ist die Frage, an der sich Herzogs Argument messen lassen muss. Ahistorisch ist sein Argument deshalb, da deutsche Kanzler und die Kanzlerin in der Regel nicht von einer einzelnen homogenen Mehrheit getragen wurden. Die Geschichte der Bundestagswahlen zeigt eindeutig, wie oft eine Regierungskoaliton vonnöten war, um eine ‚Kanzlermehrheit‘ zu erlangen. Zu Adenauers Zeiten noch war dies mal, gemessen an der Zahl der Mandate, nicht zwingend notwendig, doch danach war es gelebte parlamentarische Tradition und auch Verpflichtung, eine Koalition zu erlangen, die einen Kanzler oder eine Kanzlering stellen könnte. Eine sichere, absolute Mehrheit einer Partei bestand nie, in den meisten Fällen wurden Kanzler und Kanzlerin nicht von einer absoluten Mehrheit (der Wählerschaft*) getragen oder erst von einer Koalition gewählt. Inkonsistent ist die Sorge um die quantitative Legitimation des Bundeskanzleramtes dann, wenn er übersieht, dass der alleinige Zweck der Demokratie nicht ist, formalisierte Plebiszite zur Kanzlerwahl abzuhalten. Die Wahlen zu den Parlamenten sollen vor allem Ausdruck politischen Willens sein. Dieser Wille sollte nicht im Schwarz-Weiß einer binären Parteienlandschaft untergehen. Auch das taktische Wahlverhalten der Wählerinnen und Wähler zeigt, dass sie kalkuliert Koalitionen bevorzugen, die zur Regierungsbildung befähigt werden sollen.

Alleine diese kurzen Einwände sollten eigentlich ausreichen, um Herzogs Position ins Wanken zu bringen. Bleibt nur die Frage, warum Herzog derart plump vorgeht. Wenn es nicht auf altersbedingten geistigen Niedergang geschoben werden soll, dann bleibt nur die Annahme, Herzog wolle den deutschen Parlamentarismus zu einem institutionalisierten Königsmacher umfunktionieren, dessen simple Legitimation auf zahlenmäßiger Überlegenheit beruhe. Das von einem ehemaligen Verfassungsrichter und Bundespräsident zu hören, klingelt dümmlich in demokratischen Ohren. Parteien, so das System, dürfen, können, sollen und müssen koalieren, wollen sie die Regierung stellen. Das ist Kern des demorkatischen Prinzips und der Suche nach Konsens. Eine Mehrheit durch künstliche Rechentricks zu virtualisieren wird nur das Gegenteil der Legitimation erreichen, die Herzog sich davon verspricht. So zumindest die vergleichsweise wohlwollende Auslegung Herzogs, die schärfere lautet: Herzog versucht sich an einer klar undemokratischen Ergebniskosmetik zugunsten der Manifestation einer Majoritätsattrappe der Demokratie oder sogar der wahlrechtlich geordneten Stabiliserung der von ihm präferierten Partei.

*Ich lasse die Frage der Wahlbeteiligung mal komplett außen vor.

Miso Project

Beim Guardian machen sie Ernst, den offenen Datenjournalismus fördern und vorantreiben zu wollen. Der nächste Schritt ist das Miso Project, in dem die Entwickler des Guardian und einige Unterstützer einen Werkzeugkasten zur Ver- und Bearbeitung von Daten zur späteren Visualisierung zur Verfügung stellen. Pionier unter den Tools des Projekts ist Dataset. Eine klitzekleine JavaScript-Bibliothek zur clientseitigen Bearbeitung von kommaseparierten Daten. Weiterlesen

Widerwillig, was?

Doch noch ein Nachspiel? Da flatterte doch gestern ein Schrieb ein, der eine Ruhestörung, so nennt es der Volksmund dann wohl, zur Last legt. Nach §117 des Ordnungswidrigkeitengesetzes wäre das unzulässiger Lärm. Mein Mitbewohner hat die Angelegenheit an der Backe. Wir bestreiten gar nicht, was dort geschildert wurde. Lediglich stößt uns das Adjektiv widerwillig auf. Unerfreut hätte den Umstand besser getroffen, schließlich war die Musik innerhalb weniger Sekunden aus. Vielleicht hat der Beamte schlicht die Ereignisse verwechselt, widerwillig waren wir in Bezug auf das Betreten der Wohnung.

Uns beiden war nicht klar, inwieweit dieses Adjektiv Einfluss auf die Höhe des Bußgeldes nehmen würde. Mein Mitbewohner wollte nichts unternehmen, doch rief ich einfach mal beim Ordnungsamt an, um mich allgemein zu erkundigen. Die sehr freundliche Frau konnte mir auch schnell helfen, ohne Aktenkenntnis konnte sie selbstverständlich keine genauen Angaben machen. Doch schien sie sich am von uns bestrittenen Widerwillen nicht zu stören. Andere Fragen sind wichtiger. Wann wurde der Lärm gemacht? Wie viele Personen haben diesen verursacht? Musste die Polizei häufiger kommen?

In unserem Falle müssten wir mit einem höheren zweistelligen bis niedrigen dreistelligen Betrag rechnen, vermutete sie. Das ist dann noch bewältigbar, wenn auch ärgerlich. Wenn aber alle, wie die meisten schon angekündigt haben, zusammenwerfen, wird es gehen. Damit hat es sich dann.

Ein flaues Gefühl hinterließ aber auch das Telefonat, denn ich kam kurz auf das Verhalten des Polizisten zu sprechen. Ihre Reaktion war: „Warum sollte ein Polizist in seinem Bericht nicht neutral schreiben? Und warum soll er nicht die Wohnung betreten, da ist doch in der Regel nichts dabei?“ Nichts gegen die Frau vom Ordnungsamt, doch wenn diese Einstellung zur Regel gehört, muss noch einige Aufklärungsarbeit zu Grundrechten in Behörden geleistet werden.

Prince of Persia: The Sands of Time (2010)

Narrativ bleiben Videospiele als Ganzes oft noch weit hinter den eigenen Möglichkeiten zurück. Die offenkundigen Glanzpunkte, ich denke da beispielsweise an die unglaubliche Hilflosigkeit gegenüber dem totalen Staat im Prolog von Half-Life 2 oder die Begegnung mit Andrew Ryan in Bioshock, sind als Ausnahme zu sehen. Das weite Meer der Computerspiele ist kaum in Bewegung, nur ein gigantischer Tümpel. Weiterlesen