Deutschlands europäische Vormacht im Nullsummenspiel

Nun komme ich nicht mehr dazu, irgendetwas Sinnvolles dazu zu schreiben. Habe heute viereinhalb Stunden Holger dabei zugehört, wie er Steffen zuhört, als jener die vermeintliche Euro-Schuldenkrise in ein anderes Licht rückt. Was wir daraus lernen können:

  • Warum es Bankenkrisenschuldenkrise heißen muss.
  • Wie Ratingagenturen ein paradoxes Geschäftsmodell hochziehen.
  • Was passiert, wenn Volkswirtschaft mit betriebswirtschaftlichen Mitteln betrieben wird.
  • Warum Deutschland erst die (süd-)europäische Konkurrenz ins Abseits wirtschaftete und sich nun als Retter gebärdet.
  • Dass staatliches Sparen die wirtschaftliche Abwärtsspirale nur befeuern wird.
  • Wieso ein Ausstieg Griechenlands aus dem Euro nicht das bringt, was sich manche davon erhoffen.
  • Warum hohe Besteuerung von Reichen einerseits gerecht ist und zugleich auch nicht so hoch ausfällt, weil sie ja wiederum über das umverteilte Vermögen Umsätze generieren können.

All das berücksichtigt, ist das ein ordentliches Pensum in viereinhalb Stunden. Macht nicht Spaß, muss aber sein.

Bundesgit

Schöner kleiner Ansatz, Open Data voranzutreiben. Im Bundesgit finden sich aktuelle Fassungen von Gesetzen. Da alles auf der Versionsverwaltung Git aufsetzt, wird daraus implizit eine Forderung nach transparenter Gesetzgebung. Potenziell, abhängig von der Genauigkeit der Abbildung der Gesetze im Repositorium, ließen sich aber die Änderungen über die Zeit verfolgen. In Gänze kann ich dies nicht abschätzen, setzt das Projekt doch bei einigen blinden Flecken in meiner Bildung an. Namentlich sind dies Git selbst und Python.

Mit den in Python geschriebenen ScraperTools, die Initiator Stefan Wehrmeyer in einem weiteren Repositorium hinterlegt hat, lässt sich aber bestimmt schon etwas anfangen. Die Tools grasen etwa im XML-Format die Gesetzestexte bei Gesetze im Internet ab. Aus dem XML kann dann das im Bundesgit verwendete Markdown gemacht werden. Auch schön, dass dort schon Tools liegen, um Inhaltsverzeichnisse des Bundesanzeigers und Bundesgesetzblattes auszulesen. Bei Null muss also niemand anfangen.

Gerade auch die Idee der Versionskontrolle und des dann anschließenden Bugtrackings in deutschen Gesetzen ist allzu verlockend. Letztlich baut eine ganze junge Partei auch darauf auf. Das Bundesgit zeigt, wie wenig Aufwand nötig ist, um den Anfang mit bestehenden Gesetzen und Softwarelösungen zu machen. Für mich ist es ein willkommener Anlass, mich endlich mal mit Git und mehr mit Python zu beschäftigen.

[via]

Die Tribute des Erzählens: The Hunger Games

Im postapokalyptischen Panem, einem nordamerikanischen Staat der Zukunft, stehen alljährlich die Hunger Games zwischen Jugendlichen der zwölf Bezirke des Staates an. Zwölf Jungen und zwölf Mädchen kämpfen bis als ‚Tribute‘ zum Tod, so lange, bis nur einer oder eine überlebt. Der Sieg bringt Ruhm und Ehre für den siegreichen Tribut wie auch dessen Bezirk. Mehr sollen wir über Panem nicht erfahren. Für das Hase-und-Igel-Spiel dieses auf einer Romanreihe von Suzanne Collins beruhenden Actionthrillers sollte es doch reichen.

Schließlich ist die Reihe thematisch verwandter Filme der tödlichen Spiele groß genug. Neben The Running Man oder Battle Royale – in Deutschland ist noch Das Millionenspiel eine Legende der Fernsehgeschichte – fügt sich The Hunger Games als abgeschwächtere Variante dieses Subgenres ein, die auf ein jugendliches Publikum zielt. Die blutlüsterne Gratifikation sinnbefreiter Gewalt, mit der sonst getrumpft wird, spart sich der Film. Punktgenau landet er auf einer ordentlichen Jugendfreigabe, macht einen Knicks und verneigt sich. Die Zähmung der Gewalt in Hunger Games wäre sicherlich kein Grund zur Kritik, hätte der Film nicht auch jedes Potenzial der Gesellschaftskritik eingebüßt. So gering sie auch war, selbst in The Running Man etwa steckt noch eine paradoxe, letztlich inkonsequente Parabel über die Blutlust der Massen.

The Hunger Games versagt sich dieser Gesellschaftskritik völlig. Stattdessen werden die Zuschauerinnen und Zuschauer zu stillen Teilhabern, so als säßen sie nicht vor dem Bildschirm, sondern schauten die Ereignisse als Bewohner Panems. The Hunger Games ergreift unreflektiert Partei für die sechzehnjährige Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence). Katniss meldete sich freiwillig anstelle ihrer ursprünglich für die Spiele ausgewählten jüngeren Schwester. Sie, die aus dem armen Bergbaubezirk Panems stammt, muss unter Anleitung des einstigen Gewinners und mittlerweile alkoholkranken Haymitch Abernathy (Woody Harrelson) die Vorbereitungen für den Wettbewerb angehen. Sie lernt nicht nur den Kampf zu meistern, auch die Gunst der wohlhabenden Sponsoren und die Anerkennung der Massen muss sie gewinnen.

Als Schlüsselszene für die halbseidene Moral des Films dient dabei jene, in der Katniss sich gegen die reichen Sponsoren auflehnt. Aber nicht als Zeichen des Protests, sie will lediglich deren Aufmerksamkeit erlangen. Sie schießt bei ihrer Sponsorenvorstellung dem Spanferkel der oberen Zehntausend, die hier eine Handvoll weißer Männer sind, den Apfel nicht ihrer Widerstandshaltung wegen aus dem gegrillten Maul. Lediglich die Aufmerksamkeit der ihr abgewandten Oberen liegt ihr am Herzen. Das aber ist kaum verwunderlich, schweigt sich der Film doch zu den sozialen Geschehnissen in Panem aus, suggeriert damit, alle Bürgerinnen und Bürger hätten das Joch zu akzeptieren gelernt. Da verwundert dann doch wieder, dass in der Mitte des Films für wenige Momente ein Aufstand unter Zuschauern des Spektakels dargestellt wird – schlussendlich aber völlig vernachlässigt wird.

Der unreflektierten Parteinahme für Katniss fällt der Film gänzlich zum Opfer. Regisseur Gary Ross schrieb mit Collins und Billy Ray auch das Drehbuch, ist somit nicht entlastet, was diesen Kardinalfehler angeht. Sie haben nicht die ethischen Dilemmata eines solchen Plots herausgearbeitet, sie machen im Gegenteil sogar einen weiten Bogen um sie herum. Manipulativ wie die Obrigkeit Panems ändern sie narrativ jede ethische Hürde ab. Wenn schon nicht jugendliche Rebellion gegen die Herrscher allgemein entsteht, könnte Devianz der Tribute dadurch entstehen, dass sie zum Töten genötigt werden. Zum Töten Verbündeter, denn schließlich jagen sie in Zweckbündnissen, die letztlich aber nicht standhalten können. So hat auch Katniss Helferinnen und Helfer. Für Katniss kommt es aber erst gar nicht zu Gewissenskonflikten, müsste sie doch später, um zu überleben, auch diese um die Ecke bringen. Das Drehbuch dezimiert die Verbündeten allerdings auf plumpe Weise, werden doch alle komfortabel um die Ecke gebracht. Die glorreiche Heldin muss ihre Hände nicht mit dem Blut anderer Sympathieträger beschmutzen. Wie überaus vorteilhaft. Ebenso vorteilhaft, dass alle verbliebenen Widersacher derart niederträchtig gezeichnet sind, dass ihnen der Tod gut zu Gesicht steht. Mit einem Gnadenschuss kann sich Katniss final dann doch immerhin als milde gestimmte Mörderin darstellen.

Zu keinem Zeitpunkt lädt der Film zur Reflexion über Katniss‘ Verhalten ein, sie soll als reine Identifikationsfigur herhalten. Auch ihre Situation wird nicht im geringsten in hinterfragt. Warum auch, wenn es doch einfacher ist, zu ihr zu halten? Damit macht sich Ross zum cineastischen Potentaten über den Plebs der Zuschauer, er regiert emotional über Zuschauerinnen und Zuschauer. Bedauerlicherweise besonders junges Publikum. Alles andere als hilfreich ist dabei, dass Ross vom Fach genug versteht, um diesen Plot in dieser Form effizient umzusetzen. Mit gutem Timing fügt er die Geschichte zusammen. Auch Jennifer Lawrence gibt als Katniss eine beeindruckunde Vorstellung, die von den gut besetzten Nebendarstellerinnen und Nebendarstellern nie in Gefahr gebracht wird. Stanley Tucci, Woody Harrelson, Elizabeth Banks und Donald Sutherland liefern ordentliche Leistungen, in dem wenigen Raum, der ihnen gegeben wird. The Hunger Games ist also solides Mainstream-Actionkino mit überaus zweifelhafter Moral. Ein hoher Preis für das bisschen Unterhaltung.

Serj Tankian – Harakiri

Während ich Serj Tankians erstem Album Elect the Dead eine Chance gab, mittlerweile doch keinerlei Erinnerung daran habe, machte ich einen Bogen um sein zweites Soloalbum Imperfect Harmonies. Mit Harakiri ist seit einigen Wochen der dritte Streich Tankians draußen.

Ich wollte Harakiri wirklich Zeit geben, damit es einen anständigen Eindruck hinterlassen kann. Viel gebracht hat es nicht. Ohne seine Kollegen von System of a Down ist der quirlige Sänger zu ausrechenbar. Obwohl er sich abmüht, die Gewohnheiten der Hörerinnen und Hörer brechen zu wollen, tut er es in wiederkehrenden Mustern. Die Wirbel des Derwischs sind vorauszuahnen. Sein markantes Stimmenspiel und die grölende Theatralik und sind alle vorhanden. Aber auch allzu bekannt.

Dabei schlägt er unterm Strich deutlich ruhigere Töne als bei System of a Down an. Wie in Deafening Silence dümpeln hier jedoch ein paar nette Harmonien nur vor sich hin. In den raueren Songs Cornucopia und Uneducated Democracy geht es immerhin belebter zur Sache, doch auch dort fehlt ein Spannungsbogen. Tankian zwängt seine Songs in ein enges strukturelles Korsett, aus dem kein Entrinnen möglich ist. Eine Dramaturgie entsteht so nicht. Es sind Gerippe guter Ideen, die nicht weiter ausformuliert wurden, zerfetzt von bräsigen Texten. Die sozialpolitischen Platitüden Tankians sind reiner Drogenrausch und Wahn. Sie können den Songs ebenfalls nicht helfen.

Harakiri wird wohl keinen langfristigen Eindruck hinterlassen. Formelhafter, gut gemachter Rock ist doch noch zu haben. Auf Kosten der Originalität und Überraschungsmomente. Seiner Künstlerattitüde wird Tankian damit aber niemals gerecht. Weder seine Texte noch seine Musik sind auf Harakiri ein kohärentes Gebilde.