Biffy Clyro: Opposites

Nach quälend langer Zeit mit unzähligen Anläufen gelingt mir noch immer kein runder, satter Artikel zum neuen Album der Schotten Biffy Clyro. Dann eben mit dem Kopf durch die Wand. Opposites schraubt sich im Gehörgang fest, und dort nisten sich Biffy Clyro gepflegt ein, denn es gibt kaum einen Song auf Opposites, dem nicht zumindest etwas abzugewinnen ist. Skylight ist vielleicht so ein Ausreißer nach unten, es weckt üble Erinnerungen an das Behind Blue Eyes-Cover von den Nu-Metal-Dünnbrettbohrern Limp Bizkit. Ganz schlimm.

Ansonsten macht Opposites bei aller Eingängigkeit einen weiten Bogen um solcherlei Peinlichkeiten. Irgendwo im manisch-depressiven Traumland ist Opposites angesiedelt. Ein beinahe schon barockes Album, in dem Traum und Alptraum sehr dicht beieinander liegen, nur dass hier Plüschfiguren in Regenbogenfarben bluten. Ja, ein barockes Carpe diem. Memento mori schallt uns da entgegen. Das Spektrum ist breit, Spanish Radio, Victory Over the Sun, The Thaw oder Moder Magic Formula zeigen die Bandbreite der Schotten.

Doch es gibt, zumindest für mich, ein großes Aber. Opposites ist in den meisten Momenten ergreifender Rock-Bombast, es gibt kaum ein Entrinnen aus den Sirenenrufen. Biffy Clyro haben diese Emotionalität mit einem widerlichen Trick erschaffen: In jedem, wirklich jedem Song, werden die Refrains, wenn nicht gleich auch Strophen, mehrstimmig gesungen. Stadiontaugliche Chöre oder rotzige Gang-Shouts, immer kommen Biffy Clyro und bringen die Familie mit. Auf die Dauer ist diese monotone Pluralisierung der Gesangsmelodien ermüdend, eigentlich sogar emotional erpressend. Noch schlimmer wird es, wenn wie auf Trumpet or Tap die Streicher die Tränendrüsen bedienen. Den Rest gibt den Songs aber Produzent Garth Richardson, der den Songs jede individuelle Note nimmt, indem er sie über denselben Bogen des Plastiksounds zieht.

Opposites will wie ein episches Album klingen, dieser Wille ist in jedem Ton zu hören. Biffy Clyro bemühen aber platte Klischees, diese erheuchelte, aufgesetzte Epik ist für mich reinste Gaukelei. Aber immerhin ist es jetzt raus.

Next – Expense Tracking

Meine kleine App-Perle der Woche ist mal wieder aus der Kategorie Nützliches für den Alltag. Mit wird von einigen Stimmen immer wieder eingetrichtert, mal genauer anzuschauen, wo ich denn mein Geld so versickern lasse. Ich schaue keine Person konkret an, die mir ins Gewissen redet, gebe also schlicht bekannt, mir Next – Expense Tracking zugelegt zu haben.

Next geht von der mit absolut sympathischen Annahme aus, dass es reichen sollte, nur grobe Kategorien zu haben, für diese Werte einzutragen und sich dann wieder ums Leben zu kümmern. Bis auf eine einfache, aber übersichtliche Auswertung über Wochen, Monate oder Jahre bietet die App keine weitere Ablenkung von dem Ziel, eine Ausgabenübersicht zu haben. Next ist kein Haushaltsbuch und auch keine Budgetverwaltung, Next dpart sich sogar die Worte. Die Kategorien sind lediglich Buttons mit ikonographischen Darstellungen, die frei umherbewegt werden können.

Wie gesagt, mir ist dieser Ansatz zutiefst sympathisch, da diese Ausgabenkontrolle mir so wenig wie möglich in die Parade fährt. Ausgaben zu erfassen ist so einfach geworden, denn die App startet immer in die Kategorienübersicht, kein Splash-Screen hält vom eigentlichen Ziel ab. Nach ein paar Sekunden habe ich eine Summe verbucht und kann mich wieder wichtigeren Dingen zuwenden.

Mag sein, dass es einigen Leuten deutlich zu unterkomplex ist, denn auch mir fällt mitunter schwer zu unterscheiden, welche Kategorien ich für welche Kostenarten verwende. Das wäre dann auch schon meine einzige, zaghafte Klage; ansonsten fehlt mir nur eine Möglichkeit zum Export der Daten zum absoluten Glück. Nicht weil ich den Export zwingend brauche, aber doch, weil ich es für einen guten Umgang halte, mit meinen Daten machen zu können, was ich will.

Ist das ein Problem?

Seit ein paar Tagen spült ein reflexartiger Mechanismus der Selbstreflexion einige Begebenheiten in meinem Leben hoch, auf die ich nicht sonderlich stolz bin, nicht darauf, wie ich mich verhalten habe. Denn so bedauerlich es ist, sie alle drehen sich um eine Frage: Bin ich in meinem alltäglichen Verhalten homophob?

Es gibt zwei Antworten darauf, die eine ist die offizielle, die andere ist die von introspektiver Wahrnehmung geprägte. Die erste Antwort lautet selbstverständlich, ich bin nicht homophob. Wie jeder aufgeklärte Mensch lasse ich da nichts auf mich kommen, ich bin selbstredend auf der Seite des Guten, des Rechtschaffenen, des Richtigen. Ich habe mir schon lange alle äußeren, offenkundigen Merkmale der Homophobie oder auch nur der leichtfertigen Herabwürdigung von Schwulen und Lesben abgewöhnt, ein nach meiner Schulhofsozialisation gar nicht mal einfacher Vorgang.

Da gibt es aber noch eine innere Perspektive auf mich und mein Verhalten, dieses Wissen um meine Gedanken, die nie manifeste Handlungen wurden. Gedankenblitze, die ich routiniert ersticke, bevor sie Verwüstung anrichten können. Nur ich kenne sie, zumindest bis jetzt, wo ich einen gewissen öffentlichen Blick auf sie zulasse. Diese Gedanken sind für mich schwerer zu bekämpfen, als meine früheren homophoben Verhaltensweisen der Jugendzeit, diese offenkundigen Muster konnte ich mit Verweis auf meine Gewissensentscheidung und Moralvorstellung als falsch entlarven und in und an mir selbst erfolgreich bekämpfen. Doch gibt es die Wurmfortsätze einer strukturellen Homophobie in mir, die Homosexualität noch immer als Andersartigkeit wahrnimmt, und dieser Andersartigkeit ein Gewicht gibt. Es ist das, was hinlänglich als Heteronormativität bezeichnet wird, diese subliminale Weichenstellung, Menschen anhand des sozial Erwarteten zu kategorisieren. Es ist in mir tiefer angelegt, als meine Vernunft und mein Gewissen reicht. Daher lautet, so schmerzlich es für mich ist, die zweite Antwort: Ja, ich bin strukturell noch immer homophob.

Und erst jetzt wird mir schlagartig klar, welche Arbeit noch vor mir steht, denn diese Heteronormativität als das, was sie ist, wahrzunehmen, wird mir erst jetzt in vollem Umfang klar. Warum habe ich sie nicht in dieser Stärke wahrgenommen? In den vergangenen Tagen, ich habe es ja schon geschrieben, wird da einiger Morast an die mentalen Strände gespült, die für sich betrachtet immer nur bloß Treibgut waren. Ein paar Habseligkeiten hier, alte Kleidungsstücke dort, aufgeblähtes Tafelholz, alles nur zusammenhangloser Unrat, den das Meer verschlungen und nun unwillkürlich ausgespuckt hatte. Doch jetzt stehe ich hier am Strand vor dieser Wasserleiche und merke, da könnte mehr passiert sein, als ich mir eingeredet hatte.

Was ich konkret meine? Nur ein Beispiel aus einer Zeit vor zehn, vielleicht elf Jahren, als ich auf der Suche nach einem WG-Zimmer war. Bei einer der Besichtigungen lief alles prächtig, das Zimmer war ordentlich groß, die Wohnung sauber, aber nicht steril, vor allem aber waren die potenziellen Mitbewohner sympathisch. Mir war es gar nicht aufgefallen, aber mitten in der Unterhaltung über unsere Hobbys, was wir für Musik mögen, sagte der eine ganz beiläufig: "Übrigens, ich bin schwul. Ist das ein Problem für dich?" Meine Antwort fiel lapidar aus: "Nein. Ich bin es nicht. Das ist ja auch kein Problem." Die Unterhaltung setzten wir ohne Unterbrechung fort. Und genau das macht mir heute zu schaffen. Warum habe ich es als normalen Hinweis aufgefasst? Wieso musste es überhaupt zur Sprache kommen? Wieso empfand ich es nicht als unangebracht, dass er mich darauf hingewiesen hat und die Frage gestellt hat? Was ging mich das an? Heteronormativität ging mich das was an, das war es. Ich empfand es offenkundig, als ’normal‘, darauf hingewiesen zu werden, womöglich mit einem Schwulen zusammenzuleben. Der eine hörte Metal, der andere spielte gern Fußball und der andere ist schwul. Ein Problem damit? Wieso hat es zehn Jahre gebraucht, bis mir auffällt, was an dieser Aufzählung nicht stimmte? Ich hatte kein Problem mit der Homosexualität, aber auch nicht mit der Frage, das ist das heteronormative Problem.

Linkgebliebenes 11

Der goldene Preis für allgemeine Großartigkeit geht an: Connie Britton.

Ein Pokal für die abstruseste Fleißarbeit an: Pornographiestudien.

Die andere Seite der Ausbeutungsgedenkmedaille gibt es in Sachen Amazon, die Dokumentation und die ganze Wahrheit.

Die Auszeichnung mit der bleiernen Budgetschere geht an die Sendungen mit originellsten Produktionsbedingungen für Kandidatinnen und Kandidaten.

Die goldenen Pferdehufe für das reinste Gewissen gehen an alle fleischverzehrenden Menschen der Republik.

Für die traurigste Nachricht geht die gläserne Träne an 1UP, die nicht immer die beste Gamingseite waren, aber zu den ambitioniertesten gehörten, und nun nach zähem Ringen nicht mehr sind.

Daher und weil es allmählich wirklich überfällig war, wird Deutschland endgültig zur Expertokratie, wenn wir uns alle selbst unseren Doktorgrad verleihen.

Oscar-Nacht

Wisst ihr was? Ich gehe jetzt schlafen.

Es hat nur einige maue Zoten, die Bussi-Kanonade und schrille Stummen gebraucht. Ich gebe es auf, es glitzert alles, es glamourt, Männer stecken steif in ihren Anzügen, Frauen pressen sich in seltsame Stoffschläuche. Alles im Namen, ja, von was eigentlich.

Die Pre-Show hat mich mürbe gemacht, ich gehe schlafen. Nehmt euren Pomp und steckt ihn euch hin, wo es euch gefällt. Ab sofort ohne mich, ich gehe schlafen.

Summoner Wars: Söldnerspiel (Playdek-Serie Teil 4)

Bei Lichte betrachtet disqualifiziere ich mich selbst, denn zu Summoner Wars habe ich allenfalls eine Meinung, die auch noch aus der Magengrube kommt. Es heißt oft ‚Test‘, ‚Review‘, ‚Besprechung‘, ‚Check‘ oder ‚Angespielt‘, alles Etiketten, auf die ich nicht zurückgreifen kann. Summoner Wars ist, ich sage mal so, klassisches Playdek-Terrain. Danach hat es sich mit der vorgespielten Objektivität auch schon.

Eine Adaption eines mir vorher wieder mal nicht bekannten Kartenspiels. Playdek behält den Kurs bei, verlässt aber etwas die Pfade des gewohnten Deck-Builders, denn Summoner Wars ist zu gleichen Teilen ein Kartenspiel wie es auch ein Strategiespiel ist. Diese Strategiekomponente fließt über die Existenz eines Spielfeldes ein, auf dem die Karten nu angeordnet werden. Typischerweise spielt die Anordnung der Karten keine Rolle, hier allerdings schon. Auf dem Schlachtfeld müssen die Karten eben nicht bloß ihre Wirkung entfalten, das Arrangement der eigenen Streitkräfte und der Verteidigungslinien entscheidet über Sieg oder Niederlage.

Das klingt doch gut, dachte ich mir, das verspricht vielschichtig zu werden, denn auf der technischen Seite wird es, wie von Playdek zu erwarten war, keinen Grund zur Klage geben. Und so ist es auch, Summoner Wars ist qualitativ hochwertig umgesetzt, Playdek hat die Erfahrung, Spielmechaniken kongenial zu übertragen. Woran liegt es also, dass ich nie mehr als eine Partie auf mal spielte? Der Grund hat einen Namen, er ist eigentlich ein Geschäftsmodell: Freemium.

Immer wenn ich das Wort nur höre, wenn es als seligmachende Rettung darbender Franchises von PR-Lumpen exklamatorisch in die Welt gegrinst wird, höre ich nur: "Komm her — bring Geld mit." Freemium ist die digitale Variante des Fleischschreiers auf der Reeperbahn, der mir rüde eintrichtert, wie trostlos mein Leben wäre, wenn ich auf die quasi-gynäkologische Veranstaltung verzichtete, die sie Show nennen. "Kost ja nix. Na ja, kaum was. Was ist schon Geld? Komm rein."

Von klein auf wurde ich ans Spielen dieser immer komplexeren virtuellen Spielkonstrukte gewöhnt, sie waren ein Abenteuer. Ich, so suggerierten die Spiele, erlebe ein Abenteuer, das durch mein persönliches Erleben singulär wird. Mein Spiel. Meine Erfahrung. Zunehmend erkannte die Industrie aber den Reiz der Abhängigkeit, die gesteuert werden kann. Die addiktive Wirkung verdrängte zusehends das Abenteuer selbst. Der Rausch wurde zum Spiel, die Spiele zu Pushern von Hormonausschüttungen im Sekundentakt.

Mit dem Freemium-Modell wurde endgültig der Sprung in die Dealerei genommen. Kauf dir dein High, Dosis um Dosis. Playdeks Summoner Wars, um allmählich die Kurve zu kriegen, verkauft auch die Decks, die Verbesserungen bringen sollen. Vieles wird nicht einmal dauerhaft freigeschaltet, sondern ist konsumierbares Gut. Ich kenne mich gut genug, um mich vor der Sucht fürchten zu müssen. Deswegen kann ich nicht viel mehr zu Summoner Wars schreiben. Es wirkt gut, ich will mir den Rausch aber nicht in einzelnen Dosen erkaufen. Macht es für Playdek Sinn? Waren ihre Spiele, die meist für einen für iOS-Verhältnisse gehobeneren Preis zu haben waren, bislang hinter den finanziellen Erwartungen zurückgeblieben? Ich habe darauf keine Antwort. Sollen sie es meinetwegen machen, aber ohne mich. Den Rausch des Spielens gerne, siehe Super Hexagon, aber nicht die den Rausch als Spielen.

Alle Artikel der Serie:

Biffy Clyro: Black Chandelier

Angekündigt ist sie schon seit letzter Woche, doch ist dies auch wieder nicht meine Besprechung von Biffy Clyros Opposites. Ich winde mich heraus, drehe mich um mich selbst, es will einfach nicht passen. Wahrscheinlich liegt es an Opposites‚ bipolarer Störung. Ich mag dieses Album, wirklich, und ich verachte die Eindimensionalität der Mittel, die Biffy Clyro einsetzen, um dieses Album mit passiv-aggressiver Gewalt auf Verehrungswürdigkeit zu trimmen; die Schotten wollen Opposites angebetet wissen, das höre ich ganz genau. Die Formel steckt schon in Black Chandelier:

Black Chandelier ist in allen mir bekannten Versionen der zweite Song, es enthält schon alle Versatzstücke, die sich im Verlauf des Albums wiederholen und wiederholen. An die Versionierung Double Edition und der Single Edition muss ich mich auch erst gewöhnen, das ändert aber nichts an meiner Kritik, in der Double Edition wird bloß nur noch deutlicher, wie Biffy Clyro manipulieren, um den gewünschten Effekt zu erzielen. Aber für heute muss das reichen, ich werde noch einige Tage brauchen, bis ich es noch besser ausdrücken kann.

Pythonista: Längere Leine unter iOS

Die Botschaft in kurz lautet: Pythonista ist ein in Erfüllung gegangener Traum. Aber der Reihe nach, ich greife mir selbst voraus. Der Traum drehte sich darum, auf iOS-Geräten eine lauffähige Python-Umgebung zu haben. Dieser Traum war bescheiden, ging es doch nur darum, mal eben ein paar Zeilen testen zu können. Einfach mal eine Eingebung in Python skizzieren, damit sie später ausgearbeitet werden kann, das wäre schön genug. Es gibt da auch einige Möglichkeiten wie etwa Python for iOS, aus diversen Gründen fühlten sich diese nie auch nur ansatzweise rund an. Es klemmte an vielen Ecken.

Pythons großes Plus, neben vielen anderen, die um den Titel der größten Stärke konkurrieren, ist die konzeptionelle Schlichtheit der Sprache. Alles in Python ist auf Effizienz getrimmt, wobei die Syntax dabei im Vorbeigehen schönen Code produziert. Python ist ebenso elegant wie schlicht, keine der Apps für iOS hat diese Eigenschaften Pythons bisher zur Geltung gebracht. Manche nennen es das Zen von Python, was begrifflich mindestens eine Etage oberhalb dessen ist, was meine absolute Schmerzgrenze ist; ich teile also den Begriff nicht, weiß aber genau, was gemeint ist. Wie auch immer ich es nennen würde, Pythonista hat es.

Wo anfangen bei aller Begeisterung? Pythonistas Code-Editor ist so bequem wie es eben geht auf einem mobilen Gerät mit virtueller Tastatur. Der Editor verfügt über Syntax-Highlighting, was ich mindestens erwarte, die Themes sind dann schon eher schönes Beiwerk. Doch die Code-Vervollständigung ist eine Erleichterung, auf die zu hoffen ich nicht gewagt hätte. Über der erweiterten Tastaturleiste, in der syntaxrelevante Zeichen schneller zu erreichen sind, blitzen bei Bedarf einfach die Schlüsselwörter und Modulnamen auf. Antippen, weiter coden. Auf dem Desktop erwarte ich das von der IDE meiner Wahl, in Pythonista beeindruckt es mich wegen der Hilfe, die es ist, aber auch wegen der trotz aller Funktionalität immer aufgeräumten Darstellung. Es wirkt einfach nicht überfrachtet, nichts fehlt und alles hat seinen Platz.

Und so bedienerfreundlich geht es weiter, da bringt Pythonista nicht nur die ausführliche Sprachdokumentation mit, sondern wertet auch diese weiter auf. Beispielsweise können Code-Snippets aus der Dokumentation heraus sofort im Editor geöffnet, was mir Trial-and-error-Lerner ordentlich Unterstützung bietet. Es ist fast so, als komme Pythonista immer den einen Schritt extra entgegen, der mich wohlfühlen lässt. Daher verwundert es kaum noch, muss aber umso deutlicher unterstrichen werden, dass Pythonista nicht nur die umfassende Sammlung der Module aus der Standardbibliothek mitliefert, sondern auch noch nützliche Module, die sich als Quasi-Standards etabliert haben. Requests, BeautifulSoup, feedparser, PIL oder Dropbox sind im alltäglichen Gebrauch unverzichtbar geworden, daher werden sie in Pythonista unterstützt. Aber heißt das jetzt wirklich das, was sich einige jetzt darunter schon vorstellen können?

Genau das heißt es. Pythonista ist kein einfacher Editor mit eingebautem Prompt, der unter iOS in seiner eigenen Kapsel agiert. Die Abschottung von der Außenwelt reißt Pythonista nieder. Natürlich können damit HTTP-Requests an Web-APIs geschickt oder eben grundsätzliche Bildverarbeitungsschritte automatisiert werden. Spätestens an dieser Stelle war ich von Pythonista und seinen Möglichkeiten gebannt. Doch da hört es noch nicht auf. Es gibt aber noch eine dritte Sammlung von Modulen, die Pythonista vollends zum unverzichtbaren Scripting-Tool auf iOS macht. In eigens für die App geschriebenen Modulen wird die Interaktion mit dem Betriebssystem – so weit es Apple erlaubt – möglich. Die Zwischenablage ist nun per Script zugänglich, Töne können ausgegeben werden und auch einige der bekannten Systemdialoge stehen bereit. Aber das ist noch immer nicht das Ende, denn Pythonista stellt noch einen Canvas zur Verfügung, auf dem eigene UI möglich wird, mitsamt der nötigen Touchkontrolle.

Ich fasse zusammen: Erstklassiger Editor, hervorragende Dokumentation, Zusatz-Module, das alles bietet Pythonista und setzt trotzdem noch einen drauf. Denn der Editor selbst ist erweiterbar, schließlich bringt Pythonista noch ein Modul für den Editor selbst mit, damit kann die Arbeit im noch an eigene Bedürfnisse und Gewohnheiten angepasst werden. In den Einstellungen werden die Scripts dann als Erweiterung des Editors eingebettet, nichts leichter als das. Pythonista gibt damit ein Stück Freiheit unter iOS zurück, die ich oft schmerzlich vermisst habe.

Dabei ist noch nicht alles perfekt, aber meist liegt das an Beschränkungen durch Apple. Zwar könnte ich prinzipiell damit Spiele und Apps erstellen, oder immerhin Prototypen davon, aber die Interaktion zwischen den Apps ist, von Apple gewollt, dürftig. Die kurze Leine, an die Apple uns bietet, nutzt Pythonista immerhin voll aus, also auch das URL-Schema für rudimentären Datenaustausch zwischen einzelnen Apps. Deshalb kann ich mir nun immerhin Scripte schreiben, die meine tägliche Arbeit auf dem iPhone oder iPad erleichtern. Aber nicht nur mir geht das so, auch andere haben die Möglichkeiten erkannt. Und im Forum schlagen schon massenweise grandiose Scripte auf, die noch viel mehr versprechen.Da liegen schon erste Ansätze für Datei-Manager, Spiele, Heimautomatisierung über WLAN mit dem Raspberry Pi sowie Editorerweiterungen. Auf einmal kann ich dank Pythonista auf iOS von ganz anderen Dingen träumen, die Freiheit ist wieder da.

Linkgebliebenes 10

Linkgebliebenes gerät mir oft sehr schlecht gelaunt, manchmal auch nur als Sammlung der schlechten Laune Anderer. Ich nehme mir bei jedem neuen Linkgebliebenes-Artikel vor, jetzt aber wirklich mal die Konfettikanone auszupacken — und scheitere kläglich. So auch diese Woche. Nehmen wir doch diesen Rant. Warum eigentlich Tutorials, wenn gutes Spieldesign organischer und stimmiger die Spielwelt vorstellt?

Da kommt mir die Galle hoch, wenn ich an all die lieblos eröffneten Spielstunden denke, Lebenszeit die mir geraubt wurde. Brechreiz kriege ich auch beim Gedanken an die stumpfe, uninspirierte Gewalt in Spielen, die als Kaufreiz dient, emotional aber so befriedigend ist wie Tütensuppe schmackhaft ist. Der Geschmack frischer Magensäure belegt meine Zunge auch immer noch, wenn ich an David Gallants Rauswurf denke, weil er ein nachdenkliches Spiel machte, das von seiner Call-Center-Arbeit erzählt. Es ist zum…, ich muss mich beherrschen, aber es kann nicht sein…was ist dieses Gefühl der Schwere?

Mund ausspülen, Hirn reinigen. Nichts soll Verdruss so leicht verjagen wie ein herzliches Lachen. Über Gewaltverharmlosung kann ich aber selten lachen, selbst wenn sie als Satire etikettiert wurde und kläglich am eigenen Anspruch scheitert. Für schlechte Witze ist mir das zu nahe am Geschehen dran, erst einmal müssen aus der Tat, die Oscar Pistorius vorgeworfen wird, die richtigen Schlüsse gezogen werden. Aber war ich nicht eigentlich bei der Satire? Das hier fand ich erstklassig — bis ich sah, dass es keine Satire sein sollte. Und fort war sie, die gute Laune.

Dann gibt es noch Leute, die sich künstlich Gründe aus den Fingern saugen, um dem rundum fantastischen Raspberry Pi versteckte Kosten unterschieben zu können. Ehrlich, ein Monitor musste angeschafft werden? Gut, dass dem Sensationalismus oder auch Wahnsinn (bitte auswählen) schon Einhalt geboten wurde.

Für Merkbefreite (Überlegen wir mal, wer damit gemeint is), die sich eventuell noch ändern wollen, gibt es zum Abschluss die umfassende Darstellung zum #aufschrei. Ha, das war’s dann auch schon. Ich wollte ja gute Laune, Festlichkeit und all das, nur ließen sie mich nicht.

Depublica: Architeuthis

Das ZDF strahlte gestern meines Wissens die Wiederholung einer Anfang des Monats auf Spartensendern versendeten Dokumentation aus, die für mich aus vielen Gründen absolut sehenswert ist. Leider wird die Depublikation wohl zuschlagen Ende der Woche zuschlagen, weshalb ich hier gar nicht erst versuche, irgendwas aus der Mediathek einzubetten. Als Appetitanreger hier Ausschnitte aus der englischen Fassung:

Die Untiefen der Rechtslage in der deutschen Medienlandschaft, die zur Depublikation zwingt, sind reine Tortur, die Tiefen der Meere weit interessanter. Ich sah die Dokumentation nun zum zweiten Mal, sie wurde deshalb aber nur spannender. Das liegt an der Tiefseeforschung selbst, die kurze Einblicke in eine Welt abstrus erscheinender Lebewesen vermittelt, die von der Science-Fiction kaum überboten werden kann. Atemlos erzählte ich im Bekanntenkreis von der spannenden Suche, die in der Dokumentation festgehalten ist, die Suche nach Bewegtbildern von Riesenkalmaren.

Die gigantischen Kopffüßer sind der Stoff, aus dem reichlich Seemannsgarn gewoben wurde, doch von den Mythen befreit, sind diese Kalmare nicht weniger beeindruckend. Die Dokumentation hat also beste Voraussetzungen für spannende, populärwissenschaftliche Momente. Sie geht aber, das machte für mich den Reiz aus, noch weiter, da sie die Suche als leidenschaftliche, aber nicht manische Forschung eines internationalen Teams beschreibt. Dabei zeigt sich, was Wissenschaft auszeichnet: Versuche, Scheitern, Experimente, Forscherdrang, Denken und gerüttelt Maß Glück, im Sinne von Eingebung, nicht aber Zufall.

Die Dokumentation zeigt mustergültig, wie Erkenntnisgewinn erlangt werden kann. Wie Fortschritt entstehen kann, als Folge unzähliger kreativer Versuche, deren Scheitern selbst auch eine Erkenntnis ist. Das Team eint die Suche nach Architeuthis, dem Riesenkalmar, doch ihre Herangehensweise ist stets unterschiedlich. Eine Forscherin spekuliert darauf, dass die Riesenkalmare ihre Beute aufgrund ihrer Lichterspiele erkennen. Sie entwickelte eine künstliche Qualle, die dem irrlichternden Beuteschema der Kalmare entspricht. Mit Pheromonen versucht ein anderer Forscher die Riesenkalmare anzulocken. Gänzlich anders, aber von bestechender Qualität ist der Ansatz, nicht die Riesenkalmare selbst zu suchen, sondern sich im Dienste der Wissenschaft als Trittbrettfahrer an die eigentlichen Jäger der Kalmare zu heften. Eine Kamera wird einem Pottwal mittels Saugnapf auf die Stirn gesetzt und filmt eine Gruppe der Wale auf der Suche nach Architeuthis.

Dass die Suche am Ende erfolgreich ist, das ist für mich weniger spektakulär als der Einblick in die kreative Arbeit von Forscherinnen und Forschern. Das war ein wirklicher Gänsehautmoment.