Der Schwarm, die Intelligenz und das Wiederkäuen

Den Netzoptimismus kann ich mir nicht abgewöhnen, aber völlig mitgehen auch nicht. Nicht mehr. Ich schiebe es auf altersbedingte Misanthropie, die ich aus Sorge um meinen Ruf vorzugsweise als Realismus bezeichne. Soll heißen, der Glaube an die rosige Zukunft der Menschheit durch das Internet oder Technik ganz allgemein fiele mir deutlich leichter, wenn der Faktor Mensch nicht Teil dieser Rechnung wäre.

Es muss aber nicht immer eine pseudo-anthropologische Grundtendenz sein, die mich dazu bringt, den Fortschritt nicht mit jedem Startup einzuläuten, denn das Etikett Fortschritt verkauft ein Startup nun einmal teurer, selbst wenn der faktische materielle, ökonomische oder kulturelle Nutzen bei näherer Betrachtung unterhalb jeder Relevanz liegt.

Für mich ist Codecademy so ein Beispiel für die revolutionäre Geste der kostenlosen Bildung für alle, die bei Lichte betrachtet dem Vorschlag gleichkommt, Menschen die Liebe zur Kunst mittels Malen nach Zahlen nahe bringen zu wollen. Codecademy ist nicht gescheitert, denn das grundlegende Versprechen löst es ein: Menschen können die Grundlagen einiger essentieller Script- und Auszeichnungssprachen lernen. Hierzu stehen für JavaScript, Ruby, PHP, Python und andere vorgefertigte Kurse bereit. Als interpretierte Sprachen bieten sie sich geradezu an, da es vergleichsweise einfach ist, einen Editor und den jeweiligen Interpreter im Browser zur Verfügung zu stellen.

Die ersten Schritte bei Codecademy dürfte für Neugierige erstaunlich leicht nachvollziehbar sein. In diesen Bereichen ist Codecademy erstaunlich, könnte sogar Hürden einreißen oder so weit senken, dass sie nicht mehr abschreckend wirken. Danach wird die Luft aber wieder dünn, denn wenn die ordentlichen Pfade der größeren Lerninhalte begangen sind, ziehen neue Hürden auf. Es gibt keinen Fingerzeig über das mechanisch erlernte Wissen hinaus.

Die Idee ist blendend, das Lösungsmuster ist im Netz altbewährt. Der Schwarm wird es schon richten. Irgendwie, egal wie. Denn Codecademy hat nur ein klappriges Gerüst zusammenhängender Übungen mit etwas, das einem didaktischen Konzept ähnlich sieht. Darüber hinaus sollen Kurse von der Community erstellt werden. Selbst nach langer Zeit bei Codecademy verstärkt sich der Eindruck, das der Pflege der Kurse keinerlei Beachtung geschenkt wird.

So reihen sich dann von Laien verfasste Kurse aneinander, die inhaltlich entweder reine Lückentests sind, sodass höheres Verständnis kaum entsteht, geschweige denn, die Fähigkeit eigene Ideen umzusetzen, oder dieses Verständnis wird vorausgesetzt. Die Qualitätssicherung besteht bloß aus einer plumpen Sternskala zur Bewertung des Kurses und unübersichtlichen Foren, in denen sich die Stimmen der Verwirrten überschlagen.

Moderation oder gar Redaktion kann ein dermaßen irritierter Schwarm kaum leisten. Das Versprechen universellen Wissens verkümmert so zum Stimmengewirr des Halbwissens in der vernetzten Masse. Das heißt allerdings nicht, dass sie nicht möglich wäre, die vernetzte Bildung zu geringem Preis, doch sind die bisherigen Lösungsansätze der Startups – denn es ist nicht Codecademys spezifisches Problem – eher technokratischer Idealismus verbrämt mit dem Idyll der Weisheit des Massen.

Doch was ist es für ein Wissen, das in redundanten Aufgaben vermittelt wird? Bildung, selbst in der geringsten aller Definitionen, ist nicht die mechanische Reproduktion von Fertigkeiten. Dieses Bildungsideal ist allerdings metrisch wieder schwer zu greifen, da ist es doch besser, nur das Wiederkäuen von Informationen zu messen und als Bildungsleistung vorzugaukeln. Von dem Ideal der Bildung als befreiendem, befähigendem, ermächtigendem menschlichen Werkzeug ist das weit entfernt. Ingenieurswissenschaftlich betriebene Aufklärung ist das, mehr nicht. Schade, denn im Netz allgemein wie auch bei Codecademy sind wirklich fantastische Inhalte zu finden. Den Zugang hat das Netz erleichtert, das Finden ist noch immer die Herausforderung.

Platzhalter mit Mobiliar-Koitus

Ich bin mir selbst noch einen Text schuldig, in dem es um meine Erinnerung geht, wie ich mal einen Schwulen so sehr an den Rande des Wahnsinns mainstreamte, dass ich heute nur noch kotzen will. Leider fällt es mir schwer, die eigene Frist einzuhalten, weil in meiner Erinnerung so viele lose Gedanken angespült werden, dass ich absatzweise um das Thema herum schreibe.

Diese Anekdötchen muss ich aber aus dem Weg schreiben, um an den Kern zu gelangen. Es folgt nun also das unsortierte, fragmentarische Werk hinderlicher Gedankenbrocken.

Als Rosa von Praunheim bei Explosiv – Der heiße Stuhl die umstrittenen Outings vollzog, wurde meinem prä-pubertierendem Ich klar, schwul ist nicht bloß ein Schimpfwort, auf das nach dem sozialen Gesetz der deutschen Pausenhöfe damals mit selber doppelt schwul geantwortet wurde. Dieses Ich lernte, es gibt Menschen, die schwul und stolz darauf sind. Vor lauter Verlegenheit hat mein damaliges Ich sicher irritiert gelacht. Das konnte doch nicht wahr sein.

Auch mein pubertierendes Ich hatte keinerlei Probleme, den Spagat kognitiver Dissonanz zu vollführen, indem mein kleines Hetero-Dummerle-Ich sich weit größere Sorgen machte, als schwul tituliert zu werden, sodass der damit vollzogene Hirnfick gar nicht auffiel.

Erst viel später, also wirklich richtig viel später, betrat eine schon deutlich nachdenklichere Variante dieses Ichs den Fachschaftsraum und hörte nur: "Ehrlich, ich weiß nicht, warum sich alle so aufregen müssen. Wenn ich mir zwei Heten beim Geschlechtsverkehr vorstelle, gibt mir das so viel wie die Vorstellung von zwei übereinander liegenden Billy-Regalen." Dafür müsste ich eigentlich mal Danke sagen, denn spätestens da fiel mir auf, dass der Ekel vor Homosexualität mir jahrelang mühsam anerzogen wurde.

Les Misérables: Mehr ist eigentlich nicht zu singen

In meinem höchst selektiven Bücherregal klafft eine riesige Lücke genau dort, wo Victor Hugos Die Elenden Platz hätte. Ich machte mir keine Illusion, mit dieser Verfilmung des Musicals Les Misérables, das wiederum auf Hugos Roman beruht, die Lücke schließen zu können. Auch hatte ich mich, rückwirkend wirkt es fast schon fahrlässig, nicht ausreichend dafür gewappnet, eine solche Tortur durchstehen zu müssen. Tom Hoopers Verfilmung ist in vielerlei Hinsicht ein Affront aller menschlichen Sinne. Für Hugos Werk ist es aber die ultimative Vereinnahmung und Verletzung des literarischen Realismus, um den Hugo bemüht war, diesen Realismus durch im Grunge-Look verklärten Historienfilm-Prunk zu ersetzen.

Nichts gibt diese einfältige Geisteshaltung des Films so überdeutlich wieder wie Anne Hathaways zentrale Szene als Fantine. Hathaway ist über jeden Zweifel erhaben, hat also kaum nötig, so kakophon nach einem Oscar zu schreien, doch Regisseur Hooper bremst Hathaway nicht ein. Eine Schande, wenn solch ärgerliches Betteln um Anerkennung tatsächlich Gehör findet.

An aufgesetzten Momenten mangelt es in Les Misérables nicht, zu viele sind es. Und der Film will uns diese möglichst in schneller Folge in den Hals stopfen. Hoopers Hang zur Theatralik wird durch Danny Cohens invasive Bilder derart aufdringlich, der Film fühlt sich schnell nur noch nach teuer ausgestatteter Armuts-Pornographie an, der seinen Figuren stärker im Nacken sitzt als ihre bourgeoisen Häscher. Dabei erzählt Hooper in imposanten Bildungetümen eine Geschichte in zwei Stunden, die ebenfalls an die Vorwände einer Story in Filmen der Erotikbranche erinnert. Also auf einem Bierdeckel oder eben einem zweiminütigen Trailer Platz gehabt hätte.

Dazu passt auch, dass dieses Musical völlig fehlgeleitet mit Stars besetzt ist, also gehörige Schauwerte hat, aber keinerlei Interesse daran hatte, ob die Besetzung tatsächlich singen konnte. So trompetet eine Riege der bekanntesten Gesichter Hollywoods ein monotones Libretto in die Kamera. Dabei versingt sich die Dramatik, da sich das Thema nicht mit dem Konzept eines Musicals verträgt. Hunger, Armut und Leid lassen sich schlecht singen, das macht Les Misérables in beinahe drei Stunden überdeutlich. Mit jedem Ton löst sich die emotionale Bindung zu den Figuren auf, die ohnehin schon unter der plakativen Seichtigkeit des Drehbuchs leidet.

Allein Sacha Baron Cohen trifft zwar gesanglich auch keinen Ton, doch aber den des schmierigen Opportunisten, den er spielt. Doch Sacha Baron Cohen kann in seinen wenigen Momenten nicht die aufgesetzte Ernsthaftigkeit sprengen, die Hooper und der Darstellerinnen und Darsteller dem Film aufzwingen. Les Misérables.

Knights of Pen & Paper: Mach eine Probe gegen Glück oder zahle

SPIELLEITER: Vor euch türmt sich ein Rechteck auf das andere, ihr wollt euren Augen nicht trauen, denn mit einem Mal bilden die Rechtecke das sagenumwobene Land von Pixelia…

NERDICERON: 8 Bit oder 16 Bit?

SPIELLEITER: Seit dem letzten Update durch die Erzmagier von RGB erreicht Pixelia eine theoretische Farbtiefe von weit über 281 Millionen, quatsch, Billionen Farben. Das bringt euch aber gerade etwas wenig.

FONDOR: Ist halt nur theoretisch, ne?

SPIELLEITER: Nein, ihr steht mitten in einer Höhle, die sich gebildet hat. Und es gibt keine Lichtquelle.

FONDOR: Fantastisch.

NERDICERON: Ich mache Licht. D6 plus mein Wert in helle Magie, also 3. Macht, *würfel*, 4 plus 3 sind 7.

SPIELLEITER: Über euch steigt eine Kugel grellen Lichts auf, sie erhellt die Höhle. Etwa zwei Schritte von euch entfernt wacht ein gigantischer Höhlentroll auf. Er reibt sich zwar noch den Schlaf aus den Augen, doch sein markerschütternder Schrei verheißt nichts Gutes.

NERDICERON: Ich mache das Licht wieder aus.

SPIELLEITER: Es ist wieder aus. Es gibt einen Schlag, es klingt als würde eine Wassermelone am Boden platzen. Wenn’s nur eine wäre, aber es war Fondor, dessen Überreste nun in der Höhle verteilt wurden. Sei froh, dass du es nicht ansehen musst.

NERDICERON: Na großartig. Was jetzt?

SPIELLEITER: Für einen Euro kannst du den Geist von Freemium um Hilfe anbeten? Willst du?

NERDICERON: Ne, keinen Bock mehr auf Knights of Pen & Paper. Gute Idee, aber scheiß auf Freemium.

Granny Smith: Omi, schnapp sie dir!

Das hatte ich nicht erwartet. Eine rüstige alte Dame auf Rollschuhen jagt einem Bengel hinterher, der ihr die Äpfel aus dem Vorgarten stiehlt. Dabei zieht die erstaunlich agile Granny Smith eine Schneise der Verwüstung durch die Gärten. Und die Gewächshäuser. Und die Wohnsiedlung. Durch die Stadt. Über Berg und Tal führt sie die Rettung der Apfelernte, sie macht dabei wirklich keine Gefangenen. Es braucht eine Weile, bis die Augen sich daran gewöhnt haben, die blitzschnelle Alte durch Hausdächer Salti schlagen zu sehen. Granny Smith klingt nach Ruhestand, Schnabeltasse, Bingo-Abenden oder Rollatoren, die alten Knochen dieser Frau sind aber noch lange nicht müde. Im Gegenteil ist es eines der rasantesten Physik-Rennspiele unter iOS, das mir bisher untergekommen ist.

Schon etwas länger ist das Spiel erhältlich, hat es mich aber erst jetzt voll erwischt. Es ist schnell, spannend und wahnwitzig turbulent. Jeder Level ist eine wilde Achterbahnfahrt, die anfänglich übersichtlichen Level werden deutlich komplexer, verlieren aber gerade nie das Tempo aus den Augen. Denn die Geschwindigkeit und die präzise Physik sind Kernstück von Granny Smith, es ist eine thematisch eigenwillige Melange aus einer fordernderen Tiny Wings-Variante und den legendären 2D-Sonic-Titeln aus seligen Master System-Zeiten. Der Apfeldieb ist dabei eine hervorragende Herausforderung als Konkurrent im Rennen um die Äpfel., der ein wenig mehr Zeitdruck ausübt, aber weit natürlicher wirkt als sinnlose Zeitlimits. Außerdem macht es Spaß, dem Lausbub bei voller Fahrt eins mit dem Gehstock überziehen zu können.

Granny Smith ist kein Quell innovativer Spielelemente, kann für mich aber als mustergültiges Beispiel für geschliffene Indie-Spiele herhalten, die bekannte Konzepte aufpeppen. Zwar ist das nicht nur mir allein verhasste Schema der drei Sammelgegenstände vorhanden, das auf Mobilgeräten zur Plage wurde, um künstlich etwas mehr Spielzeit herauszuholen, ohne noch mehr Level designen zu müssen. Störend ist dies aber doch nur dann, wenn die Massenware eintönige Level damit in die Länge zieht. Aber Granny Smith ist genau das Gegenteil dessen. Pfiffige Level, eine anständige Präsentation und eine grundsympathische, unvermutete Heldin. Ich kann einfach nicht anders, ich feuere die Gute an, sie ist einfach zu lustig. Ein reinstes Wohlfühlspiel.

Der Reader ist tot, lang lebe der Reader

Anfang März erreichte mich die Botschaft, der Reader werde dieses Jahr eingestellt. Die Begründung dafür klang auch einleuchtend: Der Aufwand lohne sich bei der geringen Anzahl aktiver Nutzerinnen und Nutzer schlicht nicht. Bald schon solle Schluss sein, weshalb ich meine Feeds bei Bedarf sichern solle. Diese kurze Mail war für mich kein Schock, machte mich aber nachdenklich, wann ich das letzte Mal diesen Reader benutzt hatte. Es muss schon lange her sein, vor meinen Augen entstand kein Bild mehr aus der Erinnerung. Da geht wieder ein Reader dahin. Hinter dem großen Raubtier blieb in der Fressordnung kaum noch etwas für die kleineren übrig. RSS-Reader sind schon vor langer Zeit zur Monokultur verkommen, da machte ich mir nichts vor.

Aber ich konnte ganz gut damit leben, solange die Bestie Google Reader mir noch ein paar Brocken vor die Füße warf. Da kümmerte es mich nicht, von der Einstellung des Simplenews Readers zu hören, es war der Lauf der Dinge. Der kleine Konkurrent konnte untergehen, das störte mich kaum, war es doch auch der Beweis der Stärke des Riesen. Ja, Anfang März war es noch völlig unvorstellbar, dass der Reader jemals etwas anderes meinen würde als den Feed-Aggregator von Google. Bis gestern Nacht die ersten Klagen aufkamen. Heute Morgen war es endgültig Gewissheit:

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Die Begründung für diesen Schritt liest sich fast genau so wie beim sehr viel kleineren Konkurrenten: Schwindende Nutzungszahlen, Aufwand zu groß ohne Ertrag, konzentrieren uns auf wichtigere Dinge. Und da war sie wieder, diese Stimme, die unbeirrt flüstert: RSS ist tot. Aber kann das sein? Wie kann, ganz laienhaft gesprochen, ein so simples und effizientes Markup wie RSS so kläglich scheitern, dass sich die Verbreitung in der breiten Öffentlichkeit so nicht einstellen konnte? RSS-Reader machten für mich das individualisierte Nachrichtenprogramm möglich. Schund neben Kunst, Sex zusammen mit Prüderie, Nippes und Hippes, es war aber immer gerade das, was mich interessierte. All das ist nicht tot, es wird im Hintergrund noch genutzt werden, davon gehe ich aus. Die Massentauglichkeit ist für RSS aber nun endgültig zu den Akten gelegt. Aber das ahnte ich schon immer.

Fernab dieser Bedenken war der Schock für mich auch nicht verwunderlich. In der Zeitrechnung des Netzes ist Google Reader ein Dinosaurier, der viele andere Anwendungen kommen und wieder gehen sah. Mein Vertrauen in den Reader beruhte auf dieser impliziten Ewigkeitsklausel, die er ausstrahlte. Vielleicht war es nicht massentauglich, aber der Reader würde bleiben, das ließ ich mir von gegenläufigen Indizien wie der nachlassenden Pflege durch Google nicht verderben. Ich brauchte den Reader, also schuf ich eine prächtige kognitive Dissonanz, in der Google Reader ewig währte. Die Meldung vom Aus riss mich aus der verzerrten Welt, ich landete hart auf dem Boden der Tatsachen. Es tat aber nicht so weh wie die Frage, was nach dem Google Reader kommen würde.

Dann fiel mir wieder ein, warum ich mich damals bei bei Simplenews angemeldet hatte. Und bei Bloglines auch, bei Netvibes und vielen anderen. Ich hatte gefühlt alle Reader schon probiert, einige waren richtig gut, wurden aber eingestellt, weil Google Reader als kostenloser Dienst von Google kleinen Entwicklern Ketten um den Hals legte, an denen sie meist recht schnell erstickten. Ich landete immer wieder bei Google. Aber hieß das nicht auch, dass ich immer auf der Suche nach einer Alternative war? War der Google Reader nicht schon seit langer Zeit ein Dorn in meinem Auge?

Ja, der Google Reader war zu gut, um ihn zu verlassen, bereitete aber auch immer Kopfschmerzen und ein komisches Gefühl im Magen. Und genau das fiel mir im Laufe des Tages wieder ein, ich wollte immer schon weg, konnte aber aus Gewohnheit nicht. Jetzt geht es nicht mehr anders, Alternativen müssen her. Und war das nicht der Grund, warum ich überhaupt so viel Software ausprobiere? Ich finde jeden Tag haufenweise vielversprechende Anwendungen, probiere einige, kaufe manche. Der Spaß liegt im Finden von guten Tools. Ab 1. Juli werde ich spätestens wieder reichlich Grund für die Suche haben. Und bis dahin werden sicher noch neue Apps aufkommen, denn der rücksichtslose Fleischfresser ist dann nicht mehr.

Solar: Ein Blick in die Zukunft des Wetters

Die kleine App Solar ist das Gegenteil von all dem Bloat, Solar zeigt das Wetter. Punkt. Das war’s dann schon. Dieses peinliche Video wird der eleganten App aber nicht gerecht.

Warum Wetter-Apps anscheinend hoch im Kurs stehen, wird mir wohl ewig ein Rätsel bleiben. Ich will doch bestenfalls kurz nachschlagen, wie sich das Wetter entwickeln wird. Solar kommt mir mit seiner sparsamen Funktionalität entgegen. Es sind nur wenige, aber diese Funktionen sind so schön umgesetzt, ich hätte es kaum für möglich gehalten. Solar startet direkt in die Tagesansicht. Mit einer Wischgeste nach unten ziehe ich eine Drei-Tage-Vorschau ins Sichtfeld, nach rechts oder links wischen führt mich zu weiteren Orten, die ich eingestellt habe. Im Grunde war es das dann auch schon. Wenn da nicht diese prächtige, stufenlose 24-Stunden-Vorschau wäre. Mit einer Geste nach oben gewischt, spult Solar in die Wetter-Zukunft, zeigt, wie sich Wetter und Temperaturen ändern können. Solar hat nur diesen einen Trick, doch war der Wetterbericht nie so schön wie hier.

Pillboxie: Digitale Pillendose mit Leck

Wenig bis gar keine Aufmerksamkeit widmete ich der Kategorie Medizin. Nun aber doch, da einige der Tiere im Haushalt ordentlich mit Medikamenten versorgt werden müssen. Um nicht durcheinander zu geraten, beschaffte ich mir eine digitale Pillendose. Pillboxie heißt die App und ist so nützlich wie einfach. Hat aber auch einen Haken.

Vor allem geht es mir darum, die Medikamente für die Tiere unterscheiden zu können. Also habe ich jeden Nager in Pillboxie als Patienten angelegt, das schafft schon einmal Übersicht, da ein gute Auswahl an Bildern für Tabletten, Pillen, Tropfen und andere Verabreichungsarten enthalten sind. Wichtiger ist aber das Notizfeld zum Verwendungszweck und der Dosierung, denn gerade bei den überaus empfindlichen Nagetieren bedeutet eine unbeabsichtigte Überdosierung leider allzu oft das Todesurteil. Pillboxie trennt Patienten, Medikamente und Dosierung übersichtlicher voneinander und macht für mich damit die Verabreichung der richtigen Medikamente an die kleinen Patienten leichter und sicherer. Die zusätzliche Erinnerungsfunktion, die obendrein tatsächlichen Pillendosen nachempfunden ist, funktioniert zuverlässig.

Nun sind Art oder Gattung der Patienten Pillboxie glücklicherweise gleich, sofern es sich dabei um Menschen handelt, darf der Datenschutz aber nicht unter den Tisch fallen. Pillboxie bietet zwar reichlich Einstellungen, um den Zugriff auf die Patienten- und Medikamentendaten sowie die Verabreichungshistorie über die GUI einzuschränken. Eine PIN-Eingabe kann als obligatorisch eingestellt werden, die graphische Oberfläche ist dann auch erst einmal vor unbedarften Zugriffen sicher. Genauso bietet Pillboxie einen Datenexporte an, bei dem sensible Daten ausgespart werden, sofern dies gewünscht ist. Dennoch täuscht dies über wichtige Sicherheitsaspekte hinweg, bei denen es bedauerlicherweise nicht mehr so gut aussieht.

Ein Ausrufezeichen ist hinter der dürftigen Absicherung der Daten auf dem Speicher des iOS-Gerätes selbst zu machen. Alle Daten liegen nicht in verschlüsselter Form auf dem Gerät, sie sind lediglich in einer Datenbank abgelegt, die keinerlei Zugriffsbeschränkungen unterliegt*. Damit erfüllt Pillboxie leider nicht die für professionelle Arbeit nötigen Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz personenbezogener Daten. So juristisch sich das anhört, es muss gesagt werden, dass sich nach meinem Kenntnisstand alle Benutzerinnen und Benutzer im Klaren sein müssen, dass sämtliche gespeicherten Daten von Pillboxie auch für Laien mit nur geringem Aufwand zugänglich sein können.

Die App ist ansonsten eine verlockende, aber unter Datenschutzaspekten nicht zu empfehlende Anwendung. Für meine Zwecke ist dies weit weniger problematisch, da ich meinen tierischen Patienten zwar eine Vielzahl an Rechten zugestehe, aber keinen Sinn darin erkenne, ihre medizinischen Daten als hochsensibel einzuschätzen. Bei Menschen ist das tatsächlich mal ganz anders und sollte vor dem Kauf dementsprechend berücksichtigt werden.

* Nach heutigem Stand gilt für Version 2.6: Im Detail ist es eine übersichtliche SQLite-Datenbank, die in keinster Weise zugriffsbeschränkt ist oder anonymisierte oder codierte Datensätze enthält. Gängige Dateimanager für iOS-Geräte und ein SQL-Browser reichen bei direktem Zugriff auf das Gerät völlig aus, um alle Daten lesen, schreiben oder anderweitig verarbeiten zu können.

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In Super Hexagon lässt sich ein System erkennen, eines, das gelernt werden kann? Das kann und will ich nicht glauben. Mein panisches Manövrieren muss der Königsweg zum Hexagon sein. Geht nicht anders.

Aus dem Gruselkabinett habe ich noch die folgende Überleitung: Aus dem digitalen Spielen wird schnell Ernst. Google Glass ist so eine Technik, die erst Begeisterungstürme auslöst, auf halbem Weg aber als kalter Schauer über den Rücken läuft. Bei genauerer Betrachtung ist es eine egoistische Technologie. Vor dem fiktiven Auge von Mordor lernen wir, uns zu fürchten, die Augen Googles setzen sich Menschen freiwillig auf die Nase, um das totgeschwiegene Feature der Alltagsüberwachung auf andere Menschen anwenden zu können. Wessen sollten wir uns redensartlich noch einmal erwehren?

Und vom Ernst wieder zurück zu den Spielen. Also mit einem Überleitungs-Rückpass zu den Tropes vs Women in Video Games, da habe ich doch glatt einen Haufen plumper Evo-Psych, die schnippisch wird. Dagegen macht mich dieses Video, das völlig on-topic ist, absolut glücklich. Hier noch Hintergründe zum Video.

Das war ein klarer Win, für die Loosr halte ich von dem bei mir liebevoll geringgeschätzten Angeboten auf xxx.net ein weiteres trauriges Kapitel deutsche Psychiatrie bereit: Xx xxxxx xx xxxxx, xx Xxxx xxx xx Xxxxxx.
Ohne schlechte Überleitung dann noch ein Artikel, der die Runde vor Monaten machte, hat mich aber erst diese Woche erreicht und völlig aus der Bahn geworfen: I am Adam Lanza’s Mother.

BONUS-LINKS:

Merke gerade, meine Resterampe in der Leseliste ist mir noch zu hoch, Zeit und platte Überleitungen gehen aber zur Neige. Also, meine Damen und Herren, heute ist Winterschlussverkauf hier bei kultprok. Es gibt inflationäres "Nazis raus"-Gegröle bei Frei.Wild-Hirnfick-Konzerten. Aber damit war’s das noch lange nicht, liebe Frau. Sie sehen etwas erschöpft aus, wollte der werte Gatte nicht eigentlich auch an der Arbeitsteilung mitwirken? Hach, Familie, kultprok lässt sich nicht lumpen, wir legen einfach noch einen falschen Sohn dazu. Und wem das nicht reicht, sei gesagt, wir haben da noch etwas in der Hinterhand: Netzwerken ist heutzutage ja so wichtig, Fremdsprachen auch. Gut, dass wir jetzt wissen, wie viele verschiedene englische Tweets möglich sind. Bei diesem Angebot müssen sie zu schlagen, da werd‘ ich verrückt und Hunde moralisch. Nicht? Hier, der Unterschied zwischen offen und geschlossen. Wirklich offen?

Revolution und der Aus-Knopf

Dreht mir irgendein ein Serien-Hipster-Hormon gerade die Bewunderung für J.J. Abrams ab? Fast scheint es so, denn die letzten Monate veranlassten einen Stimmungswandel bei mir. Die messianische Verehrung von Abrams als alleinigem Retter der Science-Fiction-Seelen in Film und TV will ich nicht mitgehen. Denke ich etwas darüber nach, erscheint Abrams mehr ein Produzent zu sein, der nach dem Gießkannenprinzip Serien und Filme mit übernatürlichem oder außerweltlichem Dreh unters Volk bringt. Es ist immer was Gutes dabei, selten aber vollends Überzeugendes. In der letzten Zeit mehren sich auch noch die offenkundigen Gurken, selbst wenn auch ich noch an die Marketingslogans und die Trailer glaubte, die bei Abrams-Produktionen aber meist schon das Beste an allem waren.

Anfang dieser Herbstsaison war die Auswahl so schwach, die von Abrams produzierte Serie Revolution schaffte es noch unter die Spitzenplätze der von mir erwarteten Serienstarts. Nach wenigen Monaten hat sich das drastisch geändert. Mit Grausen denke ich an diese Serie, deren Gestank nun allmählich aufsteigt. Nach allem, was ich weiß, gelesen und gesehen habe, kriege ich Schüttelkrämpfe, wenn ich nur daran denke, wie oberflächlich dieses post-apokalyptische Szenario zu sein scheint. Intellektuell wird Revolution eine Katastrophe, die nur in amerikanischen Urängsten konservativ-konspirativ-eigenbrötlerischer Hinterwäldler rührt. Es stinkt nach Verschwörungsängsten der Truther und sieht nach plattem US-Freund-Feind-Schema aus.

Poe’s Law mag noch erklären, warum zum Beispiel zwei Nasen wie die folgenden die Revolution zum Anlass nehmen, ihre halbgaren Verschwörungstheorien an der Serie abzuarbeiten. Wenn eine die Serie dann aber wirklich nur die Paranoia eines NWO-Honks anfacht und das Gestammel eines zu nah am Wasser gebauten, aber mit Sicherheit schon über die lunatic fringe gesprungenen Preppers hervorbringt, mache ich mich auf etwas gefasst. Packt die Aspirin aus, die Aluhüte kommen. Da verstehe ich doch den Aus-Knopf im Schriftzug von Revolution als Imperativ.