Linkgebliebenes 25

Zu viele Dinge, ich muss sie mal hier abladen.

Unfassbar. Das war nur ein Teil meiner Leseliste.

Es gibt einen Topf juridischen Golds am Ende des Regenbogens

Aufgrund vieler einzelner, doch folgenreicher Ereignisse der letzten Wochen wurde mein Antiamerikanismus befeuert, den ich so gar nicht aufbranden lassen will.

Gut, dass ich nun auch wieder reichlich Gegenmittel habe. Es wird meine Kritik nicht schmälern, aber den Blickwinkel endlich wieder begradigen helfen.

Pool Champions: Show weg

Wasser. Da gibt der deutsche Sprachschatz redensartlich vielerlei her, doch es ist mir zu verlockend, auch nur eine der Redensarten zu bemühen. Es reicht allein ein Wort für die von RTL am Freitagabend ins Programm gehievte Show Pool Champions – Promis unter Wasser: Katastrophe. Eine uneingeschränkte. Unter den Shows, in denen RTL mit schöner Regelmäßigkeit und Menschenverachtung den restlichen Ruhm der Z-Prominenz verbrennt, bleibt Let’s Dance die Ausnahme, wohl weil die Verantwortlichen des Senders im Tanzwettbewerb aus unerfindlichen Gründen eine Herabwürdigung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer erkennen, die nicht vorhanden ist.

Aber schon bei den Pool Champions zeigt die Senderhülse aus Köln wieder ihr verzerrtes Menschenbild. Formal lehnt sich die neue Sommerloch-Show beim Sendeplatzvorfahren Let’s Dance an. Die prominenten, aus Gründen der Einfachheit verwende ich den Begriff mal locker, Wassersportler treten in einem Wettbewerb gegeneinander an. Zunächst buhlen sie um die Noten einer ebenfalls unter erweiterten Kriterien zustande gekommenen Fachjury, letztlich aber um die Gunst des Publikums.Da fangen die Probleme schon an.

Die bemühte Jury sorgt sich nicht um Kohärenz, verteilt lieber unverblümt Noten nach dem Gießkannenprinzip. Schon in der ersten Sendung betrieben sie eine Inflation bei der Notenvergabe. In Let’s Dance nötigt die Jury seit jeher zu steter Verbesserung. Eine Note hat ihren hohen Preis, sie ist nicht für bloße Anwesenheit zu haben. Nicht so bei Pool Champios. Als Sieger des Abends darf sich gerade die Person fühlen, die ihre Missachtung der Show und ihrer Regeln offenherzig zur Schau stellt. Der wüste Sprung ins Wasser war aufschlussreich unter Gesichtspunkten der Schwerkraft interessant, mit aller vorgeschobenen Sportlichkeit aber hatte es nicht einmal entfernt zu tun. Dennoch wurde der Wagemut mit der Höchstnote bedacht. Als Trainer der Prominenten dürften sich manche fragen, wofür sie überhaupt Zeit investieren, wenn es letztlich nicht auf die sportliche Leistung ankommt.

Die Show spult einen zotigen Individualismus ab, der nicht die Geschichten von Ehrgeiz, Überwindung und Leidenschaft erzählt, die Let’s Dance so besonders machen. Einspieler zu den Prominenten bemühen sich darum, jede Kontur vermissen zu lassen. Bei dem Moderatorenpaar ist es ähnlich. Sie buhlen um die Aufmerksamkeit für ihre billigen Kalauer, die sie monoton auswendig wiedergeben. Ansonsten grinsen sie lediglich den Tätigkeitsnachweis ihrer Dentisten in die Kamera, wenn sie die Prominenten aus dem Becken gezogen haben, um sie mit Lob zu überschütten.

RTL ist es mit beneidenswerter Konsequenz gelungen, die eigene Verachtung für das Fernsehen und die Menschheit an sich in eine Unterhaltungssendung zu transferieren, die auf einem Niveau stattfindet, dessen eskapistischer Wert ungefähr eine ebenso gute Laune hinterlässt wie die thematisch entfernt verwandten Sondersendungen zum mitteleuropäischen Hochwasser. Ohne allerdings durch einen Nachrichtengehalt gerechtfertigt zu sein. Stattdessen vermittelt der Sender mal wieder das Gefühl, die Fluten gleich selbst auslösen zu wollen, wenn er denn dürfte, weil das Desaster so besser zwischen Werbeblöcke geschoben werden kann. So zynisch muss man auch erst einmal werden.

Where’s my {Franchise}?

Letzte Woche habe ich noch den Einfallsreichtum der ‚Wo ist mein‚-Reihe gelobt, nun steht der dritte Titel an. Es zeigt sich, Disney möchte die Spiele nun zu Tode reiten. Nicht mal Wein, sondern Wasser wird in neue Schläuche gegossen. Dann noch kurz die Charaktere austauschen, schon kann ein neuer Titel an den Start.

Jetzt also das Flaggschiff Disneys. Die Maus wird in einen haarsträubenden Vorwand geschmissen, um Wasser zu brauchen, dass es förmlich wehtut. Aber das war bei den Spielen um Swampy und Perry auch schon so. Doch der für mich wesentliche Punkt, das Leveldesign, zeigt hier endgültig Abnutzungserscheinungen. Nicht dass sie ideenlos sind, doch so originell wie in den Vorfahren ist es nicht mehr. Seltsam vertraut sind die meisten der sechzig Level. Das Konzept scheint ausgereizt, sodass entweder nur die Flucht ins Absurde oder in die Wiederholung. Die Wiederholung erhielt den Zuschlag.

Auch scheinen die Ideen auszugehen, was die Werkzeuge und Mechanismen angeht. Lediglich ein neues.Konzept wird eingeführt. Wasser kann nun in Wolken gesammelt werden, um dann durch umgeleiteten Wind im Raum zu bewegen. Das ist deutlich weniger als in anderen Teilen der Serie. Lustig, aber au h manchmal unausgegoren sind die Bonuslevel. Wolken müssen dabei vereint werden, was letztlich eine Variante von Osmos ist. Und wenn ich es mir recht überlege, die Wolken hat es auch schon in Lost Winds gegeben.

Einige technische Schwierigkeiten drücken meine Eindrücke auch noch einmal nach unten. Abstürze und Lags kamen vor. Where’s my Mickey ist ein brauchbarer Klon besserer Vorgänger. Viel zu kurz und vor allem viel zu berechnend in seiner Melkkuh-Attitüde.

Dots: Punkt, Punkt, Komma, Strich — jetzt mit In-App-Purchase

Was haben alle gerade mit Dots? Ich verstehe es nicht, dieses It-Spiel. Also, ich verstehe die Mechanik: Kleckse auf Zeit verbinden, um Punkte zu sammeln. Ich verstehe nur nicht, was daran besonders sein soll.

Es ist ein minimalistisches Spiel. Wäre ich schlechter gelaunt, ich würde es als ebenso flach wie das modische Design bezeichnen. Aber so weit muss ich gar nicht gehen. Es ist ein kleines, hübsches Spiel, das seinen einzigen Reiz leider mit viel zu mächtigen In-App-Purchases verkauft. Das war es auch schon. Nächsten Monat wird ein anderes Spiel mit Flat-UI auf die iOS-Geräte gejubelt, das auch wieder nur eine gute Idee ist. Mehr aber nicht.

Databin: Tabellen für Freunde

Wenn mir der Schweiß nicht auf der Stirn stünde, ich würde mehr zu Databin schreiben. Ich befürchte ja, was da verdunstet, ist Lebenskraft, nicht Wasser. Was wollte ich sagen? Ja, genau: Databin ist ein kleines Örtchen, an dem schnell mal Tabellen abgeladen werden können, die ins Silo rauschen und sofort in ganz brauchbare Form fallen. Ich weiß auf jeden Fall, wofür so was gut sein kann.

databin_screenshot

Ich darf sogar an nichts rummeckern, denn der Quellcode liegt hier, und da es im hübschen Python daherkommt, ist zumindest nicht ausgeschlossen, dass ich es an meine Bedürfnisse anpassen könnte. Pastebin für Daten ist ein schöne Sache. Aber jetzt: Eisdusche.

Linkgebliebenes 24

Ach, wenn’s so weit ist, sind wir alle.schon lange nicht mehr da.

Copyright-Trolle finden sich überall. Sollte es sich bewahrheiten, das Copyright für ‚Happy Birthday‘ tatsächlich schon verfallen sein?

Die rassische Symbolik ist mittlerweile so dick aufgetragen, sie quillt zu allen Seiten raus. Game of Thrones ist fantastisch, doch der eklatante Chauvinismus ist störend.

Dies bigotten Konservativen, diese bigotten Konservativen, diese bigotten Konservativen, diese bigotten Konservativen…

Prophylaktische Strafverfolgung. Das klingt schon nach Gänsehaut. Wird auch nicht besser.

Welch Ironie. Wenn es nicht so traurig wäre. Sollte es tatsächlich so kommen, dass ein Hacker eine höhere Haftstrafe erhalten könnte, als die Vergewaltiger, die er enttarnte.

Das diese alte Schutzbehauptung noch zieht. The sexism it burns.

Und auch aus der Geek-Kultur schlechte Neuigkeiten.

‚Sprachreiniger‘ sind so leblos wie die Sprache, die sie fordern. Andere Spießbürger haben Stöcke dort, wo die ‚S9yprachreiniger‘ sich ein Kompendium zur Orthographie hingeschoben haben.

Es ist naheliegend, kann aber nicht oft genug betont werden. Alle Vorstellungen einer Meritokratie sind im besten aller Fälle ein fehlgeleiteter, unterkomplexer Begriff sozialer Auslese; meist aber doch nur eine Nebelwand, die irrationale soziale Selektion legitimieren soll. Nach innen wie außen.

Exklusionismus für die Macher, die Gott gewordenen Silikonen.

App.net und die soziale Selektion: XOR

Ich mag app.net. Wirklich, mit jedem Tag etwas mehr. Es ist voller Menschen, mit denen ich gerne kommuniziere. Ob nun in Alpha oder Patter. Es bilden sich dort Zirkel, in denen meine Interessen konzentriert sind. Allerdings erhält in manchen Fällen diese Konzentration von in weiten Teilen gleichgesinnter Menschen den bitteren Beigeschmack, den es überall gibt, wo Menschen zusammenfinden. Ihr sozialer Mechanismus der Gruppenzugehörigkeit driftet ab. Exklusionistische soziale Selektion findet statt.

Soziale Selektion: XOR

Ein gewisser Teil der Nerdkultur hat keinerlei Schwierigkeiten mit Logikgattern, tut sich aber sehr schwer damit, ähnliche Muster in sozialen Situationen zu erkennen. Um nicht völlig vom Thema abzukommen, unterscheide ich mal zwei Wege, wie sich soziale Gruppen bilden. Sehr vereinfacht finden sich Menschen über Gemeinsamkeit oder Abgrenzung. Beide überschneiden sich oft, sodass sie sich zum Verwechseln ähnlich sehen. Sie sind ihrem Wesen nach aber unterschiedlich.

Der inklusionistische Mechanismus funktioniert über gemeinsame Interessen, Ideen oder Normen. Im Kern steht dabei die Gemeinsamkeit des sozial bindenden Mechanismus. Menschen finden bei aller Individualität um ein sozial bindendes Element herum zueinander. Allein der Umstand des Teilens und der gemeinsamen Teilhabe qualifiziert innerhalb der Gruppen. Unabhängig von anderen Interessen finden sie in einer sozialen Nische zusammen und sind über Ähnlichkeit an und in ihr gebunden. Der exklusionistische Ansatz scheint ähnlich gelagert, hat aber einen feinen Unterschied: Die Gemeinsamkeit der beteiligten Personen besteht darin, explizit nicht einer anderen sozialen Gruppe zugehörig zu sein. Ein Entweder-Oder, das soziale XOR. Primäres Qualifikationsmerkmal ist die Nichtzugehörigkeit zu einer anderen Gruppe. Die Verflechtungen sind komplex, Details blende ich deshalb aus. Wesentlich ist erst einmal der Unterschied, dass Inklusion weit weniger soziale Kollision meint, während Exklusion gerade darauf basiert.

XOR bei app.net

Vorweg noch einmal, ich spreche hier nicht von einem Massenphänomen bei app.net. Aber von einem hinreichenden, das es alles andere als eine Marginalie ist. App.net ist schon jetzt vielfältiger als gemeinhin wahrnehmbar. Alleine schon, weil ich hier größtenteils über den deutschsprachigen Teil des Netzwerkes spreche, den ich überwiegend sehe. Entlang vieler Grenzen ist app.net schon oder noch immer eine selektiv begrenzt. Aber nicht im exklusionistischen Sinne.

Von Beginn an hat sich aber app.net von Twitter abgegrenzt, auch wenn die Unterschiede größer sind. Dennoch hat sich unter den Nutzerinnen und Nutzern ein gewisser Status etabliert, der mit der reinen Zugehörigkeit zum Netzwerk verknüpft ist. Auch das ist so weit noch nicht exklusionistisch, denn wer erst einmal dabei ist, ist dabei. Das XOR kommt aber vor, wenn eine gewisse Verachtung gegenüber Twitter ausgedrückt wird. Auch ich hatte meine Gründe, Twitter zwar nicht den Rücken zu kehren, doch aber eine weitere soziale Gruppe zu finden. Dementsprechend habe auch ich über Twitter geflucht, wohlgemerkt über den Dienst, nicht die Nutzerschaft. Andere aber, wenige aus meiner Wahrnehmung, scheinen ihre eigene soziale Wunschvorstellung auf app.net übertragen zu wollen, indem Nutzerinnen und Nutzer bei Twitter pauschal disqualifiziert und diskreditiert werden. Ein anschauliches Beispiel war die kürzlich aufgeflogene Aktion, gewisse Nicknames von Twitter in app.net zu besetzen. Das ist insofern ärgerlich wie es naiv ist. Als ob sich diese Personen davon abhalten ließen, sie können ja noch Varianten der Nicknames nutzen. Aber zum Beispiel diese Beschreibung aus einem in Beschlag genommenen und inzwischen gelöschten Account sagt mehr aus:

i hate [USERNAME*]  from twitter and don’t want her here. this is why this account name is taken.

Es mag nur eine Person gewesen sein, die diese Motive hatte, doch für mich ist sie ein Produkt eines gewissen Statusdenkens. Wer derzeit bei app.net ist, wird sehen, dass subtile Selektionsmechanismen auf eine Exklusion ausgerichtet sind, die langfristig nur app.net schaden können. Meist sogar nicht mit böser Absicht tritt dieser Effekt auf, aber genau das ist die fatale Wirkung dieser Form sozialer Selektion. Und genau das sollte nicht der Zweck sein.

Soziale Vielfalt

All diejenigen, die wie ich gerne app.net nutzen, haben ein Interesse an einer Verbreitung des Dienstes, wenn auch allein nur, um ihn wirtschaftlich am Leben zu halten. Damit geht aber auch eine notwendige oder immerhin nicht vermeidbare Verbreiterung der Nutzerschaft einher. Im Sinne der Filtersouveränität obliegt es uns allen, wie wir mit Störsignalen umgehen. Aber das XOR einer rein thematisch, ideologisch oder auch subkulturell gefilterten Nutzerschaft ist mir zuwider. Über die kleine Blase, die wir als Einzelne im Netzwerk darstellen, bestimmen nur wir. Richtig. Darüber hinaus finden sich diese Blasen zu größeren zusammen wie es ihnen beliebt. Inklusionistisch im besten Falle. Wer nicht übers Stricken reden will, soll es auch nicht müssen. Wer keine Gadgets hat, darf sich raushalten. Und wer jeden Abend ein Gute-Nacht in die Timeline ruft, soll dies tun. Jedes dieser Themen hat seine Berechtigung. Auch auf app.net.

* Der Username tut hier nichts zur Sache. Anm. d. Verf.

Wo ist meine Zeit?

Jetzt dürfen alle wieder aufheulen, denn meine Zeiten als Coregamer sind wohl vorüber. Ich zocke ja nur noch casual. Und warum ich zu Wo ist mein Wasser? überhaupt noch Worte verliere?

Ganz richtig. Eigentlich ist dazu nicht viel zu sagen. Außer vielleicht, dass Wo ist mein Wasser? eines der Spiele ist, das ein organisches Leveldesign hat, das beeindruckend ist. Ich staune manchmal immer noch, wie sich Anspruch und Innovation die Waage halten, der Reiz des Spiels gerade darin liegt, immer neues Wissen über die Mechanik zu erlangen. Nahezu jeder Level führt Varianten des Physikpuzzles ein, die die eigenen Grenzen erweitern. Die Lösung lässt sich dann aber intuitiv erschließen, selbst wenn es nicht so leicht fällt, das Wasser so zu lenken, wie es sollte. Alles ergibt sich aus der Spielwelt. Wie etwa der Zeitdruck, der aus der Physik der Spielwelt heraus entsteht, wenn sich beispielsweise Säure ihren Weg durch das Erdreich bahnt. Nichts ist mit künstlichen aufgepfropften Timern. Da muss ich das Wasser eben vorher ans Ziel bringen, sonst ist der Lösungsweg verätzt.

Das Leveldesign, wenn es so gut ist wie in Wo ist mein Wasser?, stellt Herausforderungen in den Weg, aber nicht außer Sichtweite. So viel Spieldesign basiert auf dem Hintergehen der Spielerperspektive. Informationen werden zurückgehalten oder Gegner sterben nur gescriptete Tode, sind bis dahin nicht besiegbar. Da lobe ich mir ein so rundes Spiel wie Wo ist mein Wasser?, bei dem mir das Design auf Augenhöhe begegnet. Für mich wie für das Spiel gelten dieselben Regeln, an die wir uns halten müssen. Alles, was ich wissen muss liegt vor mir. Deshalb versenke ich so viel Zeit in diesem kleinen Spiel.

Boysetsfire – While A Nation Sleeps

Eine ganze Nation im Tiefschlaf, While A Nation Sleeps, die Bildsprache ist noch die alte. Boysetsfire lösten sich vor Jahren auf, mit ihnen ging der besondere Postcore, melodisch fundierte Agitation mit harten Kanten. Der Phoenix, der ihr früheres Album Tomorrow Come Today zierte, stünde Boysetsfire auch auf dem Reunion-Album gut zu Gesicht.

Es ist, als hätten Nationen arglos im Tiefschlaf die Jahre verloren, in denen Boysetsfire nicht aktiv waren. Das typische Auf und Ab der Band klingt wie damals, als The Misery Index das letzte Zeichen war. Doch die Zeit ist nicht stehengeblieben, aber Boysetsfires emotionales Pathos gegen soziale Missstände und den alles verzehrenden Kapitalismus ist unverändert. Sind sie in der Vergangenheit gefangen? Sicherlich nicht. Die Zeit verstrich, nichts änderte sich.

Und so steigt sie wieder auf, diese Wut. Sie bricht sich Bahn unter schweren Wellen von Heads Will Roll oder Everything Went Black, konterkariert vom melodischeren Midtempo eines Closure Phone Call1. Mittlerweile sind die Akkordfolgen oft bandtypisch, lange aber noch nicht verbraucht. Noch immer vereinen sie die Extreme in ihrer Musik, die abstrakten Klassenkampf emotional erfahrbar macht, sie personalisieren Wut und Verzweiflung.

Boysetsfire sind damit noch immer eine Ausnahme, selten war dies so komprimiert wie gegen Ende des Albums. Never Said, Wolves of Babylon und Altar of God sind als Dreigespann eine Miniatur der Wirkkraft und vielschichtigen Erzählungen einer Band, die das Politische nicht vom Individuellen, die Agitation nicht von der Romantik trennen will. Oder glücklicherweise nicht kann.

1 14.06.20013: Ich meine natürlich Phone Call, Closure ist ein typischer Punksong, der schnell ist, den Lärm aber abgerüstet hat. Ich hasse es, wenn meine Notizen mich in die Irre führen.