Trollphase

Ja, Rotshirt-Mike sagt so ungefähr das, was ich bis vor gar nicht allzu langer Zeit auch gesagt hätte. Mir allerdings ist es erst wie Blauhemd-Mike aufgegangen, nachdem ich mir argumentativ mal so richtig ins Knie gebohrt hatte.

Blauhemd-Mike hat völlig Recht, die ideologisch überhöhte Trollerei ist ihrem Wesen nach nicht weiter zu abstrahieren, als in unterschiedliche Grade mindestens verbaler Grausamkeit. Es ist keine rhetorische Übung, es ist ein Versuch, Kommunikation zu vernichten. Im besten Fall. Im schlimmsten Fall ist es brachiales Ausnutzen von Privilegien, die nichts anderes als Exklusion bewirken sollen. Und dann brauchen so Nasen wie ich Jahre, um das zu kapieren.

Joe Danger Infinity: Noch mehr Zeitgrab

Ob ich den Gedanken ordentlich aufgeschrieben kriege? Mal schauen. Es gibt doch noch einen riesigen unterschied zwischen der durchschnittlichen Zeit, die ich mit Mobilspielen verbringe, und der Zeot, die ich vorm Rechner hänge, um zu spielen. Joe Danger Touch sprengte die Grenzen. Ganz locker habe ich damit mehr Stunden als in BioShock Infinite und anderen Blockbustern verbracht. Mehr Spaß hatte ich auch noch. Relativ zum Schnitt meiner Mobilspieldauer habe ich mit Joe Danger mehr Zeit am Smartphone verbracht, als ich am PC mit Skyrim verbracht habe. Damit rechne ich mir das jetzt aber allmählich richtig schön. Fakt ist: Joe Danger Touch ist ein tolles Spiel. Der Nachfolger, der jetzt den Namen Infinity erhielt, ist es auch.

Im Grunde ist Joe Danger auch wieder mal nur ein als randvoll gepackter Geschicklichkeitsparcours getarnter Hardwaretest. Getestet wird nämlich in einer Langzeitstudie nur, wie gut die Oberfläche der Hardware in der Fassung verankert ist. Denn wer Joe Danger ernsthaft spielt – und warum sollte ich das nicht? -, wird in einer Tour mit allen verfügbaren Finger über den Screen wischen, um auch ja alle Ziele während des Rennens zu erreichen.

Der Name klingt, als wäre nun aus dem alten Spielprinzip ein Endlos-Rennspiel geworden. Glücklicherweise nicht. Es gibt unzählige Level. Alle haben ein Ziel. Das ist auch gut so, denn für die Gesundheit der eigenen Finger wäre es abträglich, wenn ich meinen Bildschirm ohne Unterbrechung schrubben konnte, bis ich meine rechte mit der linken Hand verknotet habe. Es gibt auch so immer noch mehr als genug zu tun, dass mir nicht langweilig wird. Im Großen und Ganzen stimmt nämlich vor allem die Mischung der vielen kleinen Sammelobjekte und das kontinuierlich herausfordernde Leveldesign.

Ein wenig mehr In-App-Purchases muss ich aber über mich ergehen lassen. Ein Update brachte zwar eine deutliche Verringerung lästiger Shop-Bildschirme, ganz so flüssig wie im ersten Teil kann ich aber nach einem Fehlversuch nicht wieder einsteigen. Aber genau das will ich doch. Immer und immer wieder in die turbulenten Strecken stürzen, um noch ein paar Punkte mehr heraus zu kitzeln.

Es ist also offiziell: Ich kann den letzten Rest der mir verbliebenen Freizeit standesgemäß zu Grabe tragen.

Wie immer

Mit seiner Gehhilfe stieß der alte Mann die Tür zum Wartezimmer auf. Die Gehhilfe schob er in eine eigentlich viel zu kleine Ecke direkt neben der Tür und einem Stuhl, auf dem eine erkältete Patientin darauf wartete, aufgerufen zu werden. Eine Metallstange der Gehhilfe klirrte gegen eines der Stuhlbeine, die Patientin verstand die Aufforderung und erhob sich weit genug, um den Stuhl unter sich verschieben zu können, damit der Alte seine Gehhilfe dort abstellen konnte. Er nickte ihr zu, sie sah ihn nur kurz an, denn er war schon wieder zur Tür hinaus.

Im Flur waren seine kurzen, zittrigen Schritte zu hören, bis er den Tresen im Flur erreicht hatte, hinter dem eine Arzthelferin saß. Mit reibender Stimme raunte er der ihr einen Gruß zu. Danach gewann seine Stimme an Kraft, als er sie fragte: "Was war denn letzten Freitag bei ihnen los?"

"Da war der 27.", sagte sie mit aller Ruhe, die eine Arzthelferin mit den Jahren so annimmt.

Der Alte nahm dies als Herausforderung an: "Und das war der dritte Weihnachtsfeiertag, oder was?"

"Öhm, nein." Sie schob währenddessen Papiere, auf denen Vermerke in schludriger
Ärztehandschrift wucherten, in Ordner.

"Ich stand hier vor der Tür – verschlossen. Rolläden überall unten."

"Am Freitag? Da hatten wir doch offen."

"Hören Sie mal, ich war da. 15 Uhr. Wie immer. Keiner da."

Nun sah sie ihn mit glänzenden Augen an und erklärte seelenruhig: "15 Uhr. Da haben wir freitags nie auf. Hatten wir auch noch nie."

"Das muss mir einer sagen, ich komme immer um 15 Uhr. Das geht ja so nicht." In seiner Stimme klang ehrliche Empörung mit. Für einen Moment konnte er keine Worte mehr finden, still sahen sich beide an, bis sie aus einem der Kästchen mit Flyern und Informationen, das zwischen den beiden auf dem Tresen stand, eine Karte zog. "Aber sie haben doch unser Kärtchen. Sehen Sie, da steht das alles drauf."

"Ich weiß, aber da gucke ich nie drauf. Das geht so nicht. Ich bin immer um 15 Uhr da. Immer." Sie hatte die Hand mit der Karte ausgestreckt, er ignorierte die Karte aber völlig. Er sah die Arzthelferin nur noch mit scharfem Blick an.

Sie ließ sich nicht sonderlich von ihm aus der Ruhe bringen. Ihr Blick wanderte kurz an einen anderen Ort, der nicht mehr in der Welt vor ihr lag. Sie konzentrierte sich, als bringe sie nun wesentliche Informationen vor ihren inneren Auge zusammen. Nach wenigen Momenten wurde ihr Blick wieder klarer, sie sammelte ihre Stimme: "Hm, na ja, jetzt sind sie ja auch da und es ist neun Uhr."

Er musste schmunzeln, winkte kurz ab und schlich ins Wartezimmer.