Gewissenswende

Vor zehn Jahren hätte es meine Unterschrift unter der Vereinbarung nicht gegeben, die ich heute unterschrieb. Ich weiß auch, warum ich nicht unterschrieben hätte. Dafür hätte damals ein Adjektiv zuviel Aversion bei mir ausgelöst. Der entscheidende Satz lautet:

Der christliche Glaube und die Menschenwürde sind Orientierungsgrundlage für ein freiwilliges Engagement im […]

Nun sitze ich hier und versuche mich in mein früheres Ich einzudenken. Mir fällt auf, es fällt mir zunehmend schwer. Ich habe mich in gefühlt kurzer Zeit stark verändert. In Bezug auf dieses Adjektiv war ich, milde ausgedrückt, intolerant.

Was hat sich im Laufe der Zeit getan, was sich im Kleinen gar nicht bemerkbar gemacht hat, aber nun wie ein deutlicher Bruch mit früheren Überzeugungen wirkt? In diesem Fall ahne ich, was den Ausschlag gab: Es geht um ein Ehrenamt, es geht um direkte Hilfe für Menschen, um wichtige Hilfe. So stehe ich vor der Wahl zwischen konkreter Hilfe und der Integrität einiger meiner Überzeugungen. Für mich fühlt sich das nicht nach einer Wahl an, Menschen zu helfen, ihnen Unterstützung zu geben, das ist wichtiger. Immer.

Und am Ende sind die Schnittmengen zwischen meiner Überzeugung und den vorausgesetzten Werten enorm, in diesem Projekt sogar nahezu deckungsgleich. Die Engstirnigkeit lasse ich also hinter mir. Veränderung fühlt sich gut an, da ist es fast schade, dass in diesem zitierten Satz ein Begriff nicht steht, den ich gerne auch noch unterschrieben hätte: Nächstenliebe.

Normalgewichtige Normalgewichtung

Wenn es denn schon heißt, dass die Adipositas die Europäer bis 2030 in eine Krise gestürzt haben wird, dann frage ich mich, was bis dahin normal sein wird. Nehmen wir mal als Beispiel ein paar Zeilen aus der Wirtschaftswoche:

Auch die Deutschen legen Pfunde zu, heißt es in einem WHO-Bericht. Demnach sind in manchen Ländern 2030 nur noch wenige normalgewichtig.

Soll also heißen, ab spätestens 2030 werden die übergewichtigen Menschen in diesem Land und Europa normalgewichtig sein? Demnach würde ich auch nicht mehr fürchten, dass Übergewichtige und Adipöse einem Stigma unterliegen werden, wie es in einer weiteren Stelle heißt:

Doch nicht nur gesundheitliche Probleme belasten die Betroffenen. Gerade stark fettleibige Menschen (BMI ab 35) sind zudem oft Vorurteilen und Diskriminierung ausgesetzt […]

Wäre nicht eher zu fürchten, dass stark dürrleibige Menschen ab 2030 mit Repressalien rechnen müssen? Ich mag mich irren, aber was ist schon normal? Warten wir also gespannt auf die nächste WHO-Studie, die uns belegen wird, dass ab 2059 weltweit etwa 98 Prozent der Überalterten ab dem Lebensalter von mindestens 80 Lebensjahren eine höhere Sterblichkeitswahrscheinlichkeit haben als Normalalternde, die bloß 25 Jahre aufm Buckel haben.

Wohin mit der Streikwut?

Wenn natürlich die Wut schon schön politisch kanalisiert wird, sodass ein Grundrecht auf Streik als Last empfunden wird, ist die Grundlage für gesellschaftlichen Zusammenhalt und Solidarität ja schon vorbildlich vernichtet.

Über die Unannehmlichkeiten und Störungen auf einer persönlichen Ebene verärgert zu sein, das ist nicht das Problem. Mir ist es lästig, vielen anderen Menschen ist es lästig. Darüber Unmut zu äußern ist menschlich und auch nachvollziehbar. Es ist aber weniger wichtig, als es die Dringlichkeit des Streikrechts ist.

Von daher können die Menschen in Deutschland ab morgen ruhig ächzen und schnaufen. Sollten sie wütend werden, wünsche ich mir, sie würden reflektieren, wem sie mit ihrer Wut und dem Unmut helfen. Und würden sie erkennen, wem es hilft, würden sie auch erkennen, warum es im Sinne aller ist, sich mit anderen solidarisch zu zeigen.

Leider befürchte ich, es wird morgen die falschen treffen. Vor allem diejenigen, die morgen noch öffentliche Verkehrsmittel steuern, weil sie einen arbeitsrechtlich anderen Status haben oder einem nicht bestreikten Verbund angehören, sollten morgen nicht die geballte Wut abbekommen. Sie fahren doch. Und die anderen streiken. Womit? Mit Recht.