Atze Schröders Heuchlerei

Update: Es gibt ein Statement des Künstlers, der sein Bedauern zum Ausdruck bringt, dass der Spot, der vor einem Jahr gedreht worden sein soll, überhaupt veröffentlicht wurde. Im Kontext dieses Artikels bleiben zwei Dinge wichtig: 1. In keinster Weise wird auch nur angedeutet, es könnte nicht Lohfink gemeint sein. 2. Das Alter des Spots ist nicht das Problem, sondern seine Existenz an sich. Das Video mit Lohfink war zu diesem Zeitpunkt bereits bekannt, der Spot, wie der Künstler selbst schreibt, hätte niemals veröffentlicht werden dürfen. Ende des Updates

Es ist nur eine Randnotiz in einem ohnehin schon äußerst geschmacklosen Fall fehlgeleiteten Humors in der trostlosen Wüste deutscher Werbung. Dafür ist es nicht uninteressant, dass der Fall Atze Schröders, der in einem mittlerweile nicht mehr verfügbaren kommerziell werbenden Video für einen selbst bestenfalls umstrittenen Geflügelfleischhersteller folgendes von sich gibt:

Danach müssen Gina und Lisa erstmal in die Traumatherapie.

In dem bereits vor drei Monaten erschienen Video ist klar, auf wen angespielt wird: Gina-Lisa Lohfink. Lohfink wehrt sich gerade gegen ein Verfahren der Falschverdächtigung in einem Fall der mutmaßlichen Vergewaltigung. Der Fall schlägt seit Wochen Volten juristischer Lächerlichkeit und ist ein trauriges Beispiel deutschen Rechts für sich.

Der Satz fiel zu einer Zeit, in der Lohfinks Verfahren hinlänglich bekannt gewesen sein musste. Also dient die Zeit seit Veröffentlichung des Videos auch nicht als Feigenblatt für die Verantwortlichen. Zumal: Der Satz wäre auch ohne diesen Kontext eine widerliche Aussage. Alles, nur nicht Humor. So weit, so traurig. Doch dürfte dies jene kaum verwundern, die seit Jahren erleben, mit welcher Verve der Künstler allgemeine deutsche Arschigkeit zur Kunstfigur erhoben hat, über die Menschen nicht wegen ihrer Widerlichkeit, sondern mit ihr lachen.

Kunstfigur? Damit sind wir der Pudelperückes Kern näher. Atze Schröder ist eine Kunstfigur, worunter durchaus verstanden werden kann, dass der Künstler hinter der Figur seine Verantwortung zu verstecken sucht. In diesem Fall wird dies aber perfide. Denn die Causa Lohfink berührt auch die Persönlichkeitsrechte Lohfinks, da sie gerade auch darunter zu leiden hat, dass es in ihrem Fall auch um ein Video von ihr geht, das dazu noch der Presse gegen Geld angeboten wurde und dann lange Zeit frei im Netz verfügbar war.

Warum ist das perfide? Nun, der Mensch hinter Atze Schröder ist notorisch bekannt dafür, seine Anonymität gewahrt wissen zu wollen. Durchaus berechtigt könnte eins erst einmal meinen. Der Mensch hinter der Kunstfigur ist auch bekannt dafür, gegen jegliche Nennung seines Namens juristisch vorzugehen. In der Pressemitteilung von 2007 zu einem dieser Verfahren heißt es:

Die Richter kamen nach der mündlichen Verhandlung zu dem Ergebnis, dass dem Antragsteller ein Unterlassungsanspruch zusteht, weil das Geheimhaltungsinteresse des Künstlers in diesem Fall gewichtiger sei als das Informationsinteresse der Öffentlichkeit. Die Veröffentlichung des bürgerlichen Namens des Schauspielers verletze dessen berechtigtes Interesse an der Wahrung seiner Anonymität außerhalb seines beruflichen Wirkens. Bei der Nennung des Namens der hinter der Kunstfigur stehenden Privatperson handele es sich um eine „Enttarnung“, die der Antragsteller nicht hinnehmen müsse.

Zusammengefasst sieht es also so aus: Ein Künstler, der massives Interesse am Schutz seiner Privatsphäre gezeigt hat, wirft unter dem Deckmantel seiner Kunstfigur für einen in jeder Hinsicht widerlichen Witz, was seinem üblichem modus operandi entspricht, einen echten Menschen unter den medialen Bus. Er macht dies noch nicht einmal im Rahmen seines üblichen Broterwerbs als Comedian, sondern als Werbefigur. Es ist nicht anzunehmen, dass für die Werbung geflossene Gelder für diesen kaum vehohlenen öffentlichen Pranger nur bei Atze Schröder ankamen, nicht aber bei dem Künstler hinter der Fratze. Das Konto, auf das der Witz buchstäblich ging, ist womöglich ein sehr reales. Damit ist eine Zündstufe der Widerlichkeit erreicht, die selbst für den Machokosmos Atze Schröder neu ist. Da versteckt sich ein feiger Mensch hinter einer Kunstfigur, um einen anderen Menschen für bare Münze weiter in den medialen Dreck zu ziehen. Werbung ist in diesem Kontext keine schützenswerte Kunstform. Zumindest moralisch hat Atze Schröder sein Recht verwirkt, nur unter diesem Namen bekannt zu sein.