Achtung: Gleich kommt ein Symbol. Ich wiederhole: Ayn Symbol!

Rands ‚Atlas Shrugged‘ ist voller brachialer Symbolik, die man meilenweit voraus erkennt. Rand besteht aber darauf, sie einzusetzen, damit sichergestellt ist, dass alle verstehen, wie wichtig ihre Botschaft vom Egoismus der Macher in der Welt ist. Aber nicht nur der Symbolismus stößt übel auf, auch die Charaktere bleiben konturlos in ihrer Einfalt oder Brillanz.

Rands Figuren plappern stets so symbol- wie sinnträchtiges daher, dass es einen nur irritieren muss. Keiner ist auch nur entfernt menschlich. Entweder sind sie die Besten oder der Rest. Es ist klar, auf wessen Seite sich Rand schlägt. Das ist auch eine Form des unzuverlässigen Erzählers, dass anscheinend alle großen Macher in dieser Welt die Wahrheit sehen, weil es ihnen so leicht fällt. Wie alles in ihren besonderen Leben. So lässt sie Francisco d’Anconia sagen:

That money went to men who grow rich by such methods. Such men do not remain rich for long. The money will go into channels which will carry it, not to the most productive, but to the most corrupt. By the standards of our time, the man who has the least to offer is the man who wins.

Wer sich fragt, warum d’Anconia das sagt, der doch eigentlich zu den sozialistischen Heuchlern und Plünderern (looters) gehört, hat Recht. Später wird es klarer. Erst einmal noch eine kurze Zusammenfassung der einfachen und wiederholt eingesetzten Motive und Symbole in dem Buch.

Who is John Galt?

Es ist offenkundig, dies ist die Losung der Resignierenden und Müßßiggänger. Die Frage wird als Gleichgültigkeitsvignette eingesetzt, die zugleich im Kontext des Buches ein Scheitern manifestiert und diejenigen, die den Satz äußern disqualifiziert. Sie haben den Kampf aufgegeben, sich der erbarmungslos gleichmacherischen Welt des Sozialismus ergeben. Es ist zugleich ein Menetekel für die Besten in dieser unheilvoll, unrettbar sozialisierten Welt, aus der es für sie  kein Entrinnen gibt.

Auch zwei der großen Macher stellen Dagny diese Frage: Conway, einer von Dagny Taggarts Konkurrenten mit eigenem Schienennetz, und Francisco d’Anconia, der, wie man erfährt ihr früherer Liebhaber war. Doch beide scheiterten. Der erste an der Hinterlist von Dagnys Bruder Jim, der zwar hinnehmen musste, dass seine Geschäftsbeziehungen zu Mexiko und d’Anconia auf Täuschungen basierten, aber doch durchsetzte, dass Conways Bahnlinien durch sozialistisches Kartellrecht von allen lukrativen Märkten verdrängt wurde.  Der zweite, d’Anconia, ist noch ein drastischerer Fall. Denn er hatte schon von Jungen Jahren das Potenzial sich über alle anderen Menschen zu erheben. Er war talentiert, brauchte er doch nur einen Prozess verstehen, so konnte er ihn meisterlich nutzen. Er war gut im Sport, polyglott, multilingual und in allem, was er tat, ein Genie. Er sah sich schon in Jugendalter den meisten anderen Menschen überlegen, stammte er doch aus einer Dynastie der Macher und Lenker, die alle ihre Überlegenheit nachgewiesen hatten. Nur Dagny und einen weiteren Freund duldete als gleichwertige Konkurrenten. Dieses Genie, das seinen Lehrern schon immer überlegen war, scheiterte aber. Er wurde zu einem Playboy, der mit dem ihm in der Jugend verhassten Sozialisten James Taggart und anderen kooperierte. Doch, so erfährt man, dies nur, weil es selbst diesem Großen nicht gelingen wollte, die Mediokren zu überwinden. Also heckte er einen Plan aus, sie alle in ein von Beginn an desaströses Unterfangen zu verwickeln. Um es dann scheitern zu lassen und so die Inkompetenz seiner Partner zu belegen. Aber das war Resignation, nicht die Größe, die Dagny in dem Jungen sah, an den sie ihre Unschuld verlor.

Wettbewerb

Wettbewerb ist alles, er gebiert die Größe des Menschen und macht sie größer als sie zuvor waren. In allem wollen sich die Besten messen, während die anderen nur ihre Stellung sichern wollen und den Wettbewerb fürchten. Dieser Wettbewerbsgeist beinhaltet eine säkularisierte Ritterlichkeit: Dagny spendet dem Geschassten Konkurrenten Conway Trost. So wollte sie ihn nicht geschlagen sehen, vielmehr wollte sie sich mit ihm messen, doch die intriganten Sozialisten brachen den Willen dieses Schaffers und boteten ihn mit politischen Winkelzügen aus. Auch ist das kompetitive Element Ausgangspunkt der Leidenschaften, denn die Affäre zwischen Dagny und Franciso entsteht daraus, dass sie beide Wetten schließen, wer Größeres erlangen würde. Deutlicher als in einem Tennisspiel, in dem die stets unterlegene Dagny Francisco schlägt und so dessen Anerkennung findet, kann dies nicht zum Ausdruck gebracht werden. Nachdem sie beide erschöpft das Spiel beendeten, fanden sie zueinander. Gleiche unter Gleichen in einem stimulierenden Wettkampf.

Auch Hank Rearden darf da nicht fehlen, mit dem sich Dagny ein bedeutungssschwangeres Wortgefecht liefert, da sie dessen Metall für ihr Schienennetz schneller braucht als gedacht. Rearden erhöht den Preis, aber nicht als Geschenk – Almosen gewährt man unter Konkurrenten nicht. Die unerbittliche wirtschaftliche wie intellektuelle Auseinandersetzung ist Ausdruck des Respekts, ein zuvorkommendes Handeln und Hilfe aus Altruismus nur eine Degradierung.

Technische Romantik

Das Buch enthielt bislang nur wenig szenische Beschreibungen. Doch alle, die es gab, drehten sich um die erhabenen Eindrücke der Besten, wenn sie den Früchten ‚ihrer‘ zusahen. Wenn Metall gegossen wird, dass sie selbst hatten entwickeln und fertigen lassen; wenn Lieferungen des Metalls in einem fein orchestrierten logistischen Akt angeliefert werden. Oder wenn ihre Namen in gr0ßen Lettern an Gebäuden prangen.

Die Technik hat nichts Schlechtes an sich. Sie kann nur Fortschritt bedeuten, der unter keinen Umständen negative Folgen haben könne. Es gibt nur den technischen Fortschritt und die Ablehnung dieser Entwicklungen. Die Dichtomie ist also wieder klar verteilt. Die Macher verstehen, was die Zukunft bringt, ihre Widersacher wehren sich gegen sie – mit allen unlauteren sozialistischen Mitteln.

Keine Schuld

Wo wir schon bei den Plünderern sind. Diese Heuchler haben keinen Anstand, keine Ritterlichkeit. So war es Jim Taggart, der die Sparmaßnahmen seiner Schwester auf  ’seiner‘ Prestige-Route nach Mexiko kritisierte. Doch als, was für alle Vernünftigen hätte erkennbar sein müssen, die mexikanische Regierung die Minen und die Bahnnetze sozialisierte, trat er vor den Vorstand, um Dagnys Maßnahmen als seine auszugeben. Und er war so unverfroren, ihr auch noch Vorwürfe zu machen und triumphierend von seinen Schachzug gegen Conway zu berichten. Was für Heuchler, nicht wahr? Unfassbar dieser schmierige Typ. Die arme Dagny, der arme Conway, der arme Rearden und der arme Francisco d’Anconia, den es am härtesten traf, da er sogar vor lauter Resignation die Seiten wechselte und dem Destruktivismus verfiel. Die Sozialisten können sich immer rausreden, sie treffe doch keine Schuld, sie hätten es doch nicht wissen können1.

Nur gut, dass die wenigen Besten und Macher sich noch Beistand leisten konnte. Wie etwa Rearden, der Dagny mit den Worten tröstet:

[W]hatever we are, it’s we who move the world and it’s we who’ll pull it through.

Es ist diese Arroganz, die mir das Buch verleidet. Aber halt, nur die Schwachen werfen den Besten Arroganz vor. Folglich muss ich ein Schwacher sein. Ähnlich schwach wie der Schuljunge, der vor vielen Jahrzehnten hunderte der bekanntesten Schriftsteller zum Symbolismus in Literatur befragte. Sicher, seine Frage war etwas ungelenk, doch Ayn Rands Antwort erbarmungslos:

This is not a „definition“, it is not true – therefore, your questions do not make sense.

So kann man natürlich auch ausweichen. Ansonsten hätte sie sich der Banalität ihrer Symbolik in ihren Texten, gemessen an ‚Atlas Shrugged‘ wohl ihrer Mängel bewusst werden können. Was ihre Definition einer „Definition“ angeht, ist auch noch einmal ein ganz andere Sache. Muss eine Definition wahr sein, um eine Definition zu sein. Mir schwant, die Welt, die für mich so unerreichbare, in der Rand lebte, muss eine einfachere gewesen sein.

1Für mich steckt hier schon ein logischer Fehler: Ist es nicht eine Schuldzuweisung, anderen vorzuwerfen, dass sie nur die Schuld bei anderen suchen. Vielleicht sollte ich mir mal ausführlicher dazu Gedanken machen. Aber der Eindruck besteht für mich schon, dass Rand sich über die Weinerlichkeit anderer in einem implizit weinerlichen Tonfall beschwert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.