Ich seh die Kunst, ich seh sie nicht

Videospiele haben eine vergleichsweise kurze Lebenszeit als Kulturgut hinter sich. In gerade einmal etwas mehr als drei Jahrzehten (die ersten Anfänge waren schon früher, aber ich bleibe bei der groben Verortung) haben sie einen Sprung von der Subkultur in den Mainstream geschafft. Und ebenso wie alle anderen kulturellen Neuerungen haben sie sich gegen allerlei Vorwürfe und Anschuldigungen zu rechtfertigen. Dabei geht es im Kern noch nicht einmal darum, dass sie kulturverderbend oder sogar gesellschaftsgefährend weil verrohend sein sollen. In der Regel geht es darum, dass sie angeblich nicht als Kunst anerkannt werden können.

Solange Videospiele (zu denen ich nun auch die PC-Spiele und auch die für Smartphones zähle) ein Nischenprodukt für eine wenig relevant erscheinende subkulturelle Minderheit waren, erschien es nicht nötig, sich mit dem Wert von Videospielen zu befassen. Also dem kulturellen Wert. Doch wie in allen Neuerungen kultureller Art überwinden die bleibenden eine kritische Masse. Diese kritische Masse haben die Spiele in enormen Tempo erreicht. Lediglich eine Generation war nötig, um sie für die gesellschaftliche Allgemeinheit wahrnehmbar zu machen. Wahrnehmbar, das ist wichtig, nicht nachvollziehbar. Denn wie viele – in meinen Augen eigentlich alle kulturellen Erscheinungen – kommt sie mit eigenen Regeln, Normen und Gesetzmäßigkeiten, die zu ihrem Verständis Voraussetzung sind. Aber dazu später mehr.

Die Shitstorms, in die sich alteingesessene Größen des Kulturbetriebes begeben, ohne sie vorausahnen gekonnt zu haben, zeugen davon. Beispielhaft ist Roger Eberts Ausfall, in dem er in Abrede stellte, dass Spiele überhaupt jemals Kunst sein könnten. Und seine aufrichtige Erkenntnis, sich mit dieser Meinung nicht an die Öffentlichkeit begeben zu müssen, weil er nicht die Expertise in Sachen Videospielen habe. Doch durch Mike Laboissiere – er reagierte auf einen Rant bei Penny Arcade – wurde ich auf einen weiteren Aspekt aufmerksam, der grundlegender ist: Was ist Kunst?

Mike, der auf seine ästhetische Sozialisierung in der Philosophie hinweist, fragt sich ebenso, welchen Zweck eine straffe Definition von Kunst haben sollte. Letztlich kommen ihm folgende Ansätze in den Sinn: (1) Kunst müsse erkennbar und qualifizierbar sein, dies diene Käufern und Künstlern, (2) Kunst sei in vielen Ländern durch besondere Rechte geschützt und müsse also demnach definiert werden, ab wann Kunst geschützt sei (Geltung in Deutschland), und (3) Künstler wie Rezipienten müssten die Spreu vom Weizen trennen, um gute Kunst schaffen und erfahren zu können.

Egal, was Mike da auch anstellt, mir will es nicht als sinnvolle Grundlage für die Notwendigkeit einer klaren Definition von Kunst erscheinen. Der erste Grund ist ein rein marktwirtschaftlicher, diese Art der Wertbildung und -schöpfung ist aber aus meiner Sicht nicht einmal im Ansatz mit dem zu vereinbaren, was unter „kulturellem/künstlerischem“ Wert zu verstehen ist. Es ist untauglich.

Der zweite Aspekt ist eventuell wichtig, wenn es um den rechtlichen Status von Kunst geht. Aber Künstler sollten nicht nur dadurch motiviert sein, dass sie einen rechtlich sanktionierten Status innehaben. Viele Künstler ziehen sich doch gerade aus diesem rechtlichen Rahmen heraus und greifen gesellschaftliche Normen an. Das Recht deckt eine Schnittmenge der Kunst ab, aber Kunst kennt das Recht nicht als Grenze. Warum auch?

Der dritte Punkt ist vielleicht der nachvollziehbarste. Aber ich weiß nicht, warum dies belegen sollte, das Kunst eine allgemeine Definition bräuchte. Es bräuchte lediglich eine in der jeweiligen (Sub-)Kultur verständliche und nachvollziehbare Ästhetik in deskriptiver Form (nicht einmal normativer). Ich meine, es braucht mindestens ungeschriebene Regeln, anhand und nach denen Künstler wie Rezipienten die ‚Kunst‘ angehen. Doch muss diese nicht für andere gesellschaftliche Zirkel nachvollziehbar sein. Es ist sogar potenziell auch widersinnig, Kunst allgemein definieren zu wollen. Auch hier gilt doch, gerade auch aus der Frustration über formalisierte, normative Kriterienkataloge und – eben – Definitionen können neue Strömungen und Kulturgüter entstehen, die bewusst die Regeln brechen. Diese können nur von denen verstanden werden, die bewusst das althergebrachte Regelsystem in Frage stellen.

So ist es auch bei den Videospielen: Es war ein kluger Schachzug Eberts sich nicht für fähig zu erklären, Videospiele verstehen zu können. Seine Meinung über Videospiele – begründet oder nicht – hätte er für sich behalten sollen. Als er dies kundtat, musste er völlig zu Recht untergehen. Ebert begann die Geschichte der bewegten Bilder und ihrer Geschichten mit den Höhlenmalereien und zeichnete dann ihren Verlauf nach bis zu den heute komplexen Kunst- und Konsumprodukten. Das ist schlüssig. Doch ihm fehlte der (Erfahrungs-)Horizont, zu erkennen, warum Pong nichts anderes ist, als die Höhlenmalerei. Er hatte nicht erkannt, dass heute in Videospielen wie in der bildenden Kunst, dem Film, der Literatur, der Glasmalerei, dem Origami und allem anderen der überwiegende Teil Schrott ist. Es braucht Zeit und Erfahrung die guten von den schlechten Artefakten und Leistungen zu trennen; die guten können mit allem Recht als Kunst bezeichnet werden. Wie auch immer man dies im Einzelnen definiert.

Randnotiz: Passend zum Thema sei ganz allgemein der Plauschangriff von GameOne empfohlen; besonders der Podcast aus dieser Woche: Storytelling in Videospielen. Aber Vorsicht, die Dinger sind lang und länger.

Ein Gedanke zu „Ich seh die Kunst, ich seh sie nicht

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