Die Schaffnerin

Allmählich zermürbt mich Ayn Rand. Zunächst hatte ich noch die Hoffnung, die flüchtigen und konturlosen Figuren könnten im Laufe der Zeit an Form annehmen. Und auch der Plot, so dachte ich, könnte unvorhersehbare Bahnen beschreiten. Das Gegenteil ist der Fall, das muss ich nun nach einem Viertel des Buches feststellen.

Es ist eine Enttäuschung. Kraftraubend obendrein. Rand macht es einfach, viel zu einfach. Es ist kaum zu ertragen, wie wenig Reflexion in diesem Buch zu erkennen ist. Um in Worte zu fassen, die dem Inhalt des Buches entnommen sind: Rand verlegte Gleise, die ihre Geschichte ans Ziel bringen sollen. Auf diese Gleise setzt sie eine Dampflok, die sie ‚Vernunft‘ nennt. Die Zündmittel, die im Ofen der Lok verbrennen, nennt sie ‚Wahrheit‘. Das Ziel ist Perfektion, es ist vorgegeben. Die Gleise enden dort. Stellt sich der ‚Vernunft‘ etwas in den Weg, ist es ein Hindernis, ein illegitimes, denn wer kann der Vernunft schon widersprechen.

Es geht munter so weiter, wie bisher von Rand skizziert: Die Guten kennen die Wahrheit und tun Gutes; die Bösen, die sind böse. Es führt kein Weg herum, es anders auszudrücken. Es ist so plump. Ich wollte nicht wahrhaben, dass Rand jegliche Erkenntnistheorie ins Abseits stellt. Das Problem ist doch nicht, dass es sinnloses gibt. Sie hat vollkommen Recht und ich kann ihre Frustration über politische Schachzüge nachvollziehen, doch werden die Methoden des Verrats, der Erpressung, des Filzes und der Schmiererei nicht nur von Sozialisten begangen. Aber um so etwas zu erfassen braucht es mehr als die Dichotomie, die Rand beschreibt. Das Buch wäre schon interessanter, wenn die Figuren nicht so eindimensional wären. Was ist denn, wenn ein Macher ein Produkt schafft, das keinen Nutzen hat? Was ist, wenn ein Sozialist eine produktive Leistung erbringt, aber nicht gegen Geld? Sind das alles unrealistische Fragen? Aus Rands Sicht sicherlich, aber ich vermute, sie will Komplexität wegdefinieren. Wenn dem so ist, ist es lächerlich. Was wäre denn, wenn tatsächlich mal zwei Gleiche aus unterschiedlichen Motiven, aber mit denselben Fähigkeiten, Kompetenzen und Kräften, um dasselbe konkurrieren. Hier deutet sie nur an, dass dies das Ideal sei. Aber ist sie so hoffnungslos optimistisch, dass in solchen Situationen keine irrationalen Konflikte aufkämen? Ihre vorbildlichen Heldenfiguren – und das ist skurril – leben aber in einem Zustand der Sozialität, den Rand nicht wahrhaben will: Auch die Ehrbarkeit und Ritterlichkeit des Wettbewerbs, den sie ihnen andichtet, ist eine Form der Sozialität.

Rand wäre gerne eine Macherin, die Wertvolles schafft; bislang ist sie Schaffnerin eines imaginierten Zuges, die sich eine eigene Welt macht.

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