Listiges zu Feiertagen

Vor sich hin lebend ist es nicht schwer, die Geschehnisse um einen herum als einzig möglichen Zustand der Welt wahrzunehmen. Das Faktische hat eine enorme normative Suggestionskraft, die nicht einfach überwunden werden kann. So ist es auch mit den Feiertagen, die ich mir diese Woche mal genauer ansehen wollte. Erst jetzt wird mit langsam bewusst, was alles schon an dem Begriff selbst irreführend und ungenau ist. Nun fällt mir auf, dass ich auch noch stets Feier-, Gedenk- und Aktionstage miteinander vermengt habe. Was ich meine sind aber tatsächlich Feiertage und ihre Gründe. Doch könnten einige Aktions- oder Bedenktage ebenfalls und manches mal in meiner Wahrnehmung besser als bislang bestehende (deutsche) Feiertage einen Grund zum Feiern abgeben.

Ich habe mich mal durch einige Listen in der Wikipedia1 gewälzt und eine lose Auswahl zusammengestellt, die mir erwähnenswert erschienen. Entweder weil sie mögliche Kandidaten sind oder weil sie aus verschiedenen Gründen doch nach meinen Regel nicht gefeiert werden sollten im Sinne von gesetzlich anerkannten Feiertagen.

Christopher Street Day

Der Christopher Street Day hat eine beeindruckende Geschichte hinter sich, die allemal Anlass zur Feier ist. Ebenso zur Mahnung und Erinnerung. Im Kontext meiner Kriterien ist es allerdings ein partikularer Ansatz, der nur aus diesem Grund für mich erst einmal nicht interessant ist. Zudem sind die politischen wie gesellschaftlichen Forderungen im Kontext eines Tages der Menschenrechte erfassbar.

Internationale Tage

Darunter fallen beispielsweise der Internationale Tag der Menschen mit Behinderung, der Internationale Tag der Migranten, der Internationale Tag gegen Homophobie und der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen. Das sind alles löbliche Ziele, doch nach meiner Definition sind sie ebensowenig qualifiziert, wie der Christopher Street Day. Natürlich ist die fehlende Universalität der Angesprochenen ja Teil des Problems, auf das die Aktionstage hinweisen sollen. Sie fallen für mich also nur als Feiertage, die gesetzliche Anerkennung finden sollten weg. Aber auch hier gilt: Diese Themen sollten und müssen Teil des Tages der Menschenrechte sein.

Etwas anders sieht es für mich beim  International Day of Democracy und beimInternational Day of Peace aus. Diese haben eine globalere Ausrichtung mit nachvollziehbarem Ziel. Dennoch wäre aus meiner Sicht hier sogar nötig, sie ein wenig zu entstauben, sie nicht nur zu formalen Aktionstagen zu machen. Es müsste ihnen ein wenig mehr Leben eingehaucht werden. Die Dringlichkeit von Demokratie und Frieden, nicht nur als Ideale zelebriert, ist offenkundig. Daher wären dies durchaus geeignete Kandidaten. Und auch der Internationale Tag für die Beseitigung der Armut hat das Zeug dazu, doch könnte dieser eventuell noch im Tag der Menschenrechte erfasst werden.

Inventor’s Day

Der Inventor’s Day hat einiges, was für ihn spricht. Auch sollte kaum Widerstand entstehen, wenn ich meine Kriterien heranziehe. Es bedürfte aber einer kleinen Veränderung: Aus dem Inventor’s Day mache einen Inventions Day. Doch bleiben noch Bauchschmerzen, die sich aus einer historischen Schieflage ergeben. Das hat damit zu tun, dass der (noch) überwiegende Teil der Erfindungen von Männern hervorgebracht wurde. Die Gründe dafür dürften nicht unter den Teppich gekehrt werden und die Leistungen von Frauen positivistisch geschmälert oder relativiert werden. Dies ließe sich zwar von Beginn an durch die angesprochene inhaltliche, nicht-personale Verschiebung mildern, allerdings bleibt eine Wahrscheinlichkeit der Fortführung struktureller Diskriminierung.

Kwanzaa

Auch Kwanzaa ist ein interessantes säkulares Konzept mit einer spannenden Entstehungsgeschichte. Doch aus leicht nachvollziehbaren Gründen wäre es für mich nicht geeignet als gesetzlicher Feiertag: Es ist ein hochgradig und entschieden partikularistischer Aktions- und Gedenktag. Wichtig, aber nicht genug.

Tag der Menschenrechte

Der Tag der Menschenrechte, natürlich. Darauf hätte ich schon früher und ohne Hilfe der Wikipedia kommen sollen. Natürlich wäre es für mich ein Grund, diesen zu einem Feiertag zu erklären. Wie auch immer das im Detail der Fall wäre. Auf alle Fälle müsste es nicht bloß ein Aktionstag sein. Ich sehe alle meine Anforderungen voll erfüllt. Zudem hätte dieser Tag auch den Vorteil, sowohl Feier-, Aktions- und Gedenktag zu sein: Es könnte all denen gedacht werden, deren Menschenrechte mit Füßen getreten wurden, aber auch der Aufruf untermauert werden, heutige Missstände zu beseitigen, und gleichsam doch ein optimistisch Blick auf eine bessere Zukunft gewagt werden. Auf eine Welt, in der noch weniger Unrecht herrscht als in der heutigen.

Towel Day

Was ist eigentlich mit dem Towel Day? So langsam drehe ich durch, oder? Aber es kommt noch besser (oder schlimmer): Tatsächlich könnte ich den Towel Day mit meinen Kriterien nicht ausschließen. Jeder Mensch könnte ein Handtuch haben, alle könnten vom Anhalter gehört oder ihn selbst gelesen haben. Er erfüllt die Voraussetzungen der Universalität, der Freiheit und der Säkularität. Die Dauerhaftigkeit ist nicht zwingend ein Problem, aber doch der heikelste von allen genannten Punkten.

Ist das so skurril? So unvorstellbar? Ich will nicht für den Towel Day an sich plädieren, aber was ist gegen eine Feier von Nonsens einzuwänden. Wahrscheinlich ist die menschliche Begabung für allerlei Schabernack und groben Unfug universaler als alle anderen Beispiel, die ich hier genannt habe. Warum nicht? Es gibt den 1. April, das ist auch schon nicht schlecht.

Natürlich ließt sich das hier in der Reihung völlig bekloppt. Internationale Feiertage gegen Homophobie oder Gewalt gegen Frauen nicht, aber Towel Day? Geht’s noch? Meine Verteidigung lautet: Ich habe die Inhalte dieser Feiertage nicht abgelehnt, sie nur in den Tag der Menschenrechte „verlegt“. Aber ansonsten, klar geht’s noch. Warum denn nicht dem Schwachsinn frönen? [PATHOS] Die ganze Welt vereint in Albernheit! [/PATHOS]

 

So, das waren doch schon einige. Ich kann selbst nicht fassen, dass mit meinen Kriterien der Towel Day eigentlich sogar sofort lautstark und vehement eingefordert werden müsste. Aber so ist es nun einmal. Sicherlich könnte es auch ein Indiz sein, dass meine Kriterien nicht nur schlecht, sondern völliger Schwachsinn sind. Aber dann könnten sie ja gerade was für den Towel Day sein (nicht länger darüber nachdenken, sonst dreht sich das Hirn im Kreis!).

1 Secular holidays, Kategorie: Aktionstage, Kategorie:Gedenktage, Liste von Gedenk- und Aktionstagen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.