Goodfellas

Pünktlich zum Lumière-Tag stand eine Bildungslücke auf dem Plan: Martin Scorseses Goodfellas. Aus verschiedenen Gründen habe ich den Film bisher nicht gesehen. Der erste ist der, dass ich mich nicht für Mafia- oder Gangsterfilme erwärmen konnte. Zweitens habe ich ein gespaltenes Verhältnis zu den Filmen Scorseses.Wo fange ich da an? Scorseses Filme – von denen ich lange nicht alle gesehen habe – hinterlassen mich stets mit gemischten Gefühlen. Gangs of New York ist so ein Film, der eindeutig hervorragende Merkmale (Daniel Day-Lewis) hat, mich aber nicht vollends überzeugen konnte. Bezeichnend ist fast schon, dass mir erst jetzt klar wurde, dass Cape Fear auch von Scorsese ist und mir deutlich besser in Erinnerung ist als die mir bewusst in Erinnerung gebliebenen Scorsese-Filme. An keinem hatte ich bisher etwas auszusetzen, genauso zogen sie mich aber auch nicht in ihren Bann. Es blieb stets eine Distanz zum Gezeigten zurück. So war es auch bei Goodfellas. Es ist ein guter Film, das vorweg. Die Erzählung ist ruhig und strukturiert. Scorsese nimmt sich Zeit, um die Lebensgeschichte des von Ray Liotta gespielten irischen Aufsteigers in der Cosa Nostra darzustellen. Besonders imponierend ist die wenig romantische Darstellungen der Figuren. Und auch wenn sie nur eine Nebenfigur bleibt, wird immerhin die weibliche Perspektive auf die Unterwelt nicht gänzlich ausgeblendet. Lorraine Bracco ist wunderbar in der Rolle als Ehefrau des Aufsteigers, das liegt vor allem auch daran, dass ihr vom Drehbuch Gelegenheit gegeben wird, mehr als nur Trophy Wife zu sein.

Der Film hat einige Bodenhaftung, die wenig mit der ehrenwerten Gesellschaft zu tun hat, wie Coppola sie in der Pate-Trilogie (diese Filme habe auch nie am Stück oder nie ganz gesehen) angelegt hat. Die Goodfellas sind allesamt Opportunisten oder verquere Utilitaristen, ihre Handlungen sind kühle Berechnungen. Zumindest von Joe Pescis Tommy DeVito abgesehen, dessen Figur im Film aber auch die entscheidende Wende einleitet. So gesehen macht Scorsese sicher keinen Fehler, wenn er nüchtern und unparteiisch die Rationalität des Verbrechens und der Verbrecher zeigt – aber auch die Kosten für die Übeltäter selbst. Der Aufstieg muss mit einem unweigerlichen Fall enden, der allerdings nicht ins reißerisch-blutige Verderben führt. Ein Schwelbrand setzt den Niedergang des Protagonisten in Gang, der sich zwar vor dem Feuer zu retten vermag, doch aber um den Preis seiner sozialen Existenz und des Selbstbildes. Ein deutlich ausgewogeneres Ende als die bleierne Effekthascherei, mit der viele Mafiafilme enden.

Meine Zurückhaltung, deutlich geringer als sonst, bleibt aber vorhanden. Sicherlich ist Goodfellas um Längen besser als The Departed, der auch kein schlechter Film war, aber letztlich dramaturgisch und emotional nicht gegen die asiatische Vorlage ankam. Irgendetwas hält mich zurück. Es kann nicht das Handwerkliche sein, das beherscht Scorsese. Er weiß eine Atmosphäre mit filmischen Mitteln zu erschaffen. So gibt es in Goodfellas großartige in rot getauchte Szenen, denen die Farben eine unscheinbare, aber wirksame Stimmung geben -ähnlich wirkungsvoll wie die voranschreitende Farbentwicklung und Sättigung in The Aviator die Filmgeschichte spiegelte.

Ich finde keinen emotionalen Zugang zu den Figuren und der Geschichte, fast so als wäre ich nur analysierender Beobachter. Eine gefühlte Teilhabe am Geschehen, wie viele großartige Filme es schaffen, will sich nicht einstellen. Lediglich Scorseses Taxi Driver schaffte es, wobei es in Taxi Driver eher die Reaktion war, vor dem Film und seiner Handlung fliehen zu wollen, es aber keine Rettung gab. Taxi Driver war so unerbittlich und hart in seiner Wirkung, dass es mich nicht unberührt lassen konnte. Goodfellas hat dies nicht geschafft, trotz der vielen großen Momente.

Ein Gedanke zu „Goodfellas

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