Schwarze Weißweste

Rand hat keine Figuren in ihrem Roman, es sind lediglich Lautsprecher. Metallisch krächzen sie die wenig auf Stichhaltigkeit geprüfte Perspektive der Autorin hinaus. Francisco d’Anconia ist so einer, der bedeutungsschwanger immer wieder die wahre Philosophie und die ehrliche Moral – die Wahrheit – andeuten darf. Sie wird kommen, hörst Du es nicht. Eine Schwangerschaft, die schon so lange währt, dass das Fruchtwasser säuerte, die Geburt aber noch immer hinausgezögert wird.

Das an sich ist noch nicht schlimm, nur mediokres Erzählen. Unverschämt ist es, weil selbst nach gut der Hälfte die Protagonisten noch lange nichts leisten mussten, dem Kampf ergeben sie sich lamentierend und werden mit der Aussicht auf Erlösung, die nur die wahrhaft Fähigen erfahren können, belohnt. Es gibt keine Widersacher, das streicht Rand wieder hervor. Warum aber, das frage ich mich, haben sie es dann die Macher und Schaffer so schwer? Warum sieht man die Atlanten wenig tragen, aber mehr hadern damit, dass sie tragen müssen?

Eine der bezeichnenden Passagen dieser Misere ist die, in der d’Anconia die plumpe Weltsicht der monetären Moral dröhnt: Letztlich ein langer Sermon, dass Geld und finanzieller Erfolg Ausdruck von Leistungsfähigkeit sei, einer Leistungsfähigkeit, die auf dem menschlichen Verstand beruhe, nicht auf Körperkraft. Diese Leistungsfähigkeit sei damit Ausdruck des höchsten moralischen Ideals, nach möglichst umfassender Anwendung der Vernunft aus Egoismus zu trachten, wovon aber alle profitierten.

Doch anstelle eines gescheiten Einwands oder einer feinen Replik lässt Rand nur folgenden Dialog zwischen d’Anconia und einer jungen Frau, die ihm widerspricht, ab:

„If you can refute a single sentence I uttered, madame, I shall hear it
gratefully.“
„Oh, I can’t answer you. I don’t have any answers, my mind doesn’t work
that way, but I don’t feel that you’re right, so I know that you’re wrong.“
„How do you know it?“
„I feel it. I don’t go by my head, but by my heart. You might be good at
logic, but you’re heartless.“
„Madame, when we’ll see men dying of starvation around us, your heart
won’t be of any earthly use to save them. And I’m heartless enough to say
that when you’ll scream, ‚But I didn’t know it!’—you will not be forgiven.“

Rand fiel es nicht ein, eine maßvollere, ausgewogenere Kritik an d’Anconia an solch eine exponierte Stelle zu setzen, an der sie einen Kern ihres Objektivismus und dessen Moral hinausposaunt. Niemand widerspricht auch nur mit einem Funken von Vernunft, weil wer nicht dieser Meinung sein kann, eben auch nicht vernünftig sein kann. Eine denkfaule, eben leistungsarme Darstellung der Feinde der Vernunft. Was wäre denn alleine schon mit der Hypothese gewesen, dass Geld kein Maßstab an sich ist, der monokausal Moral begründen könnte? Was ist mit Raub? Sicherlich kein moralischer R eichtum? Was ist mit verdecktem Raub, Betrug oder Ausbeutung? All die Facetten des Geldverdienens blendet Rand aus, denn in der Grauzone, da könnte doch auch die Sicht auf die Moral verschwinden? Rand bleibt lieber in der behaglich monochromen Welt ihrer unangefochtenen Gedanken. Wie kann man anfechten, was vernunftgemäß nicht angefochten werden darf? Könnte Geld nicht einfach nur moralisch neutral sein? Muss sie entweder moralisch gut sein, wie Rand es postuliert, oder moralisch verwerflich, wie sie es den Gegnern vorwirft?

Es gibt, wenn es nach Rand geht, nur Lautsprecher und Empfänger. Rand meint zu wissen, welcher von beiden sie selbst ist. Und sie meint postulieren zu dürfen, wer empfängt, was gesendet wird. Wer danach fragt, warum es nur Lautsprecher und Empfänger gibt, sollte diesen Frevel tunlichst lassen und die Ohren einfach auf Empfang stellen.

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