Ein alkoholversunkener Objektivismus?

Ich verbrachte den Mittwochabend mit einer geselligen Runde unter anderen Werkstudenten meines Arbeitgebers. In Aschaffenburg. Bayern, ich habe es noch nicht völlig erfasst. Ein Drink reihte sich an den nächsten, allzu schnell kam aber schon der Punkt, an dem ich die Runde verlassen musste. Der Nachtbus nach Darmstadt fuhr um 21:57 – der letzte in diese Richtung. In Aschaffenburg scheint Nacht eine andere Bedeutung zu haben, in meinem Wortschatz ist diese Uhrzeit nicht als Nacht indiziert.

So saß ich also in dem vorbildlich reinlichen Bus, der mit stoischer Ruhe alle Orte und Örtchen abgraste und die Versprengten auflas. Mit einem vergnügten Tunnelblick starrte ich auf mein Smartphone und mich überkam die Lust, weiter in Atlas Shrugged zu lesen. Meine Erinnerung an diesen Abend ist lückenhaft. Sie ist allerdings lebendig, wo es das Buch betrifft. Ich hatte einen ungeheuren Spaß. Im vom Alkohol verdrehten Verstand ergab alles Sinn, ich stürzte die Seiten herunter. Mitgerissen von den Ereignissen, der himmelschreienden Ungerechtigkeit. Dieser widerwärtige Sozialismus war mein Feind, ich wusste es, ich spürte es. Die Wut, so kam es mir vor, spülte die Magensäure an den Rand meines Rachens.

Dieser Ekel. Ich fokussierte jedes Wort, keines enttäuschte. Und mit jedem Wort stieg die Wut. All dies kulminierte kurz vor dem Hauptbahnhof in Darmstadt, als ich in Bewunderung für Rand verfiel. Mit einem Mal war alles so klar und deutlich, der Sinn war greifbar. Die Wahrheit eine persönliche Manifestation in der Gestalt von Rand. Ich wollte ihr nicht glauben, ich tat es. Ich tat es mit überragender Überzeugung.

Der Weg führte mich vom Bahnhof durch den kalten, schneidenden Regen. Durchnässt fiel ich ins Bett, in meinem Kopf drehte sich alles. Um Rand, Dagny, den Kapitalismus, das Moratorium der Gehirne. Dann beschloss mein Gehirn sein eigenes Moratorium über mein Bewusstsein. Das Urteil fiel hart aus. Ich musste das Bewusstsein, den letzten Rest, den der Alkohol mir ließ, ohne Umschweife ausliefern. Meine Augen sahen wenige Sekunden später ein, dass es kaum noch einen Sinn ergab, weiterhin zu arbeiten, wenn der Empfänger der Signale schon in Arrest war.

Ich wachte auf, der Kater war unerbittlich.

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