Ragnar der Rächer

Ich habe schon viel über Ayn Rands Atlas Shrugged geschrieben. Zu viel vielleicht. Doch kann nicht davon lassen, auch wenn ich mich zwinge, nichts mehr schreiben zu wollen. Es geht einfach nicht. Die erzählerischen Schwächen und Mängel sind eklatant. Ich kann nicht still sitzen, wenn ich es lese; es juckt in meinen Fingern, die über die Tasten schwirren wollen. Ich kann nur nachgeben, da der Druck zu groß wird. Der Ballast, der sich anstaut, muss abgeworfen werden. An dieser Stelle nur kurz ein paar Anmerkungen zur Behandlung von Figuren bei Rand. Mein Beispiel ist Ragnar Danneskjöld.

Danneskjöld ist – Spoilers – einer der drei Großen. Alle drei haben auf ihre Art den Weg zur Verweigerung gefunden. Danneskjöld wählte den derRevolution. Schon früh im Buch schwirren Legenden um den Piraten Danneskjöld herum. Er überfalle Schiffe mit Hilfslieferungen und nehme diese hoch. Rand streut dies nur schlecht kaschiert ein, es ist von Beginn an klar, dass Danneskjöld früher oder später seinen Auftritt haben wird.

Wie Rand das aber umsetzt, das hat mich überrascht. Nicht in dem Sinne, wie Rand es wohl beabsichtigt hat. Für mich war es eine unmotiviert schludrige Einführung der Figur: Danneskjöld springt aus dem Dickicht in den Weg des gedemütigten und entkräfteten Hank Rearden, der gedankenverloren umherwandert. Wer es nicht glaubt:

The man who stepped suddenly out into the road must have come from behind the willow tree, but so swiftly that it seemed as if he had sprung from the middle of the highway.

Zack, er ist da! Mehr ist es nicht, denn schon gleich geht die Erzählungen zum Dialog zwischen den beiden über. Dialog ist vielleicht ein wenig zu viel gesagt, es ist mehr ein von Rearden moderierter Monolog Danneskjölds. Vielleicht wollte Rand dadurch Spannung erzeugen, dass sie den Namen des Mannes nicht erwähnt, der Rearden einen Goldbarren in die Hand drückt. Aus meiner Sicht scheitert dies, wer sollte es sonst sein? Es gibt ja nicht so viele Gute in dieser Welt, Danneskjöld war noch offen. Zumal nicht unauffällig kurz zuvor erwähnt wurde, dass Danneskjöld nun auch Angriffe auf dem Festland verübe.

Warum drückt er Rearden das Gold in die Hand? Hm, es ist das in Gold gegossene Geld, das er auf seinen Beutezügen stahl. Aber nicht um es sich einzuverleiben, sondern an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückzugeben. Die enteigneten Industrialisten, die verdrängten Leistungsfähigen die geknebelten Macher. Es ist auf der Grundlage der von Rearden bezahlten Einkommenssteuer berechnet:

It is not a gift, Mr. Rearden. It is your own money.

Wer jetzt denkt, dass dies eine simple Verkehrung des Robin-Hood-Gedankens ist, der oder die hat recht. Aber Rand wäre nicht Rand, wenn sie nicht auch das simpelste Denken für die Leserinnen und Leser übernimmt. Das Bild des Robin Hood wird von Rand plump auf den Kopf gestellt, wenn sie Dannerskjöld sagen lässt:

He was the man who robbed the rich and gave to the poor. Well, I’m the man who robs the poor and gives to the rich – or, to be exact, the man who robs the thieving poor and gives back to the productive rich.

Dies ist, finde ich, auch ein gutes Beispiel für Rands simplifizierte Moral- und Gerechtigkeitsvorstellung. Sie leitet aus dem Umstand einer als ungerecht und unmoralisch empfundenen Handlung oder Situation ab, dass ihr polares Gegenstück moralisch zu begrüßen sei. Dannerskjöll sei der Antipode Robin Hoods auf der moralischen Sphäre, da Hoods Motivation und Ansatz falsch seien, müsse im Umkehrschluss Dannerskjölls Unterfangen recht sein:

When robbery is done in open daylight by sanction of the law, as it is done today, then any act of honor or restitution has to be hidden underground.

Es wird wieder einmal deutlich, dass Rands Argumentation auf simplen polaren Modellen beruht. Es geht völlig an ihr vorüber, dass beide Seiten, also die Hoods und die Dannerskjölls, unter gewissen Voraussetzungen nachvollziehbar, unter anderen aber falsch sein können. Rand begeht den Fehler ständig: Aus dem Nachweis, dass ein Unrecht besteht, ist nicht abzuleiten, dass ein Gegenteil davon Recht sein müsse. Es ist genauso möglich, dass ein drittes Phänomen in Äquidistanz zu den beiden Extremen von Vorteil ist1. Einfacher ausgedückt: Wenn eiskalt schlecht für mich ist, heißt das nicht, dass glühend heiß die beste Lösung ist.

Einen Widerspruch mit ihrem objektivistischen Gedankenkonstrukt scheint Rand aber selbst bemerkt zu haben. Prompt darf Dannerskjöll feststellen, dass er nicht aus Altruismus handele. Er wolle nur die Bedingungen für eine friedliche Meritokratie schaffen. In der Konkurrenz unter den Fähigsten herrscht. Und schon wieder macht es sich Rand einfach. Denn eine simple Deklaration der Ablehnung macht noch nicht die Frage hinfällig: War Robin Hood altruistisch, was wenn sein Motivation wäre, die Ärmsten in den Stand zu versetzen, dass sie erhalten, was ihnen über Gebühr von den Reichen genommen wurde? Ihnen wären durch obrigkeitlichen Druck von der geringeren Leistungsfähigkeit und ihrer Einkommen mehr genommen als ihnen zustünde. Was wenn Robin Hood aus rein egoistischen Sicht nicht in einer Welt leben wollte, in der die Leistungsfähigen den Schwächeren weiter voraus sind, als es ihnen rechtmäßig zustünde?

1 Es ist sicherlich noch komplexer als dieses simple Bild. Es reicht aber aus, um die Kritik an Rand zu verdeutlichen.

 

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