Straßenzeitungen: strassen|feger

Beim letzten Leserinnen- und Lesertreffen erhielt ich doch aus Berlin die meines Wissens größte dortige Straßenzeitung: strassen|feger. Herausgegebn wird der strassen|feger von Verein mob e.V., der sich sichtlich bemüht, eine eindrucksvolle und journalistischen Ansprüchen genügende Zeitung unter die Leute zu bringen. Das fällt sofort auf.

Das Modell ist dabei schon bekannt. Die Zeitung selbst kostet 1,50€, wobei die Verkäuferinnen und Verkäufer die Zeitung beim Verein für 60ct das Stück erstehen müssen. Ihnen bleiben also 90ct Erlös. Mir fehlt jeder ernsthafte Vergleich, aber das klingt doch auf Anhieb erst einmal nicht schlecht. Wie aber schon bei BISS steckt hinter dem Verein mehr als die Zeitung selbst. Es gibt neben den vor Ort betriebenen sozialen Einrichtungen für Bedürftige und Obdachlose noch mehr, das der Erwähnung wert ist. Besonders aufgefallen ist mir die Radiosendung unter demselben Namen wie die Zeitung.

Aber zurück zur Zeitung. Die ist das, was ich von einer anständigen Straßenzeitung erwarte. Was kümmert mich Layout oder Design die Inhalte sind es, die mich hier interessieren. Mir liegt nur die Ausgabe 3/2012 vor, das macht natürlich schwer, ein richtiges Gefühl für den Stil der Zeitung zu erhalten. Doch der erste Eindruck ist durchaus gut. Allein die Tatsache, dass hier ordentlich rubriziert wird, macht den Zugang deutlich einfach.

Inhaltlich ist einiges dabei. Mit den Kulturtipps – auch für den kleinen bis keinen Geldbeutel – für Berlin kann ich jetzt aus naheliegenden Gründen nicht so viel anfangen. Bin halt selten da. Ansonsten ist der mir vorliegenden Ausgabe die politische und gesellschaftliche Situation in den Fokus gerückt. Da ist der Hartz-IV-Ratgeber, der handfest Hintergründe erläutert, ebenso aktuelle Rezensionen zu relevanten Buchveröffentlichungen.

Imposant ist dabei, dass mehr als nur die Lage in Berlin oder Deutschland interessiert. Über den Tellerrand der Ländergrenzen hinweg wird einerseits im Titelthema zur Ausgrenzung auch auf Diskriminierung von Frauen durch Orthodoxe in Israel, die polnischen Abtreibungsgesetze, Intersexuelle oder Alkoholismus berichtet. Das ist das Herz der Zeitung. Mich beeindruckte besonders, dass die meines Wissens größtenteils ehrenamtlichen Autorinnen und Autoren dabei keinen Herzschmerztonfall anschlagen. Es herrscht ein redaktionelles Konzept vor, dass eindeutig auf professionell-journalistischen Duktus setzt. Auf lange Sicht ist dies in meinen Augen wirksamer als tumbe Betroffenheitsprosa.

Wer jetzt noch nicht ganz sicher ist, was einen da erwartet, sollte sich auf Website der Zeitung umsehen oder auch einmal einen Blick auf den folgenden Beitrag in Straightforward werfen:

 

 Sehr schön, dass auch hier der Versuch unternommen wird, die Interessen und Geschichten der Verkäuferinnen und Verkäufer in die Zeitung einfließen zu lassen. Der Weg über redaktionell betreutes Verfassen dieser Artikel wird in dieser Form dabei wohl allen Bedürfnissen gerecht. Für die Leserinnen und Leser kommen dabei mit größerer Wahrscheinlichkeit packende und interessante Artikel heraus, wovon letztlich auch die Autorinnen und Autoren profitieren, da ihre Erlebnisse zur Geltung kommen.

2 Gedanken zu „Straßenzeitungen: strassen|feger

    1. Sicher doch. Derweil kann ich nicht viel schreiben. Es gibt traurige Neuigkeiten im egomanischen Lesezirkel. Mehr dazu am Donnerstag.

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