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Straßenzeitungen: Seven-six-two millimeter. Full metal jacket.

02 Feb

Ich sehe fiktive tote Menschen, ich lache. Ich spiele Spiele, in denen reichlich Blut fließt – virtuelles Blut. Es sind nur blutrot getünchte Pixel. Dem Pixel schadet es nicht, auch nicht dem Pixelbündel, das etwas repräsentiert, das im wahren Leben eine andere Reaktion zeitigen würde. Ich habe meinen Spaß dabei, dass dieses Leid sogar von den Pixeln imitiert, dass es in Zeitlupen zelebriert und dass es dramaturgisch inszeniert wird. Habe ich einen schlechten Tag, es muss nicht einmal ein ganz mieser sein, schere ich mich nicht um das Leid in der Welt. Lass sie weinen, jaulen, sinnlos krepieren, sie sind nur im Fernsehen. Es geht hier rein, da raus.

Ich bin ein moderner Mensch, Zynismus ist mein Name. Ich trage ihn nicht mit Stolz, nur mit derselben Gleichgültigkeit, mit der ich das Leid hinnehme. In Full Metal Jacket stehen einige Soldaten des Platoons im Kreis über den reglosen, steifen Überresten eines Kameraden. Jeder einzelne Soldat nimmt Anteil am Tod dieses menschlichen Restes, alle auf ihre Weise. “Lieber du als ich.”, sagt der letzte von ihnen. Einsichtig lache ich jedes Mal, nicht verlegen, nur bestätigend. Es ist zu wahr, um traurig zu sein. Zynismus eben, so ist es. Außerdem standen sie bis dahin nicht so über den vietnamesischen Leichen. Warum auch?

***

Zynismus wohnt in Darmstadt und schreibt mehr schlecht als recht tagtäglich in seinem Blog vor sich hin. Geübter Zynismus, der er ist, schreibt er nicht über all die Dinge, die Objekt seines Namens sind. Zumindest meidet er sie. Doch der Zynismus wusste nicht, dass ein weiterer um die Ecke wohnte.

In einem Anflug, der sich nur durch eine eigenwillige Verquickung aus Faulheit und Eingebung erklären lässt, grübelte Zynismus vor einigen Wochen an der Supermarktkasse, worüber er an diesem Tag noch schreiben könne. Die Kassiererin zog die Waren über den Scanner, der Scanner gab mit lautem Ton ordnungsgemäß seine Arbeit zu Protokoll. “Ich habe nichts, worüber ich schreiben kann.”, dachte Zynismus. Piep. “Ich kann nicht über Langeweile oder Depressionen schreiben.” Piep. “Ich muss mir das für Tage aufheben, an denen gar nichts geht.” Piep. “Damit kenne ich mich zwar am besten aus, aber das ist mein erzählerischer Notgroschen.” Piep. “Mal sehen, Ayn Rand schreibe ich schon zu viel zu. Außerdem wird es da mit meinem Genöle schon so repetitiv wie Rands Stil selbst. Dazu kann ich nicht schreiben. Sonst lese ich gerade nichts. Doch, Prüfungsordnungen. Scheiße. Geht nicht. Langweilig. Ich kann…”

“Vierzehn Euro und zwölf Cent.”, sagte die Kassiererin. Es war ein deutliches Zeichen, dass es schon nach zwanzig Uhr war. In dem Supermarkt, in dem Zynismus einkauft, sind um diese Uhrzeit meist nur noch blutjunge Beschäftigte anzutreffen, die Migrationshintergrund haben. Migrationshintergrund, der nicht heißt, meine Mutter kommt aus Dänemark. Womöglich ist nur so finanzierbar, dass der Supermarkt bis Mitternacht aufhat.

Zynismus, immer noch in Gedanken, hatte nicht gemerkt, wie sein Blick aus dem Supermarkt hinaus vor die Tür auswich. Und auch nicht, dass das Piepsen aufgehört hatte. “Hm?”

“Vierzehn zwölf. Bitte.”

“Ja, tschuldigung.”

“Langer Tag?”

“Nicht länger als deiner sein wird.”, dachte Zynismus. Er antwortete aber lieber: “Hm? Nö, ich kriege nur eine Sache nicht aus dem Kopf.”

“Ja, kenne ich. Immerhin müssen wir nicht vor der Tür Zeitungen verkaufen.” Sie nickte zu zwei Männern in dreckigen Mänteln, die Zeitungen vor ihre Brust hielten. Ihr Atem schoss Rauchschwaden in die Abendluft. Nur einer rauchte Zigarette, der andere atmete nur aus.

Es war die Lösung für Zynismus. Zeitung gekauft, sie hieß Streetworker. Schnell eingesteckt, nach Hause. Dort die lose Sammlung wildester Texte durchpflügt und ab damit in die Röhren des Internets. Fertig. Es war ein prächtiger Zustand, in dem Zynismus sich befand. Nicht viel Arbeit, die einige Artikel einer Serie hergeben konnte. Es war egal, dass die Zeitung unglaublich schlecht war. Zynismus hatte schon Schlimmeres gelesen. Und wer würde denn über die Qualität einer Straßenzeitung jammern? Dieser Zynismus nicht wirklich. Zumal ja auch schon bessere Exemplare eintrudelten. Zynismus machte weiter.

***

Heute dann die nächste Zeitung gekauft. Wieder vor dem Supermarkt, aber früher, deshalb war die junge Kassiererin noch nicht da. Als Zynismus die Zeitung kaufte, tippte die Verkäuferin, deren Gesicht vom Wetter zerschlissen aussah, nur auf die Zeitung. Ihr Finger landete flatternd auf dem Schriftzug: SOLIDARITÄT 1,50 Euro. Zynismus gab das Geld.

Die vorbereitende Lektüre des strassenträumer fand auf dem Klo statt, was Zynismus nicht zwingend für seinen Ansprüchen genügend hielt. Doch im hektischen Alltag des Zynismus bot diese Form der redaktionellen Arbeit einige Synergieeffekte, die den Zeitmanager von heute ausmachen. Schon der Titel warf fragen auf, vielmehr der Untertitel des Untertitels: Überregionale Ausgabe für deutschsprachige Länder außer Rheinland-Pfalz. “Seltsam.”, dachte er. Ein weiter Blick wurde von einem roten Balken gefangen, der am unteren Rand des Titelbildes schrie: DER STRASSENTRÄUMER DARF DERZEIT IN RHEINLAND-PFALZ NICHT VERKAUFT WERDEN!

Auf Seite 2 wartete ein bekanntes Bild auf Zynismus. Das Inhaltsverzeichnis, die Grußworte und auch die Regeln für den Verkauf des strassenträumer waren neu arrangiert, jedoch mit denen des Streetworker weitestgehend gleich. “Mal sehen, ob das alles dieselbe Zeitung ist?” Zynismus blätterte weiter. Es war zwar nicht derselbe Inhalt, die Aufmachung, der Charakter eben doch. Ein wilde Collage, großteils wirr getrennter Texte. Hier mal ein Artikel zu sozialen Randgruppen, der von Schillers Der Handschuh und einem Rezept für Fajitas unterbrochen, zwei Seiten später erst fortgesetzt wurde. Da und dort gab es immer wieder nackte Seiten, gut, nicht nackt, wahllose Zitate waren ihr Feigenblatt. Mal kauerten sie sich in eine Ecke der Seite, als wären sie ängstliche Fluchttiere; mal verteilten sie sich über die Seite wie ausgegossene Buchstabensuppe.

“It’s Streetworker all over again.”, lachte Zynismus in sich hinein. Da durfte ein Auszug aus Kafkas Urteil selbstverständlich nicht fehlen. Doch auch dieses war noch lange nicht verkündet, da brach ein neues Gedicht aus den Seiten hervor. Es war noch nicht genug gelacht, da kamen die Witze. Sie waren friedfertige Witze, die selbst die breitesten Schenkel verschonten.  Und dann war Schluss. “Hm, wirklich wie im Streetworker. Nur weniger Esoterik und Verschwörung. Das nennt sich dann Punktsieg.”

***

Es war Zynismus’ erklärtes Ziel, die Eindrücke schnell in die Tasten zu hauen. Er würde vor jedem Richter schwören, dass er reinen Herzens an die Angelegenheit ging. Die Welt war es, so wäre sein Eid, die den Schmutz mitbrachte.

Doch schützt Unwissenheit, das kann der Jurist dem Volksmund nachschwatzen, bekanntlich nicht vor Google. Und so geschah es. Der Zynismus, der nur zynisch dem Gang der Dinge folgte, dachte sich, es könne doch nicht sein, dass die Qualität der Artikel so wirr sei. Schaut da niemand mehr drauf? Man könnte doch einfach nur einmal diesen Artikel nehmen und hätte einen Eintrag bei der Wikipedia.

“Oh, scheiße. Es ist ein Eintrag bei der Wikipedia.” Die Gedanken flogen wild herum. “Und der hier auch. Aber jemand hat noch diesen drangehängt. Hm, fehlt nur die Quellenangabe. Kafka und Schiller sind eh gemeinfrei. Aber ist das schlimm, dass die einfach so abschreiben?”

Diese Frage hätte Zynismus beinahe wieder in ruhiges gedankliches Fahrwasser gebracht. Er wollte nicht auf ein Straßenzeitung eindreschen, dass diese es mit dem Urheberrecht nicht so genau nimmt. “Ich schnorre doch keinen Obdachlosen um eine Kippe an!”, dies wären die letzten Gedanken gewesen, doch kribbelte es in Zynismus’ Fingern. Google ist nur ein Tab entfernt, nur einige Tastendrücke.

Es dämmerte ihm. Konnte es sein, dass Zynismus sich so in der Welt getäuscht hatte, dass er seinen Namen in Naivität hätte ändern müssen, um seinen schon jetzt als angestammten angesehenen Namen erst nach der auf die Naivität folgenden Ernüchterung annehmen zu dürfen? Er wollte es nicht glauben, er fürchtete sich vor dem Eingabefeld. Wie er es geöffnet hatte, wusste er nicht. Es war wohl ein Automatismus. Das Eingabefeld wartete. Während er tippte, brandete eine Frage in seinem Schädel auf: “Warum ist strassenträumer in Rheinland-Pfalz nicht erhältlich?” Flugs war die Anfrage ergänzt – strassen träumer rheinland pfalz.

“WTF?” Natürlich meinte er: strassenträumer rheinland pfalz.

“WTF!” Sein Auge war eine Zeile weiter unten angelangt. Der erste Eintrag behandelte ein Oberlandesgerichtsurteil, in dem ein Sammlungsverbot gegen die Zeitung und den Verein bestätigt wurde. Wenige Zeilen darunter ein Artikel zur Abzocke mit falschen Obdachlosenzeitungen. Je weiter er suchte, umso mehr fand er. Von Drückerkolonnen war die Rede, von seltsamen Verkaufsmethoden, von Ausbeutung der Ärmsten, von organisierten Banden mit aus Osteuropa angekarrten Verkäuferinnen und Verkäufern. Von einem Mann, der aus Darmstadt heraus ein lukratives Imperium der Straßenzeitungen aufbaute, das nur Luft produzierte. Keine Suppenküchen, keine Einrichtungen. Von Geld, dass an die Hintermänner abgegeben werden muss. “Mutterfickende Scheiße!”

Der Wahn ging weiter. Zynismus hatte keine Chance. War die Streetworker im Aufbau nicht gleich? – streetworker zeitung. Auch hier ähnliche Vorwürfe, die dessen anderer Darmstädter Herausgeber aber von sich wies. “Vaterfickende Dreckscheiße!”

***

Die Wut toste durch sein Hirn, sie ritt auf grollendem Hass. Sie erreichte sein Bewusstsein ohne Müh und Not, sie wich dennoch, die Wut war tot. Ihr Schnitter war eine einzelne Erinnerung, sie war kalt und hart, wie es nur die schärfsten Klingen sein können.

Er erinnerte sich an den Abend, an dem er die erste Zeitung kaufte. Die beiden Männer unterhielten sich, als Zynismus sich noch eine Zigarette gönnte. Vielleicht wollte er nur den Moment herauszögern, den Männern gegenüber zu treten. Während er wartete, sah er den Männern zu. Sie unterhielten sich, doch er hörte nur Bruchstücke. “Die” war eines der Worte. “Drüben” ein anderes. Er verstand die Frage: “Hat die eine andere?” Zynismus verstand nicht richtig. Erst als einer der Männer über den Parkplatz des Supermarkts sah, erkannte Zynismus dort eine Frau stand. Weit entfernt vom regen Treiben am Ausgang stand sie, sie blickte mürrisch aus ihrer Kapuze über die Zeitung hinweg, die sie fast schützend vor sich hielt.

“Konkurrenz?”, hörte Zynismus einen der Männer. Er hörte die Antwort nicht ganz, konnte sie sich aus dem Brocken, den er hörte und der Reaktion des anderen Mannes denken. Er hörte ein sarkastisch gezischtes “Scheißstandort”, der andere lachte. Dann nickten sie mit gespieltem Mitleid zu ihr herüber.

Zynismus fiel erst in diesem Augenblick, in dem er seine Erinnerung gewissenhaft durchwanderte auf, dass es dieselbe Frau war, die ihm heute die Zeitung verkauft hatte.

***

Mein Name ist Zynismus, meine Zahl ist Legion. Ich weigere mich anzuerkennen, dass mein Name Programm ist. Ich weiß mich nur nicht, ihm zur Wehr zu setzen. Wie soll ich es, wenn in dem Moment, in dem mir auffällt, noch einen Rest des Glaubens an die Welt zu haben, er im selben Moment zerfällt? M-I-C K-E-Y MOUSE!

 
1 Kommentar

von aesthetikargonaut in Egomanischer Lesezirkel

 

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  1. Street News Service « kulturproktologie

    10. Februar 2012 at 16:09

    [...] meine Unbedarftheit mich dazu führte, möglicherweise einigen wenig vorbildlichen Straßenzeitungen aufgesessen zu sein, ist mir wichtig, mal die Spreu vom Weizen zu trennen. Schon nach kurzer Zeit, [...]