Ayn Rand, meet the world

Sammeln wir doch einfach fleißig weiter Beispiele, an denen man Rands Weltanschauung messen kann. Eines dieser Beispiele ist so offenkundig, dass es fast lächerlich wäre, es anzuführen. Lächerlich ist es aber auch, nicht darauf zu sprechen zu kommen. Steve Jobs und die Geschichte von Apple sind allemal nicht nur innerhalb einiger Zeilen abzuhandeln. Für Rands Simplizismus reicht es aber, nur auf Schlaglicher, allemal bekannte, hinzuweisen. Steve Jobs ist ein Paradadebeispiel für die Anwendbarkeit des Rand’schen Personenkults. Und ein Personenkult ist es, wie ich hier darstellen will; es ist kein tatsächlicher Individualismus.Nun lässt sich schwer ein direkter Kommentar von Rand zu Jobs finden, ihre Lebenswege kreuzten sich nicht. Wie also lässt sich ein Zugang schaffen? Was hätte Rand wohl von Jobs gehalten?

Ich spiele hier argumentativ erst einmal über Bande. Da Rand nun nichts zu Jobs sagen konnte, greife ich auf die Einstellungen eines objektivistischen Think Tanks zurück. Die Atlas Society hat sich der Verbreitung und Erweiterung des Objektivismus verschrieben. Da es sich der Selbstbeschreibung nach um einen akademisch orientierten Verbund von Philosophinnen und Philosphen handelt, nehme ich sie als adäquaten Ersatz für Rand selbst. Was sagt die Atlas Society zu Jobs?

Steve Jobs was a capitalist hero. He had a vision of computers for everybody in 1976, at a time when it was assumed that only the most prosperous businesses and the most advanced and well-funded research labs would ever need or be able to afford them. He built his first computer in his garage with Apple co-founder Steve Wozniak, and they marketed it from his bedroom. Good thing that local government regulators—the kind who shut down children’s lemonade stands today—didn’t arrest him for operating a business without a license and against zoning regulations!

[…] This brings us to another difference between Jobs and the anti-capitalist protestors. Jobs in his work needed to be ruthlessly rational and reality-oriented. He couldn’t just dream of personal computers or devices that no one could imagine. He and his colleagues had to figure out how to create those products and at such a low cost that millions of consumers could purchase them.

Der Einwand, ich könnte hier über Bande einen Strohmann aufziehen, ist auf den ersten Blick nicht von der Hand zu weisen. Ich halte dies allerdings nicht per se für einen Strohmann. Als Alternative bliebe mir, aus Rands Veröffentlichungen eine Position zu Jobs zu kreieren. Das ist möglich, wäre aber voreingenommen, wenn man meine bisherigen Positionen berücksichtigt. Daher spiele ich lieber über Bande.

Dann bliebe zu klären, ob die Atlas Society ein würdiger Vertreter des Objektivismus ist. Nach einem Blick auf die Positionen und das Sendungsbewusstsein des Think Tanks, habe ich keinen Anlass zu glauben, sie hätten sich nicht eingehend (eingehender als ich) mit Rand befasst. Alle Kernpunkte des Objektivismus werden möglichst systematisch ausgeleuchtet

Aus diesem Grund nehme ich an, dass ich von der Position der Atlas Society in gewisser Weise auf Rands Haltung zu Jobs schließen kann. Im einzelnen wären dabei folgende Punkte hervorzuheben:

  • Personalisierung von unternehmerischer Leistung,
  • Innovationsbetonung,
  • Rationalisierung personalisierter Leistung,
  • Betonung des personalisierten Verstands.

Mir fiele nicht ein Punkt der mir bekannten Positionen Rands ein, der diesbezüglich fehlt. Nun aber zu der kritischen Auseinandersetzung damit.

1. Rationalisierte Emotionalisierung

Es mag kleinteilig wirken, hier auf den letzten Satz des ersten zitierten Absatzes zu verweisen, doch steckt für mich darin der grundlegende Kern eines der Probleme Rands und ihrer Anhänger. Sie wähnen sich in totaler objektiver Position der Wahrheit, dass sie jeden Widerspruch als Affront verstehen. Dabei reagieren sie wie die meisten Menschen: Mit starken Emotionen, die sich in degradierender Sprache ausdrücken. „Good thing that local government regulators—the kind who shut down children’s lemonade stands today—didn’t arrest him for operating a business without a license and against zoning regulations!“ Tatsächlich ist es eine erstaunliche Sache, dass dieser Satz hier eingestreut wird. Niemand hat in diesem Zusammenhang eine solche Forderung aufgestellt, wir sprachen von Strohmännern. Hier ist einer. Mit Ausrufezeichen.

Viel tiefer wirkt aber, dass sich hier von den selbstdeklarierten rationalen Objektivisten ein affektiver Emotionalismus einschleicht. Es beißt sich zusehends mit den eigenen Behauptungen nüchterner, objektiver Beobachtung, argumentative Gegner – fiktiv oder nicht – in simple Hülsen zu pressen, die nach Lust und Laune diffamiert werden. Dies ist auch nicht ein Makel der Society, schon Rand hat diesen simplen Mechanismus verinnerlicht und zum prägenden Stilmittel objektivistischer Rhetorik erhoben. Die Looter sind so ein Begriff, den Rand in Atlas Shrugged nach Herzenslust verwendet. Sie verwendet ihn so unreflektiert, dass man annehmen muss, sie halte dies für einen deskriptiven Begriff.

Das ist nur ein Beispiel unter zahllosen, die sich im Objektivismus, wie er mir begegnete, finden lassen. Damit rationalisiert sie aber persönliche Meinung und Bewertung und torpediert damit die eigenen Ansprüche.

2. Rationalität als Synonym von Vernunft

Hier versteckt sich eine semantische Problematik, die durch die Übersetzung vom Englischen ins Deutsche nicht einfacher wird. Der Grundgedanke ist simpel oder kann zumindest für meine Zwecke hier einfach ausgedrückt werden: Aus Vernunft als einer (menschlichen) Gabe zur ausgewogenen Entscheidungsfindung über wahrgenommene Zustände der physischen und psychischen Umwelt hat enorme Schnittmengen mit wirtschaftlicher Rationalität. Deckungsgleich sind beide Begriffe dennoch nicht. Zur Veranschaulichung dieses Beispiel:

Es ist unter den geschilderten Umständen sicherlich wirtschaftlich rational, die Selbstmorde der Beschäftigten Foxconns beispielsweise durch Sicherheitsnetze in den Gebäuden verhindern zu wollen. Rationalität im wirtschaftlichen Sinne ist demnach dann die simple Rechnung, dass Netze günstiger sind als die durchgreifende Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Für die Netze spricht dann, dass sie eventuell das wirtschaftliche Problem (Verlust an Arbeitskräften) durch vergleichsweise geringe Kosten in Schach hält.

Aber ist das auch wirklich vernünftig? Und da haben wir den einfachen Gedanken, der auch innerhalb des individualistischen Paradigmas des Objektivismus zu einem anderen Ergebnis kommt als die wirtschaftliche Rationalität: Die Individualrechte der Arbeiterinnen und Arbeiter könnten derart beeinträchtigt sein, dass ihre Freiheit beschränkt ist; ein Sicherheitsnetz wäre nach objektivistischer Vernunft nicht ausreichend.

Das Problem ist also, dass die Begriffe in der Anwendung bei Rand synonym verwandt werden, in der Praxis allerdings durchaus zu unterschiedlichen Folgen kommen können. Dass sie aber von Rand als Synonyme verstanden werden, wird durch ihr charakteristisches Argumentationsmuster verständlich: negative Herleitung. Es funktioniert in diesem Beispiel so, dass die Frage ist, ob Vernunft und Rationalität Antonyme sind. Da sie es nachweislich nicht sind, man denke an die Schnittmengen, können sie synonym verwandt werden.

3. Polarität der Welt

Die negative Herleitung und widersprüchliche Konsequenzen daraus sind ein klassischer Rand’scher Ansatz. Was nicht schlecht ist, ist gut; was gut ist, kann nicht schlecht sein. Das hat enorme Probleme, ich bleibe mal bei Foxconn und Steve Jobs. Wenn wir annehmen, dass Steve Jobs über die ikonisch unterstellte kognitive Allmacht verfügte, fällt es leicht anzunehmen, dass er nicht nur von diesen Vorgängen in der Produktion wusste. Beziehen wir die von der Vernunft unterscheidbare Rationalität mit ein, wird sogar wahrscheinlich, der Genius Jobs habe dies bewusst in Kauf genommen oder gar befördert.

In der objektivistischen Betrachtung der Polarität entsteht ein paradoxer Zustand: Nicht gut, nicht schlecht. Nicht schlecht für die Konsumenten (wie mich) und Hersteller (Foxconn, Apple, Jobs), schlecht für die Produktionsangestellten. Wie lösen wir dieses Problem? Der Objektivismus kennt da wenig Ansätze, wie der oben zitierte Abschnitt belegt, verstärkt er das Problem aber noch. Die Heroisierung Jobs als defensiver Akt gegen die Kritik – wie auch immer diese aussieht – ist keineswegs ein gangbarer Weg. Aber ein objektivistischer. Ich nenne das den objektivistischen Fehlschluss: Aus der Kritik an einer vom Objektivismus idealisierten Figur kann nicht auf das Scheitern der Kritik geschlossen werden, sofern nur auf die Herkunft der Kritik verwiesen wird. Der Objektivismus tut aber genau das. Wird Jobs‘ Podest angegriffen, bauen wir es stabiler und höher. Dann wird die Kritik kleiner.

Randnotiz der Wirklichkeit

Ein weiterer Punkt ließe mich schmunzeln, wenn der Anlass nicht so krass wäre. Die Welt, die der Objektivismus so schön eintüncht, ist im Beispiel Apple, Jobs und Foxconn schon so komplex, dass Rands Kopf eigentlich auch im Grab rotieren müsste. Da geht ein honoriges kapitalistisches Unternehmen, das sich nicht für seinen Reichtum und Profit entschuldigt, so weit, ein kommunistisches System als Produktionsstätte zu nutzen.

Das ist ein Wirklichkeit, die Rand nicht versteht. Das hat viel mit Rationalität zu tun, wenig mit Vernunft. Aber Rand geht ja auch davon aus, dass Hank Rearden seinen Metall über Jahre entwickeln konnte, um dann ein besseres Produkt zu erhalten, das günstiger ist als das der Konkurrenz, leistungsfähiger als Stahl, innovativer als alles andere. Dass Rearden seinen Mitarbeitern mehr Geld zahlt als seine subventionierten Konkurrenten, die Arbeitsbedingungen sicherer sind, die Leistungsdichte höher und der Produktionsprozess effizienter. All das nur zum Vorteil der Welt, aber nicht für diese, sondern um Gewinne zu machen.

Die Frage für Rand ist also: War Steve Jobs Hank Rearden?

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