Debattenkultur im Netz: Derailing for Dummies

Eines ist im Internet wie im realen Leben sicher: Je länger man sich dort herumtreibt, umso größer die Wahrscheinlichkeit des Konflikts mit anderen Positionen und Meinungen. Über alles wird gestritten, wenn nicht, dann ist es immerhin möglich über alles zu streiten. Wer dies quasi leidenschaftlich betreibt, macht sich über kurz oder lang verdächtig, ein Troll zu sein. So ist es halt.

Es gibt einige Gradmesser, um die Stichhaltigkeit eines Arguments zu prüfen. Die skeptische Bewegung im Netz greift in der Regel auf klassische logische Irrtümer zurück. So lassen sich einige Argumente von Beginn an aussieben.

Eine perfidere Strategie ist die des Derailings. Sich damit auseinanderzusetzen ist deutlich schwieriger. Das Derailing baut letztlich als Trollphänomen gerade darauf, keine ernsthafte Diskussion führen zu wollen. Wer logische Fehler begeht, muss nicht zwingend die Absicht haben, damit eine Diskussion zu stören – und lässt sich dementsprechend leicht und gern korrigieren.

Das Derailing kommt allzu gern dort vor, wo es um gesellschaftliche Minderheiten geht. Auf Derailing for Dummies werden einige der häufigsten Strategien genannt, die eine Diskussion richtig vorbildlich aushebeln und so eine vernünftige Debatte im Keim ersticken.

Eine der ’schönsten‘ Derailingstrategien ist das „But it’s true„. Es ist mein persönlicher Liebling unter all den hübschen Pseudoargumenten. Wer kann schon etwas gegen die Wahrheit sagen? Und es funktioniert überall und immer. Es muss nicht einmal wahr sein, was da behauptet wird, aber es schadet auch nicht. Der Trick ist, dass hier vorgegeben wird, dass nur die Wahrheit allein ein relevantes Kriterium der argumentativen Auseinandersetzung sei. Sie ist ein wichtiges Kriterium, aber nicht das alleinige. Beispiel gefällig? 1 + 1 = 2. Das ist wahr. Und wird auch immer wahr sein. Es sagt einiges aus, aber nicht alles. Damit wird noch keine Diskussion aus den Gleisen gehoben, es bedarf einer penetranten Universalisierung der Wahrheitsaussage, um daraus einen vollwertigen Hebel zu machen. Ist etwa die Frage, ob Gruppe X bei gleicher Leistung schlechter entlohnt wird als Gruppe Y, ist die Aussage 1 + 1 = 2 nicht sehr hilfreich. Sie bleibt wahr, aber ist nicht in adäquatem Kontext angewandt. Mit einigem Geschick kann nun von der ursprünglichen Diskussion abgelenkt werden, indem nun über diese Gleichung gestritten wird. Wer die Gleichung ins Spiel gebracht hat, kann sich immer darauf zurückziehen, wie wahr die Gleichung ist und darauf pochen, dass diese Wahrheit auch bitte anerkannt würde.

Spannend wird es natürlich auch im Fall einer nicht haltbaren Wahrheitsaussage, die bei genauerer Betrachtung nicht haltbar ist. Das ist dann die Krönung des „But it’s true“. Es wird dann nicht nur anhand einer nicht adäquaten Behauptung der eigentliche Aspekt in den Hintergrund gerückt, die Debatte dreht sich auch nur noch um Für und Wider der Annahmen der Wahrheitsaussage.

Unter diesem Aspekt ist Derailing for Dummies einfach nur interessant. Ich kann mir die Frustration ausmalen, wenn ständig solche argumentativen Hebel ein letztlich wichtiges Thema negieren. Auf der anderen Seite steht aber auch, dass der Vorwurf des Derailings auch exzessiv vorgebracht werden kann. Dazu trägt Derailing for Dummies ebenso bei, da die dort beschriebenen Aussagen und Positionen grundsätzlich für absichtliche Ablenkungsmanöver gehalten werden. Manches Mal kann dabei folgendes Problem entstehen.

Muss auch nicht sein. Lebenszeit ist kostbar.

Bilddquellen: liftarn CC-BY-SA 3.0; xkcd CC BY-NC 2.5

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