Rollen spielen in Skyrim (1)

Skyrim ist ein gefrässiges Monstrum, es ernährt sich von der Zeit der Spielerinnen und Spieler. Als einem der Opfer dieser Bestie bleibt mir nur die klare Erkenntnis, immerhin nicht allein zu sein. Ich brauche gar nicht erst so tun als hätte ich mich gewehrt. Ich war gefundenes Fressen.

Der grindende Buchhalter

In Stunden zu erfassen, wie viel Zeit ich mit Skyrim verbracht habe, ist eigentlich reiner Unsinn. In Tagen, netto, ist eine überschaubarere Maßeinheit. Ich bin dem Spiel verfallen, wie viele andere auch. Es ist genau mein Genre, mit der aus meiner Sicht optimalen Mischung aller Zutaten, die ein Rollenspiel hergeben kann. Dabei spiele ich diese gigantischen Rollenspiele nur selten so wie sie ihrem Namen nach gemeint sind. Als Komplettist schere ich mich nicht wirklich um die Figuren oder auch nur meine eigene Rolle in dieser Welt, als Spieler bleibe ich doch homo oeconomicus. Aus Rollenspielen mit ihren weiten und breiten Welten und Möglichkeiten, in dieser Welt zu agieren, bieten den größtmöglichen Mehrwert.

So reize ich es aus, was mir geboten wird. Mein unausgesprochener Anspruch, dem ich instinktiv folge, ist es, alles zu sehen. Nichts will ich auslassen. In Elder Scrolls ist das sogar noch auf die Spitze zu treiben, schließlich lässt die offene Charakterentwicklung es zu, alle Fertigkeiten und Talente zu entwickeln. Auf einer Metaebene bin ich Grinder. Alles ausleveln, alles sehen, alles spielen, nichts darf unbesehen an mir vorüberziehen.

Einfallslos, so könnte es auch bezeichnet werden. Skyrim macht mir Spaß, das Spiel wie eine große Checkliste zu behandeln. So spiele ich Skyrim und viele andere Rollenspiele. Ich rollenspiele, spiele aber selten eine Rolle. Eigentlich nie. In die Spiele stecke ich keine eigene Einbildungskraft, da es mir reicht, mich in die breite imaginierte Welt stürze, die dort von fernen Designern erstellt wurde. Kraft meiner Imagination male ich mir höchstens aus, was ich denn tun werde, wenn ich die Fertigkeiten für schwere Rüstungen und Illusionsmagie ausgelevelt habe. Vielleicht Zerstörung? Oder Zweihänder?

Mehr ist da aus mir nicht herauszuholen. Aber was ist mit anderen? Wie spielen die ein Spiel wie Skyrim?

Charaktere ohne Klasse

Dann krempele ich doch mal die Buchhalterärmel hoch und schaue, was sich in Skyrim tatsächlich anstellen lässt, wenn man sich nicht nur eine Welt auftischen lassen will. Denn eigentlich bringt Skyrim doch eine Menge an Freiheiten mit. Bei aller Kritik und Verbesserungswünschen, die man aus Rollenspielerperspektive an Skyrims Spielwelt und der Erfahrung des Spiels äußern kann, bleibt doch eine erstaunlich freie Charaktergenerierung das Herz der Elder-Scrolls-Reihe. Skyrim ist nicht perfekt, was in dem verlinkten Artikel besonders gut beschrieben wird, wo es um die statische Unterscheidung von feindlichen NPCs und kooperativen Figuren in der Welt von Himmelsrand geht. Und durch den Objectivist Gamer (ja, so ein Objektivist) ging mir ein Licht auf: Skyrim bietet tatsächlich erstaunliche Freiheiten, doch ist die Dialogführung in Quests und auch die vorausgesetzte Einstellung – oder Weltanschauung – der Spielerinnen und Spieler eine auferlegte altruistisch-heroische. Das ist aus RPG-Sicht ein gehöriger Mangel, der mir gar nicht auffiel, da ich ja keine Rolle in Skyrim spiele. Nur würde ich nicht so weit gehen, Skyrim deshalb die kalte Schulter zeigen zu wollen.

In diesem und besonders im zweiten Teil wird es darum gehen, wie sehr die Spielmechanik doch mehr Freiraum als die Narrative lässt, eine eigene Figur zu entwickeln und diese schlüssig in Himmelsrand auszuspielen. Dabei fokussiere ich mich nur auf die rein spielerischen Möglichkeiten, das Modden fasse ich gar nicht erst an. Bethesda hat nämlich mit einer weiteren Entscheidung deutlich mehr Flexibilität in der Charakterbildung möglich gemacht, als die Vorgänger dies boten

Die Aufgabe klarer Klassenbezeichnungen bei Spielbeginn und die damit verbundene Weichenstellung ist konsequent ausgespart worden. Zunächst dachte ich, dies könnte die RPG-Aspekte verwässern. Gehe ich aber mal in mich, fällt es selbst mir altem Komplettisten nicht schwer zu erkennen, dass Bethesda damit den Spielerinnen und Spielern nur die Gelegenheit gab, dem Kind selbst einen Namen zu geben. Da nun niemand mehr entscheiden muss, ob man nun eine kriegerische, diebische oder magische Ausrichtung festlegen will, bleibt dies der Spielweise überlassen. Jederzeit kann eine Entscheidung überdacht und geändert werden, das Spiel kümmert es nicht, wenn nun auf einmal gezaubert wird, wo vorher immer nur geschlichen wurde.

Das Spiel räumt dabei also fast mehr Freiheit ein, als es für die Spielerinnen und Spieler gut ist. Es kommt darauf an, was alle selbst daraus machen. So ist es ein Anfang, Skyrim als Rollenspiel ernstzunehmen, sich selbst Regeln aufzuerlegen. Gerade der dort drittgenannte Punkt ist der, der meine Spielweise gut wiedergibt und meine Nachlässigkeit als Rollenspieler ohne gespielte Rolle verdeutlicht. Ich halte eigentlich keinen der Vorschläge ein, doch ergibt jeder Sinn. Nur weil aus einem reichen Schatz an Charaktereigenarten und -eigenschaften und unzähligen zunächst nicht questrelevanten Aktivitäten gewählt werden kann, muss doch nicht die reine Abarbeitung möglichst aller Aspekte folgen. Das musste ich auch erst einmal in den Kopf kriegen. Ich kann, ich muss aber nicht alles machen? Was soll das bringen?

Liberté egal?

Es bringt eine Rolle, die ich selbst ausfülle. Das Spiel legt mir Steine in den Weg, doch ich selbst kann mir noch Aufgaben stellen. Ich habe die Freiheit, meine eigene Freiheit zu beschränken. Dazu muss ich mir nur von Anfang an ein paar Gedanken machen. Wenn ich einen Magier spielen will, gehört es nicht zu meiner Rolle, Waffenfertigkeiten auszubilden. Also lasse ich sie weg. Es gibt eine Menge an Archetypen, aus denen ich wählen kann. Selbst diese sind noch lange kein runder, reicher Charakter – und doch schon meilenweit von der gottgleich-neutralen, namenlosen Heldenfigur entfernt, die ich sammelnd, tötend und jagend durch Himmelsrand stapfen lasse. Mir kam es sinnlos, sogar hinderlich vor, manches Mal warten zu müssen, wenn Geschäfte nicht offen hatten. Glücklicherweise gibt es ja ein Menü, um die Zeit verstreichen zu lassen. Geschlafen oder gegessen wird bei mir schon gar nicht, das Spiel erzwingt es nicht. Doch in einer Rolle könnte ich mir einen solchen Zwang doch ausmalen.

Das ist aber nur der Anfang meiner Expedition zur eigenen virtuellen Identität. Sinnsuche mal anders. Da habe ich schon mehr Freiheiten als in der realen Welt, ein eigenständiges Individuum zu schaffen, und nutze es nicht. Wie erbärmlich. Viele andere Menschen haben mit kreativen Ideen vorgemacht, was mit ein wenig mehr Phantasie in Skyrim angestellt werden kann. Oder eben nicht, wenn es nicht der eigenen Figur entspricht. Morgen mehr.

Ein Gedanke zu „Rollen spielen in Skyrim (1)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.