Nach den arbeitsreichen und hektischen Zeiten, die hinter mir liegen, will ich einen schon lange gehegten Plan umsetzen: Meinen Ein-Mann-Lesezirkel zu einem Thema meiner Wahl. So bescheiden kann ich sein. Die Zeit nehme ich mir jetzt einfach.
Für viele Menschen muss es bei solch einem Vorhaben nicht gerade der harte Stoff sein, ich für meinen Teil möchte mich aber ein wenig fordern. Deshalb führe ich mir einen ausgewählten Bereich der politischen Theorie oder der Sozialphilosophie zu Gemüte. Dabei will ich nicht bestehendes Wissen vertiefen, sondern besonders neue Ansichten in mir fremden Themenbereichen gewinnen. Horizonterweiterung im eigentlichen Sinne also. Dazu werde ich mir einige als Standardwerke empfundene Texte vornehmen und ebenso die bedeutendsten kritischen Ansätze beobachten. So weit der Plan.
Erster Themenkomplex sind die Tierrechte oder eben Tierethik. So genau kann ich gar nicht sagen, ob zwischen beiden ein klare Linie gezogen werden kann. Aber genau darum geht es ja. Ich kenne mich in diesem Feld so gut wie gar nicht aus, also kann ich nur hinzulernen. Dabei will ich die Tierethik undogmatisch angehen, auch wenn ich sicherlich nicht von neutralem Boden zu diesen neuen Gefilde aufbrache: Meine Haltung zu Tierrechten dürfte der breiten Masse entsprechen. Ich gestehe Tieren Rechte zu und würde mich nicht als ihnen und vor allem ihrem Wohlergehen gegenüber nicht als gleichgültig bezeichen. Zur gleichen Zeit hat meine persönliche Einstellung zu Tieren kaum Einfluss auf mein alltägliches Leben. Ich konsumiere Tierprodukte oder Produkte, die aus deren Verwertung stammen, nahezu selbstverständlich und unkritisch. Es ist sozialisiertes Gewohnheitsverhalten. Als solches ist es in mir sicherlich stark verankert.
Und erwartungsgemäß fielen meine Reaktionen auch dementsprechend hart aus, sofern ich mal in Berührung mit Tierethik kam (Ungeschickte Kampagnen von PETA, Anschläge auf Forschungseinrichtungen, Veganer und Vegetarier im Freundeskreis). Wie viele Menschen neige auch ich instinktiv dazu, mir nicht gerne Vorwürfe gefallen lassen zu wollen, so fiel dann auch meine Ablehnung tierethischer Vorwürfe aus. Mit Tierethik konnte man bei mir nicht Land gewinnen, ich wehrte die Diskussion ab und ging dann wieder zum für mich ‘normalen’ Lauf der Dinge über. Das heißt nicht, dass ich Vegetarier oder Veganer ihrer Gewohnheiten wegen aktiv geringschätzig betrachtet hätte. Es war für mich lediglich eine Frage der persönlichen Entscheidung, womit ich also der Tierethik implizit die Daseinsberechtigung abgesprochen habe, indem ich ihre Argumente verwarf noch bevor ich mich mit ihnen auseindergesetzt hatte.
Ich komme also aus der Perspektive der Mehrheitsmeinung der fleischessenden Bevölkerung zu den Tierrechten. Meine Position ist durch habituelles Verhalten geprägt, doch will ich diese Position nun ein wenig abändern. Ich hebe meine rigorose und unreflektiere Ablehnung auf und bin nun bereit, mich zumindest den tierethischen Argumenten zu stellen. Es ist aber nicht meine Absicht, konkret einen Entschluss zu fassen, meine Verhalten grundlegend zu ändern.
Mein Interesse an der Tierethik ist ein anderes, das viel mehr mit meinem Interesse an Ethik zu tun hat. Mir fiel auf, dass die Tierethik eine Spielwiese vieler Strömungen der Philosophie ist, die sich damit befasst haben, wie mit Tieren umzugehen sei und welche Rechte ihnen gar zugestanden werden könnten. Für mich ist es also mehr eine Übung, mich mit den Argumentationsmustern der verschiedenen philosophischen Denkschulen auseinanderzusetzen. Es geht mir also nicht primär darum, Tierrechte und Tierethik zu nutzen, um meine persönlichen Einstellungen hierzu zu verändern. Wenn der Fall eintreten sollte, dass ich mein Verhalten grundlegend ändern möchte, dann ist es eben so. Hauptsächlich will ich aber in einem interessanten, aber randständigen Bereich der Philosophie meinen Blick für die argumentativen Eigenarten der Denkschulen schärfen.
Als Einstieg in diese in den 1970er Jahren im angelsächsischen Raum entstandene Diskussion scheint mir ein von Ursula Wolf herausgegebner kleiner Sammelband einschlägiger Texte geeignet: Texte zur Tierethik. Hier scheint mir die Zusammenstellung moraltheoretischer Ansätze im ersten Teil sehr ansprechend. Die bedeutendsten Vertreter utilitaristischer und deontologischer Positionen scheinen vertreten zu sein. Im zweiten Teil verspricht das Büchlein, sich Anwendungsproblemen zuzuwenden.
Ich verspreche mir hiervon einen möglichst umfassenden Einstieg in die Materie, auch wenn das Buch sich auf eher zeitgenössische Positionen versteift und damit Klassiker der Theorie und Philosophie ausblendet. Damit kann ich allerdings erst einmal ganz gut leben. Ich habe mir nun vorgenommen, jeweils die einzelnen Artikel in regelmäßigen Abständen zu verarbeiten und meine Befunde, Gedanken und Fragen hier festzuhalten. Ich habe noch keinen klaren Fragenkatalog entwickelt, mit dem ich an die Texte herangehen möchte, hoffe aber, dass nach Lektüre des Sammelbandes klarer sagen lässt, welche Anforderungen an die dann folgenden Texte stellen werde.
Es dürfte auf jeden Fall spannend werden.
Literatur:
- Wolf, Ursula (Hg.): Texte zur Tierethik, Stuttgart 2008.