Der Wulff, der Rücktritt

Die Suche nach einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger wird ja nun wieder zur Geduldsprobe stilisiert, sodass es ja nicht schadet, dass ich nun doch meine Ansichten zu Wulffs Rücktritt noch während des präsidialen Vakuums – manche nennen es Horst Seehofer – loswerden will. Es ist nicht mehr als ein leichtes Bedauern – nicht über den Rücktritt, sondern über die Art und Umstände dessen.

Wulff hat das Amt, das er so gerne angenommen und ausgefüllt hatte, in und mit seiner Rücktrittserklärung für meine Begriffe auf wulfftypische Weise verlassen. Wie auch immer die Ermittlungen ausgehen werden, sofern der Anfangsverdacht überhaupt erhalten bleibt, hat Wulff dem Amt einen Schaden zugefügt, der in meinen Augen anderer Natur ist, als dies gemeinhin angenommen wird. Es waren nicht seine Beziehungen zur Wirtschaft oder zu Celebritys aller Art, die ihn für das Amt ungeeignet machte. Von Beginn an.

Seine freundschaftliche Beziehungen und Kontakte allein haben ihn nicht zu Fall gebracht, es war sein laxer Umgang mit den möglichen Folgen und persönlichen Beeinflussungen, denen er sich damit besonders als niedersächsischer Ministerpräsident aussetzte. Sicherlich sind die einzelnen Vorgänge an sich nicht zu vernachlässigen, haben sie doch zumindest ein gewisses G’schmäckle.

Und auch seine Verteidigung gegen die erhobenen Vorwürfe, die an den Haaren herangezogenen Ausflüchte und die erst unter Druck geäußerten Andeutungen auf ein Bedauern ist nicht der Grund, warum ich in Wulffs Amtszeit das Potenzial sehe, dieses nachhaltig beschädigt zu haben.

Ich lese sein gesamtes öffentliches Verhalten und Auftreten als das des gefallsüchtigen Biedermannes, der sich seiner trostlosen Biederkeit durch soziale Garnierung des eigenen Lebens mit dem Glanz anderer zu entziehen versucht. Wulff gab dem Amt keine Kontur, er saß es aus. Blass und konturlos hangelte er sich so durch, schob, wenn überhaupt, sein Gesicht in die Kamera und dann sofort seine Frau, die als trophy wife herhalten musste. Die Taktik wäre beinahe aufgegangen für den Biedermann, der nun in das Amt des bundespräsidialen Repräsentationsautomaten gehievt wurde. Er sollte die sichere Wahl sein. Seine Biederkeit sollte eventuell für eine zeitliche Kontinuität sorgen, die nur ein Gesichtsloser versprechen kann.

Dass dieses Versprechen von Wulff nicht eingehalten worden konnte, lag dann womöglich am Modus der biederen Gefallsucht, der weniger auf die Tatsache achtete, welche Freunde man haben könnte und wie man mit ihnen verkehrt, sondern darauf, dass man welche habe. Viele Freunde, mächtige Freunde. Freunde, die jahrelang Schnauzbärte tragen und doch in hellerem Licht erstrahlen als der Biedermann selbst.

Und so erklärt sich aus meiner Warte auch der Wortlaut der Rücktrittserklärung selbst. Sie ist langweilig wie Wulff selbst, grau und formlos. Sie erfüllt gerade mal die formalen Anforderungen an eine Rücktrittserklärung, der Rest sind vage Nullsätze und nebulöse Phrasen. Er sei, wie auch seine Frau verletzt, aber er wagt nicht, die so indirekt angesprochenen ‚Aggressoren‘ immerhin nun wiederum zu attackieren. Dann verfüge er nicht mehr über den nötigen Rückhalt, um sein Amt ausüben zu können. Das ist die simpelstmögliche Begründung für das, was geschehen war.

Die Erklärung wäre eine Möglichkeit zur Abrechnung, zur Selbstkritik oder zur moralischen Erneuerung gewesen. Alle Möglichkeiten hätten aus der letzten Amtshandlung das gemacht, was von Wulff als Präsident eigentlich von Beginn an hätte erwartet werden können. Doch das ist des Graumanns Sache nicht. Lieber nicht aus dem Fenster lehnen, selbst wenn man es im freien Fall schon hinter sich gelassen hat.

Wulff reagiert aber wie derjenige, der sein Leben lang versuchte, nicht anzuecken. Um dann ernüchtert festzustellen, dass er damit aneckte. Das zu verdauen, wird gute Freunde brauchen.

Ein Gedanke zu „Der Wulff, der Rücktritt

  1. Ich möchte deiner Einschätzung voll zustimmen. Leider wird schon in Kürze vergessen sein, was für eine erbärmliche Nullnummer seine Amtszeit war und seine (kulturhistorisch blödsinnige) Arschkriech-Aussage zum Islam wird ihn als „Integrations-Päsidenten“ teilweise rehabilitieren.
    Wulff hatt nie ein Profil, dafür aber ein Gespür für die Rekrutierung von Unterstützern… Ironie des Schicksals, daß genau das ihm das Genick gebrochen hat.

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