Profit (1996)

Was gibt es schon zu sagen, wenn in einer Serie der Protagonist aus dem Off an die Zuschauerinnen und Zuschauer spricht „Anyone who thinks controlling people is a science is dead wrong.“,  und dies mit Blick in die Kamera um  „It’s an art“ ergänzt? Höchstwahrscheinlich wäre dies keinerlei Erwähnung mehr wert, es wäre eine weitere moderne Serie, zynisch und düster. Keines dieser Merkmale wäre ein Alleinstellungsmerkmal, wenn es nicht einen bedeutenden Unterschied gäbe. Die Serie entstand Mitte der Neunziger in den USA. Um das einordnen zu können, sei gesagt, für Baywatch war damals gerade erst Halbzeit. Das ist also die Zeit, in der Profit aufschlug – und am Boden zerschellte.

Der Plot und ihr Protagonist allein, machen Profit (im deskriptiv-vernichtenden Deutschland hieß sie Jim Profit – Ein Mann geht über Leichen und lief meines Wissens auf SAT1) erkennbar zu einer Ausnahmeerscheinung, die nicht einzigartig ist, ich denke da etwa an Twin Peaks, doch waren solch ambitionierte Serien im Massenmedium Fernsehen zu dieser Zeit selten. Adrian Pasdar gab dem opportunistischen Karrieremenschen Jim Profit eine glaubwürdig ansehnliche Fassade und verlieh der Bestie hinter dieser Fassade eine monströse Seele. Profit stellt sich im herausragenden Pilotfilm ohne Umschweife persönlich beim Publikum vor. Er macht dabei keinen Hehl daraus, ein macchiavellistischer Manipulateur zu sein. Unerbittlich intrigiert er sich in der Hierarchie des Weltkonzerns Gracen & Gracen (G&G) herauf. Profit krempelt nicht einmal die Ärmel hoch, sondern fährt gleich die Ellenbogen aus.

Die Figur Jim Profit ist dabei aber nicht sympathisch gezeichnet oder verklärt, um das Publikum weniger abzustoßen, seine Opfer und Widersacher nicht bloß schachernde Blutsauger in teuren Anzügen, die alles Leid verdienen, das ihnen widerfährt. Sie sind keine guten, aufrechten Menschen, doch allemal Menschen. Dies beutet der mysteriöse Profit gnadenlos zu seinem Vorteil aus, er nutzt besonders die menschlichen Schwächen anderer Menschen für seine Zwecke. Doch genau an der Stelle seiner Motivation durchbricht die Serie die plakative Kapitalismuskritik, die sie hätte sein können, wenn Profit ein banale Robin-Hood-hafte Rachephantasie gewesen wäre.

Die kühl berechnende Hinnahme seiner erfolgreichen, aber auch der misslungenen Intrigen lassen den Mann erschreckend auf Distanz. Profit spricht die Zuschauer nicht an, um Verständnis oder Sympathie zu erregen, ebensowenig ergötzt er sich an dem Leid, das er verbreitet. Er hat einen Plan, in den er die Zuschauerinnen und Zuschauer noch nicht einweiht, aber er lädt sie ein. Der Soziopath winkt uns zu sich heran. Und erst allmählich erfahren wir, dass dieser Mann ein verstörendes Geheimnis hat: Aufgezogen von einem Vater, der sich nicht um den Jungen kümmerte. Um ungestört seiner Arbeit nachgehen zu können, steckte der Vater den Sohn in einen Pappkarton, warf Essen hinein und überließ das Kind dem Fernseher, den der Junge durch das einzige Loch im Karton sehen konnte.

Leider haben nicht alle Zuschauerinnen und Zuschauer diese Einladung angenommen, die meisten haben sogar entsetzt abgelehnt. Bei Fox gingen unzählige Proteste gegen die Serie ein, die ohne große auf Schockeffekt zu setzen klarmachte, dass sie nicht vor dem guten Geschmack Halt machen würde. Profit traf nicht den Zeitgeist, der wohl eher vom Lead-in Melrose Place getroffen wurde. Die Serie fiel abrupt in den Quoten und damit auch schnell der Schere zum Opfer. Insgesamt entstanden nur ein paar Folgen, nur ein Bruchteil der anfangs bestellten neun Folgen wurden tatsächlich ausgestrahlt.

Profit war damit im Grunde eine Totgeburt, wenn man ex post heute nicht sehen könnte, wie sehr sie ihrer Zeit vielleicht voraus war. Dexter ist so eine Serie, die oft als geistiger Nachfahre von Profit bezeichnet wird. Im Allgemeinen ist auch sicher etwas Wahres daran, dass heute erfolgreiche Serien auf dem Fundament stehen, das Profit schon angegangen ist: Eine Abkehr von seriellen Plots, hin zu mindestens staffellangen Handlungsbögen, zynisch-groteske Gesellschaftsbilder, düstere Atmosphäre und Protagonisten, die weder Held noch Antiheld, sondern Abscheulichkeiten sind.

Vielleicht war es aber das grandiose Scheitern Profits, das zu einer Verschiebung in der Ausrichtung der nachfolgenden Serien führte. Selbst Dexter traut sich nicht, einen Serienmörder zum Protagonisten zu machen, der unbescholtene Menschen leiden lässt und richtet. Die modernen Serien greifen allzu oft auf einen simplen Trick zurück, bei dem sie die eigentlichen Gräuel dadurch zu entschärfen versuchen, dass ihre Opfer selbst noch schlimmere Menschen sind. Unter diesem Aspekt betrachtet ist Profit sogar konsequenter gewesen, da sie zumindest in den wenigen Folgen, die gedreht wurden, weniger um die Vergebung der Zuschauerinnen und Zuschauer buhlte. Sie wollte verstören und dadurch anziehen, was zur damaligen Zeit bei der Masse misslang. Auf mich wirkt sie heute, da ich den Pilotfilm wieder einmal gesehen habe, noch immer nach.

7 Gedanken zu „Profit (1996)

  1. Als ich Profit das erste Mal gesehen habe, dachte ich einfach nur „Wow – was für ein wahnsinniger Typ“. So zynisch, verlogen und gerissen – den muss man einfach in sein Herz schließen. Ich habe die Serie nicht während der einmaligen Ausstrahlung im TV gesehen sondern auf Empfehlung eines Bekannten als Mittschnitt bekommen. Jeder den ich kenne und der die Serie gesehen hat, fand sie ebenfalls gut. Da habe ich mich jahrelang gefragt: Es kommt so viel Müll auf DVD raus, warum nicht Profit? Mittlerweile weiß ich wie schwierig es ist die Rechte an so ausgefallenen und selten gezeigten Filmen zu bekommen. Es hat wie bereits gesagt ein Jahr gedauert. Dann habe ich monatelang kein vernünftiges Material bekommen. Der Box liegt nun das digitale Master der TV Ausstrahlung zu Grunde. Wirklich hervorragender deutscher und englischer Ton. Das Bild ist nur 4:3 aber das war nun mal eben so. Da werden sicher wieder einige Leute drüber meckern, aber damit muss ich leben. Leider können die wenigsten Leute aus den Foren einschätzen wie schwierig es ist überhaupt anständiges Bildmaterial zu bekommen. Selbst Anolis hat diesbezüglich schon versagt. Denen wird aber alles vergeben. Sicher wird auch gefragt werden: Wo sind denn die Extras der US Ausgabe geblieben? Die Dokumentationen die auf der US DVD waren sind Eigenproduktionen von Anchor Bay. Die haben sie mir nicht verkauft (auch verständlich). Fox hat nur die Rechte am Film verkauft. Keine Audiokommentare, keine Fotos (das muss man sich mal vorstellen)kein Nichts. Naja, die Box ist ja auch so fertig geworden. Ich hab noch einen Trailer produzieren lassen (ist auch neu auf youtube)
    und ein kleines Booklet zusammengestellt mit ein paar Hintergrundinformationen.
    Schade das ich deinen Beitrag nicht früher gelesen habe, dann hättest du was fürs Booklet schreiben können.
    Das ist die erste DVD von all meinen DVD Veröffentlichungen, die meine Frau auch anschaut und gut findet.
    Ich versuche immer Filme rauszubringen die ich von früher kannte und heute auf DVD vermisse. Lückenfüller sind natürlich auch dabei. Leider ist es ein zu hohes finanzielles Risiko und ich werde mich wohl langsam zurückziehen müssen um nicht Pleite zu gehen.

    1. Hey, schön, dass Du trotz aller Widrigkeiten an „Profit“ drangeblieben bist.
      Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich damals durch Zufall am Piloten bei der Ausstrahlung hängengeblieben bin. Meine Interessen lagen damals noch eher bei DS9. „Profit“ war etwas anderes, ich weiß noch, ich fand sie nicht mal ansprechend, nur faszinierend wegen ihrer offenen Boshaftigkeit und Konsequenz.
      Erst später fiel mir auf, wie oft ich Serien an den paar Folgen mit Jim Profit maß. Sicherlich hätte auch ich mir für die DVD einige Extras erhofft und das 4:3 ist nicht optimal. Mir kommt es dann doch auf die Inhalte an. Da gibt es bei mir keine Sorgen.

    1. Hätte nicht damit gerechnet, dass die Serie so spät noch einen DVD-Release in Deutschland erhält. Die kurzzeitig erhältliche französische Box war bislang der unkompliziertese Weg.

      Hast Du zufällig was mit Ostalgica oder Al!ve zu tun?

      1. Ja mit ostalgica.
        Profit war eine meiner Lieblingsserien und ich habe mich schon immer gefragt warum sie nie auf DVD erschienen ist. Habe mich dann ein Jahr lang darum bemüht die Rechte zu bekommen weil ich die Serie unbedingt bringen wollte. Alles war sehr schwierig, auch die Materialbeschaffung. Kann nur hoffen das sich noch ein paar Leute an die Serie erinnern können.

        1. Hey, hättest Du ruhig dazuschreiben können. Ich habe eine Weile überlegt, ob ich den Kommentar als Spam einstufe. In diesem Fall hätte es geholfen, wenn Du gleich offen noch mehr dazu geschrieben hättest. Doch ich dachte mir: „Lass es Spam sein, es ist Spam für ‚Profit‘ – und das ist was anderes.“
          Denn ehrlich gesagt, habe ich gar nicht geglaubt, dass irgendjemand auf die Idee käme, die Serie zu veröffentlichen. Geschweige denn anderthalb Jahrzehnte später damit herauszukommen. Verdient hat es „Profit“, keine Frage. Also, Du hattest schon geschrieben, was Dir die Serie bedeutet, kannst Du – wenn Du Zeit und Lust hast – noch ein wenig mehr zur Veröffentlichung und der Vorgeschichte schreiben? Wie viel war Wahnsinn, nimm’s mir nicht krumm, wenn ich das so ausdrücke, und wie viel Leidenschaft?

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