Straßenzeitungen: Wie sieht es für die Verkäuferinnen und Verkäufer aus?

Da ich händeringend weiter nach guten Beispiele für Straßenzeitungen suche, bin ich froh, endlich einige Ausgaben der BISS vor mir zu haben. Und mein erster Eindruck aus der Ferne bestätigt sich völlig. Es sind eine aktuelle Ausgabe aus dem Januar und noch die Jubiläumsausgabe zum 15-jährigen Jubiläum sowie ein Sonderheft zum mittlerweile bedauerlicherweise begrabenen Pläne zum Hotel BISS. Da ich aber schon zur BISS schrieb, will ich nur einige Ergänzungen zum obigen Artikel über BISS anfügen, um dann mithilfe der Ausgaben und ergänzenden Informationen der für mich spannenden Frage nachgehen, wie diese Straßenzeitungen für die Verkäuferinnen und Verkäufer zu einer Einkommensquelle werden können.

Kleine Mittel, große Wirkung

Inhaltlich muss nicht viel ergänzt werden, es handelt sich um ein vollfertiges Produkt, das mit interessanten und kritischen Artikeln zu gesellschaftlichen Entwicklungen auf sich aufmerksam macht. Der Stil ist dabei anscheinend bewusst auch mal impressionistischer, essayistischer als rein berichterstattend, aber in den mir vorliegenden Ausgaben nie auch nur in Gefahr, in journalistisch abseitige Gefilde abzudriften. Ein kohärentes Konzept durchzieht BISS, es gibt keine Lückenfüller.

Besonderes Interesse weckte bei mir stets der Teil, der der Schreibwerkstatt entstammte. Also die Eindrücke und Erlebnisse der Verkäuferinnen und Verkäufer, die seriös aufbereitet sind, doch stets noch persönlich und authentisch die Gedanken der Betroffenen wiedergeben. Auch sind es keine Rührstücke, eher eindrucksvolle Miszellen aus der Welt der gesellschaftlich Benachteiligten. Mitunter sind auch prosaische Kurzgeschichten darunter. Sie lesen sich überraschend gut, bleiben haften und geben den Autorinnen und Autoren mehr als ein trauriges Gesicht, das um Almosen bittet. Es zeigt sich die Erlebniswelt von Menschen mit verschiedensten Problemen, da sie selbst davon berichten, reduzieren sie sich nicht auf die Probleme. In den kurzen Passagen gelingt es, vor allem ihren Willen auszudrücken, sich nicht willenlos dem Schicksal zu überlassen. Aus Mitgefühl wird Respekt, das ist die bedeutende Leistung dieser Texte aus der Schreibwerkstatt.

Und auch wenn es eigentlich belanglos sein sollte, zählt zu einem hervorragenden Produkt auch eine gewisse Ästhetik. Dass es kein optisch auf Hochglanz poliertes Magazin ist, liegt allein schon in der Natur der Sache. Dennoch sticht auch hier hervor, wie sich mit geringen Mitteln ein schön gestaltetes Blatt erstellen lässt. Es herrscht in der aktuellsten Ausgabe ein angenehmes Layout vor, ohne Schnörkel und viel Sinn für Eleganz. Aufgeräumt stehen die Artikel in sauberem Schriftbild, gesäumt von prägnanten Bildern. Der hauseigene Designer und Typograph nickte anerkennend, wir waren uns beide einig, auch in der ‚kommerziellen‘ Presse häufiger schlechter als besser gestaltete Zeitschriften angetroffen zu haben. Also auch hier passt alles zusammen.

Wie kommen Sträßenverkäuferinnen und -verkäufer zu ihrem Einkommen?

Diese Frage rumorte in meinem Kopf herum. Auch die, ob das Einkommen versteuert werden könne? Mithilfe der BISS und besonders der Jubiläumsaufgabe bin ich den Antworten auf diese Fragen schon näher. Selbstverständlich kann ich nicht beanspruchen, hier allgemeingültige Modelle zusammgetragen zu haben. Aber für einen ersten Eindruck sollte es reichen, auch wenn es konkret nur auf München und BISS bezogen werden kann.

Erstaunlich vielschichtig und individuell sind die Modelle, die BISS ihren Verkäuferinnen und Verkäufern anbietet. Von der Festanstellung über verschiedene Teilzeit- und Ergänzungsmodelle bis hin zu einer vermittelnden Übergangsfunktion ist alles gegegeben.

Festanstellung ist dabei einer der Kernpunkte der Arbeit von BISS. Heute sind von den 40 Festangestellten etwas mehr als drei Viertel festangestellte Verkäuferinnen und Verkäufer. Diese wiederum sind vor allem männlich und gesetzteren Alters (hierzu später noch mehr). Im Prinzip sieht die Festanstellung vor, dass zwischen dem BISS und den Verkäuferinnen und Verkäufern eine feste Zahl an Exemplaren pro Ausgabe vereinbart wird, den die Verkäuferinnen und Verkäufer auf eigene Kosten abnehmen und verkaufen. Vorteile der Festanstellung bestehen darin, dass durch die Festanstellung der Verkauf von hohen Stückzahlen ermöglicht wird, wobei dies dann in Form einer sozialversicherten Anstellung geschieht. Denn selbstverständlich muss dieses Einkommen den entsprechenden Behörden gemeldet werden. Da mit der BISS ein geregeltes Einkommen zu erzielen ist, dies aber kaum zu Reichtum führt (eine Festanstellung mit 1200 Exemplaren brachte im Jahr 2008  1550 Euro brutto ein), mag es zunächst harsch wirken, darauf Abgaben zu erheben. Doch was soll daran falsch sein, diese Abgaben sind ja keine Almosen, keine soziale Förderung. Es ist ehrlich und hart erarbeitetes Einkommen.

Die Teilzeit- und Ergänzungsmodelle sind ähnlich ausgerichtet, dienen also als (notwendige) Ergänzung zu staatlichen Förderungen und Maßnahmen. Verkäuferinnen und Verkäufer können beispielsweise als körperlich wie geistig Behinderte oder auch Rentner Gelder erhalten, die allein nicht zum Leben ausreichten, und ergänzen dies durch den Verkauf der BISS.

Zudem gibt es aber auch das Verkäuferdasein als Provisorium für junge Menschen. Bei diesen hat BISS den Anspruch, nicht Teil der Zukunftsplanung junger Menschen zu werden, sondern versucht, diese durch den Zeitungsverkauf finanziell über Wasser zu halten. Zugleich setzt BISS aber auf erfolgreiche Vermittlung in Ausbildungsberufe.

Damit erfüllt BISS auf vorbildliche Weise einen sozialen Zweck mit vernünftiger wirtschaftlicher Förderung. Zwar könnten Krämerseelen sich durchaus von der beeindruckenden Bilanz der BISS beeindrucken lassen, auf deren Haben-Seite für die Staatskasse ein Plus von etwa einer Million Euro steht. Dies sind die Gelder, die der Staat sparen konnte, weil BISS vielen Menschen dauerhaft in eine sozialversicherungspflichtige Anstellung verhelfen konnte. Für mich allein ist das aber noch nicht die eigentlich bemerkenswerte Leistung. Erkennbares Ziel ist vielmehr, die Verkäuferinnen und Verkäufer zu möglichst eigenverantwortlicher, selbstständiger Arbeit zu motivieren. BISS bietet über Partnerschaften mit Stiftungen und anderen sozialen Einrichtungen ein gewisses Sicherheitsnetz im Falle von Krankheiten und anderen Unwägbarkeiten im Leben ihrer Verkäuferinnen und Verkäufer, dies soll aber nur im Ausnahmefall einspringen. Aktivierung und Förderung eigenständigen Kleinstunternehmertums sind deutlich erkennbar. Das ist die eigentliche Leistung. Wie die eindrucksvollen Berichte der Verkäuferinnen und Verkäufer zeigen, bedarf es mehr als bloßer Wetterresistenz und Geduld, um erfolgreich Straßenzeitungen zu verkaufen. Stammkunden lassen sich nicht durch Mitleid halten, sie müssen durch ehrliche Kommunikation angeregt werden und auch kaufmännische Disziplin ist nötig, schließlich müssen die Kosten für die Exemplare vorgestreckt werden. Dies sind nur einige Beispiele, die mich zu dem Schluss kommen lassen, Straßenzeitungsverkauf ist harte, ehrliche Arbeit.

Damit ist für mich auch eines klar. Die BISS ist für mich fortan in ihrem sozialen Engagement, der wirtschaftlichen Bodenständigkeit und der inhaltliche wie ästhetischen Qualität der Goldstandard, an dem ich die Qualität anderer Straßenzeitungen messen will und muss.

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