Picket Fences (1992)

Ein weiteres Mauerblümchen aus den Neunzigern wartet heute auf uns. Mit Profit verglichen erging es der Serie sogar herausragend gut, sie erlebte nicht nur eine vollständige erste Staffel, was für Profit schon eine zu große Hürde war. Picket Fences hielt sich ganze vier Staffel auf CBS in den Staaten. In Deutschland ging es im Januar 1995 auf Sat.1 los. Sofern meine Erinnerung mich nicht täuscht, verkam das von  David E. Kelley produzierte Sittengemälde dort zu einer beschaulichen Nachmittagssendung. Ein unrühmlicher Sendeplatz, der Harmlosigkeit ausstrahlte. Sat.1 domestizierte damit erfolgreich die Episoden um die Einwohner von Rome, Wisconsin, was in meinen Augen eines der größeren unter den vielen Vergehen ist, derer sich Sat.1 schuldig machte. Rome war für die längste Zeit der vier Staffeln mehr als harmlose Serienkost. Bei Sat.1 wiederum schien der Geist des Stumpfsinns vorzuherrschen, die Serie unbedingt in deutschlandtauglich-stereotype Form zu bringen. Und wieder ist der deutsche Untertitel ein erstes Indiz inkompetenter Senderpolitik: Picket Fences – Tatort Gartenzaun. Der hausfrauengerechte Krimi-Schnauzer, der im deutschen Fernsehen doch immer geht. Und was nicht Krimi ist, wird halt zu einem gemacht.

Trügerisches Idyll

Womöglich widerfährt den Köpfen, die für die Betitelung der deutschen Fassung zuständig waren, damit großes Unrecht. So banal es klingen mag, sie könnten sich auch einfach nur nicht recht über die Serie informiert haben. Flugs mal im Schnelldurchlauf durch einige Folgen, schon klar, wir haben es hier mit einer kleinen Familienserie mit leichtem kriminalistischen Einschlag zu tun.

Selbst dann bliebe es eine fatale Wahrnehmungsstörung. Nur für die ahnungslosesten Zuschauerinnen und Zuschauer bietet die Serie leichte, bekömmliche Nachmittagsunterhaltung. Dabei ist es nicht so schwer, hinter die Fassade Romes und damit auch die dieser erstklassigen Serie zu schauen. Freilich, das Idyll scheint vorhanden: Da wären der aufrichtige Sheriff Jim Brock, seine Frau Jill, die Ärztin, und ihre drei Kinder. Der örtliche Richter und der in Hassliebe mit ihm verbundene Anwalt Douglas Wambaugh. Neben diesen noch viele weitere Figuren, die Bürgermeister – und von diesen gab es im Verlauf der Serie reichlich – und Lehrer, ein Gerichtsmediziner, die unvermeidlichen Pfarrer und Priester sowie auch jede Menge Staatsanwälte, die ebenso häufig wechselten wie die Bürgermeister.

Doch ist diese Zusammenstellung nicht beliebig gewählt – weit gefehlt.

Hermetisches Soziotop

Änfänglich mag es nicht auffallen, nach wenigen Folgen drängt es sich auf: Rome selbst, wie auch seine Bewohnerinnen und Bewohner, sind minutiös austariert. Das Ziel ist es, ein miniaturisiertes Abbild der amerikanischen Gesellschaft zu schaffen, in dem dann alle relevanten gesellschaftlichen Konflikte bearbeitet werden können. Und die Kollision wird bewusst geschürt, sei sie zunächst auch noch so unscheinbar.

Auch heute noch ist Picket Fences ein Vorbild der am Reißbrett entworfenen Serien. Doch schlummert in dieser formalistischen Struktur des Szenarios ein dramaturgisches Übel, das von den Macherinnen und Machern der Serie gekonnt in großes Erzählen umgemünzt wird. So erfüllen alle Figuren ihren Zweck, die Handlung wird allerdings nicht über die Protagonisten hinweg vermittelt. Erst durch die glaubwürdig vielschichtig angelegten Figuren, werden die sozialen Missstände und die Last ihrer Bewältigung bewusst.

Groteske Dialektik

Noch ist das Bild, das von der Serie zu zeichnen ist, noch nicht vollständig. Erst durch ein weiteres Merkmal wird es komplett: Sind die Figuren sowohl lebendige Charaktere mit – zunehmend auffälligen – Lastern und Tugenden, die zugleich Stellvertreter gesellschaftlicher Strömungen sind, ist besonders die Art und Weise bemerkenswert, wie die in der Serie problematisierten Fälle in die Welt Romes und über diesen Filter an die Zuschauerinnen und Zuschauer herangetragen werden.

In ihren besten Momenten gelingt es den Autorinnen und Autorien, klammheimlich ein Dilemma sozialer Normen in Rome einzuschleusen. Dass es sich um die zwei Seiten derselben Medaille handelt, wird allerdings nie sofort ersichtlich, meistens erst, wenn beide Plots einer Folgevor dem pragmatischen wie klugen Richter Bone verhandelt werden. Und auch dort endet es nicht, denn allzu oft wird erst hier das Dilemma deutlich. Wer im ersten Plot Stellung bezog, dies auch zum zweiten tat, wird von Richter Bone mal mehr, mal weniger subtil auf die Unvereinbarkeit der Haltungen miteinander hingewiesen. Das Problem löst sich nicht auf, sein paradoxes Wesen wird offenkundig.

Das ist der eigentliche Zweck der Serie. In Picket Fences wird nicht dem eitlen Heile-Welt-Mythos gehuldigt und zu seiner Verehreung Sinn und Verstand geopfert. Mit jeder Folge zeigt sie die Komplexität der sozialen Welt auf und moralische Zerrissenheit, die zwangsläufig entsteht, wo Menschen leben.

Rationales Melodram

Gerade das durchgehend hervorragende Ensemble gibt den Figuren eine Tiefe, die nicht nur die rationale Verarbeitung sozialer Dilemmata ermöglicht; durch die für damalige Verhältnisse wie heute noch herausragende Besetzung füllt die harten, skurrilen Fälle mit Leben. Die Brüche in der Gesellschaft sind nicht nur zwischen den Figuren spürbar, in ihnen selbst tun sich Abgründe auf, wenn selbst die gestandendsten Figuren in ihrem Selbstbild, ihren Werten und ihrem Anstandsgefühl aus der Bahn geworfen werden.

Bisweilen wirkt die Serie mit ihrer Melodramatik angestaubt, dies trübt das Vergnügen nicht. Denn im Kern, das ist vielleicht eine aus heutiger Sicht spannende Erkenntnis, bleibt ihre Seele aktuell. Kaum eines in der Serie verhandelten Themen ist heute zu den Akten gelegt, ganz im Gegenteil, auch heute noch drehen sich der gesellschaftliche Diskurs um die Rolle der modernen Frau, Präimplantationsdiagnostik, Alltagsrassismus, Familienwerte oder Kirchenvertreter mit einem Hang zu Damenschuhen.

Stets geht es in der Serie skurril und grotesk zu, die Figuren sind herrlich überzeichnet und doch glaubwürdig. Nie nimmt sie ein Thema auf die leichte Schulter, indem sie Partei ergreift. Das ginge auch am Anliegen der Serie vorbei, da das Dilemma besteht: Wenn beide Seiten vernünftige Argumente und persönlich nachvollziehbare Gründe hat, wie sollte entschieden werden?

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