Who is Ayn Rand?

Die Frage stellte sich mir häufiger, da ich nun ernsthaft mit Atlas Shrugged kämpfe. Ich weiß, es klang schon von Beginn an danach. Es hat sich aber etwas Erhebliches geändert. Seitdem ich mit Dagny Taggart in die Berge flog, um in einer neuen, objektivistischen Welt zu landen. Nachdem wir John Galt begegneten, ist die Luft aus dem Roman völlig raus. Zuvor gab es noch eine Spur von Spannung, die mir zuvor nicht bewusst wurde. Seitdem aber in dem Idyll in den Bergen nur noch objektivistische Archetypen hausen und das letzte Drittel des Buches einnehmen, ist es kaum noch zu ertragen, was einem da zum Wiederkäuen auch noch vorgekaut wird.  Nicht einmal die Frage selbst, wie sich dieses System dort dauerhaft halten soll, stört mich. Von Rand ist nicht zu erwarten, dass sie sich mit solch banalen Allerweltsproblemen auseinandergesetzt hätte. Zwei Wochen konnte ich es nicht mehr über mich bringen, die Seiten aufzuschlagen. Aber als Brache will ich es nicht hinterlassen. Also habe ich mich daran gemacht, ein wenig Sekundärliteratur aufzutreiben.

Das ist gar nicht so einfach, da Rand aus nachvollziehbaren Gründen nicht gerade zu den nachgefragten Autorinnen im deutschsprachigen Raum gehört. Und Sekundärliteratur über eine solche randständige Figur ist dann noch um einiges schwieriger zu erhalten. Ich musste schon tief in die Verbundkataloge der Bibliotheken einsteigen, damit nun einige Bände auf meinem Schreibtisch liegen. Es ist eine durch reine Verfügbarkeit zusammengestellte Sammlung, doch sieht es nicht völlig düster aus. Dabei habe ich letztlich doch verschiedene Perspektiven auf Rands Leben und Wirken. Dennoch begebe ich mich für meine explorativen psychologischen Studien zu Rand dahin, wo sie hingehören. In die Küche.

Da ich nach dem First-in-first-out-Prinzip verfahren muss, steht da zunächst Jeff Walkers The Ayn Rand Cult. Der reißerische Titel machte mich zugegeben stutzig, da es selbst mir zu hart klang, auch wenn ich selbst schon mal von sektenartigem Denken und Argumentieren sprach. Walker ist dann aber doch erstaunlich ausführlich in seiner Begründung und Herleitung. Es ist kein neutraler Blick, das gesteht er unumwunden ein. Sein Vorgehen ist dabei doch akribisch und argumentativ strukturiert. Besonders habe ich mich auf das zweite Kapitel gestürzt: Entrails. The Anatomy of the Cult. Dies ist wichtig, da Walker darin besonders sein Argument aufbaut. Dabei schließt er den Blick auf Rands Biographie nicht aus, verlagert die Perspektive aber in Richtung ihres Auftretens und Verhaltens in den verschiedenen Zirkeln, die um sie herum entstanden.

Plastisch beschreibt Walker die ideologische Verhärmung dieses stetig kleineren Zirkels, der sich gegen jede Kritik an Rand und dem Objektivismus abschottet. Diese Beobachtungen, belegt er durch ein – für ein populäres Sachbuch – zahllose Interviews, die er mit Weggefährten Rands wie Abtrünnigen der Bewegung führte. Dabei versucht er, plausibel zu machen, weshalb er von einer säkularisierten politökonomischen Sekte um Rand spricht. Doch just an dieser Stellewurde mir ein wenig flau im Magen.  Ausschlaggebend ist für mich, dass sich die Taxonomie, die Walker ansetzt, um die objektivistische Bewegung um Rand als Sekte zu klassifizieren, auf „The ABCs of Mind Control“ von Eric Mitchell Budd beruht. Genau dieses Buch ist aber nicht mehr auffindbar. Ich habe bisher bestenfalls Belege aus zweiter Hand gefunden, ansonsten kann ich es nicht auftreiben. Und auch Budd, den Walker als Sekten-Experten bezeichnet, kann ich nicht klar zuordnen. Damit hänge ich in der Luft, der Begriff mind control ist mir auch äußerst suspekt. Ihn als wissenschaftlich sauber zu bezeichnen, scheint mir doch alles andere als angebracht. Eher noch ist es wohl eine randständige hypothetische Erscheinung der Psychologie, wenn überhaupt.

Und so neu ist dieser Konflikt um den Vorwurf sektiererischen Gebarens nicht, schon viele andere haben sich damit befasst und auch die Objektivisten haben Erwiderungen veröffentlicht. Eine Übersicht kritischer Texte findet sich hier. Einflussreich scheint in der Debatte der Beitrag The Unlikeliest Cult in History vom bekannten Skeptiker und Libertarianer Michael Shermer und Murray N. Rothbards The Sociology of the Ayn Rand Cult zu sein. Shermer scheint allerdings die Vorwürfe zwischenzeitlich abgeschwächt zu haben.

Walkers Buch ist schlussendlich also wenig aufschlussreich, weil seine Hypothese steiler sein könnte, als die Realität es hergibt. Rand, das muss ich sagen, wird dadurch nicht freigesprochen von allen Vorwürfen, die ihr mit Recht gemacht werden können. Doch offenbart sich das Problem des oftmals spalterisch-aggressiven Gebarens und Argumentierens Rands: Sie fördert nicht eine Kultur des analytischen Denkens, sondern verfällt oft in harsche Polarisierung, die sich doch oftmals nicht ausreichend begründet ist. Dies fordert zu ebenso affektiven Repliken heraus. Ein Diskurs kann man das dann nicht mehr nennen.

Aber auch Walker hat seine interessanten Ansätze, wenn man sie als die polare, nicht-rationale und womöglich zweifelhaft begründete Kritik versteht, die sie ist. Bezeichnenderweise beruft er sich dabei aber wieder auf andere Autoren (S.58):

Goerge Walsh suggests that a problem in the movement is that so many Objectivists want Objectivism to be like Newtonian mechanics, that is, a complete deductive system, where all problems are a matter of making the proper calculations that take one from principle to application.

Diese Kritik erscheint mir immer noch berechtigt, sie ist auch losgelöst von dem reißerischen Sekten-Vorwurf. Denn im Kern bezieht sie sich auf das wesentliche Element der Rand’schen Argumentation, die doch allzu oft nachdem Muster funktioniert, dass der klare Nachweis der Fehlerhaftigkeit der Argumente des Gegenübers die eigenen Argumente verifiziere. Doch genau damit schafft Rand den paradoxen Zustand, die Kritik an konstruktivistischen Analysen mittels eines rationalisiertes Konstrukts einer simplifizierten pseudo-philosophischen Methode zu üben.

Literatur:

  • Walker, Jeff (1999): The Ayn Rand Cult, Peru, Illlinois.

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