Urheberrechtsschutz nach Maß

Bill Patry, einer von Googles Urheberrechtsexperten, gab das folgende Interview, in dem er eine Parzellierung der urheberrechtlichen Schutzfristen nach Werksgattung vorschlug (via):

Hm?!

Wer jetzt aus der Haustüre geht, direkt rüber zu den Nachbarn, sich dann fünf Minuten im Kreis dreht, um schwindelig noch 100 Meter die nächstbeste Himmelsrichtung geht und von dort die Entfernung zum Erdekern misst, hat eine ungefähre Ahnung davon, wie viel ich vom Recht, dem Urheberrecht und den Unterschieden zwischen amerikanischem copyright law imd deutschem Urheberrecht verstehe.

Aber das hindert mich nicht daran, Patrys Vorschlag hier mal zu diskutieren. Im Kern ist seine Ausgangsposition so simpel wie nur was: Wir tragen nicht alle dieselbe Schuhgröße, wir haben nicht alle denselben Haarschnitt, was lässt uns aber schließen, dass alle Werke, die Menschen schaffen, denselben rechtlichen Schutz vor Vervielfältigung haben sollten? Es ist sicher nur ein kurzer Einwurf, den Patry macht, daraus lässt sich noch kein funktionales rechtliches System ableiten, der Gedanke ist aber spannend. Braucht ein Buch denselben Schutz wie ein Musikstück, eine Hose den eines Gedichts?

Um Patrys Begründung für einen diversifizierten Schutz zu verstehen, musste selbst ich mal kurz nachschlagen, was er mit renewal records meinte. Anscheinend, so steht es in der volatilen, edierbaren* Heiligen Schrift, war die Schutzfrist bis zum Copyright Renewal Act von 1992 in den USA in zwei Phasen eingeteilt. Welches Werk auch immer in der ersten Phase geschützt war, blieb nur dann in der zweiten (Verlängerungs-)Phase ebenfalls im schützenden Schatten des Gesetzes, wenn rechtzeitig ein Antrag auf Erneuerung des Schutzes gestellt wurde. Ansonsten wären diese Werke in die public domain entlassen. Bis 1992 ließ sich also, so Patry, sehr genau nachvollziehen, welche Werke und Medien von den Rechteinhabern selbst für schützenswert gehalten wurden. Doch es zeigte sich, dass viele Rechteinhaber schon nach etwas weniger als drei Jahrzehnten im Durchschnitt das Interesse am Schutz verloren hatten. Doch dies nur im Durchschnitt. Während nur ein Bruchteil der Erneuerungen für Bücher getätigt wurden, wurden für etwa drei Viertel der Filme Erneuerungen beantragt.

Das Argument Patrys überzeugt durch seine Schlichtheit und – aus Sicht auch seines Arbeitgebers nicht nachteilhaft – besonders mit harten Fakten aus dem Verhalten der Rechteinhaber. Und auch mich überzeugt es, in der Theorie, dass nicht jedes Werk einen langfristigen, gleichen Schutz wie ein anderes haben sollte. Manche Werke sind Konsumgüter, die vom Verbrauch leben, sie sollten von Beginn an keinen jahrzehntelangen Schutz genießen können.

Doch ein Problem besteht schon in der Metrik, wird sich aber auch in der Praxis durchschlagen, wenn Patrys Vorschlag Gehör fände: Die Laufzeiten müssten ständig aktualisiert, angepasst und korrigiert werden. Erhebliche Probleme und Unklarheiten könnten die Folge sein. Und wenn das Verhalten der Rechteinhaber tatsächlich maßgeblicher Faktor der Evaluation dieser Laufzeiten sein sollte, dann werden diese ihr Möglichstes geben, jede Kleinigkeit so lange wie irgendwie möglich zu strecken, nur um die für die Bemessung wichtigen Durchschnittszeiten zu erhalten oder erhöhen.

Unterm Strich bleibt wohl erst einmal der Gedanke interessant, in rechtlichen Alltag aber doch CC eine umgänglichere Alternative, auch wenn dies auf der aktiven Freigabe der Urheber beruht.

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