This is Ayn Rand preaching (1/2)

Unter den Bergen aus Seiten sowohl literarisch wie ideologisch dystopisch-utopischer Prosa lauert das Manifest des Objektivismus. Dabei scheint es gute Tradition der englischsprachigen Dystopien der Mitte des 20. Jahrhunderts zu sein, die Handlung durch eine Sondersendung politischer Pamphlete zu unterbrechen. Schon Orwell säuerte sein ansonsten weit überlegenes, aber ebenso auch aus der Verarbeitung proletarisch-kommunistischer Systeme entstandenes Nineteen Eighty-Four mit dem kruden, fiktiven Manifest The Theory and Practice of Oligarchical Collectivism Emmanuel Goldsteins an. In Atlas Shrugged ist es die Napalmrede John Galts, denn Brand reicht in diesem Kontext nicht aus, im ausladendenden Kapitel „This Is John Galt Speaking“. Doch spätestens hier hören die Parallelen auf, der geschundene Orwell sei entlastet. Rand allerdings noch nicht. Besagtes Kapitel aus dem Atlas fordert zum Widerspruch heraus, ich will meinen Teil beitragen. Heute allerdings erst einmal mehr zu den Umständen, unter denen die Geschehnisse des Kapitels stehen, seiner Ausrichtung und Funktion.

Rand mag schlicht auf Erschöpfung und Zersetzung des Widerstandes gesetzt haben, Galt erst nach knapp tausend Seiten zu den Massen sprechen zu lassen. Nach kurzer Exposition in den mittlerweile nicht mehr beherrschbaren USA, wollen die sozialistischen Führer des Landes das Ruder mit einer letzten Radiobotschaft herumreißen. Leserinnen wie Leser dürfen sich dabei durch unnachgiebige Schauergeschichten aus dem moralisch zerfallenden Land versichert fühlen, dass auch dieses Unterfangen der inkompetenten Administration nicht gelingen wird. Doch bevor es überhaupt so weit kommen kann, kapert der omnipotente Galt auf Rand-typische Weise durch nicht näher erläutert überlegene Technik alle Kanäle.

Daraufhin verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, denn wie die willfährigen Seelen vor den Empfangsgeräten, so sind auch diejenigen, deren Augen über die Buchstaben wandern, Adressaten Galts. Galt ist nun mehr denn je nur schlecht kaschiertes ideologisches Ebenbild Rands. Es folgen lange, ausschweifende und doch seltsam repetitive Tiraden des Meisters und seiner narrativen Herrin. Ambivalenz lässt sich Rand nicht vorwerfen, so sehr quillt die Botschaft über. Jeder Satz wuchert aus in philosophisch angehauchte Platitüden, die über Nebensätze in Absätze ausgegossen werden. Es gibt kein Halten mehr, alle angestaute Aggression bricht hervor.

So gelingt Rand ein Meisterstück, auf das sie wohl weniger stolz sein dürfte. Oder sollte. Wo sie Galt nicht in paternalistische Gestik verfallen lässt, ist er bevormundender Messias. Und reicht dies nicht aus, folgt die Publikumsbeschimpfung. Auch Sisyphos hat seinen Stolz und wäre kaum bereit, alle Gäule zu zählen, die Galt bzw. Rand hier durchgehen. Die Funktion allerdings ist durchschaubar. Ein simples, aber nicht völlig abstruses Gedankengebäude (mehr dazu im zweiten Teil) soll hier gegen alle Widerstände errichtet werden. Die Rhetorik ist dementsprechend verhärmt.

Im Keim soll jede Kritik ersticken, denn Widerspruch gegen die Verkündigung objektivistischer Wahrheit ist in der bipolaren Welt Rands Vorbote des physischen wie psychischen Todes. Wer nicht das Leben ehrt, wie sie dies verstanden wissen will, das kinderreimt sie sich hier zurecht, huldigt einem Totenkult. Seine Anhänger tragen nicht schwarze Kutten, sondern rote Parteibücher. Ihre Opfer sind die zulange stumm verbliebenen Industrialisten, aus deren offenen Wunden sozialistische Kultisten die Massen tränken. So brachial es klingen mag, es ist keine Übertreibung. Am Donnerstag werde ich voraussichtlich genug Zeit gefunden haben, um diese grobe Charakterisierung dieses zentralen Abschnitts des Buches in geordneterer Form darstellen zu können. So viel sei gesagt, es ist nicht einmal alles falsch, was zwischen den geifernden Ausbrüchen zu lesen ist. Allerdings sind auch starke Zweifel an der Tragfähigkeit des Rand’schen Gemäuers angebracht.

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