Shining Force (1992, iOS 2010)

In Sachen Konsolenkrieg neigte ich immer in Richtung Nintendo, hielt mich doch meist fein raus. Der PC war die Spielstation meiner Wahl, er bot meiner Ansicht komplexere Spielmechanismen, die mit den Pads der Konsolen nicht zu bewältigen waren. Sollte mich doch einmal eine Konsole gelockt haben, waren es meist diejenigen von Shigeru Miyamoto – und damit Nintendo. Unterm Strich hatte ich nie den Eindruck, bei Sega etwas verpasst zu haben. Mit Shining Force habe ich mir nun einen Port des Klassikers für iOS zugelegt. Und was soll ich sagen, es ist ein großartiges Spiel der 16bit-Ära.

Taktische Rollenspiele, von denen viele der besten aus Japan stammen und damit vorwiegend auf Konsolen erschienen, sind an mir die längste Zeit vorübergegangen. Auf dem GBA hat mich für eine Weile Final Fantasy Tactics Advance mitgerissen – FFTA erschien 2003, was schon reichlich spät war, um mit dem Genre in Berührung zu kommen, aber ich habe den GBA auch noch erst viel später erhalten -, hin und wieder mal auch andere Titel. Mir wollen partout keine weiteren Namen einfallen, werten wir das einmal als Zeichen meiner Leidenschaftslosigkeit dem Genre gegenüber. Dass es mir heute als Missachtung ausgelegt werden könnte, muss ich mir nun aber gefallen lassen.

Die Retrobrille auf der Nase vorausgesetzt, ist Shining Force ein erstklassiges Spiel. Gleich vorweg, es ist für meinen Geschmack wesentlich motivierender und komplexer als der Hochglanz-Bolide Infinity Blade, der technisch dem Jahrzehnte früher erschienen Shining Force selbstredend in allen Bereichen haushoch überlegen ist. Keine Diskussion darüber. Wir reden hier von einem 16bit-Spiel, was für Grafik und Sound darf man da erwarten?

Soll ich wirklich darauf eingehen? Gut, die Grafik ist antiquiert, der Sound für zeitgenössische Ohren kaum zu ertragen, zumal die Kompositionen, gerade in den Städten, in unangemessen heitere Jahrmarktmusik abdriften. Geschenkt, das sage ich dazu. Schließlich habe ich, schon vergessen, die Retrobrille auf. Schaue ich zur Ablenkung mal auf die Grafik in den Kampfsequenzen, muss ich immerhin anerkenned nicken. Das ist grobpixelig und dennoch hübsch anzusehen.

Aber ich lasse die Oberfläche nun ganz beiseite und komme zu dem, was für mich zählt. Spieltiefe, Spannung, Komplexität und das allgemeine Konzept sind Punkte, mit denen eine Spiel überzeugen muss. Gemessen an dem oben erwähnten Infinity Blade ist Shining Force  die Ausgeburt der Vielschichtigkeit. Realistisch betrachtet ist es ein sehr lineares, in acht Kapiteln angelegtes Taktikrollenspiel. In jedem Kapitel sind einige Orte zu begehen, in der Regel zwei, mal auch drei, in denen einige Läden ein spärliches Sortiment an Waren und Waffen feilbieten. Die Bewohner sind Ein-Satz-Statisten und die sonstige Interaktion bleibt überschaubar.

Der wesentlich umfassendere Teil des Spiels findet in den rundenbasierten Kämpfen statt, in denen bis zu einem Dutzend Figuren auf der eigenen Seite eingesetzt werden dürfen, wobei die Auswahl der möglichen Mitstreiterinnen und Mitstreiter im Laufe des Spiels zunimmt. Hier dürfen keine Wunder erwartet werden, im Wesentlichen sind es die üblichen Verdächtigen wie Magier, Ritter und Bogenschützen. Einige besondere Kreaturen sind je nach Spielverlauf aber auch anzutreffen. Jede der Figuren verfügt aber über individuell austarierte Werte und Fähigkeiten, die zur Überlegung über die Verwendung und die Einsatzorte animieren.

Das Levelingsystem ist spartanisch, aber wirksam. Im Nu steigen sie auf, erhalten zufällig bestimmte Steigerungen auf Angriffs-, Verteidigungs- und andere Werte. Ein Rollenspiel, ich bin ehrlich, steht und fällt mit dem Leveling der Charaktere. Shining Force bietet wenig Freiraum, wofür ich allerdings dankbar bin, denn die Menüführung ist auch so schon teils heftig überfordert. Der Controller hatte damals halt nur ein Steuerkreuz, jeweils einen A- und einen B-Button, Start und Select. Bei derart beschränktem User Interface überfrachtete Menüs noch und nöcher zu bieten, hätte Finger verdreht und den Verstand gekostet. Also unter gegebenen Voraussetzungen alles richtig gemacht.

Und so spielt es sich immer noch recht flott durch die ansonsten triviale Story, die durch die spannenden und durchaus fordernden taktischen Kämpfe wettgemacht wird. Nach jedem Kampf wünsche ich mir den nächsten herbei, will die Charaktere steigern und ärgere mich, wann immer einer meiner Pläne scheiterte, weil ich mich nicht clever genug anstellte. Damit hat Shining Force sich für meine Begriffe in den wesentlichen Punkten sehr gut gehalten, soweit ich es sagen kann. Bis auf die Anpassung an die iOS-Touchoberfläche und ein fortlaufendes Speichern der Fortschritte, die die In-Game-Speicherpunkte ergänzen und sogar hinfällig machen, ist es ansonsten wohl im Originalzustand erhalten. Für mich eine absolute Überraschung im allerbesten Sinne.

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