This is Ayn Rand preaching (3/2)

Vor der versammelten, paradoxen Wut Rands habe ich irgendwann fliehen müssen. Mein letzter Artikel zu Rands Atlas Shrugged ist lange her. Mit Paul Ryans Nominierung als republikanischem Vizepräsidentschaftskandidaten im US-Wahlkampf, wurden Rands Tiraden unvermeidlich wieder in Erinnerung gezerrt. Ryan, ein strenger Verfechter des Nachtwächtstaates im besten libertarianischen Sinne, ist ebenso öffentlich als Anhänger des Objektivismus aufgetreten. Wohl aus taktischen Gründen, ruderte er in letzter Zeit zurück. Die kirchen- und religionskritischen Positionen müssen ihm im Wahlkampf als zu verstörend für die konservativen Kirchgänger unter der Wählerschaft als verfänglich erscheinen. Dabei ist Ryan ein Musterbeispiel für die politische und gesellschaftliche Klientel, die Rand bedient. Also frische ich meine Kritik an Atlas Shrugged auf, oder bringe sie zu einem Ende, das vor Monaten angekündigt wurde.

Zur Auffrischung bietet sich auch einer von Rands ersten Auftritten bei Johnny Carson an [via]. Rand propagierte ihre Ansichten gerne in den Shows des amerikanischen Fernsehens, das Rands Thesen ihrer plakativen Radikalität wegen offenkundig gerne aufnahm. Brandreden ziehen, und Rand kann Feuerspucken.

Repressiver Eifer

Rands Atlas ist gespickt von Anmaßungen, Spekulationen, Mutmaßungen und Ausfällen. Sie gönnt der Leserschaft keinen Atempause, Reflexion ist ihre Sache nicht. Um es genauer zu sagen, Rand hat kein Interesse, den Leserinnen und Lesern eine Welt zu beschreiben, die sich selbst erschließen ließe. So hochtrabend ihre Reden über die Vorzüge des Individualismus und Egoismus, so wenig spricht sie ein aufgeklärtes, reflektierendes Publikum an.

Ihre zur Philosophie erhobenen Wutausbrüche kulminieren in diffamierender Polarität. Nur Gutes ist gut, Böses ist böse. In simplizistischen Tautologien dieses Schlages formuliert sie ein konsumfertiges Gedankenkonstrukt, in dem jede Kritik wegdefiniert wird. Insofern ist Rands Liberalismus ein mit repressivem Eifer vertretener Katechismus des Radikalkapitalismus.

Auf schriftstellerischer Ebene schlägt ihre Verachtung für alles Sozialistische oder als solches empfundene in erzählerisch fruchtlose Einfalt um. Schon früher hatte ich die einfältige Darstellung der äußerlichen Erscheinung der Figuren angesprochen, in den letzten Kapiteln des Buches wird es noch obszöner. Die verhassten Sozialisten und die oberflächlichen Herrscher der USA im Atlas lässt sie zu lethargischen Ventilatoren sozialistischer Propaganda werden. Rand kennt den Sozialismus nur als ideologische Seuche, der psychosomatische Krankheitsbilder hervorruft.

Robert Stadler etwa, der einst geniale Wissenschaftler, nivelliert zunächst die eigene Rationalität und ordnet sie schließlich der sozialistischen Doktrin unter. Rand nicht widerstehen, ihn auch körperlich zu unterminieren. Stadler, der Verräter an der Vernunft, verdammt sich selbst. Sein Gesicht alt, in Falten geworfen, hat er, wie auch alle sozialistischen Agitatoren, der Verve der energetisch aufgeladenen Egoisten nichts entgegenzusetzen.

Wurzellose Utopie, wilder Eskapismus

Es gehört zu den einfacheren Erwiderungen gegenüber kritischen Anmerkungen zu Utopien, dass diese sich doch nicht geschaffen wurden, sich an der Wirklichkeit messen lassen zu müssen. Da fragt sich dann doch, wie es sein kann, dass es überhaupt zu einer Utopie kommen kann? Steht eine Utopie einer Wirklichkeit gegenüber, deren Heilung und Besserung sie idealisiert beschreibt, bleibt sie dennoch einer Realität verpflichtet, will sie nicht bloß stumpfer Eskapismus sein.

Rand nutzt aber in ihrer erzählerischen und ideologisch-philosophischen Ausrichtung stets die Verzahnung beider eigentlich zu trennenden Ansätze, um sich gegen Kritik abzuschotten. Ein Objektivismus kommt nicht um die Notwendigkeit herum, sich an einer Realität messen zu lassen. Daran kränkelt aber das Buch in jeder Weise, es changiert genau an jenen Stellen um die Realität herum, wo handfeste Schilderungen vonnöten sind. Umgekehrt gönnt sie sich gerade dort ihre philosophischen Schlüsse, wo sie auf der virtuellen Welt der utopischen Gesellschaft in den Bergen beruhen.

Ihre Schilderung der Welt ist unfertig. Einseitig pickt sie jene sozialen und politischen Stränge heraus, die sie für krankhaft hält. Misst sie an einer künstlichen Gesellschaft, die so simplistisch wie unplausibel ist. Sie kümmert sich kaum um die von Galt geschaffene objektivistische Gemeinschaft, nur so sehr, dass es eine Skizze bleibt. Was ihr fehlt ist allein schon die Dauerhaftigkeit. Selbstverständlich wird eine Gruppe Gleichgesinnter eine Gemeinschaft schaffen können, die in sich erst einmal als solche Bestand haben wird. Doch gehen Gesellschaften oft, so eine einfache Erwiderung, doch schlicht an ihrer Größe und den über die Zeit entstandenen Verwerfungen ein.

Auch der verhasste Dualismus von Körper und Geist kehrt bei Rand zurück. Eine Nullhypothese will ihr nicht in den Sinn kommen, was nur dazu führt, dass aus der von ihr kritisierten Überbetonung des Körperlichen in der verhassten Welt, der Kult des Verstandes entsteht. Alles körperliche ist ihr verhasst. Denn nur der Geist schaffe etwas. Es nicht etwa so, dass der Körper immerhin noch dazu taugt, das Gedachte zu realisieren und gegen die nagenden Folgen der Zeit zu sichern. Nein, es ist alles nur Geisteskraft. Körperkraft ist flüchtig, vergänglich, stupide und fruchtlos.

Rands Utopie kennt nur die Harmonie der Selbstsucht der Genialen, alle Probleme sind weltliche – außenweltliche. Es gibt keine Ressourcenknappheit, dafür hat Rand die grenzenlose Energiequelle des Galt-Motors. Schon daran scheitert die Plausibilisierung der Rand’schen Position. Sie entwirft ein gesellschaftliches Modell, welches alle gesellschaftlichen Probleme nicht mit Mitteln der wirtschaflichen und politischen Positionen der eigenen Philosophie beseitigt. Sie braucht die welt-, letztlich wissenschaftsfremde Phantasie, um die Ressourcen für ihr objektivistisches Reich im Geiste zu schaffen.

Damit verabschiedet sie sich von der politischen Philosophie, der sozialen Utopie. Sie betritt den Boden von Tolkien.

Spurenelemente des Altruismus

Diese unsaubere Trennung von Fakten und Fiktion zieht sich durch das gesamte Buch.  Die skizzenartigen Figuren leben in einer düsteren Schablone von einer Welt. Einer Welt, die sich nur in den Ruin treiben kann, denn ihr omnipotenter Erzähler will sie nicht anders. Die selbsternannte Kämpferin des Wahrhaftigen wirft sich in das Paradoxon, schriftstellerisch wie philosophisch Konstruktivistin zu sein. Sie wagt nicht den Schritt hinter die eigene Wahrnehmung zurück, dafür hat sie sich ihr Konzept des Egoismus zu defizitär entwickelt. Es gehört zu ihren Kernthesen, die subjektive Wahrnehmung des objektivistischen Wesens zur Wahrheit zu deklarieren. Selbstkritische Reflexion der eigenen Erfahrungen wäre in ihrem Weltbild illegitime Negation der eigenen Fähigkeit zur Wahrheitsfindung. Das epistemisch rationale Wesen ist bei Rand die ontologische Grundlage für ihre wiederum individualistisch begründete Erkenntnistheorie. Das ist, um es in Rands antiintellektualistischem Duktus zu formulieren, philosophischer Inzest.

Nur so ist zu erklären, dass ihr nicht auffällt, wie oft sie Verhalten glorifiziert, dessen Altruismus selbst ihr eigentlich nicht entgehen dürfte. Sie feiert den Opfertod eines Unterlings, der mit seinen letzten Atemzügen die Verehrung für den Industrialisten aushaucht. Rand sieht keinen Widerspruch im selbstlosen Tod der Arbeiter, die Fabriken gegen die Horden sozialistischer Verbrecher verteidigen. Rand scheint sich selbst der Fassade hinzugeben, diese Menschen hätten doch nur die Größe der Kapitalisten erkannt und kämpften nur für ihren eigenen Erhalt, wenn sie deren Güter verteidigen. So oft Rand dies auch wiederholt, stimmig wird es dadurch nicht.

Ebenso fehlt ihrer Utopie eine Auseinandersetzung mit dem altruistischsten aller Motive. Der Motivation der Eltern. Ihre Gesellschaft, sowohl die dem Untergang geweihte als auch das kapitalistische Luftschloss sind seltsam kinderlos. Die Kinder, die im Atlas vorkommen, sind aus der Zeit gefallene Erwachsene. Ihre Sprache, ihre Verhalten, ihre Wünsche, alles ist ihnen schon gegeben. Unveränderbare, rationalistische Marionetten der Vernunft im Sinne Rands. Und die Eltern, die Rand kennt, kommen nur in kurzen Ausschnitten vor. Erwähnenswert ist allemal die Form der als Beruf idealisierten Mutterschaft, die Rand in groben Zügen schildert, als Dagny Taggart im Idyll haust.

Auch hier müht sich Rand redlich, alle Hinweise auf altruistische Motivationen zu beseitigen. Durch Auslassung zuallerst. Wo sie nicht darum herumkommt, wird sie schnell abgehandelt. Kein Wort findet ihr Held Galt für die Problematik der Kindererziehung, keine objektivistische Erklärung wird angeboten.

Philosophische Paranoia

Das größte Opfer des Objektivismus ist aber Rand selbst. Dem Drang, etwas Großes zu schaffen, erliegt ihre Philosophie selbst. Es fängt schon damit an, dass Rand es nicht darunter zu machen scheint, die endgültige Philosophie erdacht zu haben. Unter dem Ballast der angedichteten Grandiosität, bricht ihr Fundament zusammen. Rand allerdings missinterpretiert das Grollen und Donnern der sich biegenden Balken als Urton der Wahrheit.

Wer sie auf das Brechen des Fundaments hinweist, ist nur Neider. Ein Schwächling, der ihr die Größe ihres Verstandes rauben will. Hinter jeder Kritik steckt für Rand per definitionem nur ein Günstling ihrer Feinde. Im wahnhaft wuchernden Selbstbehauptungsaffekt Rands steckt die eigentliche Problematik, nicht in ihrer kantigen Prosa, nicht in den ungaren Argumenten. Darüber ließe sich noch streiten, nicht aber über das Manische in Rands Weltbild.

 

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