Wenn es gut ausgeht, wird der Moderator von Phoenix nur einigen Spott über sich ergehen lassen müssen. Im schlimmsten Falle braut sich aber ein veritabler Sturm der Exkremente zusammen. Letzteres dürfte nicht unwahrscheinlich sein, schließlich gab sich der Moderator redlich Mühe, binnen kürzester Zeit eine Mehrheit der Computerspieler gegen sich aufzubringen. Was war geschehen?
In diesem Video geschieht das, was die Spieleszene wohl noch längere Zeit verfolgen wird: Eine unsachgemäße Schilderung von Spielen, die als Platzhalter für gewalthaltige Spiele herhalten müssen, obwohl die genannten Titel beileibe nicht zu den blutigsten oder gar gewaltverherrlichenden gehören. Nur muss sie hier seitens des Moderators, plump als suggestive Frage an den Psychiater Thomas Schläpfer getarnt, auch noch zur Pathologisierung des norwegischen Massenmörders Breivik herhalten*:
Der Breivik hat ja sehr viel Computerspiele gespielt. World of Warcraft – ein kriegstreibendes Spiel, da schlüpfen also Spieler in mittelalterliche Heldenrollen und retten die Welt. Retten Europa auch vor einem Teil der Islamisierung in gewisser Weise. Das sind sehr kritisch zu sehende Spiele. Und er tauchte sehr stark in eine Parallelwelt ab, wo er auch sehr viel geschossen hat. Jetzt ist es ja landläufig eigentlich einfach zu sagen: Ja, klar. Wenn der schon am Computerdrücker abdrückt, dann drückt der auch in Wirklichkeit schneller ab.
Muss ein Moderator alles zu einem Thema wissen, über das er berichtet? Sind wir mal ehrlich, nein. Ein solches Maß anzulegen wäre alles andere als brauchbar, gerade auch dann, wenn es sich, wie vermutlich auch in diesem Fall, um eine mehrstündige, aktuelle Berichterstattung handelt. Dennoch, so sollte man annehmen, sollte doch ein ausreichendes Maß an Sachkenntnis vorausgesetzt werden. Besonders wenn ein konkretes Beispiel genannt wird, hätte eine gewissenhaftere Vorbereitung World of Warcraft (WoW) in ganz anderem Licht erscheinen lassen können.
Ein wenig Recherche, allein die oberflächlichste, hätte gezeigt, das WoW mitnichten das kriegerische Spiel sein kann, dass hier beschrieben wird. Die USK, die Selbstkontrolle der Spieleindustrie, bezeichnet dieses Spiel als geeignet ab 12 Jahren. Schon diese Feststellung hätte gereicht, um Vorsicht walten zu lassen. Doch es ging ja noch weiter. In WoW könne implizit das christliche Abendland von mittelalterlichen Heroen vor dem Einmarch der morgenländischen Horden verteidigt werden. Irgendwo in dem Assoziationsspiel, das der Moderator hier spielt, muss tatsächlich der Bezug zur Realität verlorengegangen sein. Auch hier hätte ein simpler Blick auf das Spiel gereicht, das nicht arm ist an sozialer Stereotypisierung aus dem wahren Leben, aber doch deutlich genug im Reich der Phantasie erhalten bleibt, dass nur mit reichlich Unkenntnis die Parallele zur vermeintlichen Islamisierung Europas gezogen werden kann.
Hilft es angesichts dieser kolportierten Klischees zu WoW und der Spieleszene, dass Thomas Schläpfer auf dem Teppich bleibt? “Das sehe ich nicht so”, sagt Schläpfer, bevor er sachlich und ruhig begründet, warum er den gezogenen Schluss zur Verbindung von Gewaltneigung und Computerspielen nicht sieht. Aber das allein hilft nicht, denn die flapsig anmutende, suggestive Gesprächseröffnung des Moderators hätte nicht sein müssen, nicht sein dürfen. Die gebotene Fairness, besonders dann, wenn sich der Moderator offenkundig nicht einmal mit den Grundlagen des Sujets befasst hat, hätte ihn zu einer neutraleren Formulierung führen müssen.
Kann man sich reinen Gewissens als Journalist auf kolportierte Einschätzungen aus mindestens zweiter Hand verlassen? Bleibt zu hoffen, dem Moderator würden nun in Sachen Computerspielen ein paar Lichter aufgehen. An die große Glocke hängen muss man einen solchen Lapsus prinzipiell auch nicht, sofern der Fehler seitens des Moderators und Senders erkannt würde. Im Gegensatz zu den möglichen Verbalinjurien, die auf Moderator und Sender einprasseln könnten, die im völlig überzogenen Umkehrschluss den Niedergang des öffentlich-rechtlichen Informationsauftrags sehen, gehe ich aber davon aus, dass man dort durchaus in der Lage ist, Fehler zu erkennen und einzugestehen.
*Die Sendung lief wohl schon vor einiger Zeit, als der Prozess gegen Breivik begann, auf dem öffentlich-rechtlichen Spartensender Phoenix. Womöglich war es die Sendung vom 16.04.2012. Das Video gibt nicht viel her, um es genau bestimmen zu können, aber aus den Informationen des Fließbandes, der Uhrzeit und nicht zuletzt dem geladenen Studiogast, spricht erst einmal einiges dafür. UPDATE: Anscheinend stimmt der von mir angenommene Termin der Ausstrahlung der Sendung. Vielen Dank für die Info, Rey. Holger Kreymeier hat sich auf fernsehkritik.tv auch schon dazu ausgelassen.
Phoenix-WoW-Fail: Die nötige Entschuldigung « kulturproktologie
7. Mai 2012 at 18:26
[...] Vollständigkeit halber sollte Michael Sahrs kurze Stellungnahme zu seinem Lapsus auf Phoenix erwähnt werden. Auf dem Youtube-Kanal des Senders steht seit Freitag dieses Video, in [...]
Rey
3. Mai 2012 at 14:28
Der Ausschnitt wurde von Phoenix zuletzt am 16.04.2012 gegen 16:56 ausgestrahlt. Das Video ist online leider nicht abrufbar, weswegen man sich etwas gedulden musste um den genauen Wortlaut zusammenzubekommen. Das Video bei Youtube ist soweit ich weiß nach der Sendung von Fernsehkritik.tv der zweite der Öffentlichkeit zugängliche Ausschnitt der Sendung.
aesthetikargonaut
3. Mai 2012 at 14:46
Danke, habe das Fernsehkritik-Logo erst jetzt erkannt, wo Du es erwähnt hast. Hatte die letzte Folge nicht gesehen, muss bei Holgers Kommentaren lachen wie sonst was.