Aralon: Sword and Shadow (iOS, 2010)

Auf mobilen Geräten herrscht ein anderer Markt für Spiele. Die Budgets sind nicht sehr hoch, die Teams entsprechend kleiner und zugleich ist die Konkurrenz enorm. Die Margen sind bei den Preisen, die der Kundschaft zur Gewohnheit wurden, zu gering. In den Stores und Markets, oder wie sie alle heißen, tummeln sich viele kleine Spiele, die es wert sind, gespielt zu werden. Alte, unter waschechten Gamern längst vergessene Genres blühen wieder auf. Doch so gut die Spiele auf den Smartphones und Tablets auch sind, selten sind diejenigen Spiele, die von Umfang und Anspruch den Gewohnheiten des PC- oder Konsolengamers entsprechen. Von den ausgewachsenen, technisch ganz anders aufgestellten Plattformen werden Rollenspieler beispielsweise mit ausgefeilten, komplexen Spielmechanismen und beeindruckenden Landschaften verwöhnt. Wenn es auf mobilen Geräten dann mal umfassendere Rollenspiele gibt, sind es meist Retrogames, die einstmals als Vollpreistitel für Konsolen erschienen – wie etwa Shining Force.

Dennoch gab ich die Hoffnung nicht auf, ein originäres Rollenspiel für die mobilen Plattformen zu finden, das mehr Tiefgang bietet. Tatsächlich gibt es eines, das auch den verwöhnten RPG-Fanatiker in mir begeistern kann: Aralon.

An den Stellen, wo die Konkurrenz auf iOS meist Abstriche machen muss, setzt Aralon noch einen drauf. Eine gigantische dreidimensionlae Spielwelt, die sowohl in Third-person- als auch First-person-Perspektive weitestgehend frei begehbar ist, macht nur den Anfang. Wüsten, Wälder, große Städte, Dschungel, alles da. Ausreichend Dungeons auch, die allesamt von stattlicher Größe sind. Alles mehrere Nummern größer als es sonst auf der Plattform der Fall ist. Dazu noch die erstaunlich ansehnliche Grafik – gemessen an der Konkurrenz. Gerade hier blüht das Spiel auf, was angesichts der Entwicklungsgeschichte des Spiels nur noch mehr begeistert. Das kleine Studio erhielt die Förderung eines erfahrenen Publishers für mobile Geräte, dessen Pocket RPG ich erst vor Kurzem vorgestellt habe, weshalb in puncto Optik noch ein großer Satz nach vorne gemacht wurde.

Unter der schicken Oberfläche schlägt vor allem ein starkes RPG-Herz. Nichts ist es mit halbgaren und heruntergebrochenen Spielmechanismen, die auch auf Konsolen oder PCs um sich gegriffen haben. Eine ausgewachsene RPG-Mechanik gibt Raum für das, was zum Kern des Genres gehört: Charakterentwicklung. Vier Klassen mit eigenen Fertigkeitsbäumen lassen sich wählen und bis ins kleinste Detail trimmen. Die Auswahl an Waffen, Rüstungen und anderen Utensilien ist beachtlich und wirkt sich spürbar auch den Charakter und dessen Fähigkeiten aus. Das Leveln geht in einer großen Hauptquest und unzähligen Nebenquests zügig voran, ohne aber einfach hergeschenkt zu werden. Wundert es bei dem Umfang, dass es mehrere Mounts gibt? Vom treuen Pferd bis zum Drachenjungen, sie alle sind eine willkommene Beschleunigung beim Durchstreifen der großen Welt.

So stürzt man sich gerne in die gegnerischen Mengen, die allesamt dem Arsenal archetypischer RPG-Widersacher entstammen, aber ordentlich umgesetzt sind. Sind sie bezwungen, findet sich bei ihnen die Loot, welche wiederum bei unzähligen Händlern verschachert werden kann. Mag sein, dass dies alles für verwöhnte Rollenspieler nicht nach etwas Besonderem klingt. Aber welches iOS-RPG bietet diesen Umfang? Keines, das mir bekannt ist. Keines, das so viel handfestes Rollenspiel auf dem kleinen iPhone abliefert wie Aralon.

Bei aller Begeisterung, Schwächen sind Aralon nicht fremd. Die KI der Gegner lässt eindeutig zu wünschen übrig. Sie greifen stets frontal an, rühren sich kaum von der Stelle. Sie ergreifen höchstens mal die Flucht, wenn es für sie eigentlich auch schon viel zu spät ist. Apropos Kämpfe, das Spiel hat, mit anderen Blockbustern des Genres verglichen, ein recht simples Kampfsystem. Doch liegt das wohl auch an den Gegebenheiten des Touchoberfläche. Mit der Zeit wird es auch schon einmal lästig, wenn alle zuvor besiegten Gegner wieder zu neuem Leben erwachen, wenn man das Terrain wieder betritt. Einmal kurz eine Höhle gesäubert, sind alle Gegner an der Erdoberfläche wieder auferstanden. Ebenso die Orks in der Höhle, sobald sie wieder aufgesucht wird. Einige Abstürze kommen doch vor, sind allerdings nicht besonders tragisch, da sich das Spiel jederzeit Speichern lässt und auch automatisch vor jedem Ladevorgang eine Sicherung anlegt. Die Quests hätten an mancher Stelle auch etwas mehr Feinschliff gebraucht, um mehr als nur lineare Aufgaben zu sein.

Die Reihe der Schwachpunkte wird von den Stärken jedoch klar in den Schatten gestellt. Auf iOS ist Aralon kaum zu schlagen. Für Rollenspieler gibt es kein Vorbeikommen. Aralon ist das Morrowind für Apples mobile Geräte. Der Preis unterliegt starken Schwankungen, sollte es aber jedem Rollenspieler wert sein. Für die 79 Cent, die gerade dafür verlangt werden, schäme ich mich fast. Bestes Geschäft auf dem iOS bislang.

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