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Peter Singer: Rassismus und Speziesismus

14 Sep

Peter Singer ist sicherlich der schillerndste Vertreter der utilitaristischen Tierethik und einer der Urheber des tierethischen Diskurses überhaupt. Daher ist es nur folgerichtig, dass Singer in Ursula Wolfs Sammelband an erster Stelle steht, um in die Materie einzuleiten.

Singers Aufsatz, der in dem Sammelband in gekürzter Übersetzung erschien, beginnt zunächst mit der Frage, was Ethik denn überhaupt sei. Seine Position legt er dann recht schnell dar: Ausgehend von Erläuterungen zur Ethik des moralischen Universalismus stellt er die aus seiner Sicht offenkundigen Vorzüge der utilitaristischen Position dar, die aber letztlich nicht nur durch universale Moral begründet sein soll (S. 25):

Indem ich akzeptiere, daß moralische Urteile von einem universalen Standpunkt aus getroffen werden müssen, akzeptiere ich, daß meine eigenen Interessen nicht einfach deshalb, weil sie meine Interessen sind, mehr zählen als die Interessen von irgend jemand anderm. Daher muß, wenn ich moralisch denke, mein ganz natürliches Bestreben, daß für meine Interessen gesorgt wird, ausgedehnt werden auf die Interessen anderer.

Letztlich verstehe ich es so, dass, simpel ausgedrückt, es im eigenen Interesse liegt, die Interessen anderer zu berücksichtigen, da bei strengem Eigensinn ich zum Opfer des Eigensinns der anderen werden könnte, so wie sie zu meinem. Es ist dann im Interesse aller, das eigene Interesse nicht absolut durchzusetzen. Das ist dann die konsequentialistische Argumentation für eine Verständigung aller auf Kooperation, auch wenn Singer einschränkend erwähnt, dass dieser Konsequentialismus aus utilitaristischer Sicht nicht in jeder Situation angebracht ist. Singer weicht nach eigener Aussage vom klassischen Utilitarismus dahingehend ab, dass er auf die besten Konsequenzen für die Interessen abstellt, nicht nur auf eher hedonistische Motive.

Nun macht Singer klar, dass moralischer Universalismus Werte hervorbringe, die zwar mit dem Utilitarismus im Einklang stehen können. Doch zeige sich auch, dass einige damit nicht vereinbar seien. Der Utilitarismus sei, anders als universale Konzepte, eine Minimallösung von ethischen Problemen (S. 27):

Die utilitaristische Position ist eine minimale, eine erste Grundlage, zu der wir gelangen, indem wir den vom Eigeninteresse geleiteten Entscheidungsprozeß universalisieren. Wollen wir moralisch denken, so können wir uns nicht weigern, diesen Schritt zu tun. Will man uns überzeugen, daß wir über den Utilitarismus hinausgehen und nicht-utilitaristische moralische Regeln oder Ideale akzeptieren sollten, so muß man uns gute Gründe für diesen weiteren Schritt liefern.

Danach setzt Singer an, den Kern seines Aufsatzes zu nennen. Es geht darum, das Prinzip der Gleichheit aller Menschen aus der Warte der utilitaristischen Interessenberücksichtigung zu verstehen. Gleichzeitig schließt Singer aber darauf, die spezifische Begründung für diese Gleichheit – erst einmal der Menschen -, mache aufgrund ihrer universalisierten Berücksichtigung von Interessen nicht an der Grenze der Menschheit Halt.

Für Singer ergibt es keinen Sinn, Verstöße gegen Interessen der Minderheiten unter den Menschen von denen zu unterscheiden, die gegen die Interessen von Tieren gerichtet sind. Singer sieht bei der Negation der Tierinteressen sogar argumentativ dieselbe Konstruktion vorherrschen, die beispielsweise auch von Sklavenhaltern ihren Sklaven gegenüber vorgebracht wurde. Singer verdeutlicht noch ein weiteres Mal, wie er die Wirkung des Prinzips der gleichen Interessenberücksichtigung versteht (S. 29):

Dieses Prinzip schließt [...] ein, daß unsere Rücksicht auf andere nicht davon abhängig sein darf, was sie sind oder welche Fähigkeiten sie haben [...].

Man müsse also nur über seinen eigenen Schatten springen, um zu erkennen, dass Interessenberücksichtigung eben nicht an der Spezies halten müsse, wenn es schon offensichtlich keinen guten, plausiblen Grund gibt, sie an (Menschen-)Rassen enden zu lassen. Mit Verweis auf Bentham macht Singer die Fähigkeit zum Leid, Glück oder der Freude als entscheidenden Maßstab für die Grenzen der Interessenberücksichtigung aus. Diese Grenzen an anderen Aspekten wie etwa Intelligenz oder Kommunikationsfähigkeit festzumachen erscheint Singer als Willkür.

 


 

Singer sagt selbst, dass seine Parteinahme für die Interessen der Tiere eine sehr simple Begründung hat und setzt also die Ablehnung oder Nichtberücksichtigung tierischer Leidensfähigkeit und Empfindsamkeit durch Menschen, was er als Speziesismus bezeichnet, mit Rassismus gleich. Das ist auf jeden Fall ein Ausrufezeichen. Kein Wunder, dass solch eine Argumentation starke Reaktionen hervorruft. Ich gebe zu, dass Argument überzeugt durch seinen schlichten Aufbau auf formaler Ebene, was nicht heißt, dass ich ihm zustimme. Es heißt aber, dass ich es als gültiges Argument anerkenne, um mich damit auseinanderzusetzen. (Nicht dass Singer nur auf meine Meinung warten würde, aber so umständlich drückt man sich halt aus, wenn man zu lange in die Theorie eingetaucht ist. Es ist nicht mehr als ein verklausuliertes “Point taken!”.)

Aber wie gehe ich solche Texte an? Ich mache eigentlich erst einmal nichts anderes als mich in einen Zustand zu versetzen, in dem ich in einem ersten Schritt das Argument in meinen Worten in eine simple Form gieße. Singer macht es einem da einfach. Meine Zusammenfassung lautet wie folgt:

Es gibt keinen Grund, meine Interessen über die anderer zu stellen. Es spricht vieles dafür, dass all jene Handlungen moralisch sind, welche die Interessen aller Beteiligten berücksichtigen. Um zu erkennen, welche Interessen diejenigen sind, die unter keinen Umständen übergangen werden dürfen, bietet es sich an, die Grenze bei der Leidensfähigkeit festzulegen. Einfach aus dem Grund, weil wohl niemand freiwillig leiden will. Und jetzt kommt Singers einfache Ergänzung: Nur weil ich als Mensch nicht anerkennen will oder kann, dass Tiere leiden können, heißt das nicht, dass ich das Interesse der Tiere, d.h. eben nicht leiden zu müssen, ausblenden kann. So einfach ist das, was Singer da sagt.

Im zweiten Schritt gebe ich mir eigenmächtig nicht nur die Kompetenz, sondern setze auch einfach voraus, dass ich die Fähigkeiten habe, das Argument an jeder Stelle aus jeder beliebigen Position angreifen zu können – unabhängig davon, ob es den Tatsachen entspricht oder ob ich den Text überzeugend finde. Ich gehe in den god mode:

(1) Erstens könnte man dann auf einer rein rhetorischen Ebene echauffiert darauf reagieren, warum Singer sich einbildet, Rassismus und diesen komischen Speziesismus überhaupt gleichzusetzen. Das ist mir aber selbst im god mode zu billig

(2) Ich könnte auch sagen, wieder rein formal, dass utilitaristische Begründungen generell für die Katz sind, weil die <HIER BITTE BELIEBIGE DENKSCHULE EINSETZEN> schon vor Jahrzehnten als absolutes Schwergewicht alle anderen aus dem Ring gefegt hat. Auch das ist mir zu einfach.

(3) Also brauche ich andere Ansatzpunkte. Am einfachsten ist es, die essentiellen Begrifflichkeiten der Argumentation auseinanderzunehmen. Singer hat nur wenige, das macht es einfach. Ein wichtiger Begriff ist die Leidensfähigkeit. Wenn ich Singer angreifen wollte dann darüber, dass er nicht präzise definiert, was denn genau Leidensfähigkeit sein soll und ob man diese tatsächlich bei Tier und Mensch gleichsetzen könne. Ich bin mir sicher, genau an dieser Stelle werden seine Kritiker auch ansetzen. Es wird sich ja im Laufe der Lektüre zeigen.

(4) Der noch wichtigere Begriff ist aber das Interesse. Und damit kann man jetzt herrlich spielen, da Singer annimmt, dass Leidensfähigkeit ein Interesse darstelle, welches absolut schützenswert sei. Schon formal könnte man versuchen, diese Verbindung von Leidensfähigkeit und Interesse aufzulösen oder nur fragwürdig zu machen. Wenn man wollte – im god mode will ich das.

Das wären schon einmal vier Punkte, die sich aus dem god mode ergeben. Wobei nur der dritte und vierte wirklich vielversprechend wären. Doch zeigt sich bei mir, wenn ich aus dem god mode komme, in der Regel auch sofort, was mich an den angegriffenen Argumentationen reizt. In diesem Fall ist es der schlüssige formale Aufbau und die elegante Simplizität, mit der Singer, einen wichtigen Gedanken äußert. Wie gesagt, ich muss ihm nicht zustimmen, um anzuerkennen, dass er da etwas Großem auf der Spur sein könnte.

Mal sehen, wie es weitergeht.

Literatur:

  • Singer, Peter: Rassismus und Speziesismus, in: Texte zur Tierethik hrsg. von Ursula Wolf, Stuttgart 2008, S.25-32.
 
 

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