RSS
 

Community: E pluribus anus

04 Jun

Der Fernsehen gewordene Wahnsinn hört auf den Namen Community. Wie dieser unberechenbaren Serie mit Worten gerecht werden? In voller Absicht sprengt sie die Grenzen dessen, was durchschnittliche Menschen wie ich in Worte fassen können. Es bräuchte mehr Platz, diverse facettenreiche Figuren und durch die Gegend schwirrende Erzähltechniken. Und eine personifizierte Metaebene mit beschwipst in der Ecke lungernden, verschwisterten Erzählebenen. Das kann ich nicht liefern – nicht ohne die Serie zu beleidigen. Stattdessen: Eine langweilige, lineare Huldigung. Immerhin kann ich mich herausredden, schließlich wusste der ausstrahlende Sender NBC zu Beginn auch noch nicht, worauf er sich da eingelassen hatte, als zum Serienstart der folgende Trailer folgende Form annahm.

Der schnöselige Jeff verlor seine Anwaltszulassung als sein frisierter Lebenslauf aufflog. Da hat er bei den vorausgesetzten Hochschulabschlüssen wohl ein wenig gemogelt, obwohl seiner Auffassung nach diese laxe Umgangsweise mit der Wahrheit wohl als die primäre Qualifikation für seinen Beruf angesehen werden müsste. Der enttarnte Blender Jeff betreibt Schadensbegrenzung, indem er den Abschluss dort nachholen will, wo es niemandem aus seinem sozialen Umfeld auffallen würde: dem Community College. Der Ruf dieser öffentlichen Bildungseinrichtungen ist mindestens so ramponiert wie sozial selektiv. Beim Community College schwingen in den Vereinigten Staaten ähnliche Konnotationen mit wie bei uns etwa beim Puddingabitur oder der Waldorfschule.

In diesem Fall ist es das Greendale Community College, das sogar allen anderen Community Colleges die Schamesröte ins Gesicht treiben würde, wo Jeff nur seine Zeit bis zum unausweichlichen Abschluss absitzen will. In den einstelligen Folgen der ersten Staffel entspricht Community den vom Trailer geweckten Erwartungen. Jeff als Protagonist versammelt widerwillig eine Schar von Außenseitern und ähnlich Gescheiterten in einer Arbeitsgruppe um sich. Da wären die zu Beginn als love interest geteaste Britta, der wirre Pierce, dessen Berufsbezeichnung selbst im vorangeschrittenen Alter mit Millionärssohn noch gut getroffen ist, der verhaltensauffällige Abed und sein bald schon zum Bruder im Geiste berufene Troy, die alleinerziehende und bibelfeste Shirley und auch die Streberin Annie, die sich mit Drogenexperimenten aus den Bahnen der ivy league schleuderte. So weit, so Sitcom. Ein möglichst griffiges, aber leicht abseitiges Setting. Bewohnt von den herkömmlichen Archetypen, deren Macken und Fehler allesamt liebenswert und exakt auf die ihrer jeweiligen Umgebung angepasst sind.  Nur eben ohne Lachspur, die bei modernen Genrevertretern dankenswerterweise stumm bleibt.

Werden die Folgen der ersten Staffel zweistellig, wird sich die Serie ihrer Formelhaftigkeit bewusst und beginnt mit ihr zu spielen. In Person von Abed, der seine Gefühle nur über Film und Fernsehen auszudrücken versteht, wird die Metaebene zum Kaffekränzchen geladen. Abed hält alles um sich herum mit der Kamera fest. Im Glauben, Teil einer medialen Inszenierung zu sein, dehnt sich mit Abeds Leidenschaft auch Community zu einer satirischen Reflexion des Mediums Film durch seine Augen aus. Folge um Folge sehen wir durch Abed die Welt um ihn herum, mit jedem Schlag seiner Augenlider nimmt sie neue Genrekonventionen an. Zombiefilm, Noir, alles da. Und wenn die Arbeitsgruppe mal gegen unausgesprochene Regeln oder Tropen verstößt, wird dies von Abed entsprechend kritisiert.

Mit diesem lässigen Hang zum Surrealismus übertrifft Community das ebenfalls auf NBC ausgestrahlte und wesensverwandte Scrubs. Dort war der Surrealismus allerdings fein säuberlich markiert als imaginäre Wahrnehmung des Protagonisten J.D. Bei Community geht Serienschöpfer Dan Harmon weit darüber hinaus. Alles kann und wird von ihm in Frage gestellt. Erzählerische Grenzen zählen nicht mehr. Sein Ziel scheint es, die Figuren im wörtlichen Sinn aus den Fesseln der Narrative zu befreien. Wo immer sie sein wollen, da können sie sein. Im Vorbeigehen bedient Harmon auch gleich noch alle Facetten der Geekkultur. Popkulturelle Verweise sind eines, Harmon fasst sie aber in dicken Wälzern zusammen und wirft sie beiläufig allen an den Kopf, die nicht schnell ausweichen können.

Die Währung von Harmons Sitcom sind nicht die Lacher, die werden zwar beherrscht, doch handelt die Serie mit Erstaunen. Darüber, was denn alles so möglich ist, wenn die Form anscheinend uneingeschränkt sich selbst überlässen wird. Dies kann funktionieren, muss es aber nicht. In Community ist diese Gefahr aber bislang nie gegeben, denn die Figuren werden von ihren Darstellerinnen und Darstellern so herrlich geerdet, es fällt nicht auf, wie weit sich die Serie von breitgetretenen Serienpfaden verabschiedet. Sie sind die Gemeinschaft, die Ausgangspunkt des Wahnsinns ist und ihn doch kontrolliert. Alle Spielerei ist letztlich auf die Figuren zurückzufinden, sie spiegelt ihr Befinden und ihr Wohlergehen. Da spielt es keine Rollen, wenn manche Folge mit drolligen Knetfiguren oder komplett in Pixelart daherkommt.

Community ist ein knallbuntes Versuchslabor eines verrückten Serienwissenschaftlers, in das Kameras gestellt wurden. Doch hat dies auch zur Folge, dass ein solches Experiment wohl weniger Zuschauer ansprechen wird. Seit der ersten Staffel ringt die Serie um ihre wirtschaftliches Dasein. Nach Ablauf der dritten Staffel wurde Harmon geschasst, denn ihm gelang es nie, die gewünschte Quote zu erzielen. Wer Community sieht, wird kaum glauben können, dass der Sender jemals davon ausging, Harmon hätte dieses Ziel jemals verfolgt. Und so sieht die Zukunft für die Serie nicht gerade rosig aus, ihre Vergangenheit allein ist aber, was man gesehen haben muss. Cool-cool-cool.

 

 
1 Kommentar

von aesthetikargonaut in TV-Serien

 

Tags: , , , , , ,

Artikel kommentieren

 
 
  1. Project Hawkthorne « kulturproktologie

    11. Juni 2012 at 16:35

    [...] musste ja so kommen, aus den heiligen Nerdhallen von reddit. Buhlte Community lange genug um deren Liebe, wurde es Zeit, die Steilvorlage aufzunehmen. Ein 8-bit-Klartraum [...]