Sid Meier’s Pirates!

Jedes Computerspiel ist eine Reihe vorgefertigter, von Entwicklern bereiteter Aufgaben. Es gibt keine spielerische Autonomie, die nicht vorher erdacht und wissentlich gestattet wurde. Gut, es gibt die Freiheiten durch Bugs und Glitches. Einen Patch entfernt, ist sie aber wieder verloren. Einigen wir uns darauf, ein Spiel will und muss Grenzen setzen. Es braucht einen Raum, innerhalb dessen Spielerinnen und Spieler sich sinnvoll bewegen sollen. Wie viel Raum ihnen gegeben wird, hängt vom Genre, aber auch der Kreativität der Entwickler ab.

Zu den guten Spielen gehören – neben anderen Kriterien – zweifelsohne diejenigen, deren Grenzen nicht spürbar sind. Sie suggerieren, nicht mehr als die gegebenen Mittel zu benötigen. Stoßen wir an Grenzen in Spielen, sollten die Entwickler dafür besser eine plausible Erklärung haben. Sie kann spielmechanisch sein oder durch geschicktes Erzählen gesteckt werden. Vor den Kopf stößt, mich zumindest, die in Bethesda-Rollenspielen einst übliche Textbox, die eine unsichtbare Wand markierte. Zwar konnte ich noch in die Ferne schauen, sie betreten durfte ich nicht.

Die Gratwanderung zwischen spielerischer Freiheit und den notwendigen Schranken ist so alt wie die Spiele selbst. Findige Entwickler suchten immer schon nach Wegen, die Spielerinnen und Spieler in einer Welt zu bannen, die sie womöglich gar nicht erst verlassen wollen. Sid Meier ist einer der frühen Entwickler offener Spiele, die alle ihre Grenzen kannten, aber diese in weite Ferne schoben. Hierzu gehört auch die mit seinem Namen beworbene Piratenballade, dessen Original 1987 den Boden für Open-World-Spiele bereitete.

Das iPhone-Remake, das anscheinend eigentlich ein Port eines älteren Remakes ist, enthält die von Sid Meiers Spielen bekannten Zutaten. Meier lässt seine Spiele meist auf einer soliden Wirtschaftssimulation fußen, um die herum er thematisch wechselnde Mechanismen strickt. Mit Pirates! geht es dann um klassisches Freibeutertum in der Karibik. Schon die erste Wahl im Spiel ist von Belang, viele weitere werden folgen. Wollen wir uns als Kapitän auf unter der Flagge der Spanier, Niederländer, Franzosen oder Engländer nach Ruhm, Reichtum und Rache trachten? Für wen wir uns entscheiden, wir können diese Entscheidung immer wieder rückgängig machen. Verrat und Betrug sind im Spiel angelegt, wenn nicht sogar erforderlich. Warum also nicht alle Seiten gegeneinander ausspielen und damit als Freibeuter auf eigene Rechnung plündern, wo es gerade etwas zu holen gibt?

Anmerkung: Das Video bezieht sich auf die iPad-Version, die von der besprochenen für das iPhone in Details abweicht.

Aufstieg und Fall des Kapitäns hängen von unserem Geschick im Kapern fremder Schiffe ab. Die erbeutete Fracht muss aber genauso ertragreich in den verschiedenen Häfen der Karibik in Bares umgesetzt werden. Ansonsten könnten wir die eigene Schiffsbesatzung nicht bei Laune halten, geschweige denn, neue Piraten anheuern. Ohne diese wird es aber nicht gehen. Damit gelangt also Komplexität in das eigentlich simple Prinzip. Häfen müssen erschlossen werden, meist ist es von Vorteil die Töchter der lokalen Stellvertreter der europäische Eroberer zu umgarnen. Hilft diese Form der Diplomatie nicht, braucht es gewaltsame Annexion der Hafenstädte, wobei wir nach der Eroberung die Macht an eine beliebige Handelsnation abgeben können. Vorzugsweise eine, die uns wohlgesonnen ist.

Für all diese Spielelemente gibt es zugängliche Minispiele. Die Adelstöchter nehmen wir mit einem guten Ergebnis im rhythmusbasierten Gesellschaftstanz für uns ein. Schiffe nehmen wir durch überlegene Feuerkraft ein, sind wir aber nicht ganz so gut ausgestattet, geht es in einen Fechtkampf. Damit zeigt sich, wie wenig es eigentlich braucht, um ein voluminöses Spiel zu entwickeln. Die Wahl der Mittel liegt immer bei uns. Wann wir angreifen, wo wir verkaufen, wessen Gunst wir zu erwerben versuchen; nur uns obliegt diese Entscheidung.

Pirates! hat naturgemäß seine Grenzen. Wo sie aber sichtbar werden, erscheinen sie wie zwangsläufige Reaktionen der Welt auf unsere Entscheidungen. Irgendwann, das lässt sich erahnen, werden die Schiffsbesatzungen der Gefahren überdrüssig. Bevor sie meutern, sollten wir die Schätze mit ihnen teilen. Wir verlieren unsere Flotte zwar, haben aber noch den Reichtum, um von Neuem zu beginnen. Aus diesem Grund ist Pirates! ein vielschichtigeres Spiel, als es auf dem iPhone üblich ist. Wie in jedem Open-World-Spiel gilt aber, man muss die Freiheiten, die einem gegeben wurden, nutzen wollen.

Titel: Sid Meier’s Pirates!
Hersteller: 2K Games
Jahr: 2012 (iPhone)
Genre: Open-World-Wirtschaftssimulation
Plattform: iPhone
Version: 1.1.2

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