Kickstarter gewinnt immer

Auf Kickstarter werden kreative Projekte crowdgefundet. Gadgets für Ureinwohner der digitalen Welt, unabhängige Filmprojekte, Videospiele, Kunst. Solange es kleine Projekte oder Produkte sind, ist es für Backer von Projekten noch überschaubar. Kickstarter hat seit 2008 eine beachtliche Entwicklung genommen. Nach eigenen Statistiken wurden bislang in erfolgreich unterstützten Projekten 242 Millionen US-Dollar umgesetzt. Mit diesem Erfolg wächst jedoch der Umfang mancher Projekte. Die Gefahr, dass sich Produzenten und Schöpfer an den eigenen Aussagen überheben, ebenso. Versprochene Rewards der Projektinitiatoren bleiben offen, die Backer mit leeren Händen zurück.

Kickstarter schmeißt den Motor an

Ein Projekt auf Kickstarter zu backen, also zu finanziell zu unterstützen, ist denkbar einfach. Eine akzeptierte Kreditkarte vorausgesetzt kann aus der ganzen Welt eine selbst festgelegte Summe dem Projekt versprochen werden. Das Projekt gilt dann als erfolgreich, wenn eine vom Initiator im Vorfeld definierte Summe erreicht wurde. Erst dann werden die Kreditkarten der Backer belastet. Als Anreiz müssen die Initiatoren Rewards festlegen, die für verschiedene Summen unterschiedliche Belohnungen versprechen. Das kann von simplem Dank für kleine Beträge bis zu ausführlichen Sonderfertigungen reichen. Die Rewards liegen dabei in der Verantwortung der Initiatoren. Kickstarter selbst bietet also eine Vermittlungsleistungen zwischen Initiatoren und Backern. Dafür streicht das Unternehmen fünf Prozent der in erfolgreich unterstützten Projekten gesammelten Gelder ein.

Das entspricht dem typischen Modell des vergleichsweise neuen Crowdfundings. Für dieses Modell des Fundraisings gibt es bislang meist keine umfassenden Regelungen oder Normen, die einen ordentlichen Ablauf regeln sollen. Auf Crowdfundingseiten Geld auszugeben hat damit oft mehr etwas mit einem Sprung ins Ungewisse zu tun.

Und kommt er ins Stottern

Wo Geld fließt, entstehen Erwartungen. Das Crowdfunding-Modell à la Kickstarter lebt von den zum Leben erweckten Hoffnungen der Backer, sie könnten zur Realisierung verschiedenster kultureller oder technischer Güter beitragen. Wird dieses Gut von den Initiatoren als Reward angeboten, erheben sie auch Anspruch auf die Fertigstellung und Lieferung. In der Theorie ein simples Modell. In der Praxis wird es kompliziert, sobald Versprechungen nicht eingehalten werden.

Im öffentlichen Blog ZionKick und dem zugehörigen, geschlossenen Forum für betroffene Backer versammeln sich Unzufriedene. Im konkreten Fall geht es um ZionEyez. Der in den Vereinigten Staaten heimische Hersteller Zeyez versprach letztes Jahr eine rundum gut designte Brille, mit deren integrierter Videokamera hochauflösende Videos direkt auf ein angeschlossenes Smartphone übertragen werden kann. Beinahe vor einem Jahr lief Frist zur Unterstützung von ZionEyez am 31.07.2011 aus. Zeyez hatte 55.000 US-Dollar angepeilt, am Ende wurden es 343.415. Laut einem der Administratoren von ZionKick wurde die Auslieferung der Brillen für den Winter des letzten Jahres angekündigt. Die meisten der Backer dürfte dies interessiert haben, gaben sie doch mindestens 150 Dollar. Ab dieser Grenze versprach Zeyez allen Backern mindestens eine Brille.

Bis heute warten sie jedoch, von Zeyez auf Kickstarter durch Updates vertröstet und mittlerweile verärgert, auf die Auslieferung. Seit dem letzten Update vom 10.04.2012, in dem Zeyez noch immer von einer Erweiterung des Ingenieursteams, anstehenden Designphasen und einem Liefertermin im Herbst dieses Jahres spricht, ist es still geworden. Von Seiten Zeyez‘. Die Backer sind alles andere als wortkarg. Sie lassen ihrem Unmut über die Verzögerungen schon in den Kommentaren freien Lauf. Ihr Geld haben sie schon lange gezahlt. An eine Lieferung wollen viele, wie die Administratoren von ZionKick schreiben, nicht mehr glauben. Sie wollen ihr Geld zurück.

Verteilte Lasten, asymmetrische Pflichten

Ihre Ansprüche können die Backer dabei nur gegen Zeyez geltend machen. In Kickstarters Terms of Use heißt es unmissverständlich:

Project creators are solely responsible for fulfilling the promises of their projects. See the Accountability section below for more.

Damit hält sich Kickstarter in allen möglichen Formen von Verzug, seien es fachliche Inkompetenz, unvorhergesehene Produktionsfehler oder auch nur schlicht Betrugsabsichten der Initiatoren der Projekte, schadlos. Im angesprochenen Abschnitt zur Accountability heißt es weiter:

It is the responsibility of the project creator to fulfill the promises of their project. Kickstarter reviews projects to ensure they do not violate the Project Guidelines, however Kickstarter does not investigate a creator’s ability to complete their project.

Kickstarter hat noch nicht auf Anfragen zum Genehmigungsprozess von Projekten geantwortet. Aus den Guidelines zu Projekten geht lediglich hervor, dass Kickstarter einige Ausschlusskriterien definiert. Beispielsweise sind Arzneimittel, Nahrungsergänzungsmittel, pornographische Schriften oder Wahlkampfmaterialien nicht zulässig. Ansonsten geben die Guidelines wenig her, außer dass es sich um abgeschlossene Projekte, nicht aber fortlaufende Wartungsprojekte, handeln muss. Darüber hinaus stehen dann noch Designaspekte, also äußerlich ansprechende Formen der zu unterstützenden Projekte im Vordergrund.

Die Kritik, die bei ZionKick aufkommt, richtet sich entschieden gegen diese substanzlose, formale Prüfung von Projekten seitens Kickstarter. Die inhaltliche Substanz der Projekte, die technische Machbarkeit, die Seriosität der Initiatoren, all dies sollen die die Backer crowdsourcen, wie es wiederum in den Terms of Use heißt:

Creators are encouraged to share links to any websites that show work related to the project, or past projects. It’s up to them to make the case for their project and their ability to complete it. Because projects are usually funded by the friends, fans, and communities around its creator, there are powerful social forces that keep creators accountable.

The web is an excellent resource for learning about someone’s prior experience. If someone has no demonstrable prior history of doing something like their project, or is unwilling to share information, backers should consider that when weighing a pledge. If something sounds too good to be true, it very well may be.

Dabei nimmt sich der Dienst also aus einem wesentlichen Prozess heraus, degradiert sich zum Mittler von Angebot und Nachfrage, der eine rein technische Plattform anbietet. Und genau diese Erfahrungen haben die Administratoren von ZionKick und nach deren Auskunft auch die Forenmitglieder gemacht. Beschwerden wiegelt Kickstarter mit simplen Formschreiben ab.

So bleibt ihnen nur, sich mühselig auf die Suche nach den Initiatoren zu machen, um gegen diese juristisch vorzugehen. Dabei zeigt sich ein weiteres Risiko des Crowdfundings: Die Projekte sind lokal, ihre Unterstützer international. Backer begeben sich in unruhige Gewässer des Rechts, können aufgrund einer falschen Nationalität oder fehlenden räumlichen Nähe in Recherchearbeiten bis hin zu Rechtsansprüchen beschränkt sein. Doch auch dazu müssten sie erst einmal die jeweiligen Unternehmer belangen können, die im Falle von Zeyez laut ZionKick nicht eindeutig identifiziert werden können. Und wenn doch, sind ihre Aufenthaltsorte derzeit unbekannt.

Fünf-Prozent-Hürde

Crowdfunding nimmt Fahrt auf, allerdings, so zeigt sich, ist das Ziel oft nicht klar. In vielen Fällen gelingen Projekte – und alle Seiten sind zufrieden. Doch im Zweifelsfall herrscht Rechtsunsicherheit, Geld geht verloren. Einer der Administratoren von ZionKick wirft sich selbst Blauäugigkeit vor, die Geschäftsbedingungen Kickstarters nicht ausführlich geprüft zu haben vor. Doch erst jetzt ist ihm klar, dass Kickstarter jegliche Kontrolle der Aussagen von Projektinitiatoren und deren Glaubwürdigkeit der Community überlässt, wobei es von einem zunehmend unrealistischen Kontrollmechanismus ausgeht. Mag sein, dass Projekte anfangs noch durch die soziale Nähe von Inititiatoren und Backern ein soziales Vertrauen und Korrektiv ermöglichte. Kickstarter wird aber selbst zunehmend von rein ökonomisch handelnden Akteuren und Unternehmen genutzt, womit die vergleichsweise lockeren Sicherungsmaßnahmen in ihrer Wirksamkeit an Kraft verlieren.

So ungewiß und intransparent die Initiatoren für Backer sind, so gewiss ist, dass Kickstarter an jedem erfolgreich finanziertem, aber eben nicht abgeschlossenen Projekt verdient. Fünf Prozent der Projektgelder gehen dann ans Haus. Damit bleibt in einem hypothetischen Fall, in dem alle Backer das Vertrauen in die Initiatoren verlieren und ihr Geld nach Nichteinhaltung der Versprechen einfordern, eine Frage: Wie sollen alle Backer ihr Geld erhalten, wenn der Initiator im besten Falle, der ein einfacher ist, nur über fünfundneunzig Prozent der Gelder verfügt, die er zurückzahlen soll?

2 Gedanken zu „Kickstarter gewinnt immer

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.